Machiavelli: Der Fürst

Friedrich von Oppeln - Bronikowski

Von den zahlreichen Schriften Niccolò Machiavellis hat eine einzige seinen Namen verewigt: die kleine Schrift Der Fürst, die er in erzwungener Muße in den Jahren 1513 bis 1514 geschrieben hat

Machiavelli

Der Fürst

Aus dem Italienischen von  Friedrich von Oppeln-Bronikowski

Mit einem Nachwort von Horst Günther Insel Verlag

 

insel taschenbuch 1207
Machiavelli Der Fürst

Niccolò Machiavelli, geboren am 3. Mai 1469 in Florenz, ist am 22. Juni 1527 ebenda gestorben.

Von den zahlreichen Schriften Niccolò Machiavellis hat eine einzige seinen Namen verewigt: die kleine Schrift Der Fürst, die er in erzwungener Muße in den Jahren 1513 bis 1514 geschrieben hat. Sie erschien ihm keineswegs so wichtig, wie sie es geworden ist; zudem wurde sie erst neunzehn Jahre nach Entstehen, postum, gedruckt. Der »Prin – cipe« ist bis in neueste Zeit immer wieder aufgelegt worden, er wurde in alle Kultursprachen übersetzt, immer wieder kommentiert, ange – fochten, leidenschaftlich verteidigt und schließlich unparteilich ge – würdigt. Zahllosen Fürsten und Staatsmännern diente er als Handbuch zur Politik. Er ist Grundlage und zum Typus einer ganzen Schule des Staatsrechts, des Machiavellisimus, geworden. Heute steht der »Principe« als Ausdruck des Geistes der italienischen Renaissance da.

Erste Auflage 1990 © dieser Ausgabe Insel Verlag Frankfurt am Main 1990 Alle Rechte vorbehalten

Brief Niccolò Machiavellis vom 10. Dezember 1513

An Francesco Vettori, florentinischen Botschafter in Rom

Exzellenz! Doch nie zu spät kam die göttliche Gnade. Das sage ich (mit Petrarca), weil sich Eure Gnade  wenn nicht ganz verloren, so doch verirrt zu haben scheint, so lange habt Ihr mir nicht geschrieben, ohne daß ich den Grund dafür erraten könnte. Und alle, die ich deshalb erwog, schienen mir zu geringfügig bis auf den einen, daß Ihr mir nicht mehr schreibt, weil man Euch hinterbracht habe, ich sei nicht diskret  genug mit Euren Briefen gewesen, während ich sie doch gewiß keinem, mit Ausnahme von Filippo und Paolo, selber gezeigt habe. Nun bin ich beruhigt über Euer letztes Schreiben vom 23. des vergangenen Monats, dem ich mit Zufriedenheit entnehme, wie gemessen und gemächlich Ihr Euer öffentliches Amt ausübt, und darin möchte ich Euch bestärken, denn wer seine Bequemlichkeit einmal für die der anderen aufgibt, verliert die seine, und für die der anderen weiß man  ihm keinen Dank. Und da Fortuna alles lenken will, muß man sie es treiben lassen, Ruhe bewahren und ihr nicht hinderlich sein, und die Zeit abwarten,  bis  sie uns Menschen etwas tun läßt. Und dann wird  es  gut sein, mehr Mühe aufzuwenden und besser über die Dinge zu wachen, und  an  mir,  vom  Lande aufzubrechen und zu sagen: da bin ich. So kann ich, um Eure Güte zu erwidern, in diesem Brief nichts anderes tun als das Leben, das ich führe, zu schildern, und wenn Ihr es wert findet, es gegen das Eure einzuhandeln, so bin ich mit dem Tausch zufrieden.

