Der Psychopath – Teil 1: Die Maske der Normalität

Psychopathen empfinden kein Mitgefühl, keine Empathie, keine Reue, keine Scham. Sie sind aber Experten darin, diese Gefühle zu imitieren, um normale Menschen zu manipulieren. Bekannt ist der Psychopath, der als Einzeltäter grausame Morde begeht.

Versuchen Sie sich vorzustellen, kein Gewissen zu haben. Sie haben nicht die geringste Spur eines Gewissens und keinerlei Gefühle von Schuld oder Reue – ganz egal, was Sie anstellen, es plagen Sie keine lästigen Skrupel über das Wohlbefinden von Fremden, Freunden oder gar Verwandten. Stellen Sie sich vor, es gäbe kein lästiges Hadern mit Ihrem Schamgefühl, kein einziges Mal in Ihrem ganzen Leben, unabhängig davon, ob Sie sich egoistisch, faul, rücksichtslos oder unmoralisch verhalten.

Und stellen Sie sich darüberhinaus vor, dass der Begriff ‚Verantwortung‘ Ihnen fremd wäre, außer vielleicht als eine Bürde, die andere Menschen offenbar wie gutmütige Trottel blind auf sich nehmen.

Und nun erweitern Sie dieses seltsame Gedankenspiel um die Fähigkeit, diese so überaus sonderbare psychische Disposition vor anderen Menschen zu verbergen. Da jedermann wie selbstverständlich annimmt, dass das Gewissen eine universelle menschliche Qualität ist, fällt es Ihnen leicht, zu verheimlichen, dass Sie kein Gewissen haben.

Kein Schuld- oder Schamgefühl hemmt die Erfüllung Ihrer Wünsche, und Sie werden von niemandem wegen Ihrer Gefühlskälte zur Rede gestellt. Die eisige Flüssigkeit, die in Ihren Adern fließt, ist so fremdartig, so abseits normaler menschlicher Erfahrungen, dass kaum einem Menschen der Verdacht kommt, dass mit Ihnen etwas nicht stimmen könnte.

Mit anderen Worten: Sie sind völlig frei von internen Kontrollen und Ihre ungehemmte Freiheit, ohne Skrupel alles das zu tun, was Sie wollen, ist bequemerweise für den Rest der Welt verdeckt.

Sie können tun, was Sie wollen – und doch wird Ihr geheimnisvoller Vorteil vor den meisten Ihrer Mitmenschen, die durch ihr Gewissen gelenkt werden, sehr wahrscheinlich verborgen bleiben.

Wie werden Sie Ihr Leben führen?

Wie werden Sie Ihren gewaltigen, heimlichen Vorteil nutzen, angesichts der korrespondierenden Schwäche der anderen Menschen (Gewissen)?

Die Antwort wird weitgehend von Ihren Neigungen und Bedürfnissen abhängen, da Menschen unterschiedlich sind. Selbst die völlig Skrupellosen gleichen sich nicht. Einige Menschen – ob sie nun ein Gewissen haben oder nicht – neigen zur Bequemlichkeit, während andere voller Träume und ungezügeltem Ehrgeiz sind. Manche Menschen sind brillant und begabt, andere sind einfältig, und die meisten liegen irgendwo dazwischen, haben sie nun ein Gewissen oder nicht. Es gibt gewalttätige und friedfertige Menschen, blutrünstige Individuen und andere, die keine solchen Gelüste haben.

Falls Sie nicht aufgehalten werden, können Sie buchstäblich alles tun.

Wenn Sie zur passenden Zeit geboren werden, Zugang zu einem Familienvermögen haben und besonders begabt dafür sind, den Hass und das Gefühl der Benachteiligung Ihrer Mitmenschen zu schüren, können Sie es erreichen, eine große Zahl ahnungsloser Menschen ins Jenseits zu befördern. Mit genug Geld können Sie das sogar aus der Ferne arrangieren, sich in Sicherheit wiegen und zufrieden Ihr Werk betrachten.

Verrückt und beängstigend – und real, bei etwa vier Prozent der Bevölkerung…

Magersucht tritt bei etwa 3,43 Prozent der Bevölkerung auf, was als fast epidemisch betrachtet wird, und doch ist dieser Wert niedriger als die Verbreitung der antisozialen Persönlichkeitsstörungen. Die schweren Störungen, die man als Schizophrenie klassifiziert, treten nur bei etwa einem Prozent der Bevölkerung auf – das ist lediglich ein Viertel der Verbreitung der antisozialen Persönlichkeitsstörung. Die Gesundheitsbehörden geben an, dass Darmkrebs in den USA bei 40 von 100.000 Personen auftritt, was als „alarmierend hoch“ eingestuft wird – und doch nur ein Hundertstel der Verbreitung der antisozialen Persönlichkeitsstörung ausmacht.

Die weite Verbreitung der Soziopathie in der menschlichen Gesellschaft hat gravierende Auswirkungen auf alle Anderen, die auch auf diesem Planeten leben müssen, und zwar auch auf jene, die nicht traumatisiert worden sind. Die Individuen, aus denen diese vier Prozent bestehen, plündern unsere Beziehungen, Bankkonten und unser Selbstwertgefühl und stören unseren Frieden auf Erden. Und doch wissen die meisten Menschen erstaunlicherweise nichts über diese Persönlichkeitsstörung, und wenn doch, denken sie nur an gewalttätige Psychopathen, an Mörder, Serienkiller oder Massenmörder, an Individuen, die immer wieder auf spektakuläre Weise das Gesetz gebrochen haben und die, falls sie gefasst werden, durch unsere Strafjustiz eingesperrt oder gar hingerichtet werden.

Für gewöhnlich sind wir uns der viel größeren Anzahl nicht-gewalttätiger Soziopathen unter uns nicht bewusst, und normalerweise erkennen wir sie nicht – Menschen, die nicht in eklatanter Weise die Gesetze brechen und vor denen unser Rechtssystem kaum einen Schutz bietet.

Die meisten Menschen würden keinen Zusammenhang erkennen zwischen der Planung eines Völkermordes und, zum Beispiel, dem schamlosen Anschwärzen eines Kollegen bei dessen Chef. Aber der psychologische Zusammenhang existiert nicht nur, er ist beklemmend. Die Verbindung besteht schlicht und ergreifend darin, dass der innere Mechanismus fehlt, der uns – emotional gesprochen – in die Zange nimmt, wann immer wir eine Entscheidung treffen, die wir als unmoralisch, unanständig, verantwortungslos oder egoistisch ansehen. Die meisten von uns werden einen Anflug von Schuld verspüren, wenn wir das letzte Stück Kuchen in der Küche nehmen – ganz zu schweigen von dem, was wir fühlen würden, wenn wir vorsätzlich und systematisch den Plan fassen würden, einen anderen Menschen zu verletzen.

Diejenigen, die kein Gewissen haben, sind eine Gruppe für sich, seien sie nun mörderische Tyrannen oder lediglich rücksichtslose Sozialschmarotzer. Das Vorhandensein oder Fehlen des Gewissens ist eine tiefe Kluft, die die Menschheit spaltet, wohl signifikanter als Intelligenz, Rasse oder sogar Geschlecht.

Was einen Soziopathen, der von der Arbeit anderer lebt, von einem unterscheidet, der bei Gelegenheit einen Supermarkt ausraubt oder ein Gangsterboss ist – oder was den Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Rowdy und einem soziopathischen Mörder ausmacht – ist nicht mehr als gesellschaftliches Ansehen, Zielstrebigkeit, Intelligenz, Mordlust oder schlichtweg die passende Gelegenheit. Was alle diese Individuen von uns anderen unterscheidet, ist das gähnende Loch an der Stelle ihrer Seele, wo sich eigentlich die am höchsten entwickelte menschliche Qualität befinden sollte.

[Dr. Martha Stout, Der Soziopath von nebenan]

Für jene von Ihnen, die versuchen, Psychopathie zu verstehen, ist Hervey Cleckleys Buch The Mask of Sanity[1] die essentielle Studie über Psychopathen, die nicht unbedingt vom kriminellen Typ sein müssen. Dieses Buch ist nicht mehr im Handel erhältlich. Wir haben es digitalisiert und unser Forscherteam hat zwei Wochen damit verbracht, den Text sorgfältig auf mögliche Umsetzungsfehler zu untersuchen. Sie können das gesamte englische Buch gratis als PDF-Datei herunterladen.

‚Liebenswürdig‘, ‚charmant‘, ‚intelligent‘, ‚aufmerksam‘, ‚imponierend‘, ‚vertrauenserweckend‘ und ‚Frauenschwarm‘: so beschreibt Cleckley in seinen berühmten Fallstudien wiederholt die Psychopathen. Offenbar besitzen Psychopathen trotz ihrer eindeutig ‚unverantwortlichen‘ und ’selbstzerstörerischen‘ Handlungsweisen auch jene Charakterzüge im Überfluss, die den meisten normalen Menschen erstrebenswert erscheinen. Diese glatte Selbstsicherheit ist für normale Menschen, die oft Bücher über Selbsthilfe lesen oder einen Therapeuten zuziehen müssen, um in ihrer Umgebung überhaupt problemlos funktionieren zu können, ein nahezu übernatürlicher Magnet. Im Gegensatz dazu hat der Psychopath niemals Neurosen, keine Selbstzweifel und keine Angst – er ist so, wie ‚gewöhnliche‘ Menschen sein wollen. Darüber hinaus ziehen sie die Damenwelt an, selbst dann, wenn sie unattraktiv sind.

Cleckleys wegweisende Hypothese besagt, dass der Psychopath unter einem schwerwiegenden und unheilbaren affektiven Defizit leidet. Wenn er überhaupt etwas fühlt, dann nur Gefühle der oberflächlichsten Art. Er kann aufgrund seiner Launen tun und lassen was immer er will. Denn die Konsequenzen, die jeden normalen Menschen beschämen, die ihm peinlich sind oder die Selbstachtung verlieren lassen, berühren den Psychopathen einfach nicht. Was für andere eine Katastrophe ist oder Abscheu hervorruft, ist für ihn nur eine vorübergehende Unannehmlichkeit.

Cleckley postuliert, dass Psychopathie in unserer Gesellschaft normal und weit verbreitet ist. Seine Fallstudien beinhalten Beispiele von Psychopathie bei Menschen, die ganz normal in der Gesellschaft funktionieren – Ärzte, Geschäftsleute und sogar Psychiater. Heutzutage betrachten manche der scharfsinnigeren Forscher die kriminelle Psychopathie, die oft auch als antisoziale Persönlichkeitsstörung bezeichnet wird, nur als ein Extrem eines bestimmten Persönlichkeitstypus. Wir denken, es ist hilfreicher, kriminelle Psychopathen als ‚gescheiterte Psychopathen‘ zu bezeichnen. Daraus folgt natürlich, dass viele Psychopathen in unserer Gesellschaft existieren, die es ‚geschickter‘ anstellen als jene, die die Aufmerksamkeit unserer rechtssprechenden und Wohlfahrts-Systeme erregen.

Einer der Forscher, Alan Harrington, geht sogar so weit zu sagen, dass der Psychopath der durch den immer stärker werdenden evolutionären Druck des modernen Lebens entstehende ’neue Menschentypus‘ ist.

Sicherlich gab es immer schon Gauner und Ganoven, doch in der Vergangenheit beschäftigte man sich eher mit dem Aufspüren von sozial gescheiterten Menschen, als mit der Thematik der Psychopathie. Heute müssen wir uns jedoch vor dem super-gerissenen Gauner in Acht nehmen, der genau weiß, was er tut – und der seine Sache so gut macht, dass es niemand bemerkt. Ja, Psychopathen lieben auch die Geschäftswelt.

