Entwicklung des Schattentheaters in Europa von den Ursprüngen bis zur Gegenwart

Rainer Reusch und Norbert Götz

In der Türkei bekannt als Karagöz und Hacivat, in Griechenland als Karagiozis

Der Ursprung

Indonesische Schattenfigur

Abb. 1: Indonesische Schattenfigur aus Pergament mit reicher Binnendekoration

Zweifellos hat sich das Schattenspiel im Fernen Osten entwickelt, in China, Indien und Indonesien. Wo und wann genau allerdings liegt im Dunkeln. Wahrscheinlich aber reicht seine Entstehung in vorgeschichtliche Zeit hinein. Lediglich eine anrührende chinesische Legende aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. erzählt davon, dass ein Schattenspieler die verstorbene Gattin des Kaisers Wu als Schattenbild wieder auferstehen ließ. Ge­sicherte schriftliche Zeugnisse aber gibt es erst seit 1000 n. Chr. (Abb. 1).

Europäische Schattenfigur

Abb. 2: Europäische Schattenfigur aus undurchsichtigem Material. Keine Binnendekoration. (Puppen­theater­museum München)

Im 17. Jahrhundert brachten Händler das „Spiel mit dem Dunkel“ über Persien, Arabien und die Türkei bis nach Europa.
Es fasste Fuß in Griechenland, wo sich – wie auch auf dem Balkan und in Ägypten – eine Variante des türkischen Schattenspiels mit den Figuren Karagöz und Hacivat ausbildete.
Die nächste Station war Süditalien. Das älteste schriftliche Zeugnis über das Schattenspiel in Europa aus dem Jahre 1674 stammt von dort. Ko­mö­dianten und Puppenspieler brachten das begeisternde Spiel über die Alpen nach Norden und neun Jahre später schon bittet eine Ko­mö­di­an­tengesellschaft aus Danzig um Erlaubnis, „Italienische Schatten“ aufführen zu dürfen.

Ähnliches FotoAbb. 3: Türkei: Karagöz, Hacivat

Waren die fernöstlichen Figuren aus bemaltem Pergament geschnitten und häufig von dekorativen Verzierungen übersät, so legten die europäischen Spieler keinen Wert auf Dekoration. Sie fertigten die Figuren aus un­durch­sichtigem Material, aus Pappe, Holz und sogar Metall. Nur Umriss und Bewegung waren wichtig und ausgetüftelte Systeme aus Faden und Draht wurden erfunden, um die Bewegungsquelle zu vertuschen. Das notwendige Licht wurde wie im Osten mit Öl oder Fackeln erzeugt. Die flackernde Flamme aber warf unruhige Schatten und die Figur musste der Konturenschärfe wegen direkt an der Leinwand geführt werden. Schattenfigur und Schattenwurf waren identisch. Streng genommen handelt es sich eigentlich um ein Silhouettenspiel, da die wesentlichste Ei­gen­schaft des Schattens, die Veränderbarkeit der Form, keinerlei Ausdruck fand.

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Abb. 4: Griechenland: Karagiozis, Chatzivatis

In Frankreich etabliert sich das Schattenspiel unter dem Namen „Ombres Chinoises“. Berühmt war dort das „Theatre Seraphin“ in Versailles, das fast hundert Jahre lang existierte (1772-1870). Seraphin bereiste halb Europa. 1886 trat das weltweit erste Kabarett „Le Chat Noir“ mit seinem Intendanten Rudolphe Salis und dem künstlerischen Leiter Henri Rivière ins Rampenlicht. Musiker, Schriftsteller, Künstler und Naturwissenschaftler trafen sich dort und brachten Stücke von hoher künstlerischer und technischer Qualität auf die Bühne. Leider existierte dieses Kabarett nur 10 Jahre. Dann inszenierten diverse Le-Chat-Noir-Spieler die Stücke neu, traten u.a. bei der Pariser Weltausstellung 1900 auf und machten ihre Kunst weltweit bekannt. Bis heute ist Frankreich eines der bedeutendsten Schattenspielländer Europas.