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Ich lebe auf dem Lande und bin, seitdem was mir zu-  letzt zustieß, alles zusammengezählt, keine zwanzig Tage in Florenz gewesen. Bis jetzt bin ich mit eignen Händen zum Drosselfang geschritten, stand vor Tage auf, legte die Leimruten aus und zog mit einer solchen Ladung Käfige auf dem Rücken los, daß ich dem Geta glich, wenn er mit den Büchern des Amphitryon vom Hafen kommt, und fing mindestens zwei, wenn’s hoch kam sechs Drosseln. Und so ging es den ganzen September, und seither fehlt mir dieses  Totschlagen der Zeit, so verächtlich und befremdlich es sein mag. Und jetzt sage ich, wie es seither geht.  Ich stehe mit  der Sonne auf und gehe in ein Wäldchen, wo ich Holz schlagen lasse, bleibe zwei Stunden, um die Arbeit des vergangenen Tages anzusehen und die Zeit mit den Holzfällern zu verbringen, die immer untereinander oder mit den Nachbarn im Streit liegen. Und  über  dieses Wäldchen könnte ich Euch tausend feine Geschichten erzählen, die mir mit Frosino da Panzano und anderen widerfahren sind, die Holz davon wollten. Frosino insbesondere ließ einige Klafter holen, ohne mir etwas zu sagen, und wollte mir beim  Bezahlen zehn Lire abziehen, die ich ihm angeblich seit vier Jahren schulde, als er sie beim Cricca-Spiel im Hause des Antonio Guicciardini gewonnen hatte. Ich machte höllischen Krach, wollte den Fuhrknecht, den er geschickt hatte, als Dieb verklagen, bis schließlich Giovanni Machiavelli sich ins Mittel legte und uns verglich. Batista Guicciardini, Filippo Ginori, Tommaso del Bene und einige andere Stadtbürger hatten, als mir der Wind so widrig entgegenstand, jeder einen Klafter bestellt. Ich versprach es allen und schickte einen an Tommaso, wovon nur die Hälfte in Florenz

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anlangte, denn zum Aufladen war er mit  Frau,  Magd  und  Kindern  gekommen, so daß es wie bei Gabburra zuging, wenn der am Donnerstag mit seinen Burschen den Ochsen schlachtet. Als ich sah, daß das keinen Gewinn bringt, sagte ich den anderen, daß ich kein Holz mehr habe, und alle waren beleidigt, und Batista  besonders,  der  das unter die übrigen Mißgeschicke Pratos zählt.

Von meinem Wäldchen gehe ich zu einer Quelle oder zu einem meiner Vogelherde und habe ein Buch unter dem Arm, Dante oder Petrarca, einen der kleineren Dichter wie Tibull, Ovid oder dergleichen: ich lese von ihren zärtlichen Leidenschaften und Liebesgeschichten und erinnere mich der meinen und ergötze mich ein Weilchen in diesen Gedanken. Dann wechsle ich über die Straße in ein Wirtshaus, plaudere mit denen, die vorüberziehen, frage nach Neuigkeiten aus ihrer Gegend, erfahre vieles und bemerke, wie verschieden der Geschmack und die Einbildungskraft  der Menschen ist. Inzwischen wird es Essenszeit, da  ich mit meiner Sippschaft verzehre, was mein armseliges Gütchen und mein winziges Erbteil einbringen. Nach Tisch kehre ich ins Wirtshaus zurück, wo ich den Wirt und gewöhnlich einen Metzger, einen Müller und zwei Ziegelbrenner treffe. Mit denen gebe ich mich  den  Rest des Tages dem Cricca- oder Tric-trac-Spiele hin, und dabei kommt es zu tausend Scherereien und unendlichen Beschimpfungen, und meist streiten wir um einen Quattrino, und man hört uns mindestens bis San Casciano schreien. So mich im Gemeinen wälzend, hebe ich den Kopf aus dem Staub und zeige meinem Schicksal seine Niedertracht, wobei es mir ganz recht ist, daß es mich so behandelt, damit ich sehe, ob es sich nicht endlich schämt.