Von anderen Menschen unbeeinflusst blickte er gelassen in ihre Sehnsüchte und Ängste und lenkte sie nach seinen Wünschen. Ein Mensch mit solchen Fähigkeiten muss nicht unbedingt zu einem Leben voll von Schwierigkeiten und Dummheiten verdammt sein, das schmählich im Gefängnis endet. Er gründet vielleicht ein räuberisches Unternehmen, mit dem er Firmen anstatt Menschen ausraubt, mit dem er die Menschen hinauswirft, anstatt sie zu töten und mit dem er ihre Funktionalität anstatt ihre Körper zerhackt.

Die Konsequenzen aus Wirtschaftsverbrechen sind für den Durchschnittsbürger niederschmetternd. Die Kriminologin Georgette Bennet sagt: „Sie machen ca. 30% der aktenkundigen Fälle in US-Amerikanischen Bezirksgerichten aus – mehr als irgendeine andere Art von Verbrechen. Einbrüche, Überfälle und andere Vermögensdelikte, einschließlich Straßenverbrechen, belaufen sich pro Jahr auf etwa 4 Milliarden Dollar Schaden. Und die scheinbar aufrechten Bürger in den Besprechungszimmern unserer Firmen und die niedrigen Angestellten im Einzelhandel prellen uns jährlich sogar um 40 bis 200 Milliarden Dollar.“

Dabei ist die Tatsache beunruhigend, dass als Kleidung für die neu maskierte Vernunft eines Psychopathen ein dreiteiliger Anzug genauso wahrscheinlich ist wie Strumpfmaske und Gewehr. Wie Harrington sagt: „Psychopathen sind auch in angesehenen Kreisen anzutreffen, wir nehmen nicht länger an, dass sie Verlierer sind.“ Er zitiert William Krasner: „Sie – die Psychopathen und Halb-Psychopathen – sind ausgezeichnete und skrupellose Verkäufer, da es ihnen ein Vergnügen ist, „den Menschen etwas anzudrehen“ und damit davonzukommen. Sie haben kaum Schuldgefühle wenn sie ihre Kunden betrügen.“ Unsere Gesellschaft wird immer materieller, Erfolg um jeden Preis ist das Credo vieler Geschäftsleute. Der typische Psychopath gedeiht in einer solchen Umgebung und wird als „Businessheld“ angesehen.

[Ken Magid und Carole A. McKelvey, The Psychopaths Favourite Playground: Business Relationships, HIGH RISK: Children Without a Conscience, Bantam Books, 1987]

Das Studium ‚ambulanter‘ Psychopathen – die wir gerne als ‚herkömmliche Psychopathen‘ bezeichnen – hat jedoch erst vor Kurzem begonnen. Über subkriminelle Psychopathie ist nur sehr wenig bekannt. Manche Forscher haben erst jetzt damit begonnen, Psychopathie nicht als pathologische Klassifizierung, sondern als allgemeines Persönlichkeitsmerkmal unserer gesamten Gesellschaft zu betrachten. Das bedeutet, dass Psychopathie als Merkmal eines mehr oder weniger anderen Menschentyps anerkannt wird.

Ein sehr interessanter Aspekt des Psychopathen ist sein ‚verstecktes Leben‘, das des öfteren doch nicht so gut versteckt ist. Es scheint, dass der Psychopath regelmäßig das Bedürfnis nach ‚Ferien in Schmutz und Herabsetzung‘ hat, so wie normale Leute ihre Ferien an einem Ort verbringen, wo sie eine schöne Umgebung und Kultur genießen können. Um ein ganzheitliches Gefühl für dieses seltsame ‚Bedürfnis‘ des Psychopathen zu erlangen – ein Bedürfnis, das ein Hinweis darauf ist, dass ‚Menschlichkeit spielen‘ für den Psychopathen sehr anstrengend ist – , sollte ebenfalls das Buch The Mask of Sanity gelesen werden.

Im Grunde genommen kommt Hervey Cleckley der Idee ziemlich nahe, Psychopathen in jeder Hinsicht als menschlich zu betrachten – nur ohne Seele. Dieser Mangel an ‚Seelenqualität‘ macht den Psychopathen zu einer sehr effektiven ‚Maschine‘. Er kann wissenschaftliche Aufsätze schreiben und mit seinen Worten Emotionen imitieren, doch mit der Zeit stellt sich heraus, dass seine Worte nicht mit seinen Handlungen übereinstimmen. Es sind jene Menschen, die behaupten, vor Kummer am Boden zerstört zu sein und dann im nächsten Augenblick auf eine Party gehen, um ‚zu vergessen‘. Das Problem dabei ist: Sie vergessen wirklich.

Da sie sehr effiziente Maschinen – wie Computer – sind, sind sie fähig, jede komplizierte Routine auszuführen, die so gestaltet ist, von Anderen Unterstützung für ihre Wünsche zu bekommen. Auf diese Weise sind viele Psychopathen in der Lage, in ihrem Leben sehr einflussreiche Positionen einzunehmen. Erst im Laufe der Zeit verstehen ihre Mitmenschen, dass sie nur deshalb die Erfolgsleiter erklimmen konnten, weil sie die Rechte anderer verletzen. Selbst wenn ihnen die Rechte ihrer Mitmenschen gleichgültig sind, so sind sie doch in der Lage ein Gefühl des Vertrauens und der Zuversicht zu vermitteln.

Der Psychopath erkennt in seiner Psyche keinen Mangel und sieht deshalb keine Notwendigkeit, sich zu verändern.

Zur heutigen Zeit gibt es eine richtiggehende Explosion von Berichten von unseren Lesern über ihre Erfahrungen mit Personen, denen sie in ‚alternativen Forschungsfeldern‘ begegnet sind, sowie in alltäglichen Interaktionen in ihren Leben. Was schockierend ist, ist die Anzahl dieser Individuen, die auf Grund dieser Berichte existieren müssen. Dies ist nicht einfach ein zufälliges Ereignis, sondern erscheint geradezu pandemisch!

Unser Forschungsteam und E-Gruppe hat sich seit geraumer Zeit damit beschäftigt, diese Interaktionen, Charakteristiken, Dynamiken und Persönlichkeiten zu analysieren. Unsere Nachforschungen haben sie uns als das erkennen lassen, was man in der Psychologie als Psychopath bezeichnet.

Es können auch Narzissten sein, da Narzissmus nur eine ‚Facette‘, bzw. eine ‚mildere‘ Manifestation der Psychopathie zu sein scheint. Man könnte sagen, dass der Narzisst ein anderer ‚herkömmlicher Psychopath‘ ist, welcher auf Grund seiner/ihrer ’sozialen Programmierung‘ die geringere Wahrscheinlichkeit hat, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Auf diese Weise sind sie sehr effiziente ‚Überlebensmaschinen‘, die ihr Leben ausleben und dabei ihren Familien, Freunden und Geschäftspartnern ungenannten Schaden zufügen.

Nur wenn eine Person einen langen und sorgfältigen Blick auf einen voll entwickelten Psychopathen – eine Art übertriebenen Narzissten – wirft, wird sie in der Lage sein, die ‚Karikatur‘ / den ‚roten Faden‘ dieses Wesenszugs zu sehen, was es ihnen leichter macht, den ‚herkömmlichen Psychopathen‘ und/oder den Narzissten zu erkennen.

Unsere Welt scheint von Individuen überflutet worden zu sein, deren Herangehensweise an Leben und Liebe von der seit langer Zeit etablierten Norm so weit entfernt ist, dass wir im Umgang ihrer Taktik – der sogenannten plausiblen Lüge, wie es Robert Canup ausdrückt – schlecht vorbereitet sind. Er demonstriert, dass die Philosophie der plausiblen Lüge die legalen und administrativen Bereiche unserer Welt übernommen hat und sie in Maschinen verwandelt, in denen Menschen, die zu Emotionen fähig sind, zerstört werden.

Der Film Matrix fand in unserer Gesellschaft großen Widerhall, da er die mechanische Falle, in der so viele Leute ihr Leben verstrickt vorfinden, sehr geschickt darstellte. Und sie sind unfähig, sich aus dieser Falle zu befreien, da sie glauben, dass alle, die um sie herum ‚menschlich‘ aussehen, genauso sind wie sie selbst – emotional, spirituell oder andere Eigenschaften.

Sehen wir uns am Beispiel des Rechtsstreits – wie es Robert Canup in seiner Arbeit The socially adept Psychopath[2] formuliert – an, wie Psychopathen direkt die Gesellschaft als Ganzes beeinflussen können: Der Rechtsstreit wird als eine der Grundlagen unserer Gesellschaft angesehen. Wir sind der Meinung, dass Streitigkeiten, die über das Gesetz ausgefochten werden, ein gut entwickeltes Rechtssystem ausmachen. Das ist ein sehr abgefeimter Trick, der den normalen Menschen von Psychopathen aufgehalst wurde, damit sie ihre Vorteile besser ausspielen können. Denken Sie einen Augenblick darüber nach: Recht im Streit bekommt lediglich der, der das System am Besten und am Geschicktesten dazu nutzen kann, eine Gruppe von Menschen zu überzeugen, bzw. ihm Glauben zu schenken. Da dieses System des Rechtsstreits als Teil unserer Kultur nur sehr langsam installiert wurde, beachten wir es üblicherweise kaum, bis es in unser persönliches Leben eindringt. Aber genauso funktioniert es.

Wir wurden daran gewöhnt anzunehmen, dass alle anderen Menschen sich zumindest bemühen, ‚es einem recht zu machen‘, ‚gut‘, fair und ehrlich zu sein. Und deshalb nehmen wir uns häufig nicht die Zeit, mit angemessener Sorgfalt zu bestimmen, ob eine Person, die in unser Leben eintritt, auch wirklich ein ‚guter‘ Mensch ist. Wir nehmen automatisch an, dass in einer gerichtlichen Auseinandersetzung die eine Seite zur Hälfte Recht hat und die andere Seite ebenfalls, und wir uns eine Meinung bilden können, wer nun mehr recht hat und wer nicht. Da wir den Normen des Rechtsstreits ausgesetzt sind, denken wir automatisch, wenn Streitigkeiten aufkommen, dass die Wahrheit zwischen zwei Standpunkten liegt. In diesem Fall kann die Anwendung von ein wenig mathematischer Logik auf das Problem des Rechtsstreits sehr hilfreich sein.

Nehmen wir an, dass in einem Streit eine Seite unschuldig ist, ehrlich ist, und sie die Wahrheit sagt. Es ist offensichtlich, dass eine Lüge einem unschuldigen Menschen keinen Vorteil bringt. Worin sollte er denn lügen? Wenn er unschuldig ist, wäre die einzig mögliche Lüge zu sagen: „Ich war es!“ Eine Lüge ist nur für den Lügner von Vorteil. Der Lügner kann fälschlicherweise aussagen: „Ich war es nicht!“, und dafür den Unschuldigen beschuldigen, der weiterhin wahrheitsgemäß behauptet: „Ich war es nicht!“

Wenn die Wahrheit von guten Lügnern verdreht wird, kann sie immer einen unschuldigen Menschen schlecht aussehen lassen, besonders dann, wenn der Unschuldige ehrlich ist und seine Fehler zugibt.