In Deutschland erlebte das Schattenspiel seinen ersten Höhepunkt in der Romantik. Da der Schatten in seiner Ausdrucksstärke tief anzurühren vermag, wundert es nicht, daß diese Kunst ihre Blüte in einer Zeit erlebte, in der die Gefühlseite des Menschen im Mittelpunkt stand. Goethe, Brentano, von Pocci, Arnim, Kerner, Uhland, Mörike u.a. schrieben Stücke für Schattenspiel und führten sie z.T. auch selbst auf. Es gehörte zum guten Ton einer bür­ger­lichen Familie, dass sie Scherenschnitte herstellen und mit Menschen und Figurenschatten spielen konnte.

In England fand das Schattenspiel seinen Aufführungsschwerpunkt in London. Ab 1850 gewann es dort zunehmend an Bedeutung. Die sogenannten „Gallanty-Shows“ erfreuten sich großer Beliebtheit.

Der Übergang

Die Erfindung des Films um 1900 und die beiden Weltkriege hätten beinahe das Ende des Schattenspiels bedeutet. Nur weil sich einige Wenige mit ganzer Kraft und voller Begeisterung für seine Erhaltung einsetzten, konnte es über diese schwierige Zeit weitergetragen und gerettet werden. Zu verdanken ist dies u.a. dem Expressionisten Ernst Moritz Engert, den Betreibern der „Schwabinger Schattenspiele“ Alexander von Bernus und Rolf Hoerschelmann, Lotte Reiniger mit ihren für Scherenschnitte begnadeten Händen, der agilen Initiatorin der Hamburger Schattenspielertreffen Margarethe Cordes, dem Pädagogen Leo Weismantel, Prof. Otto Kraemer mit seinen technischen Schattenfigur-Wunderwerken und Prof. Max Bührmann und seinen chinesischen Schatten.
In den Niederlanden waren es Ko Doncker, Pier van Gelder und Frans ter Gast, in Frankreich Paul Vieillard und in Tschechien Jan Malik, die sich um das Überleben des Schattenspiels große Verdienste erworben haben.

Sie alle spielten überwiegend mit der klassischen Glühbirne, die durch ihren breiten Glühwendel auch das Licht weit streut. Im Unterschied zum flackernden Licht erzeugte sie ruhige Schatten. Allerdings war man um der Schattenkontur willen immer noch gezwungen, die Figuren eng am Schattenschirm zu führen. Mit zunehmender Entfernung wurde der Schatten unscharf. Immer noch war das Schattenbild das pure Ab-Bild der Figur.

Das zeitgenössische Schattentheater

MenschenschattenAbb. 5: Ausdrucksstarke Menschenschatten voller Dynamik. Teatro Gioco (Italien)

Das klassische Spiel des traditionellen Schattentheaters hat sich in den letzten 30 Jahren tiefgreifend verändert. Anlass dafür war die Entdeckung des Halogenlichtes, dessen extrem kleine Abstrahl­fläche bei gleichzeitig großer Helligkeit ein punktförmiges Licht aussendet.

Mit einem solchen Leuchtmittel lassen sich – unabhängig von der Entfernung des Objektes zur Leinwand – immer klare Schatten­bilder erzeugen. Die Figur muss also nicht mehr – wie seit Jahr­hunderten – direkt an der Leinwand geführt werden, sondern lässt sich jetzt im gesamten Bühnenraum bewegen. Dies ist die erste Veränderung (Abb. 5).

Sobald die Figur aber von der Leinwand entfernt wird, entsteht zwischen ihr und der Leinwand ein dunkler Raum, ein „Schatten­volumen, das durch die Bewegung der Figur seine Konturen verändert und ein sich wandelndes Schatten­bild entstehen lässt. Dreidimensionale, quasi um eine innere Achse drehbare Objekte sind jetzt verwendbar, die ein scheinbar dreidimensionales Schattenbild bewirken. Die Arbeit mit modellierten Figuren wird möglich. Der Schattenwurf behauptet räumliche Tiefe und die Perspektive hält Einzug, die zweite wesentliche Neuerung.