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Wenn der Abend kommt, kehre ich nach Hause  zurück und gehe in mein Schreibzimmer, und auf der Schwelle werfe ich das schmutzige Alltagsgewand ab und lege königliche Hoftracht an und betrete so passend bekleidet die Hallen der Männer des Altertums, die mich liebevoll aufnehmen, und wo ich mich von der Speise nähre, die mir allein angemessen und für die ich geboren bin. Da kann ich ohne Scheu mit ihnen reden und sie nach den Gründen ihres Handelns fragen, und freundlich antworten sie  mir. Vier Stunden lang werde ich des nicht müde, vergesse allen Kummer, sorge mich nicht um Armut  und  fürchte den Tod nicht mehr: so gänzlich versetze ich mich unter sie. Und weil Dante sagt, es gebe keine Wissenschaft ohne die Aufzeichnung dessen, was man begriffen hat – so habe ich das notiert, was ich bei dem Gespräch mit ihnen als das Wesentliche festhielt, und ein kleines Werk Über Fürstentümer verfaßt,  worin ich mich so weit wie möglich in die Gedanken über die- ses Thema vertiefe und erörtere, was Herrschaft ist, welche Arten es davon gibt, wie man sie erwirbt und erhält und warum man sie verliert. Und wenn Euch je eine meiner Grillen gefiel, so dürfte Euch diese nicht mißfallen. Einem Fürsten und besonders einem, der gerade zur Herrschaft gelangt ist, müßte  sie willkommen sein, weshalb ich es seiner Durchlaucht Giuliano widme. Filippo Casavecchio hat  es  gesehen.  Er kann Euch über das Einzelne und die Anlage des Ganzen berichten und über die Gespräche, die ich mit ihm führte, während ich es jedenfalls noch erweitere und ausfeile.

Ihr wünscht, Exzellenz, daß ich dieses Leben aufgebe und mich mit Euch des Euren erfreue. Das werde ich ganz gewiß tun, aber mich halten noch einige  Geschäfte

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zurück, die in sechs Wochen erledigt sind. Was mich unsicher macht, sind die Soderini dort und daß ich, einmal da, auch genötigt wäre, sie zu besuchen und mit ihnen zu sprechen. Ich hege Zweifel, ob ich bei meiner Rückkehr nicht statt zu Hause im Bargello-Gefängnis absteigen würde. Diese Regierung ist zwar auf breiter Grundlage fest gesichert, aber noch ist sie neu und deshalb argwöhnisch, und es fehlt hier nicht an Denunzianten, die, um wie Pagolo Bertini aufzutreten, andere meinen Unterhalt bezahlen ließen und mir das Nachdenken überließen. Ich bitte Euch, mir  diese  Sorge zu nehmen, und dann werde ich Euch  zu  besagter Zeit gewiß besuchen.

Ich habe mit Filippo über mein kleines Werk gespro- chen, ob es gut wäre, es mit einer Widmung zu überreichen oder nicht, und wenn, ob ich es tun solle oder Euch übertragen. Es nicht zu widmen, könnte bedeuten, daß Giuliano es nicht liest, aber wohl ein anderer, und daß dieser Ardinghello sich mit meiner jüngsten Arbeit schmückt. Es zu widmen drängt mich auch die Notlage, die mich verfolgt, denn ich verzehre mich, und lange kann ich so nicht bleiben, ohne durch Armut verächtlich zu werden. Ich wünschte, daß diese Medicis mich langsam anstellten, und wäre es auch zuerst, um einen Felsen zu wälzen. Wenn ich sie dann nicht von mir überzeugt hätte, wäre es meine Sache, und wenn man dieses Buch läse, so sähe man daraus, daß ich die fünfzehn Jahre, die ich dem Studium der Politik gewidmet habe, nicht verschlafen oder vertrödelt habe, und jeder würde doch liebend  gern  einen in Dienst nehmen, der auf anderer Kosten reiche Erfahrung gesammelt hat. Und meine Treue duldet keinen Zweifel, denn ich habe immer Treue  bewahrt  und lerne nun nicht mehr, sie zu brechen. Wer

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dreiundvierzig Jahre lang, so alt bin ich, treu und redlich gewesen ist, der ändert sein Wesen nicht mehr, und von meiner Treue und Redlichkeit gibt meine Armut Zeugnis.

Schreibt mir doch, wie Ihr darüber denkt. Ich  empfehle mich Euch. Sis felix.

