Das vergessene Volk

Mirko Heinemann

Die Vertreibung der pontischen Griechen aus der Türkei ist ein hierzulande wenig bekanntes Kapitel des 1. Weltkriegs. Unser Autor ist auf den Spuren seiner Vorfahren an die Schwarzmeerküste gereist und erzählt die Geschichte ihrer Flucht, die im August 1917 begann.

Der Text von Mirko Heinemann erschien am 12. August 2017 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung / Feuilleton

FAZ Artikel

Wer die Ereignisse im August 1917 in Ordu, einer Kleinstadt an der Schwarzmeerküste der heutigen Türkei, miterlebte, vergaß sie sein ganzes Leben lang nicht mehr. Es war ein ruhiger, lauer Sommerabend gewesen, doch dann brach plötzlich Feuer aus und in Windeseile füllten sich die engen Gassen des griechischen Viertels mit dichtem Rauch. Ein Dutzend Kriegsschiffe war vor der Küste aufgetaucht und hatte die Stadt unter Beschuss genommen. Voller Panik liefen die Menschen auf der Straße zusammen: „Verlasst eure Häuser! Hinunter zum Hafen!“ gellte es durch die Stadt.

Die Schiffe waren russische Kriegsschiffe. Sie setzten Boote mit Soldaten aus, die auf den Strand von Ordu zusteuerten. Ein Munitionsdepot und ein Flugfeld wurden zerstört. Es herrschte Krieg, Russland bedrängte das Osmanische Reich an der Nordostflanke. Es sah sich als Schutzmacht der christlichen Minderheiten. Türkische Militärs verdächtigten die Christen hingegen, mit dem Feind zu kollaborieren. Unter diesem Vorwand hatte man schon im Jahr 1915 die gesamte armenische Bevölkerung der Schwarzmeerküste deportiert und massakriert – auch aus Ordu. Die leer stehenden Häuser der Armenier sollten eine Warnung an die Griechen sein: Sie würden die nächsten sein. Die Angst unter den Griechen von Ordu war deshalb groß, dass man sie für den russischen Überfall bezahlen lassen würde. Und so flüchteten sich, als die Russen an jenem Tag im August wieder ihre Anker lichteten wollten, 2500 griechische Bewohner auf die russischen Schiffe. Unter ihnen war auch Alexandra, ein Mädchen von 15 Jahren – meine Großmutter. Viele Jahrzehnte später erzählte sie, wie sie an jenem Tag noch ihre Hausschuhe neben die Tür des Hauses gestellt hatte, in dem sie und ihre Eltern damals in Ordu lebten. „Wir sind bald wieder zurück“, habe ihre Mutter zu ihr gesagt. Doch auf dem Weg zum Hafen wurde Alexandra von ihren Eltern und Geschwistern getrennt. Sie bestieg das Schiff allein.

Die Weltöffentlichkeit erfuhr erst ein dreiviertel Jahr später von dem russischen Überfall und der anschließenden Evakuierung von Angehörigen der griechischen Minderheit. Die „New York Times“ berichtete im April 1918 darüber. Der Artikel zitierte Bewohner von Ordu, die bis nach Brooklyn geflüchtet waren.

Meine Großmutter starb, als ich elf Jahre alt war. Sie war eine „Pontosgriechin“, „Pontierin“ – so nennen sich bis heute die Nachfahren der christlichen Griechen, die im Altertum die historische Landschaft Pontos, die heutige türkische Schwarzmeerküste, besiedelt hatten. Zeit ihres Lebens hatte sie nur sehr selten von ihrer Flucht gesprochen. Es umgab sie dann immer eine große Melancholie, die nur verschwand, wenn sie mit ihren Nachbarn redete, die ebenfalls Flüchtlinge waren. Dann benutzte sie türkische Wörter, die für uns Kinder fremdartig klagen. Man nennt diese Sprache, die Einflüsse aus der byzantinisch-griechischen, der türkischen, der persischen und aus zahlreichen kaukasischen Sprachen enthält, Pontisch. Ihre Heimat, die türkische Schwarzmeerküste, sah meine Großmutter nie wieder. Das Kriegsschiff, das sie 1917 bestiegen hatte, brachte sie in die russische Hafenstadt Suchumi, wo sie zunächst bei einer griechischen Familie unterkam. Doch das war nur die erste Station einer langen Odyssee, die in Ordu ihren Anfang genommen hatte und deren Verlauf mit dem Friedensvertrag von Lausanne besiegelt wurde: Damals wurde beschlossen, 1,2 Millionen Griechen zwangsweise aus dem Staatsgebiet der neu gegründeten Türkei nach Griechenland umzusiedeln. Im Gegenzug zwang man 400.000 in Griechenland lebende Muslime in die Türkei zu ziehen.