Die grundlegende Annahme, dass die Wahrheit zwischen den Standpunkten der beiden Seiten liegt, verschafft immer der lügenden Seite einen Vorteil und der wahrheitsgetreuen Seite immer einen Nachteil. Meistens wird zusätzlich zur Lüge die Wahrheit zum Schaden der unschuldigen Person noch weiter verdreht. Der Vorteil liegt auf diese Weise immer in den Händen von Lügnern – von Psychopathen. Sogar der simple Akt einer Aussage unter Eid ist eine sinnlose Farce. Wenn jemand ein Lügner ist, dann hat ein Eid auf ihn keine Wirkung. Ein Eid wirkt jedoch auf einen seriösen, wahrheitsgetreuen Menschen sehr stark. Und wiederum liegt der Vorteil auf der Seite des Lügners. [Robert Canup]

Eine weitere einzigartige Eigenschaft von Psychopathen scheint ihre scheinbare Unfähigkeit zu sein, die abstrakte Vorstellung von ‚Zukunft‘ zu verstehen.

Es wurde oft erwähnt, dass Psychopathen einen ausgeprägten Vorteil gegenüber Menschen mit Gewissen und Gefühlen haben, da Psychopathen frei von Gewissen und Gefühlen sind. Es hat den Anschein, dass Gewissen und Gefühle mit den abstrakten Konzepten von ‚Zukunft‘ und ‚die Anderen‘ zusammenhängen. Es ist ‚raum-zeitlich‘. Wir sind in der Lage Angst, Sympathie, Empathie, Traurigkeit etc. zu fühlen, weil wir uns auf abstrakte Weise vorstellen können, dass die Zukunft auf unseren eigenen Erfahrungen in der Vergangenheit beruht, oder wir uns einfach nur vielfältigste ‚Erfahrungswelten‘ ausmalen können. Wir können ‚uns selbst‘ in den anderen Menschen ’sehen‘, obwohl sie ‚da draußen‘ sind – und das erzeugt in uns Gefühle. Wir können nicht einfach jemanden verletzen, weil wir uns vorstellen können wie es sich anfühlt, wenn uns dasselbe angetan wird. Wir können uns demnach nicht nur räumlich mit anderen identifizieren, sondern auch in der Zeit.

Psychopathen verfügen offenbar nicht über diese Fähigkeit.

Sie können sich einfach nicht vorstellen, sich auf direkte Weise mit Bildern zu verbinden. Sozusagen ein ‚Selbst, das sich mit einem anderen Selbst verbindet.‘

Natürlich können Psychopathen Gefühle imitieren, doch das einzig reale Gefühl, das sie offenbar haben – ihr Trieb, die unterschiedlichen Dramen für ihr Ziel anzuzetteln – ist eine Art ‚räuberischer Hunger‘ nach ihren Wünschen. Sie empfinden ihre Bedürfnisse und Wünsche sozusagen als Liebe, und wenn sie diese nicht erfüllt bekommen, beschreiben sie es mit „nicht geliebt werden“. Mehr noch, diese ‚Bedürfnis/Wunsch‘-Sichtweise bedeutet, das ausschließlich der ‚Hunger‘ des Psychopathen Gültigkeit besitzt und alles andere ‚da draußen‘ – außerhalb des Psychopathen – nicht real ist, außer es könnte ihm als eine Art ‚Nahrung‘ dienen und von ihm assimiliert werden. „Brauche ich es oder bringt es mir etwas?“ Das ist die einzige Frage, die den Psychopathen beschäftigt. Alles Andere – sämtliche Handlungen – dienen nur in diesem Trieb und sind ihm untergeordnet.

Kurzum: der Psychopath ist ein Räuber. Wenn wir daran denken, wie die Räuber im Tierreich mit ihren Opfern umgehen, können wir uns vorstellen, was hinter dieser ‚Maske der Normalität‘ des Psychopathen steht. So wie ein Raubtier alle möglichen Varianten des Anschleichens und Tarnens beherrscht, um seinem Opfer nachzustellen, es aus der Herde zu locken, ihm Nahe zu kommen und seinen Widerstand zu brechen, so erfindet der Psychopath alle Arten von durchdachten Tarnungen aus Worten und Formalitäten – die in Wirklichkeit Lügen und Manipulationen sind – um seine Opfer zu ‚assimilieren‘.

Das führt uns zu einer wichtigen Frage: Was erhält der Psychopath wirklich von seinem Opfer? Das ist leicht zu beantworten, wenn sie lügen und manipulieren, um mehr Geld oder materielle Güter oder Macht zu erlangen. Doch in vielen Fällen, wie zum Beispiel in Beziehungen oder falschen Freundschaften, ist es sehr schwierig zu erkennen, wonach der Psychopath aus ist. Ohne spirituelle Spekulationen hier zu weit zu strapazieren – ein Problem, mit dem auch Cleckley konfrontiert war – können wir feststellen, dass es der Psychopath offenbar genießt, wenn er sieht, wie Andere leiden. So wie ein normaler Mensch sich daran erfreut, wenn sich andere Menschen freuen oder er Anderen ein Lächeln bereiten kann, erfreut sich der Psychopath an genau dem Gegenteil.

Jeder der jemals beobachtet hat, wie eine Katze mit einer Maus spielt, bevor sie diese tötet und frisst, hat sich wahrscheinlich die Situation so erklärt, dass die Katze von den Fluchtversuchen der Maus ‚amüsiert‘ wird und den Schrecken und den Schmerz, den die Maus erleidet, nicht begreifen kann. Deshalb kann der Katze keine böse Absicht unterstellt werden. Die Maus stirbt, die Katze ist satt – so ist die Natur. Nur: Psychopathen fressen normalerweise ihre Opfer nicht.

Und dennoch wird in extremen Fällen von Psychopathie genau diese Katz- und Maus Dynamik ausgetragen. Kannibalismus hat eine lange Geschichte; es wurde vermutet, dass mit dem Verzehr gewisser Körperteile bestimmte Kräfte des Opfers aufgenommen werden können. Im gewöhnlichen Leben jedoch gehen Psychopathen nicht so weit – wenn man so will. Deshalb müssen wir das Katz- und Maus Spiel nochmals aus einer anderen Perspektive betrachten. Jetzt stellen wir die folgende Frage: Ist es zu einfach anzunehmen, dass die unschuldige Katze von der herumrennenden Maus, die panisch versucht zu entkommen, nur unterhalten wird? Oder liegt in dieser Dynamik mehr als das bloße Auge erkennen kann? Ist es mehr als nur reine ‚Unterhaltung‘ für die Katze, wenn die Maus versucht zu fliehen? Warum sollte überhaupt so ein Verhalten evolutionär in der Katze verankert sein? Schmeckt die Maus besser, wenn die Chemikalien der Angst ihren kleinen Körper überfluten? Ist eine vor Angst erstarrte Maus ein ‚Feinschmeckermahl‘?

Wir sollten daher unsere Überlegungen über Psychopathen nochmals überdenken. Wir wissen zumindest Eines: Viele Menschen, die mit Psychopathen und Narzissmus zu tun hatten berichten, dass sie sich danach „ausgelaugt“ und verwirrt fühlten. Oft war dies mit einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes verbunden. Ist das die Antwort auf die Frage, warum Psychopathen häufig ‚Liebesbeziehungen‘ und ‚Freundschaften‘ eingehen, die keinen beobachtbaren materiellen Vorteil für sie zu haben scheinen? Geht es in Wirklichkeit vielleicht darum, die ‚Energie‘ des Anderen zu konsumieren?

Wir kennen die Antwort auf diese Frage nicht. Wir beobachten, wir theoretisieren, spekulieren und stellen Hypothesen auf. Doch letztendlich kann nur das jeweilige Opfer bestimmen, was es bei einer solchen Dynamik verloren hat – und das ist oft weit mehr als nur materielles Gut. Auf eine gewisse Weise scheint es, dass Psychopathen Seelenfresser sind – Psychophagen.

Gewissen scheint von der Fähigkeit abzuhängen, sich Konsequenzen vorstellen zu können. Aber die meisten ‚Konsequenzen‘ sind auf irgendeine Art mit Schmerzen verbunden, und Psychopathen verstehen Schmerz nicht wirklich in einem emotionalen Sinn. Sie verstehen nur Frustration, die entsteht, wenn sie nicht bekommen was sie wollen, und für sie ist das wie Schmerz. Es scheint so zu sein, dass sie ausschließlich auf Basis einer Auswertung der Situation hinsichtlich Spieltheorie agieren: „Was kann ich gewinnen und was kostet es mich?“ Und diese ‚Kosten‘ haben für sie nichts damit zu tun, erniedrigt zu werden, Schmerz zu verursachen, die Zukunft zu sabotieren oder andere Dinge; Dinge, die normale Leute in Erwägung ziehen, wenn sie eine Entscheidung treffen wollen. Kurzum, es ist für normale Menschen fast unmöglich, sich das Innenleben eines Psychopathen vorzustellen.

Das bringt uns zu dem, was Psychopathen tatsächlich haben, und was wirklich herausragend ist: eine Fähigkeit, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit auf das zu richten, was sie wirklich interessiert. Manche klinischen Ärzte haben das mit einer Konzentration verglichen, die der eines Räubers, der seiner Beute nachstellt, gleichkommt. Das ist zwar nützlich, wenn man sich in einer Umgebung mit nur einer geringen Zahl von Unbekannten befindet, aber die meisten Situationen des wirklichen Lebens erfordern es, auf viele Dinge gleichzeitig zu achten. Psychopathen richten ihre Aufmerksamkeit derart stark auf das, was sie haben wollen, dass sie Gefahrensignale übersehen.

Zum Beispiel: manche Psychopathen erlangten im zweiten Weltkrieg Verdienste als furchtlose Kampfpiloten, weil sie an ihren Zielen hingen wie ein Terrier an einem Hosenbein. Dennoch versagten diese Piloten oft beim Beachten der unspektakuläreren Details wie Treibstoff-Füllung, Höhe, Position und die relative Position zu anderen Flugzeugen. Manchmal wurden sie Helden, aber viel öfter kamen sie um oder wurden als Opportunisten, Einzelgänger oder Teufelskerl bekannt, auf die man sich nicht verlassen konnte. [Dr. Robert Hare]

Es sollte hervorgehoben werden, dass Psychopathen extrem interessant wirken – ja, sogar aufregend! Sie üben eine fesselnde Energie aus, die ihre Zuhörer am Rande ihrer Sessel halten. Selbst wenn irgendein Teil einer normalen Person schockiert oder von den Aussagen der Psychopathen abgestoßen ist, verhalten sie sich wie die durch die quälende Katze hypnotisierte Maus. Selbst wenn sie eine Chance bekommen, wegzulaufen, tun sie es nicht. Viele Psychopathen ‚verdienen ihr Brot‘ durch Charme, Täuschung und Manipulation, weil sie das Vertrauen ihrer Opfer gewinnen. Viele von ihnen können in Berufssparten mit weißen Kitteln gefunden werden, wo es ihrer Bösartigkeit leicht gemacht wird, da die meisten Menschen bestimmte Klassen von Menschen aufgrund ihrer sozialen oder professionellen Legitimation als vertrauenswürdig ansehen. Anwälte, Doktoren, Lehrer, Politiker, Psychiater und Psychologen müssen sich generell nicht unser Vertrauen verdienen, da sie es Kraft ihrer Position bereits besitzen. Aber die Tatsache ist: Psychopathen werden auch in luftig hohen Positionen gefunden!

Gleichzeitig sind Psychopathen auch gute Hochstapler. Sie zögern überhaupt nicht, in unverschämter Weise Referenzen zu fingieren, um professionelle Rollen anzunehmen, die Prestige und Macht bringen. Sie suchen sich Professionen aus, in denen die vorausgesetzten Fähigkeiten leicht zu imitieren sind, wo das Jargon einfach zu lernen ist, und wo es unwahrscheinlich ist, dass die Referenzen gründlich untersucht werden. Psychopathen finden es extrem einfach, sich als Finanzberater, Minister, psychologische Therapeuten und Psychologen auszugeben. Und das ist ein furchteinflößender Gedanke.