Mehr noch: nimmt eine Hand des Spielers die Figur von der Leinwand fort, so greift die zweite jetzt kurzerhand nach dem Licht selbst. War früher die Figur das wesentliche Element des Spielers, so ist nun das Licht sein zentrales Werkzeug. Die Bewegung von Figur und/oder Licht fügt dem sich verändernden Schattenbild eine verblüffend immense Dynamik hinzu – die dritte Innovation (Abb. 6).

Diese frischen Ausdrucksmöglichkeiten fordern auch neue Konturen: süßliche Romantik wird durch starke Abstraktion und winklige Schnitte ersetzt. Das ewige Rechteck der Leinwand weicht anderen Formen, sie wird beweglich und in das Spiel miteinbezogen. Schließlich werden sogar bislang ungewohnte Materialien zur Gestaltung der Spielobjekte ausprobiert: Papier, Holz, Blech und sogar Plastik.

Eine Art „Befreiung des Schattens“ findet statt, die den dunklen Gebilden ihre expressive Sprache und ursprüngliche Aussagekraft erlaubt. Durch die plötzlich im Spiel veränderbare Gestaltung des Schattenbildes zeigt sich die unübertreffliche Präsenz und Sensibilität des Phänomens und der gefühlsbetonte Ausdruck einer Szene rückt in den Vordergrund. Kontur der Figur und Bewegung des Lichtes machen – je nach Rhythmus, Geschwindigkeit, Nähe oder Distanz – die Emotion einer Szene auf der Leinwand sichtbar. Jetzt zeigt der Schatten seine ganze Kunst: er ist nicht mehr bloßes Abbild, sondern Verzerrung, Vergrößerung, Ausdehnung- und seine Art der Bewegung gibt den Figuren Gefühl.

Schließlich fällt neben der klassisch flachen Figur und dem feststehenden Licht noch das dritte Merkmal der Tradition: das Spiel hinter der Leinwand. Die Akteure durchbrechen und öffnen ihre Schattenwände und werden in jeder Bewegung sichtbar. Die gesamte Aufführung wird zum theatralen Akt und es gibt keine Bewegung mehr, die nicht auch dramaturgisch motiviert ist. Die Spieler agieren nicht mehr nach der Notwendigkeit eines fest montierten Leuchtkörpers und die Relationen zwischen ihnen, dem Licht, dem Objekt und dem Schattenbild werden neu definiert.

Schattenbild und TanzAbb. 6: Durchbrechung der Barriere des Schattenschirms: Schattenbild und Tanz. The Wandering Moon Performing Group (Thailand)

Ein Spiel auf wechselnden Ebenen entsteht: die Schattenrisse auf der Leinwand werden begleitet durch die offen sichtbare Technik des Spieles, durch Schauspiel und Erzählung. Der Zuschauer wird in den Gestaltungsprozess mit einbezogen und muss bereit sein, den Sprung in eine andere Darstellungsebene mit zu vollziehen (Abb. 6).

Nirgendwo sonst auch wird die Polarität in der Reduktion auf Schwarz-Weiß so deutlich als Gestaltungsprinzip verwendet und nirgendwo sonst ist die Reduktion der Bilder so konsequent. Unser Bedürfnis nach dem Wenigen nährt sich hier aus dem spannendsten Material im Universum: dem Licht und seinem „dunklen Bruder“. Immer klarer schält sich eine einzigartige und unvergleichliche Spielform heraus. Deren wesentliche Aus­drucks­form, der Schatten, ist ein Raum unbegrenzter Verwandlung. Er passt sich an, nimmt Form und erweitert sie um sich selbst: seine Dunkelheit und völlige Präsenz. In seiner Einfachheit verbergen sich unendliche Chancen und keine andere Spielform hält solchen Spielraum für den Gestaltungswillen bereit. Alles ist in ihn ein­gezeichnet, denn seine Leere lässt sich in alles verwandeln. Das moderne Schattentheater ist eine neue theatrale Sprache (Abb. 12).

Quelle: http://www.schattentheater.de/files/deutsch/geschichte/geschichte.php

Redaktionell überarbeitet

Rainer Reusch und Norbert Götz  7. September 2017
Rubrik: Kultur, Musik, Bühne, Sport

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