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Der „Bevölkerungsaustausch“, wie diese Vertreibung in Geschichtsbüchern genannt wird, hat bei den Betroffenen tiefe Wunden hinterlassen. Selbst die Nachfahren der vertriebenen Pontos-Griechen spüren bis heute den Schmerz. Und so beschloss ich, fast hundert Jahre später den Ort zu besuchen, aus dem meine Großmutter stammt. Ich flog von Berlin aus in die Schwarzmeerstadt Trabzon, sie liegt 150 Kilometer von Ordu entfernt. Gegründet im 8. Jahrhundert vor Christus von griechischen Seefahrern als Trapezunt, hatte sich die Stadt unter der Herrschaft von Griechen, Römern und Osmanen schnell zu einer vielsprachigen Handelsmetropole an der südlichen Seidenstraße entwickelt.

Heute ist Trabzon türkisch – und eine riesige Baustelle. Vom Gipfel des Hausbergs, dem Boztepe, aus, blickt man hinunter auf eine Landschaft aus Hunderten Wohntürmen, die sich die Küste entlang ziehen und vom Wirtschaftswunder der modernen Türkei künden. Im Westen glitzert das brandneue Stadion des Fußballclubs Trabzonspor. Relikte aus alter Zeit finden sich kaum. Gut erhalten ist nur die Ayasofia-Kirche aus dem 13. Jahrhundert, die hoch über dem Meer auf einem Felsen thront. Christen beten dort schon lange nicht mehr. Die Kirche ist mittlerweile eine Moschee.

Einen Kontakt in Trabzon hatte mir der griechische Historiker Theodosios Kyriakidis, der an der Universität Thessaloniki lehrt, vermittelt. Ich wähle die Nummer, und der Mann, der abnimmt, begrüßt mich enthusiastisch auf Griechisch. Wir verabreden uns für denselben Abend. Fahrettin Erdogan ist ein untersetzter Mann von Mitte 30 mit schütterem Haar und breitem Lachen. Er umarmt mich sofort und stellt mir seinen Freund Mehmet vor. Mit ihm spricht er den griechischen Dialekt, den auch meine Großmutter benutzte, wenn sie sich mit anderen Flüchtlingen traf.

Fahrettin Erdogan und Mehmet stammen aus dem Bergdorf Hamsiköy, nicht weit von Trabzon entfernt. Griechen gründeten das Dorf, im Mittelalter konvertierten die Bewohner jedoch zum Islam. Fahrettin Erdogan und sein Freund Mehmet bezeichnen sich nicht als Pontier, sondern als „Rhomäi“, also als Rhomäer oder Römer. Die Bezeichnung wurzelt in der Zeit des Byzantinischen Reiches, als Kaiser Konstantin im vierten Jahrhundert die Hauptstadt von Rom nach Konstantinopel, nach Byzanz, verlegte, weshalb die Griechen im Türkischen auch bis heute „Rum“, „Römer“ genannt werden. Nicht Pontisch, sondern Rhomäika nennen die beiden Männer ihre Sprache, die in ihrem Bergdorf überleben konnte. Leider werde sie mit seiner Generation wohl aussterben, sagt Fahrettin Erdogan. Seine Kinder sprechen das Rhomäika nicht mehr.

Viele alte Traditionen werden aber noch lebendig gehalten. Als wir abends zusammen sitzen, stimmen die beiden Männer ein pontisches Volkslied aus Ordu an, das für viele Pontos-Griechen bis heute ein Symbol für den Verlust ihrer Heimat ist, ähnlich wie das deutsche „Maikäfer flieg“. Ich selbst kenne das Lied seit meiner Kindheit. „Tsambasin ist abgebrannt“ heißt es darin, „es blieben nur die Mauern stehen. Zu Hilfe eilten die Söhne aus Ordu, dem geliebten.“ Plötzlich gibt es da etwas, da uns verbindet. Ob Deutscher, Grieche, Türke – für Fahrettin Erdogan spielt das keine Rolle. Wir sind Landsleute, weil wir vom Schwarzen Meer stammen.