Psychopathen räumen sich ihren Weg frei, indem sie Leute so weit bringen, die Arbeit für sie zu erledigen, Geld, Prestige und Macht für sie aufzubauen oder sich sogar für sie stark zu machen, wenn jemand versucht, sie auffliegen zu lassen. Aber genau das ist ihr Anspruch auf Berühmtheit. Das ist es, was sie gut können. Dieser Job fällt ihnen noch dazu sehr leicht, da die meisten Leute aufgrund eines unerschütterlichen Glaubens an die angeborene ‚Güte‘ eines Menschen sehr leicht zu täuschen sind.

Manipulation ist der Schlüssel zu den Eroberungen des Psychopathen. Zu Beginn wird der Psychopath falsche Emotionen erzeugen um Empathie aufzubauen, und viele von ihnen studieren die Tricks der Empathie-erzeugenden Techniken. Psychopathen sind oft fähig, Mitleid in Menschen anzuregen, weil sie wie ‚verlorene Seelen‘ wirken, wie Guggenbuhl-Craig es nennt. Der Mitleids-Faktor ist daher mit ein Grund, warum Opfer für diese ‚armen‘ Leute fallen.

Psychologe Robert zitiert einen berühmten Fall, wo ein Psychopath „Mann des Jahres“ und Präsident einer Handelskammer wurde. (Erinnern Sie sich daran, dass John Wayne Gacy zum Zeitpunkt seiner Überführung als Mörder Anwärter der Präsidentschaft von Jaycee[3] war!) Dieser Mann hatte behauptet, einen Doktortitel der Universität Berkeley zu besitzen. Er bewarb sich für eine Position im Schulausschuss um sich dann in den Landesausschuss weiterzuarbeiten, der mehr bezahlte.

Dann entschied ein ansässiger Reporter, den Typen unter die Lupe zu nehmen – um zu sehen, ob seine Referenzen gültig waren. Der Reporter fand heraus, dass die einzigen wahren Angaben in der gefälschten Biographie des (fast) zukünftigen Politikers nur der Geburtsort und das Geburtsdatum waren. Alles andere war Fiktion. Der Typ war nicht nur ein absoluter Gaukler, er hatte eine lange Geschichte von antisozialem Verhalten, Betrug, Imitation und Haft. Sein einziger Kontakt zu einer Universität war durch einer Reihe von E-Mail Kursen während seines Aufenthaltes in der Leavenworth Besserungsanstalt. Viel überraschender ist jedoch, dass er, bevor er ein betrügerischer Mann wurde, ein betrügerischer Jugendlicher war. Über zwei Jahrzehnte hatte er sich seinen Weg durch Amerika gebahnt, nur einen Schritt entfernt von jenen, die er hinters Licht geführt hatte. Auf seinem Weg heiratete er drei Frauen und hatte mit ihnen vier Kinder, und er wusste nicht einmal, wie es ihnen ging. Und nun hatte er fast einen Durchbruch geschafft, nur dieser verdammte schnüffelnde Reporter…!

Als er aufgedeckt wurde, war er komplett davon unberührt. „Diese vertrauenswürdigen Leute werden hinter mir stehen. Ein guter Lügner ist ein guter Menschenkenner“, sagte er. Erstaunlicherweise hatte er recht. Die lokale Gemeinde war weit von einer Empörung entfernt, obwohl sie getäuscht und von vorne bin hinten belogen wurden. Im Gegenteil: die Gemeinde, die er so vollends getäuscht hatte, um sich selbst Ehren und Vorteile zuzuschreiben, eilte doch tatsächlich zu seiner Hilfe!

Das ist kein Scherz! Und es war nicht nur ein „leistete ihm Hilfe“. Der lokal ansässige Obmann der Republikanischen Partei schrieb sogar über ihn: „Ich gestehe im seine Wahrhaftigkeit, Integrität und Widmung zu, die sich mit der von Präsident Abraham Lincoln messen kann.“ Wie Dr. Hare trocken bemerkt, wurde dieser Dummkopf leicht von Worten überredet und war somit blind gegenüber seinen Taten.

Welche Art psychologischer Schwäche lässt es zu, dass Menschen Lügen bevorzugen anstatt Wahrheit?

Das kann etwas damit zu tun haben, was als kognitive Dissonanz bezeichnet wird. Leon Festinger entwickelte die Theorie von der kognitiven Dissonanz in den 1950er Jahren, als er anscheinend über einen UFO Kult im mittleren Westen der USA gestolpert war, der einen kommenden Kataklysmus und eine Alien-Ernte prophezeite. Nachdem die Ernte und der Kataklysmus nicht eingetroffen war, studierte er die Aussagen der wahren Gläubigen dieses Kults, und detaillierte sie in seinem Buch When Prophecy Fails[4]. Festinger beobachtete:

Ein Mensch mit Überzeugungen kann nur schwer verändert werden. Sagen Sie ihm, dass Sie nicht mit ihm übereinstimmen, und er wird sich abwenden. Zeigen Sie ihm Fakten oder Zahlen, und er wird Ihre Quellen in Frage stellen. Verweisen Sie auf Logik und er wird es nicht schaffen, Ihren Punkt zu sehen.

Wir haben alle schon diese Ohnmacht erfahren, wenn wir eine starke Überzeugung ändern wollten, speziell dann, wenn die betreffende Person ein gewisses ‚Investment‘ in ihre Glaubensvorstellung hat. Wir sind mit der Vielfalt von ausgeklügelten Abwehrmechanismen vertraut, mit denen die Leute ihre Überzeugungen verteidigen und es sogar bei den intensivsten Attacken schaffen, sie unversehrt zu bewahren.

Aber der Einfallsreichtum der Menschen geht über das einfache Beschützen ihrer Glaubensvorstellungen hinaus. Nehmen Sie an, dass ein Individuum etwas mit ihrem ganzen Herzen glaubt; nehmen Sie weiters an, dass es sich diesem Glauben gegenüber verpflichtet hat, dass es unwiderrufliche Entscheidungen auf Basis dieses Glaubens getroffen hat; schließlich stellen Sie sich vor, dass es mit Beweisen konfrontiert ist – eindeutige und unbezweifelbare Beweise – , dass seine/ihre Glaubensvorstellung nicht der Wahrheit entspricht: was wird passieren? Dieses Individuum wird von dieser Konfrontation nicht nur unbeeindruckt hervorgehen, sondern von der Wahrheit seines Glaubens sogar noch überzeugter sein als zuvor. Er mag womöglich sogar mit einer geschürten Glut daran gehen, andere Leute nach seiner Anschauung zu konvertieren.

Es scheint, dass ein Teil des Problems mit dem Ego und dem Bedürfnis zu tun hat, ‚richtig‘ zu liegen. Menschen mit einem sehr großen Bedürfnis ‚recht zu haben‘ oder ‚perfekt sein‘ zu wollen, scheinen unfähig zu sein anzuerkennen, dass sie auf Irrlichter hereingefallen sind. „Es gibt im zynischen amerikanischen Repertoire kaum ein erniedrigenderes Vergehen, als ein Trottel zu sein.“ Leute werden einem Psychopathen folgen und ihn unterstützen, selbst angesichts der Fakten, dass sie betrogen werden, da ihre Ego-Struktur davon abhängt, recht zu haben, und ein Fehler im Urteilsvermögen ihr sorgfältig konstruiertes Bild von sich selbst zerstören würde.

Noch viel erstaunlicher ist, dass, wenn ein Psychopath von jemanden aufgedeckt wird, der sich nicht schämt zuzugeben, dass er irregeleitet wurde, der Psychopath ein Meister darin ist, das Opfer als die ‚wahren Missetäter‘ anzustreichen. Hare zitiert diesbezüglich eine Fallstudie über die dritte Ehefrau eines vierzigjährigen High School Lehrers:

Fünf Jahre lange betrog er mich, hielt mich in einem Angstzustand und fälschte Schecks meines eigenen Bankkontos. Aber jeder – mein Doktor, mein Anwalt und meine Freunde inklusive – gab mir die Schuld an dem Problem. Er hatte sie derart davon überzeugt, dass er ein großartiger Kerl sei und ich verrückt werden würde, dass ich es schon selbst zu glauben begann. Selbst nachdem er mein Bankkonto geleert hatte und mit einer siebzehnjährigen Studentin durchbrannte, verstanden es einige Leute immer noch nicht und wollten wissen, was ich denn angestellt hätte, dass er sich so seltsam benimmt!

Psychopathen ist angeboren, was notwendig ist, um andere zu beschwindeln und zu prellen: sie können schnelle Redner sein, sie können charmant sein, sie können voll von Selbstvertrauen sein; sie bleiben unter Druck cool, unerschrocken durch die Möglichkeit, bloßgestellt zu werden, und sind komplett skrupellos. Und selbst wenn sie überführt werden machen sie weiter, als ob nichts passiert wäre und machen oft ihre Ankläger zum Ziel ihrer Anklagen, als ob sie von ihnen schikaniert worden wären.

Ich war einmal von der Logik eines Gefängnisinsassen völlig verdutzt, als er über sein Mordopfer meinte, dass es von dem Verbrechen profitiert habe, indem es „eine Harte Lektion über das Leben gelernt“ habe. [Dr. Robert Hare]

Die Opfer fragen immer wieder: „Wie konnte ich nur so dumm sein? Wie konnte ich nur für diesen unmöglichen Haufen an Unsinn fallen?“ Und wenn sie sich das nicht selbst fragen, können Sie sich sicher sein, dass ihre Freunde und Bekannten fragen werden: „Wie um Himmels Willen konntest du nur derart davon vereinnahmt werden?“

Die übliche Antwort „Du hättest es selbst erleben müssen“ vermittelt einfach nicht die ganze Sache. Hare schreibt:

Was Psychopathen von allen anderen unterscheidet, ist die erstaunenswerte Leichtigkeit, mit der sie lügen, die Durchdrungenheit ihrer Irreführung und die Gefühlskälte, mit der sie sie ausführen.