Den 10. Dezember 1513

Niccolò Machiavegli in Florenz

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Der Fürst

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zueignung an den erlauchten  Lorenzo  Sohn des Piero von Medici

Die, welche die Gunst eines Fürsten zu erwerben trachten, pflegen sich ihm zumeist mit dem zu nahen, was ihnen von ihrer  Habe das Liebste  ist, oder wovon  sie sehen, daß es ihm am meisten gefällt. Daher werden den Fürsten so oft Pferde, Waffen,  Goldstoffe, Edelsteine und anderer Zierat dargebracht, der ihrer Größe würdig ist. Indem ich mich Euch, erlauchter Herr, nun mit einem Beweise meiner Dienstfertigkeit zu nahen wünschte, fand ich unter meinem Besitze nichts, was mir lieber wäre oder was ich höher schätzte als die Kenntnis der Handlungen großer Männer, die ich durch lange Erfahrung in der Gegenwart wie durch emsiges Lesen der Alten erworben habe. Ich habe sie mit großem Fleiße lange durchdacht und geprüft und jetzt in  einem  kleinen Buch zusammengefaßt, das ich Eurer  Hoheit überreiche.

Und wiewohl ich erkenne, daß es nicht wert ist, Euch vorgelegt zu werden, so vertraue ich doch auf Eure  Güte, daß Ihr es wohl  aufnehmen werdet, in  Anbetracht dessen, daß ich eine größere Gabe nicht darzubringen vermag als eine, die Euch in den Stand setzt, in kurzer Frist alles das zu erfassen, was ich in vielen Jahren und unter so vielen Mühsalen und Fährnissen erfahren habe. Dieses Werk habe ich nicht ausgeschmückt, noch mit schönen Phrasen und prunkhaften Worten oder mit ändern Reizen und äußerem Zierat aufgeputzt, womit viele ihre Werke zu schreiben und auszuschmücken pflegen;

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denn ich wollte, daß die Sache sich selbst ehre und daß allein die Mannigfaltigkeit des Stoffes und der Ernst des Gegenstandes dies Buch auszeichne. Es möge mir aber nicht als  Anmaßung ausgelegt werden, daß  ein Mann von geringem Stande wie ich es wagt, die Ratschlüsse der Fürsten zu erörtern und ihnen Regeln vorzuschreiben. Denn so, wie die Landschaftszeichner sich in die Ebene stellen, um die Gestalt der Berge und Höhen zu erkennen, dagegen auf die Berge steigen, um die Täler zu betrachten, so muß man zwar Fürst sein, um die Natur des Volkes zu erkennen, aber aus dem Volke, um die Art der Fürsten zu erfassen.

So nehmt denn, erlauchter Herr, diese kleine Gabe in dem Sinne an, in dem ich sie überreiche. Wenn Ihr sie eifrig lest und darüber nachdenkt, so werdet Ihr darin meinen heißen Wunsch finden, daß Ihr zu der Größe gelangt, zu der Euch das Glück und Eure übrigen Eigenschaften bestimmen. Und wenn Eure Hoheit von Ihrer stolzen Höhe manchmal auf die Niederungen herabschaut, so werdet Ihr erkennen, wie sehr zu Unrecht ich ein großes und andauerndes Mißgeschick ertragen muß.

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I.

Über die Arten der Herrschaft und die  Mittel, sie zu erlangen

Alle Staaten, alle Gewalten, welche Macht über die Menschen gehabt haben oder noch haben, sind Republiken oder Fürstentümer. Diese sind entweder erblich, indem sie vom Geschlecht ihres Herrschers schon lange regiert werden, oder neu. Die neuen sind entweder ganz neu, wie die Herrschaft des Francesco Sforza zu Mailand, oder sie werden dem erblichen Staate des Fürsten, der sie erobert, angegliedert, wie das Königreich Neapel dem König von Spanien zufiel. Solche neuerworbenen Länder sind entweder schon an die Herrschaft gewöhnt oder bisher frei gewesen; sie werden erobert durch fremde  oder  eigne  Waffen,  durch Glück oder Tapferkeit.

II.

Von den erblichen Fürstentümern

Über die Republiken will ich hier schweigen, da ich an anderer Stelle lang und breit darüber gesprochen habe (In den »Discorsi«). Ich wende mich zur Alleinherrschaft und werde nach der vorstehenden Reihenfolge erörtern, wie diese erworben und erhalten werden kann.