Am nächsten Tag fahre ich mit einem Überlandbus nach Ordu, in die Heimat meiner Großmutter. Die Straße führt entlang der Küste, das Meer vor dem Fenster ist unruhig. Es weht der ,Poyraz‘, so wird dieser Nordwind in der Türkei genannt. Der Name geht auf das griechische Wort „Boreas“ zurück, was auf Deutsch „der Nördliche“ bedeutet. Der Poyraz bringt Regen an die Küste, und deshalb ist sie so fruchtbar und grün. „Euxinos Pontos“, „gastfreundliches Meer“, nannten die Griechen dieses Wasser in der Antike.

Ordu zählt 200.000 Einwohner und zeigt sich als schachbrettartige Neustadt. Das erste, was mir zwischen den Hochhäusern ins Auge fällt, ist ein Plakat. Es zeigt eine Schneelandschaft und eine fröhliche Familie auf Skiern. Werbung für das Skigebiet Cambasin auf 1.800 Metern Höhe: das Tsambasin aus dem griechischen Lied, das einst abgebrannt ist. Heute ist es ein touristisch vermarktetes Naherholungsgebiet. Ich kenne niemanden in Ordu und habe keine Adresse. Ich halte Ausschau nach alten Gebäuden, und als ich an einer älteren Villa vorbeikomme, in deren Garten viele Kinder spielen, drücke ich einfach die Klingel an der Tür. Eine junge Frau öffnet und stellt sich als Leiterin des Kindergartens vor. Englisch spricht sie kaum, aber sie versteht, wonach ich suche. Sie ruft den Vater eines der Kinder an.

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So lerne ich den Heimatforscher Tansel Eribol kennen. Seine Familie hat die gleiche Fluchtgeschichte wie meine, nur in umgekehrter Richtung. Tansel Eribols Großmutter lebte in Griechenland und wurde als Muslimin im Jahr 1923 in die Türkei umgesiedelt. Eribol führt mich an den Stadtrand, wir überqueren eine alte Brücke, und plötzlich scheint die Zeit um hundert Jahre zurückgedreht: Windschiefe Häuser kleben dort an steilen Hängen; gepflasterte Pfade führen durch mit üppigem Grün bewachsene Schluchten, in denen Bäche rauschen. Viele Häuser stehen leer. Wir sind in Tasbasi angekommen, dem ehemaligen griechischen Viertel von Ordu.

Die griechische Basilika ist äußerlich unversehrt. Nur das Kreuz auf der Kuppel fehlt. Die Schule daneben wurde abgerissen, berichtet Eribol. Meine Großmutter hat erzählt, wie sie als Kind jeden Morgen vor der Schule zum Meer hinunterstieg, um schwimmen zu gehen. Tansel Eribol zeigt mir auf seinem Handydispay alte Fotos, auf denen man sieht, dass die Treppe neben der Basilika früher direkt am Strand endete. Heute stößt sie auf die Küstenstraße. Die Kirche, daneben die Schule: Hier muss das Haus meiner Vorfahren gestanden haben, als sie noch hier wohnen durften. Unwillkürlich halte ich Ausschau nach den Kinderpantoffeln meiner Großmutter, als könnten sie nach einem Jahrhundert noch irgendwo vor einer Haustür stehen.

Als ahne Tansel Eribol, was in mir vorgeht, hält er sich einen Moment abseits und schweigt. Seine Vorfahren stammen aus derselben Gegend im Norden Griechenlands, in der sich meine Familie nach der Vertreibung ansiedelte. Er könnte heute dort leben, ich hier, in Ordu. Doch Religionszugehörigkeit und Politik zwangen dem Schicksal unserer Familien eine bestimmte Richtung auf.

Jene Griechen, die sich im August 1917 nicht auf die russischen Kriegsschiffe geflüchtet hatten, wurden wenige Wochen später deportiert. In seiner Ordu-Chronik erzählt der griechische Autor Ioakim Saltsis, dass im Herbst 1917 etwa 3500 Griechen aus Ordu über das pontische Gebirge in ein 200 Kilometer entferntes Lager im Hinterland marschieren mussten. Nur etwa zwei Drittel von ihnen erreichten das Ziel. Die übrigen starben unterwegs an Krankheiten und Erschöpfung.