Aber es gibt ein weiteres Detail über die Reden der Psychopathen, das genauso verblüffend ist: ihre häufige Verwendung von widersprüchlichen und logisch inkonsistenten Aussagen, die sich normalerweise ihrer Entdeckung entziehen. Jüngste Forschung in die Sprache der Psychopathen versorgt uns mit wichtigen Teilen sowohl dieses Puzzles, als auch von der unheimlichen Fähigkeit von Psychopathen, Wörter – und Menschen – so einfach zu bewegen. […]

Hier sind ein paar Beispiele davon:

  • Als er gefragt wurde, ob er jemals ein gewalttätiges Delikt begangen hätte, antwortete ein Mann, der seine Zeit aufgrund von Diebstahl absitzen musste mit: „Nein, aber ich musste einmal jemanden umbringen.“
  • Eine Frau mit einer atemberaubenden Vorgeschichte von Betrug, falschen Darstellungen, Lügen und gebrochenen Versprechen beendete einen Brief an ihren Bewährungsausschuss mit den Worten „Ich habe viele Leute enttäuscht… Man ist nur so gut wie seine Reputation und sein Name. Mein Wort ist so gut wie Gold.“
  • Ein Mann, der wegen bewaffneten Raub im Gefängnis saß, kommentierte auf das Gutachten eines Augenzeugen: „Er lügt. Ich war dort nicht. Ich hätte ihm seinen dummen Schädel vom Körper blasen sollen.“

Aus einem Interview mit dem Serienmörder Elmer Wayne Henley:

Interviewer: „Sie geben vor, dass Sie das Opfer eines Serienkillers waren, aber aus Ihrer Akte geht hervor, dass Sie der Serienkiller sind.“

Henley: „Bin ich aber nicht.“

Interviewer: „Sie sind kein Serienmörder?“

Henley: „Ich bin kein Serienmörder.“

Interviewer: „Sie sagen, dass sie im Moment kein Serienmörder sind, aber Sie haben in Serie gemordet.“

Henley: „Gut, ja, das ist nur eine Frage der Formulierung.“

Und so weiter. Die Krux der Sache, die die Forscher dokumentiert haben, war, dass Psychopathen Probleme haben, ihre eigene Sprache zu überwachen. Mehr noch, sie stoppeln oft Dinge auf seltsame Arten zusammen, so wie diese Serie an Antworten des Serienmörders Clifford Olson illustriert: „Und dann hatte ich annualen[5] Sex mit ihr.“ „Einmal pro Jahr?“ „Nein. Annual. Von hinten.“ „Oh. Aber sie war tot!“ „Nein, nein. Sie war nur unbewissenhaft[6].“ Über seine vielen Erfahrungen meinte Olson: „Ich habe genug Antidote, um fünf oder sechs Bücher zu füllen – genug für eine Trilogie.“ Er war entschlossen, kein „Sündenblock“[7] zu sein, unabhängig von den „wildernden[8] Umständen“.

Jene von uns, die Erfahrungen mit Psychopathen hatten, wissen, dass die Sprache eines Psychopathen zweidimensional ist. Sie sind, wie jemand einmal sagte, „so tief wie ein Fingerhut“. Es gibt eine Analogie, in der man sich den Psychopathen als einen Farbenblinden vorstellt, der gelernt hat, mittels spezieller Strategien trotzdem in der Welt zu überleben. Sie mögen sagen, dass sie „bei roter Ampel stehengeblieben“ sind; aber in Wirklichkeit bedeutet das, dass das oberste Licht „Stop“ heißt, und sie deswegen stehengeblieben sind. Sie nennen es „das rote Licht“ wie jeder andere auch, aber sie hatten noch nie eine Erfahrung, was „rot“ wirklich ist.

Eine farbenblinde Person, die solche Bewältigungsstrategien entwickelt hat, ist für Menschen, die Farben sehen können, nicht zu erkennen.

Psychopathen verwenden Wörter über Emotionen auf die selbe Art wie Farbenblinde Wörter über Farben einsetzen, die sie nicht wahrnehmen können. Psychopathen lernen diese Wörter nicht nur mehr oder weniger passend einzusetzen, sie lernen auch, das Gefühl nachzustellen. Aber sie fühlen niemals.

Diese Qualität des Geistes der Psychopathen ist ausführlich mit EEG Tests bei Wort-Assoziationen untersucht worden. Wörter, die emotionalen Inhalt haben, lösen gewaltigere Antworten im Gehirns aus, als dies neutrale Wörter tun. Das ist anscheinend mit der großen Menge an Information begründet, die mit einem Wort verbunden werden können. Für die meisten von uns kann das Wort „Krebs“ nicht nur die Beschreibung der Krankheit ins Gedächtnis rufen, sondern auch Angst, Schmerz, Bedenken, oder was auch immer, abhängig davon, ob jemand, den wir lieben, diese Krankheit hat, oder ob es uns in unserem Leben bereits beeinflusst hat, und so weiter. Dasselbe gilt für viele Wörter in unserem kollektiven und individuellen Vokabelschatz. Und solange wir kein traumatisches Erlebnis mit einem Ereignis hatten, das wir jetzt mit einem Wort verbinden, wird ein Wort wie z.B. „Kiste“ oder „Papier“ für uns neutral sein.

Psychopathen reagieren auf alle emotionalen Wörter, als ob sie neutral wären. Es ist, als ob sie laufend dazu verdammt wären, mit dem Kinder-Wörterbuch zu funktionieren. Hare schreibt:

Zuvor habe ich die Rolle von ‚inneren Dialogen‘ in der Entwicklung und der Handlungen des Gewissens diskutiert. Es sind die emotional geladenen Gedanken, Bilder und internen Dialoge, die dem Gewissen seinen ‚Biss‘ geben, zu seiner machtvollen Kontrolle unseres Verhaltens beitragen, und Schuld und Reue für Übertretungen erzeugen. Das ist etwas, das Psychopathen nicht verstehen können. Für sie ist Gewissen nicht viel mehr als ein intellektuelles Wissen über Regeln, die Andere erfinden – leere Worte. Die Gefühle, die diesem Regeln die Schlagkraft geben, fehlen ihm einfach.

Mehr noch, eine farbenblindes Individuum mag niemals erfahren, dass es farbenblind ist. Außer es findet eine dahingehende Untersuchung statt, kann es sein, dass der Psychopath unfähig ist, seine eigene emotionale Armut zu erkennen. Sie nehmen an, dass ihre Wahrnehmungen genau wie die von allen Anderen ist. Man sollte das richtig verstehen: Man kann ihre Gefühle nicht verletzten, da sie keine haben! Sie werden vorgeben, welche zu haben, wenn das ihre Zwecke heiligt und sie dadurch bekommen, was sie haben wollen. Sie werden Reue verbalisieren, aber ihre Handlungen werden ihren Worten widersprechen. Sie wissen, dass „Reue“ wichtig und „Entschuldigungen“ nützlich sind, und sie werden nicht sparen damit, obwohl sie Wörter verwenden werden, die dem Opfer ankreiden, dass überhaupt eine Entschuldigung notwendig ist.

Und das ist der Grund, warum sie so gut in Spieltheorie sind. Und bis wir ihre Denkweise lernen, werden sie nicht aufhören, sie mit niederschmetternden Resultaten gegen uns anzuwenden. Normale Menschen fühlen sich verletzt, wenn sie grob und unsensibel behandelt werden. Psychopathen simulieren nur, verletzt zu sein, denn sie nehmen ‚Verletztsein‘ nur wahr, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen, und täuschen daher ‚Verletztsein‘ manipulativ vor!

Im Buch Violent Attachments[9] ist dokumentiert, dass Frauen und Männer einen besonderes Blick des Psychopathen bemerkt haben – es ist ein intensives, erbarmungsloses Starren, dass der Zerstörung seines Opfers bzw. Ziels vorausgeht. Besonders Frauen haben dieses Starren bemerkt, was sich auf das ‚räuberische‘ (reptilische) Starren bezieht. Sie tendieren dazu, in den Raum anderer Leute entweder plötzlich einzubrechen oder mittels einschüchternden flüchtigen Blicken (was manche Frauen mit Sexualität verwechseln).

Eine weitere extrem interessante Studie widmet sich der Art, wie Psychopathen ihre Hände bewegen, wenn sie sprechen. Handbewegungen können Forscher großen Aufschluss über etwas geben, was Gedankeneinheiten genannt wird. Die Studien deuten an, dass die Gedanken und Ideen eines Psychopathen in kleinen mentalen Paketen organisiert ist. Das ist zwar gut fürs Lügen, aber macht den Umgang mit einem umfassenden, kohärenten und integrierten Komplex von tiefen Gedanken nahezu unmöglich.

Die meisten Leute sind fähig, Ideen mit konsistenten Themeninhalten zu kombinieren, aber Psychopathen haben große Schwierigkeiten damit. Nocheinmal, das legt eine genetische Einschränkung nahe, was wir auch als das Jugendliche Wörterbuch bezeichnet haben. Sie verwenden nicht nur extrem eingeschränkte Definitionen, sie können aufgrund der Funktionsweise ihres Gehirnes und Geistes gar nicht anders. Fast sämtliche Forschung über Psychopathen bringt eine innere Welt zutage, die banal, angeberisch ist und wo Detail und Farbe, die in den Welten der normalen Menschen allgemein gefunden werden kann, fehlt. Das hilft uns schon sehr gut, die Inkonsistenzen und Widersprüche in ihrer Sprache zu erklären.

Die Situation ist analog zu einem Kinofilm, in der eine Szene unter wolkigen Wetterbedingungen geschossen wird und die darauffolgende Szene – die im Film nur wenige Minuten später spielt – unter brillantem Sonnenschein. […] Manche Kinobesucher – in diesem Beispiel die Opfer der Psychopathen – werden diese Diskrepanz nicht bemerken, besonders dann, wenn sie von der Handlung gefesselt sind.

Psychopathen sind dafür berüchtigt, nicht die Fragen zu beantworten, die man ihnen stellt. Sie werden irgendetwas anderes antworten, oder so, dass dass die direkte Fragestellung niemals behandelt wird. Sie formulieren weiters ihre Ausführungen so, dass manche Stellen ihrer Geschichten schwer zu verstehen sind. Das ist nicht einfach leichtfertige Sprache, der jeder irgendwann einmal schuldig wird, sondern eine laufender Hinweis auf die zugrundeliegende psychopathische Kondition, in der die Organisation der mentalen Aktivität darauf hinweist, dass etwas nicht stimmt. Es ist nicht das, was sie sagen, sondern wie sie es sagen, das Einsicht in ihre wahre Natur gibt.

Das bringt erneut die Frage auf: Wenn ihre Reden so anders sind, wie kann es sein, dass gescheite Menschen darauf hereinfallen? Warum versagen sie, diese Inkonsistenzen zu bemerken?

Teil der Antwort ist, dass die Eigentümlichkeiten so subtil sind, dass sie unser allgemeiner Zuhörer-Modus normalerweise nicht ausmacht. Unsere Erfahrung ist, dass manche der ‚fehlenden‘, der merkwürdig angeordneten oder falsch verwendeten Wörter automatisch von unseren Gehirnen re-interpretiert werden, auf die selbe Art, wie wir ‚Lücken‘ ausfüllen können, wenn irgendwo ein Buchstabe fehlt. Wir können zum Beispiel in der Nacht einer Straße entlang fahren, eine Neon-Reklame M_tel sehen und wir platzieren mental ein ‚o‘ an den freien Platz und lesen „Motel“. So etwas ähnlichen läuft zwischen einem Psychopathen und seinem Opfer ab. Wir füllen die ‚fehlende Menschlichkeit‘ mit unseren eigenen Annahmen aus, basierend auf dem, was wir denken und fühlen und meinen. Auf diese Art füllen wir diese Lücken mit dem, was in uns ist, und können deshalb leicht davon überzeugt werden, das der Psychopath ein großartiger Kerl ist – weil er so ist, wie wir! Wir sind darauf konditioniert worden, im Vertrauen zu leben, allezeit ‚im Zweifel für den Angeklagten‘ zu sprechen, und werden dadurch in unserer eigenen Schlinge hochgezogen.

Psychopathen sehen jeden sozialen Austausch als ‚Fütterungsgelegenheit‘ an; ein Wettbewerb, bzw. Herausforderung seines Willens, in dem es nur einen Gewinner geben kann. Ihre Motive sind Manipulation und Übernahme, schonungslos und ohne Reue. [Dr. Robert Hare]

Ein von Hares Team interviewter Psychopath meine geradeheraus: „Das erste, was ich tue, ich mustere dich. Ich suche nach Angriffsflächen, finde heraus, was du brauchst und gebe es dir. Dann ist Zahltag – mit Zinsen. Ich ziehe die Schrauben fester.“ Ein anderer Psychopath gab zu, dass er nie attraktive Frauen ausgewählt hatte – er war nur an den Unsicheren und Einsamen interessiert. Er behauptete, dass er so einfach eine bedürftige Person ausfindig machen könnte, „wie ein Wildschwein Trüffeln aufspürt“.