Ich sage also, daß bei den erblichen Fürstentümern, die an das Geschlecht ihres Herrschers gewöhnt sind,

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die Schwierigkeit, sich zu behaupten, viel geringer ist als bei den neuen. Genug,  wenn  man  die  Einrichtungen der Vorfahren unangetastet läßt und bei allen Ereignissen sich in die Verhältnisse schickt; also daß mancher Fürst von durchschnittlichem Geschick sich stets auf seinem Throne erhalten kann, wenn ihm dieser nicht durch eine ungewöhnliche und außerordentliche Gewalt entrissen wird; geschieht dies aber, so erlangt er ihn wieder, sobald das Glück des Eroberers sich wendet.

Wir haben in Italien ein Beispiel am Herzog von Fer- rara, welcher den Angriffen der Venezianer im Jahre 1484 und des Papstes Julius II. im Jahre 1510 durch nichts anderes widerstanden hat als durch seine altbefestigte Herrschaft. Denn der angestammte Fürst hat weniger Anlaß und Notwendigkeit zur Härte; er ist daher beliebter, und wenn er sich nicht durch außerordentliche Laster verhaßt macht, so versteht es sich von selbst, daß die Seinen ihm gewogen sind. Durch die Dauer und das Alter einer Herrschaft verlischt die Erinnerung an die Neuerungen und deren Anlaß, wogegen eine Umwälzung stets die Ursache zu anderen wird.

III.

Von vermischten Herrschaften

In den neuen Herrschaften liegen die Schwierigkeiten. Und zwar erstens, wenn nicht alles neu ist, sondern nur ein Teil, so daß man das Ganze eine »Misch-Herr- schaft« nennen kann. Hier entstehen die Umwälzungen zunächst aus einer allen neuen Herrschaften gemeinsamen

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Schwierigkeit, daß nämlich die Menschen gern ih- ren Herrn wechseln, in der Hoffnung, einen besseren zu bekommen, und in diesem Glauben zu den Waffen gegen den Herrscher greifen; darin aber täuschen sie sich, denn sie erfahren bald, daß sie einen schlechteren bekommen haben. Das liegt gleichfalls an einer natürlichen und gewöhnlichen  Notwendigkeit,  denn der neue Herrscher ist stets genötigt, seine Untertanen mit Besatzung und mancherlei anderen Gewaltmitteln zu bedrücken, wie sie die Eroberung mit sich bringt. Du wirst also alle die zu Feinden haben, die du bei der Eroberung der Herrschaft bedrückt hast, und kannst doch nicht di e zu Freunden behalten, die dir dazu verholfen haben, weil du sie nicht so zu befriedigen vermagst, wie sie erwartet haben, noch auch kräftige Mittel gegen sie anwenden darfst, da du ihnen Dank schuldest. Denn auch, wenn man über das mächtigste Heer gebietet, bedarf man der Gunst der  Einwohner,  um in ein Land einzudringen. Aus diesem Grunde hat König Ludwig XII. von Frankreich Mailand so rasch erobert wie verloren. Das erstemal genügte zu seiner Vertreibung die eigene Kraft des Ludovico Sforza, weil das Volk, das jenem die Tore geöffnet hatte, sich in seinen Hoffnungen getäuscht sah und den Verdruß über den neuen Herrscher, der seine Erwartungen betrogen hatte, nicht länger ertragen mochte.

Freilich gehen derart abgefallene Länder nach ihrer Wiedereroberung nicht so leicht zum zweiten Male verloren, weil der Herrscher die Rebellion zum Anlaß nimmt, sich durch strenge Maßregeln zu sichern, die Schuldigen zu strafen, Verdacht aufzuklären und an schwachen Stellen Vorkehrungen zu treffen. So reichte es,

