Kampf um die osmanische Beute

Vor 100 Jahren endete der Krieg unter den Siegern des Ersten Balkankrieges mit dem Frieden von Bukarest


Auch schon vor dem Ersten Weltkrieg drohten die Balkankonflikte zu eskalieren: „Punch“-Karikatur aus der Zeit der Balkankriege mit dem Titel „Der Siedepunkt“. Bild: Archiv

Im Ersten Balkankrieg von 1912/13 hatte das Osmanische Reich alleine gegen Bulgaren, Griechen, Serben und Montenegriner gestanden und fast alle Gebiete auf dem Balkan verloren. Im Zweiten Balkankrieg stand Bulgarien gegen die anderen Sieger des Ersten und verlor fast alle Gewinne aus jenem.

Nach dem Ersten Balkankrieg (siehe PAZ Nummer 20), in dem das Osmanische Reich  136000 Quadratkilometer Land in Makedonien, Thrakien und Kosovo mit vier Millionen Einwohnern verloren hatte, brach um diese Beute augenblicklich Streit unter den Siegern aus. Vergebens versuchte deren großer Mentor, der russische Zar, dieses zu verhindern, um durch feste Eintracht der verbündeten Slawen das Vordringen der Habsburger auf dem Balkan zu stoppen. Stattdessen führten slawischer Siegesrausch und Landhunger zu einem Zweiten Balkankrieg. Und im Bukarester Frieden wurde schließlich besiegelt, was die Verbündeten des Ersten Balkankrieges einander im Zweiten raubten.

Nach dem Ersten Balkankrieg waren auch Serbien und Griechenland vereint zu einem neuen Krieg entschlossen gewesen, aber es war Bulgarien, das ihn am 30. Juni 1913 durch einen Überfall auf die noch unvorbereiteten Serben vom Zaun brach. Daraus entwickelte sich die Schlacht am Fluss Bregalniza, die mehr Opfer als der ganze Erste Balkankrieg forderte. Dabei war sie erst der Anfang, dem weitere Schlachten in drei ostmakedonischen Regionen folgten, die alle in blutigen Niederlagen für die Bulgaren en­de­ten. Bulgarien, eigentlich mit 233000 Soldaten zahlenmäßig so stark wie seine Ex-Verbündeten zusammen, wurde durch Serbien so geschwächt, dass es kampflos Übergriffe seiner Nachbarn erduldete. Im Norden griffen die Rumänen an, im Süden die Griechen, im Osten die Türken, die am 22. Juli das an Bulgarien verlorene Edirne (Adrianopel) zurückeroberten. Während die Serben 50000 und die Griechen 35000 Gefallene in diesem Waffengang zu beklagen hatten, waren es bei den Bulgaren nicht weniger als 100000. Am 30. Juli ersuchte Bulgarien um einen Waffenstillstand, am 10. August folgte der für das Land demütigende Frieden von Bukarest.

Die im Bukarester Vertrag besiegelte Neugruppierung des Balkans ging vorwiegend zulasten des  Kriegsverlierers. Bulgarien verlor fast alle seine Territorialgewinne aus dem Ersten Balkankrieg und musste auf den Epirus, West- und Südmakedonien verzichten. An Rumänien trat es die fruchtbare Süddobrudsha mit 7695 Quadratkilometern und 300000 Einwohner ab und an das Osmanische Reich Edirne, wodurch sich dessen europäisches Restterritorium auf 15000 Quadratkilometer mit eineinhalb Millionen Einwohnern ausweitete.

Dennoch ging Bulgarien aus den beiden Balkankriegen nicht völlig leer aus, gewann vielmehr in Makedonien und Thrakien 33000 Quadratkilometer und vergrößerte sein Staatsgebiet auf 122000 Quadratkilometer mit 4,5 Millionen Einwohnern. Besser schnitten jedoch jene ab, die beide Balkankriege gewonnen hatten. Serbien wuchs von 48303 auf 90300 Quadratkilometer, Griechenland von 64650 auf 110000, Montenegro von 9000 auf 17000 und das neugeschaffene Albanien erhielt 30000 Quadratkilometer mit 900000 Einwohnern.

Im Londoner Friedensvertrag, nach dem Ersten Balkankrieg war das zwischen Serbien und Bulgarien umstrittene Makedonien, der „Goldene Apfel des Osmanischen Imperiums“, schlichtweg vergessen worden. In Bukarest wurde es nun förmlich zerstückelt. Vom integralen Makedonien griff sich Griechenland mit 34411 Quadratkilometern 50,3 Prozent, Serbien mit 26440 Quadratkilometern 38,6 Prozent, Bulgarien mit 6798 Quadratkilometern 9,9 Prozent und Albanien mit 802 Quadratkilometern 0,2 Prozent.

Auch nach dem Zweiten Bal­kankrieg währte der Frieden nicht lang. Ein Jahr später folgte der Erste Weltkrieg, den der Hamburger Historiker Klaus-Detlev Grothusen scherzhaft-provozierend als Dritten Balkankrieg bezeichnet hat, um die Relevanz des Balkans für die europäische und internationale Geschichte aufzuzeigen. Die Waffen- und Kriegserfahrungen der beiden Balkankriege gingen ins Weltkriegs­arsenal ein. Schnellfeuerkanonen und Maschinengewehre fanden dort bereits vor 1914 ebenso Anwendung wie Feldtelefone und Flugzeuge. Auch in anderer Hinsicht war insbesondere der letzte der beiden Balkankriege modern. So wurde in ihm erstmalig explizit die „Schuldfrage“ debattiert. Bis dahin hatte es Angreifer und Angegriffene gegeben, nun wurde Bulgarien vorgeworfen, mit seinem bewaffneten Angriff auf seine vormaligen Verbündeten schuld an einem Bruderkrieg zu sein. Die beiden Balkankriege boten bereits mit ihrem hohen Maß an ethnisch begründeter Gewalt einen Vorgeschmack auf das, was die Menschheit in den folgenden Welt- und Jugoslawienkriegen nicht nur, aber besonders auf diesem Kriegsschauplatz erleben sollte, der laut Otto von Bismarck nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert ist.

Quelle: http://www.preussische-allgemeine.de/nachrichten/artikel/kampf-um-die-osmanische-beute.html
07.08.13

Dr. Wolf Oschlies  30. Mai 2017
Rubrik: Balkan/Osteuropa/Kaukasus

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