Die kaltherzige Ausnutzung der Alten, der Einsamen, der Verletzlichen, der Entmächtigten, der Marginalisierten, ist ein Markenzeichen des Psychopathen. Und wenn irgendjemand von dieser Gruppe in dem Geschehen aufwacht, sind sie allgemein viel zu sauer, um sich aktiv zu beschweren.

Einer der Hauptarten des psychopathischen Raubzuges ist die Ausnutzung des normalen Bedürfnisses einer Person, im Leben Bedeutung oder Bestimmung zu finden. Sie werden als bekümmerte Lebensberater oder ‚Experten‘ aller Themengebiete auftreten und eine Gefolgschaft von Leuten, die nach Antworten suchen, aufbauen. Sie sind Meister darin, ‚Blockaden‘ und Selbstzweifel, die die meisten Menschen haben, aufzuspüren und sie werden auf unverschämter Weise den Defiziten Befriedigung verschaffen, um die betreffende Person später als Anhänger zur Verfügung zu haben. Hare berichtet über eine Psychologin in einer psychiatrischen Klinik, deren Leben durch einen psychopathischen Patienten ruiniert wurde. Er räumte ihr Bankkonto aus, überzog ihre Kreditkarte und verschwand dann. Wie verschaffte er sich zu ihr Zugang? Sie sagte, dass ihr Leben ’sinnlos‘ und ‚leer‘ wäre, und dann erlag sie einfach seinen süßen Worten und verbalen Liebkosungen. Wie wir bereits wissen, sind solche Worte für den Psychopath nur ein billiges ‚gesetzliches Zahlungsmittel‘. Sie können sagen: „Ich werde für dich beten“ oder „Ich liebe dich“, nur um Eindruck zu erwecken. Es bedeutet ihnen wirklich, wirklich nichts. Aber manche Menschen sind so einsam und verzweifelt, dass selbst Imitationen besser sind als gar nichts.

Und dann gibt es natürlich Leute, die selbst schon in einem derartigen Ausmaß psychologisch beschädigt wurden, dass der Psychopath die naheliegende Partnerwahl ist. Es kann sein, dass solche Menschen es brauchen, schlecht behandelt zu werden, oder ein Bedürfnis haben, durch Gefahr einen Kitzel zu verspüren, oder ein Bedürfnis haben, jemanden, dessen Seele offensichtlich am Abgrund steht, zu ‚retten‘ oder zu ‚reparieren‘.

Der Autor eines Buches über Richard Ramirez, der teufelsanbetende ’nächtliche Nachsteller‘, berichtete in über eine junge Studentin, die bei den Verhandlungen seiner Untersuchungshaft im Publikum saß und Liebesbriefe und Fotos von ihr an Ramirez sandte. „Ich fühle solche Leidenschaft für ihn. Wenn ich ihn ansehe, sehe ich einen wirklich hübschen Kerl, der sein Leben verpfuscht hat, weil er nie jemanden hatte, der ihn führt“, soll sie gesagt haben. [Dr. Robert Hare]

Leider haben Psychopathen, wie wir sehen können, keinen Mangel an Opfer, weil so viele Menschen bereit und willig sind, diese Rolle zu spielen. Und in vielen, vielen Fällen weigert sich das Opfer einfach, die Beweise zu sehen, dass sie Opfer geworden sind. Psychologische ‚Abwehrschirme‘ lassen schmerzhaftes Wissen außen vorbei, und Menschen mit größerem Investment in ihre Phantasien sind oft nicht fähig anzuerkennen, dass sie getäuscht wurden, weil es einfach zu schmerzhaft ist. Meistens sind das Frauen, die sich streng an das traditionelle Frauenbild halten; mit einem Starken Sinn für das, was eine ‚gute Ehefrau‘ ausmacht. Sie glaubt, dass, wenn sie es noch stärker versucht, oder einfach noch ein wenig abwartet, sich ihr Mann bessern wird. Wenn er sie ignoriert, missbraucht oder betrügt, entscheidet sie sich einfach, „noch mehr zu geben, noch mehr Energie in die Beziehung zu investieren, und sich noch besser um ihn zu kümmern“. Sie glaubt, dass, wenn sie das tut, er es vielleicht doch bemerkt und sieht, wie wertvoll sie ist und in Dankbarkeit auf seine Knie fällt und sie wie eine Königin behandelt.

Träumt weiter.

Fakt ist, dass so eine Frau – mit ihrer heftigen Hingabe an so einen Mann, mit ihrer Widmung an das Bild einer korrekten Ehefrau – es diesen Märchen erlaubt hat, ihren Sinn für Realität zu verzerren. Die Realität ist, dass sie zu einem Leben voll von Missbrauch und Enttäuschung, „bis der Tod euch scheidet“, verdammt ist.

Eine der grundsätzlichen Annahmen der Psychotherapie ist es, dass der Patient etwas gegen verstörende oder schmerzvolle emotionale Probleme will und braucht. Die Psychopathin aber denkt nicht, dass sie psychologische oder emotionale Probleme hat, und sieht keinen Grund, ihr Verhalten für Standards zu ändern, denen sie nicht zustimmt. Sie sind durchaus zufrieden mit sich selbst und ihrer inneren Landschaften. Sie finden nichts falsches in ihrer Denk- oder Handlungsweise und sehen niemals mit Bedauern zurück oder mit Sorge nach vor. Sie halten sich selbst für überlegene Wesen in einer feindlichen Welt, in der die anderen nur Konkurrenz in der Suche nach Macht und Ressourcen sind. Sie fühlen, dass es der optimale Weg ist, zu manipulieren und andere zu täuschen, um zu bekommen, was sie wollen.

Die meisten Therapieprogramme versorgen sie nur mit weiteren Entschuldigungen für ihr Verhalten, sowie mit neuen Einsichten in die Verletzbarkeit von Anderen. Durch Psychotherapie lernen sie neue und bessere Wege der Manipulation. Sie bringen keine Anstrengung auf , um ihre eigenen Ansichten und Haltungen zu ändern.

Ein konkreter Psychopath, der von Dr. Hare und seinem Team studiert wurde, befand sich in einer Gruppentherapie in einem Gefängnis. Der Gefängnispsychiater schrieb in seinem Bericht: „Er macht gute Fortschritte… Er scheint mehr um andere besorgt zu sein und viel von seinem kriminellen Denken verloren zu haben.“

Zwei Jahre später interviewte einer der Mitarbeiter von Dr. Hare diesen Mann. Es sollte hier klargestellt werden, dass, um die Forschung genauer zu machen, Vereinbarungen getroffen wurden, dass nichts von dem, was die Untersuchungssubjekte zu Hare und seinem Team sagten, der Gefängnisleitung weitergesagt werden würde. Sie hielten sich an diese Vereinbarung um sicherzustellen, dass die Untersuchungssubjekte sich in ihren Aussagen frei fühlten. Psychopathen, wenn sie wissen, dass sie nicht für das bestraft werden, was sie ausdrücken, prahlen sehr gerne über ihre Fähigkeiten, andere irreführen zu können. Der Mann, über den von diesem Gefängnispsychiater festgehalten wurde, dass er bemerkenswerte Fortschritte gemacht habe, wurde von Dr. Hares Mitarbeiterin folgendermaßen beschrieben: „Der furchteinflößendste Straftäter, den ich jemals getroffen habe. Er offen geprahlt, wie er die Gefängnismitarbeiter dahingehend getäuscht hatte, zu denken, dass er am besten Weg zur Rehabilitation war. „Ich kann es nicht glauben“, meinte dieser Psychopath. „Wer hat diesen Psychologie-Typen die Lizenz zur Praxis gegeben? Ich würde die nicht einmal meinen Hund ‚psychoanalysieren‘ lassen! Er würde sie von oben bis unten an***eißen, genauso ich ich es getan habe!“

Psychopathen sind keine „zerbrechlichen“ Individuen, wir Robert Hare nach Jahren der Forschung schlussfolgert. Was sie denken und tun ist das Resultat einer „felsenfesten Persönlichkeitsstruktur, die gegenüber externen Beeinflussungen extrem resistent ist.“ Viele von ihnen werden über Jahre hinweg von gut-meinenden Familien und Freunden von ihren Konsequenzen ferngehalten. Solange ihr Verhalten ungeprüft und unbestraft bleibt, gehen Psychopathen ohne große Unannehmlichkeiten durchs Leben.

Manche Forscher denken, dass Psychopathie ein Resultat einer Bindungs-Schwierigkeit als Säugling ist. Dr. Hare hat nach all seinen Jahren des Grabens in den Hintergrund von Psychopathen diese Vorstellung umgekehrt. Er sagt:

In manchen Kindern ist die Schwierigkeit zur Bindung ein Symptom von Psychopathie. Es ist wahrscheinlich, das diesen Kindern diese Fähigkeit zur Bindung von Anfang an fehlt, und dass ihre fehlende Bindung größtenteils das Resultat, nicht die Ursache, von Psychopathie ist. [Dr. Robert Hare]

In anderen Worten: sie werden als solche geboren und man kann sie nicht ‚reparieren‘.

Für viele Menschen ist die Vorstellung eines Kinder-Psychopathen fast undenkbar. Faktum aber ist, dass Psychopathen geboren, nicht gemacht werden. Natürlich gibt es auch ‚fabrizierte‘ Psychopathen, aber sie unterscheiden sich im Allgemeinen auf mehrere Arten von den geborenen Psychopathen.

Fakt ist, dass klinische Forschung klar demonstriert, dass Psychopathie nicht im Erwachsenen nicht ohne Vorwarnung entsteht. Die Symptome zeigen sich bereits im frühen Leben. Es scheint wahr zu sein, dass Eltern von Psychopathen wissen, dass etwas entsetzlich falsch läuft, selbst schon bevor das Kind in die Schule geht. Solche Kinder sind hartnäckig immun gegen Sozialisierungsdruck. Sie ‚unterscheiden‘ sich von anderen Kindern auf unfassbar vielen Arten. Sie können ’schwieriger‘, ‚willensstärker‘ oder aggressiver sein, und es ist schwierig, zu ihnen einen ‚Kontakt‘ aufzubauen. Es ist wirklich schwierig, ihnen nahe zu kommen; kalt, distanziert und selbstgenügsam.

Eine Mutter sagte: „Wir schafften es nie, ihr nahe zu kommen, selbst als sie noch ein Säugling war. Sie versuchte immer, selbst ihren Willen durchzusetzen, sei es über süßes Verhalten oder wütendes Verhalten. Sie kann süße und herzzerreißende Vorstellungen liefern…“

Faktum ist: kindliche Psychopathie ist eine nüchterne Realität, und es nicht zu erkennen kann zu jahrelangen vergeblichen Versuchen führen, herauszufinden, was mit dem Kind falsch läuft; elterlichen Schuldzuschreibungen inklusive. Hare schreibt:

Während die Anzeichen für den sozialen Zusammenbruch immer nachdrücklicher werden, haben wir nicht länger den Luxus, die Präsenz von Psychopathie in manchen Kindern zu ignorieren. Vor einem halben Jahrhundert warnten uns Hervey Cleckley und Robert Lindner, dass unsere Unfähigkeit, die Psychopathen unter uns anzuerkennen, bereits eine soziale Krise ausgelöst hat. Heute begegnen unsere sozialen Einrichtungen – unsere Schulen, Gerichte, psychiatrische Abteilungen – dem Problem auf tausenden von Arten, aber die Augenbinde gegenüber der Realität der Psychopathie ist immer noch an ihrem Platz. […]

Das letzte Jahrzehnt war Zeuge der Entstehung einer unausweichlichen und entsetzlichen Realität: ein dramatischer Anstieg an jugendlichen Verbrechen, die drohen, unsere sozialen Institutionen zu überwältigen. […] Es geht um Kinder unter zehn Jahren, die zu Arten von geistloser Gewalt fähig sind, die einst nur für abgehärtete erwachsene Täter reserviert war. […] Zur Zeit der Verfassung dieses Buches sucht ein kleines Städtchen in einem westlichen Bundesstaat [der USA] verzweifelt nach Wegen, mit einem Neunjährigen umzugehen, der angeblich andere Kinder unter Vorhaltung eines Messers ausraubt und anpöbelt. Er ist zu jung um angeklagt zu werden und kann auch nicht in Schutzhaft genommen werden, da „so ein Vorgehen nur dann erlaubt ist, wenn das Kind – nicht die Opfer – in Gefahr ist“, so ein Beauftragter für Kindersicherheit. [Dr. Robert Hare]

Warum sieht es danach aus, dass wir heute eine wahrhaftige Epidemie an Psychopathen haben?