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um Mailand den Franzosen zu entreißen, das erste Mal hin, daß Herzog Ludovico an der Grenze Unruhe stiftete; beim zweiten Male mußte die ganze Welt sich zusammentun, um die französischen Heere zu vernichten und aus Italien zu vertreiben – alles aus den oben genannten Ursachen. Gleichwohl verlor Frankreich das Herzogtum Mailand zum zweiten Male. Die allgemeinen Gründe für den ersten Verlust habe ich erörtert; es bleibt also nur übrig, die für den zweiten anzugeben und die Mittel zu prüfen, die der König von Frankreich besaß und die jeder andere in seiner Lage besessen hätte, um seine Eroberung besser zu behaupten, als jener tat. Ich sage also, daß solche Staaten, die nach ihrer Eroberung einem alten Staate des Eroberers angegliedert werden, entweder zum gleichen Lande gehören und die gleiche Sprache sprechen oder nicht. Im ersten Falle ist es sehr leicht, sie zu behaupten, besonders, wenn sie nicht an die Freiheit gewöhnt sind. Um sie sicher zu beherrschen, genügt es, die Familie des früheren Herrschers auszurotten; wenn man den Einwohnern im  übrigen ihre alten Einrichtungen läßt und kein Unterschied in den Sitten ist, so leben sie ruhig, wie man es in der Bretagne, in Burgund, in der Gascogne und  Normandie gesehen hat, welche schon so lange zu Frankreich gehörten. Wenngleich einiger Unterschied in der Sprache besteht, so stimmen doch die Sitten überein, und so können sie sich leicht miteinander vertragen. Und wer sie erobert hat und sie  behalten will, der achte auf zweierlei: erstens, daß ihr altes Fürstengeschlecht ausstirbt, zweitens, ihre Gesetze und Steuern nicht zu verändern, so daß die neuen Provinzen mit den alten binnen kurzem ein einziges Ganzes bilden.

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Werden aber Staaten eines Landes erobert, das in Sprache, Sitten und Gesetzen verschieden ist, so entstehen Schwierigkeiten, und es gehört viel Glück und großes Geschick dazu, diese Eroberungen zu behaupten. Eines der besten und kräftigsten Mittel besteht darin, daß der Eroberer seinen eigenen Wohnsitz dort aufschlägt. Dadurch wird der Besitz gesichert und dauerhaft. So haben es die Türken mit Griechenland gemacht, welches sie mit allen anderen Mitteln nicht hätten behaupten können, wenn sie es nicht selbst besiedelt hätten. Denn ist der Eroberer an Ort und Stelle, so sieht er die Unruhen schon in ihrem Keim und kann ihnen rasch vorbeugen; ist er aber fern, so erfährt er sie erst, wenn sie schon groß sind und keine Abhilfe mehr möglich ist. Überdies wird das Land nicht von seinen Beamten ausgeplündert; es beruhigt die Untertanen, daß sie ihre Zuflucht zum Fürsten selbst nehmen können. Also haben sie mehr Anlaß, ihn zu lieben, wenn sie es gut meinen, und, wenn sie es anders meinen, ihn zu furchten. Fremde, die diesen Staat etwa angreifen wollen, scheuen eher davor zurück; denn solange er im Lande ist, ist es sehr schwer, ihm die Macht zu entreißen.

Das zweitbeste Mittel ist, Kolonien an ein oder zwei Orten zu gründen, die gleichsam das Rückgrat des Landes bilden. Dies ist notwendig, sofern man keine hinreichende Besatzung dort halten will. Die Kolonien kosten dem Fürsten nicht viel. Er gründet und  behauptet sie kostenlos oder mit geringem Aufwand  und schädigt nur die, welche er von Haus und Hof vertreibt, um neue Bewohner darauf anzusiedeln, also nur einen geringen Bruchteil des Staates. Die Vertriebenen bleiben zerstreut und arm und können ihm nicht schaden, und alle übrigen

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beruhigen sich rasch, da sie ja nicht geschädigt sind, oder sie furchten sich, daß es ihnen ebenso ergehen möchte wie jenen, sobald sie sich auflehnen. Woraus ich schließe, daß diese Kolonien nichts kosten, größere Treue zeigen und weniger Verstöße begehen; die Vertriebenen aber sind, wie gesagt, arm und zerstreut und können nicht schaden. Denn es ist wohl festzustellen, daß die Menschen entweder gütlich behandelt oder vernichtet werden müssen. Wegen geringer Unbill rächen sie sich, wegen großer vermögen sie es nicht; jede Unbill muß also so zugefügt werden, daß man keine Rache zu befürchten hat. Wird aber an Stelle von Kolonien eine Besatzung gehalten, so kostet das erheblich mehr und verschlingt alle Einkünfte dieses Staates. Die Eroberung schlägt also zum Schaden aus und schmerzt weit mehr, da sie den ganzen Staat schädigt. Das Heer muß seine Standorte von Zeit zu Zeit wechseln, eine  Last,  die  jeder empfindet und di e ihm jeden zum Feinde macht; und diese Feinde können ihm schaden, da sie ja, wenn sie geschlagen sind, in ihrem eigenen Land bleiben. In jeder Hinsicht also ist die Besatzung schädlich, die Kolonien dagegen sind nützlich.