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Es war der Auftakt dessen, was von vielen Historikern mittlerweile als Genozid an den Pontos-Griechen bezeichnet wird. Immer mehr Griechen wurden aus den Küstenstädten auf Todesmärschen ins Hinterland deportiert, irreguläre Einheiten verübten Überfälle auf griechische Dörfer und ermordeten deren Bewohner. Am 19. Oktober 1917 titelte die amerikanische Zeitung „Lincoln Daily Star“: „Turks Slaughter Christian Greeks.“

Die türkische Regierung leugnet bis heute die systematische Vernichtung von Armeniern, Griechen und anderen Christen. Die Resolution des Deutschen Bundestags von 2016 erkennt den Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern an, die Ermordung der pontischen Griechen – Schätzungen sprechen von bis zu 350.000 Menschen, die getötet worden sind – wird jedoch nicht explizit erwähnt. Die Rede ist nur von „Angehörigen anderer christlicher Volksgruppen“.

Meine Familie hat überlebt. Nachdem meine Großmutter Alexandra Suchumi wieder verlassen und im Jahr 1919 mit dem Dampfer in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, eingetroffen war, fand sie dort ihre Eltern und ihre vier Geschwister wieder. Zahllose Griechen waren in Konstantinopel gestrandet und hoffen darauf, bald in ihre Heimatdörfer zurückkehren zu dürfen. Doch ausgerechnet ihre „Mutternation“ machte diese Hoffnung zunichte. Der griechische Staatschef Venizelos verfolgte die „Megali Idea“, den Traum von einem großgriechischen Reich mit Konstantinopel als Hauptstadt. Als das Osmanische Reich 1919 kapituliert, erfolgte der Gegenangriff Griechenlands: Die griechische Armee stieß mit Billigung der Westmächte Richtung Ankara vor, dem Sitz der neuen Regierung um Atatürk. Doch die Griechen wurden zurückgeschlagen. Sie legen auf ihrem Rückzug türkische Dörfer in Schutt und Asche und verüben zahllose Massaker an der muslimischen Bevölkerung. Der Krieg endete mit dem Einmarsch der Türken in Smyrna an der Ägäisküste, dem heutigen Izmir.

Der Friedensvertrag von Lausanne besiegelte den Deal, der 1,6 Millionen Menschen endgültig zu Heimatlosen machte, darunter auch meine Familie. Gerade verheiratet, mit einem Koffer in der Hand und meinem Onkel Tassos im Arm, bestieg Alexandra im Winter 1922 abermals ein Schiff, diesmal mit dem Ziel Thessaloniki. Ein Motorschaden zwang es zum Stopp in der Hafenstadt Kavala. Alexandra und ihr Mann entschieden sich, zu bleiben. Andere zogen weiter, in die Vereinigten Staaten oder nach Australien. Viele Pontos-Griechen gingen später als Gastarbeiter nach Deutschland, wo sie in pontischen Kulturvereinen noch heute ihre Traditionen, Tänze und alten Lieder pflegen.

Mirko Heinemann

Auch meine Großmutter hat Deutschland kennengelernt. Im Jahr 1970, als mein kleiner Bruder geboren wurde, setzte sie sich in einen Reisebus, kam nach Mönchengladbach und blieb ein Jahr. Sie wollte mit eigenen Augen sehen, in welches ferne Land ihre Tochter einem deutschen Ingenieur gefolgt war. Mein Großvater war damals schon gestorben, und meine Großmutter hatte aus Trauer alle Farbe aus ihrem Leben verbannt. Stets in Schwarz gekleidet, ernst und liebevoll und immer manchmal erzählend von ihrer alten Heimat: So habe ich sie in Erinnerung behalten.

Mirko Heinemann  15. Oktober 2018
Rubrik: Griechenland

6 Gedanken zu „Das vergessene Volk“

  1. Am Donnerstag gebe ich dazu eine kleine Sendung auf meinem kleinen Kosmos. Lieder vom Pontos und ich werde ein wenig vorlesen aus meinem Roman, ein Familieepos. Vom Pontos in den Pott.

  2. So wichtig, dass immer wieder auch hier in Deutschland daran erinnert wird damit diese schrecklichen Geschehnisse nicht in Vergessenheit geraten.

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