Soziobiologen schlagen vor, dass zunehmende Psychopathie eine Äußerung einer bestimmten, genetisch basierten Reproduktionsstrategie ist. Einfach gesagt, die meisten normalen Menschen haben zwei Kinder und bringen viel Zeit und Anstrengung in ihre Erziehung ein. Psychopathen gehen Partnerschaften mit einer großen Zahl von Frauen ein, die sie anschließend verlassen. Sie investieren nur wenig ihrer Energie in die Erziehung ihrer Kinder; auf diese Art werden psychopathische Gene wie ein Lauffeuer verbreitet. Die Soziobiologen sagen nicht, dass das Sexualverhalten dieser Leute bewusst gesteuert wird, sondern nur, dass ‚die Natur‘ sie dahingehend ausgestattet hat, dass es effektiv abläuft.

Das Benehmen von weiblichen Psychopathen reflektiert dieselbe Strategie. „Ich kann jederzeit noch ein Kind haben“, antwortete eine weibliche Psychopathin kalt, als sie über einen Zwischenfall befragt wurde, in der ihre zwei Jahre alte Tochter von einem ihrer Liebhaber zu Tode geprügelt wurde. Als sie gefragt wurde, warum sie ein weiteres Kind haben wolle (zwei von ihnen waren bereits in Schutzhaft gebracht worden), sagte sie: „Ich liebe Kinder.“ Erneut sehen wir, dass die zum Ausdruck gebrachte Emotion im Widerspruch zu ihrem Verhalten steht.

Talente im Betrügen scheinen einen Mehrwert in unserer Gesellschaft zu haben. Tatsache ist: Psychopathen schaffen es oft bis an die Spitze, John Fores Nash zum Beispiel.

Der Appeal des Psychopathen war noch nie größer als zum jetzigen Zeitpunkt der Geschichte. Kinofilme über Psychopathen machen das große Geschäft. Hare fragt „Warum?“ Was trägt zu der unheimlichen Macht bei, die die Persönlichkeit ohne Gewissen auf unsere kollektive Phantasie ausübt? Ein Theoretiker schlägt vor, dass Menschen, die Psychopathen bewundern, an sie glauben oder sich mit ihnen identifizieren, auch wenn nur peripher, teilweise selbst Psychopathen sind. Indem sie mit einem Psychopathen interagieren, selbst wenn es nur über die Leinwand ist, können sie auf voyeuristische Art einen inneren Zustand genießen, der nicht durch die Randbedingungen der Moral eingeschränkt ist. Solche Leute sind dazu fähig, aggressive und sexuelle Freuden unbehelligt zu genießen.

Für normale Menschen können solche Filme dazu dienen, sich an die Gefahr und Zerstörungskraft des Psychopathen zu erinnern. Sie werden in dem Gefühl zusammenzucken, dass etwas kaltes und dunkles in ihr Genick geatmet hat. Für andere wiederum, z.B. Leute mit einem nur niedrig entwickelten inneren Selbst, stellen solche Filme und Glorifikationen psychopathischen Verhaltens nur eine Vorlage für ernste gewaltsame Übergriffe und Plünderungen Anderen gegenüber dar.

Manche Psychologen rationalisieren psychopathisches Verhalten, sagen, dass Trauma, Misshandlung, etc. Schuld daran hat. Das Problem dabei ist, dass das Argument nicht bei allen Fällen standhält.

Es scheint, dass der einzige Unterschied, den eine Familie macht, nur darin liegt, wie sich der Psychopath entfaltet. Ein Psychopath, der in einer stabilen Familie aufwächst und Zugang zu positiven sozialen und bildenden Ressourcen hat, mag ein ‚Weißkittel-Krimineller‘ werden, oder vielleicht ein etwas fragwürdiger Unternehmer, Politiker, Anwalt oder anderer Professionist. Ein anderes Individuum mit denselben Eigenschaften, aber aus einem ärmlicheren Umfeld, mag ein ‚Wald-und-Wiesen‘ Betrüger werden, ein Landstreicher, Soldat oder gewaltsamer Krimineller.

Der Punkt ist hier, dass soziale Faktoren und elterliche Praktiken nur die Ausdrucksform dieser Krankheit prägt, aber nichts an der Unfähigkeit des Individuums ändern kann, Empathie zu empfinden oder ein Gewissen zu entwickeln.

Robert Hare übermittelte einmal eine Publikation an ein wissenschaftliches Journal. Die Publikation inkludierte EEGs von mehreren Gruppen erwachsener Männlicher, die eine Sprachaufgabe bewältigen mussten. Der Redakteur wies die Publikation mit dem Kommentar zurück: „Diese EEGs können nicht von echten Menschen stammen.“

Aber das waren sie. Es waren die EEGs von Psychopathen.

Manche Menschen haben Psychopathie mit Schizophrenie verglichen. Zwischen beiden gibt es jedoch einen entscheidenden Unterschied, wie wir im Folgenden sehen werden:

Schitzophrenie und Psychopathie sind beide durch impulsives, schlecht geplantes Verhalten charakterisiert. Dieses Verhalten mag in einem schwachen bzw. schlecht koordinierten Reaktions-Unterdrückungssystems wurzeln. Wir testeten die Hypothese, dass Schitzophrenie und Psychopathie mit abnormaler neuronaler Verarbeitung während der Unterdrückung von unangebrachten Reaktionen zusammenhängt.

Die Versuchsteilnehmer waren schitzophrene Patienten, nichtpsychotische Psychopathen und nichtpsychotische, nichtpsychopathische Kontrollsubjekte (festgelegt durch die überarbeitete Psychopathie-Checkliste nach Hare), die alle in einer psychiatrischen Hochsicherheitsklinik eingewiesen waren. Wir zeichneten Verhaltensrückmeldungen und ereignisbezogene Potenziale (ERPs) während eines Go/No-go Association Task (GNAT) auf.

Resultate: Schitzophrene Patienten machten häufigere Aktionsfehler als die nichtpsychopathischen Missetäter. Wie erwartet zeigten die nichtpsychotischen nichtpsychopathischen Teilnehmer größere frontale ERP Negativität (N275) beim No Go Reiz als beim Go Reiz. Dieser Effekt war in den schitzophrenen Patienten klein und fehlte bei den Psychopathen vollständig. Bei den Nichtpsychopathen war die P375 ERP Komponente bei Go größer als bei No Go Tests, ein Unterschied, der bei schitzophrenen Patienten fehlte und bei Psychopathen in die andere Richtung wies.

Schlussfolgerungen: Die Erkenntnisse unterstützen die Hypothese, dass der neurale Prozess, der im Reaktions-Unterdrückungssystem involviert ist, sowohl bei Schitzophrenen als auch bei Psychopathen vorhanden ist; jedoch scheint die Natur dieser Prozesse bei beiden Krankheiten unterschiedlich zu sein.

„Mehr und mehr Daten führen zur Schlussfolgerung, dass Psychopathie eine biologische Basis, und viele Eigenschaften einer Krankheit hat“, sagt Sabine Herpertz, eine Psychiaterin auf der RWTH-Aachen Universität in Deutschland.

Die bildgebenden Verfahren der Positron-Emissions Tomographie (PET) und Magnetresonanztomographie (MRT) ermöglichen es, Psychopathie noch weiter zu untersuchen. Diese Methoden erlauben es Forschern eventuell herauszufinden, ob die physiologischen und emotionalen Defizite von Psychopathen auf spezifische Unterschiede in der Anatomie und Aktivierung des Gehirns zurückzuführen sind.

Unter den Forschern, die derzeit beginnen, sich dieses Gebietes zu widmen, gibt es zwei Haupttheorien über Psychopathie. Die erste, vertreten von Adrian Raine von der Universität von Südkalifornien, Los Angeles, unterstützt durch die Arbeit von Antonio Damasio, Universität von Iowa, weist einer Gehirnregion namens Orbiofrontaler Kortex eine Hauptrolle zu. Sie ist Teil einer Region im Gehirn, die als Präfrontaler Kortex bekannt ist, und in der bewussten Entscheidungsfindung involviert ist.

Eine andere Theorie von James Blair, University College London, hält fest, dass die fundamentale Fehlfunktion innerhalb der Amygdala liegt, eine kleine, mandelförmige Struktur des Gehirns, dass eine kritische Rolle in der Verarbeitung von Emotionen und dem Vermitteln von Angst spielt. Blair hat vor kurzem mittels PE-Tomographie gezeigt, dass die Amygdala von normalen Testpersonen immer dann aktiviert ist, wenn es eine Reaktion auf die Traurigkeit und Ärger Anderer gibt, und er hypothetisiert, dass eine Fehlfunktion der Amygdala die Abwesenheit von Furcht und Empathie erklären kann.

Blair hebt hervor, dass die beiden Theorien sich nicht unbedingt ausschließen müssen, da der Orbitofrontale Kortex, der ‚denkt‘, und die Amygdala, die ‚fühlt‘, innig miteinander verbunden sind.

Nach einen weithin verbreiteten Vermutung, dass die Strafjustiz und mentalen Gesundheitssysteme dabei versagen, mit gefährlichen Psychopathen effektiv umzugehen, gibt es bereits eine Bewegung in mehreren Ländern, grundlegende Justizreformen durchzuführen. Der kontroverseste Vorschlag ist, es möglich zu machen, dass Individuen, die schwere Persönlichkeitsstörungen haben, in sicheren mentalen Institutionen einzuweisen, selbst wenn sie keiner Verbrechen angeschuldigt sind. Obwohl solche Regelungen Bürgerrechtskampagnen ausgelöst haben, beinhaltet das Maßnahmenpaket auch eine Reform im Gefängnisbetrieb, um den Umgang mit jenen, die APS (antisoziale Persönlichkeitsstörung) haben – Psychopathen inklusive – zu verbessern.

Gemäß einem Individuum, das unter der Herrschaft eines Psychopathen gelitten hat:

Die Welt hat nur ein Problem, Psychopathen. Es gibt zwei grundlegende Formen von Psychopathen, soziale und antisoziale. Die ureigenste Eigenschaft von Psychopathen ist ein durchdringendes, zwanghaft-triebhaftes Verlangen, ihre Wahnvorstellungen anderen aufzuerlegen. Psychopathen ignorieren und verletzen die Rechte Anderer vollständig, besonders die Freiheit einer Beziehungs- bzw. Verbundenheit mit ihnen, was das Grundrecht der Vereinigungsfreiheit und das Recht, sich zuwenden zu können, zu wem man will, miteinschließt.