Ferner muß der Herr einer fremdl ändischen Provinz sich zum Oberhaupt und Beschützer der schwächeren Nachbarn machen und die  Mächtigsten  unter  diesen  zu schwächen suchen; auch muß er verhüten, daß ein Fremder, der so mächtig ist wie er selbst, bei irgendeinem Anlaß ins Land dringt; denn immer  werden solche von Unzufriedenen  aus  Ehrgeiz  oder  aus Furcht hereingelassen. So hat man gesehen, wie die Ätolier die Römer nach Griechenland riefen; ja in  allen ändern Ländern, in die  sie  eindrangen,  wurden sie von den Einwohnern hereingerufen.

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Es geht dies folgendermaßen zu: Sobald ein fremder Machthaber in ein Land  eindringt,  so schließen sich alle Schwächeren dieses Landes an ihn an, aus Haß gegen den, der die Macht über sie gehabt hat. Sie zu gewinnen, kostet ihn also keine Mühe. Denn sie machen allesamt rasch und gern gemeinsame Sache mit dem neugegründeten Staatswesen. Er hat nur darauf zu sehen, daß sie nicht zuviel Macht und  Ansehen erlangen; und leicht kann er mit seiner Macht und ihrer Gunst die Mächtigen erniedrigen und selbst die Oberhand in jenem Lande behalten.  Wer diese Dinge nicht zu lenken weiß, verliert rasch, was er erobert hat; und solange er es behauptet, hat er unendliche Mühe und Verdrießlichkeiten.

Die Römer wandten diese Grundsätze in den eroberten Provinzen sehr richtig an. Sie sandten Kolonien hin, unterstützten die Schwächeren, ohne sie zu mächtig werden zu lassen, demütigten die Mächtigen  und  ließen das Ansehen mächtiger Fremder nicht aufkommen. Ich will als Beispiel nur Griechenland aufführen. Dort unterstützten sie die Achäer und Ätolier, demütigten den König von Mazedonien und vertrieben den Antiochus. Den Achäern und Ätoliern aber gestatteten sie trotz aller ihrer Verdienste nicht, ihren Staat zu vergrößern; Philipp von Mazedonien erreichte es durch alle seine Schmeicheleien nicht, ihr Freund zu werden, ohne daß sie ihn niederhielten, und dem Antiochus erlaubten sie trotz all seiner Macht nicht, in jenem Lande einen Staat zu gründen. Die Römer taten in diesen Fällen, was alle klugen Fürsten tun müssen, welche nicht allein auf die gegenwärtigen Unruhen, sondern auch auf die künftigen achten und diesen mit allem Geschick vorbeugen. Denn was man von ferne kommen sieht, dem ist leicht

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zu begegnen; wartet man aber, bis es nah ist,  so kommt die Arznei zu spät, weil das Übel unheilbar geworden ist, und es geht, wie die Ärzte von der Schwindsucht sagen, daß sie anfangs leicht zu heilen, aber schwer zu erkennen ist; wird sie aber im Anfang nicht erkannt und geschieht nichts dagegen, so ist sie in der Folge leicht zu erkennen, aber schwer zu heilen. Ebenso geht es in den Staatsgeschäften; die Übel, die hier entstehen, lassen sich rasch heilen, wenn man sie von fern erkennt, was aber  nur  ein  Mann  von  Verstand vermag; läßt man sie aber unerkannt anwachsen, bis sie jeder erkennt, so gibt es kein Gegenmittel mehr.

Derart haben die Römer jeder auftauchenden Schwierigkeit sofort vorgebeugt, anstatt sie, um einen Krieg zu vermeiden, an sich herankommen zu lassen; denn sie wußten, daß man einem Kriege nicht entgeht, sondern ihn nur zum Vorteil des Gegners aufschiebt. Deshalb entschlossen sie sich zum Kriege mit Philipp und Antiochus in Griechenland, um ihn nicht in Italien selbst zu haben. Sie konnten den Krieg damals noch mit beiden vermeiden, aber sie wollten es nicht, denn ihnen mißfiel, was die Weisen unsrer Zeit täglich im Munde führen: »Kommt Zeit, kommt Rat«; vielmehr verließen sie sich auf ihre Klugheit und Tapferkeit. Denn die Zeit schafft Wechsel in allem und kann Gutes und Schlimmes mit sich führen.