Immer wieder stoßen wir auf dasselbe ‚kleine‘ Problem: Religion und Glaubenssysteme, die im Angesicht von objektiven Beweisen oder einem sich unterscheidenden Glauben Anderer verteidigt werden müssen. Wir müssen uns fragen: „Woher kamen alle diese Glaubenssysteme, die nachweislich so katastrophale Wirkungen haben?“ Und wir sollten auch die Tatsache bemerken, dass am jetzigen Zeitpunkt der Geschichte, wo viele dieser Glaubenssysteme zusammenbrechen und durch neue ersetzt werden, die auf ähnliche Weise unsere Aufmerksamkeit davon ablenken, was ist, es für das System notwendig wird, eine gewisse Art des Denkens zu ‚erzwingen‘. Und genau das ist es, was Psychopathen am besten können.

Psychopathen dominieren und setzen die Verhaltensstandards in unserer Gesellschaft. Wir leben in einer Welt, die auf einer psychopathischen, energieraubenden Nahrungskette aufgebaut ist, weil es hier einfach so abläuft. Die meisten Menschen sind bereits so beschädigt, dass sie nicht einmal die Kapazität haben, sich ein anderes System lediglich vorzustellen – eines, das auf einem symbiotischen Netzwerk basiert.

Sie sind nicht nur von Anderen beschädigt, sondern auch von den tausend kleinen Dingen, die sie wiederum Anderen angetan haben, um zu überleben. Um das System so wahrzunehmen, wie es ist, müssten die Leute auch jenen Teil sehen, den sie beigetragen haben, um es aufrechtzuerhalten. Das ist von einem zerbrechlichen Ego sehr viel verlangt. Auch wollen die, die keine Psychopathen sind, immer noch menschliche Kontakte herstellen, aber fürchten sich davor, dass sie – energetisch gesprochen – ausgenutzt oder bestohlen werden würden.

Mit dieser kurzen historischen Rückschau werden wir uns akut darüber gewahr, dass dieses Phänomen nicht auf unsere gegenwärtige Zeit beschränkt ist. Es ist eine jahrtausende-umspannende evolutionäre Strategie, die uns Schritt für Schritt in unsere jetzige Situation gebracht hat. Was sich am heutigen Tage zeigt, ist nicht mehr als eine MACHIAVELLI’sche Ablenkung, die die Aufmerksamkeit jener sammelt, die leicht zu täuschen sind. Das wird durch den ‚Beifall‘ in der Audienz nur noch verstärkt, und es scheint, als ob eine ganze Armee von Psychopathen unter uns ist, deren Job es ist, Aufmerksamkeit abzulenken und generell umzuleiten. Wir hoffen, dass die Leser dieses Textes sich selbst erlauben, eine neue Art des Seins zu erträumen, zu erforschen und umzusetzen. Und sich auch durchzusetzen, während sie das tun. Wilhelm Reich schrieb:

Warum geriet die Menschheit über die Jahrtausende hinweg jedes Mal, wenn sie wissenschaftliche, philosophische, oder religiöse Systeme errichtete, auf Abwege? Und zwar mit solcher Hartnäckigkeit und mit solch katastrophischen Konsequenzen? […]

Die Antwort liegt irgendwo in jenem Bereich unserer Existenz, der so massiv von organisierten Religionen verdunkelt und außerhalb unserer Reichweite platziert wurde. Folglich liegt sie wahrscheinlich in der Beziehung der Menschen zu den kosmischen Energien, die ihn bestimmen.

Dieselbe Frage wird von Castanedas Don Juan gestellt:

[…] „Ich wende mich an deinen analytischen Verstand“, sagte Don Juan. „Denk einen Augenblick nach und sag mir, wie du den Widerspruch zwischen der Intelligenz des Menschen als Techniker und der Dummheit des Systems seiner Überzeugungen erklärst oder der Dummheit seines widersprüchlichen Verhaltens. Die Zauberer glauben, dass die Räuber uns das System unserer Überzeugungen, unsere Vorstellung von Gut und Böse, unsere gesellschaftlichen Sitten gegeben haben. Sie bringen unsere Hoffnungen und Erwartungen hervor und unsere Träume von Erfolg oder Versagen. Von ihnen stammen Verlangen, Gier und Feigheit. Die Raubwesen sind es, die uns zufrieden und egoistisch und zu Gewohnheitstieren machen.“

[…] „Um uns gehorsam, demütig und schwach zu halten, haben die räuberischen Wesen zu einem ungeheuerlichen Manöver gegriffen – ungeheuerlich natürlich vom Standpunkt eines Kampfstrategen. Und es ist ein schreckliches Manöver vom Standpunkt derer, die darunter leiden. Sie haben uns ihr Bewusstsein gegeben! Verstehst du? Die Räuber geben uns ihr Bewusstsein, das unser Bewusstsein wird. Ihr Bewusstsein ist verschlungen, widersprüchlich, verdrießlich und von der Angst erfüllt, jederzeit entdeckt zu werden. […] Durch das Bewusstsein, das schließlich ihr Bewusstsein ist, lassen die Raubwesen in das Leben der Menschen einfließen, was immer vorteilhaft für sie selbst ist.“

[Carlos Castaneda in Das Wirken der Unendlichkeit]

Dasselbe Problem wurde auch von Georges Gurdjieff überzeichnet:

„In der derzeitigen Situation der Menschheit gibt es nichts, was auf eine fortschreitende Evolution hinweist. Wenn wir die Menschheit mit einem Menschen vergleichen, sehen wir wir klar das Wachstum von Personalität auf Kosten der Essenz, das heißt, ein Wachstum des Künstlichen, des Unwirklichen und des Fremden auf Kosten des Natürlichen, des Realen, und dessen, was das Eigentum ist.“

„Gleichzeitig sehen wir ein Wachstum des Automatismus.“

„Gegenwärtige Kulturen erfordern Automation. […] Eines ist sicher, die Sklaverei der Menschen wächst und wächst. Der Mensch wird ein williger Sklave. Er braucht keine Ketten mehr. Er gewöhnt sich an seine Sklaverei, ist auf sie stolz. Und das ist das allerschlimmste, was einem Menschen passieren kann.“

[Gurdjieff]

Intoleranz und Grausamkeit sind Voraussetzungen für eine ‚Vertuschung‘. Eine gewisse Sorte von ‚menschlichen Wesen‘ agiert im Sinne dieser Vertuschung. In diesem Sinne sind Psychopathen als Alien-Reaktionsmaschinen die Spielfiguren in den geheimen Spielen der Götter.

Die Quantum Future Group und sott.net sind bestrebt, Ihnen alle Informationen bekannt zu machen, die ihnen helfen, ein Leben frei von seelenabtötenden Manipulationen Anderer zu führen.

Unser großer Dank geht an die Besitzer der Webseite Psychopathic Personality Disorder“ für ihre freundliche Erlaubnis, von ihren Forschungsergebnissen zitieren zu dürfen. Bevor wir mit unseren Untersuchungen anfingen, hatten wir keine Ahnung, wie verbreitet das Problem war, und wie viele Opfer es gibt.

Weiterführender Artikel: Der Trick des Psychopathen: Uns glauben machen, dass Böses von anderswo kommt

Weiterführender Artikel (Englisch): Official Culture in America: A Natural State of Psychopathy?

Weiterführende Literatur

  • Cleckley, Hervey (1903-1984) The Mask of Sanity, Fifth Edition, 1988. Previous editions copyrighted 1941, 1950, 1955, 1964, 1976 by St. Louis: Mosby Co.
  • Fishbein, D. (2000) (ed) The Science, Treatment, and Prevention of Antisocial Behaviors. Kingston, NJ: Civic Research Institute.
  • Giannangelo, S. (1996) The Psychopathology of Serial Murder. Westport: Praeger.
  • Hare, R. (1991) The Hare Psychopathy Checklist-Revised. Toronto: Multi-Health Systems.
  • Hare, R. (1993) Without Conscience: The Disturbing World of the Psychopaths among us. NY: Pocket Books.
  • Hare, R. (1996) Psychopathy: A clinical construct whose time has come. Criminal Justice and Behavior 23:25-54.
  • Jenkins, R. (1960) The psychopath or antisocial personality. Journal of Nervous and Mental Disease 131:318-34.
  • Lykken, D. (1995) TheAntisocial Personalities. Hillsdale: Erlbaum.
  • McCord W. & J. (1964) The Psychopath: An Essay on the Criminal Mind. Princeton: Van Nostrand.
  • Millon, T., E. Simonsen, M. Birket-Smith & R. Davis (1998) Psychopathy: Antisocial, Criminal, and Violent Behavior. NY: Guilford Press.
  • Robins, L. (1978) Aetiological implications in studies of childhood histories relating to antisocial personality. In R. Hare & D. Schalling (eds) Psychopathic Behavior. Chichester: Wiley.
  • Rogers, R., R. Salekin, K. Sewell & K. Cruise (2000) Prototypical analysis of antisocial personality disorder. Criminal Justice and Behavior 27(2) 234-55.
  • Sher, K. & Trull, T. (1994) Personality and disinhibitory psychopathology: Alcoholism and antisocial personality disorder. Journal of Abnormal Psychology 103:92-102.
  • Toch, H. & K. Adams (1994) The Disturbed Violent Offender. Washington: APA.

Linksammlung zum Thema

Das Material in den externen Seiten reflektiert nicht unbedingt die Ansichten oder Meinungen der Redakteure. Wie immer, Caveat lector!

Videosammlung zum Thema (deutsch/englisch)

Auch hier zählt, Caveat lector!

FUßNOTEN

  1. lose übersetzt, „Die Maske der Normalität“, AdÜ
  2. lose übersetzt, „Der gesellschaftlich versierte Psychopath“, AdÜ
  3. Die United States Junior Chamber oder Jaycees ist eine Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Personen im Alter zwischen 18 und 40 im Geschäftsleben und bei ihrer beruflichen Karriere weiterzuhelfen. [Wikipedia]
  4. lose übersetzt „Wenn die Prophezeiung ausbleibt“
  5. im Original annual (jährlich) anstatt anal.
  6. im Original unconscientious (kein gültiges Wort) anstatt unconscious (ohnmächtig).
  7. im Original escape goat anstatt scapegoat (Sündenbock).
  8. im Original migrating facts anstatt mitigating facts (mildernde Umstände).
  9. lose übersetzt „Gewalttätige Anhängsel“

Kommentar: Dieser Artikel ist Teil einer Forschungs-Serie von Sott.net:

Der Psychopath – Teil 1: Die Maske der Normalität
Der Psychopath – Teil 2: Psychopathen in der New Age Bewegung
Der Psychopath – Teil 3: Was ist ein Psychopath?
Der Psychopath – Teil 4: Wie Psychopathen die Welt sehen
Der Psychopath – Teil 5: Psychopathen und Beziehungen
Der Psychopath – Teil 6: Wie man mit Psychopathen umgeht
Der Psychopath – Teil 7: Symptome/Checklisten für Psychopathie
Fragen & Antworten mit Laura Knight-Jadczyk: Psychopathie
Der Trick Des Psychopathen: Uns glauben machen, dass Böses von anderswo kommt
Vereinigungsfreiheit, Rauchen und Psychopathie
John F. Kennedy und die Verzerrung der Politischen Ponerologie
Der psychopathische Arzt: Dr. Heinrich Gross
Ponerologie, Pathokratie und der große Fehler der einseitigen Berichterstattung durch die Medien

9. April 2018
Rubrik: Politik/Gesellschaft/Umwelt

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