Wenden wir uns jedoch Frankreich zu, und prüfen wir, ob  man  das  Gesagte dort  zur  Anwendung gebracht hat; und zwar rede ich von Ludwig XII. und nicht von Karl VIII., weil jener sich länger in Italien gehalten hat und sein Benehmen daher klarer zutage tritt. Da wird man denn  sehen, daß er das Gegenteil von allem getan hat,

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was geschehen mußte, um einen fremden Staat zu behaupten.

König Ludwig ward durch den Ehrgeiz  der  Venezia-  ner nach Italien geführt, welche die Hälfte der Lombardei durch seinen Einmarsch gewinnen wollten. Ich will dieses Vorhaben des Königs nicht tadeln; denn da er einmal in Italien Fuß fassen wollte und in diesem Lande keine Freunde besaß, vielmehr durch das Benehmen Karls VIII. alle Tore verschlossen fand, so mußte er die Beziehungen anknüpfen, die sich ihm darboten, und sein Vorhaben wäre ihm auch geglückt, wenn er sonst keinen Fehler gemacht hätte. Nachdem der König die Lombardei erobert hatte,  war  der  Ruf, den Karl VIII. verloren hatte, bald wiederhergestellt; Genua fiel und die Florentiner traten ihm bei. Der Markgraf von Mantua, der Herzog von Ferrara, Bentivoglio, die Herrin von Forli, die Machthaber von Faenza, Pesaro, Rimini, Camerino und Piombino, die Republiken Lucca, Pisa, Siena – alle kamen ihm entgegen und bewarben sich um seine Freundschaft. Und nun konnten die Venezianer schon einsehen, wie unbedacht sie gehandelt hatten, als sie, um zwei Orte in der Lombardei zu gewinnen, ihn  zum  Herrn  von zwei Dritteln Italiens gemacht hatten.

Man sieht, wie leicht es dem Könige geworden wäre,  sein Ansehen in Italien zu behaupten, wenn er die erwähnten Regeln beachtet und alle seine Freunde beschirmt und in Sicherheit gehalten hätte. Bei ihrer großen Zahl und ihrer Schwäche und Furcht, teils vor den Venezianern, teils vor dem Papste, waren sie ganz auf ihn angewiesen, und durch sie konnte er alles,  was noch mächtig war, leicht in Schach halten. Kaum aber war er in Mailand, so tat er das Gegenteil und verhalf dem Papst

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Alexander VI. zum Besitz der Romagna. Er merkte nicht, daß er durch diesen Entschluß sich schwächte, indem er sich alle seine Freunde und Anhänger nahm, und die Macht der Kirche stärkte, indem er ihr zu ihrem gewaltigen geistlichen Ansehen noch so viel weltliches gab. Dieser erste Fehler zog andre nach sich, so daß er, um dem Ehrgeiz Alexanders Grenzen zu setzen und zu verhüten, daß dieser Herr von Toskana würde, selbst nach Italien kommen mußte. Und nicht genug damit, daß er die Kirche großgemacht und seine Freunde verloren hatte, teilte er das Königreich Neapel, auf das er selbst Anspruch erhob, mit dem König von Spanien und setzte dort, wo er zunächst alleiniger Herr über Italien war, einen Genossen ein, an den alle Ehrgeizigen und mit ihm Unzufriedenen dieses Landes sich wenden konnten. Statt in jenem Reiche einen König zu lassen, der von ihm  abhängig war, zog er einen hinein, der ihn selbst daraus vertreiben konnte.

Die Eroberungslust ist in der Tat eine sehr natürliche und gewöhnliche Sache, und die Menschen, die das ausführen, was sie können, werden stets gelobt und nicht getadelt; wollen sie aber um jeden Preis etwas ausführen, was sie nicht können, so handeln sie verkehrt und verdienen Tadel. Konnte Frankreich also Neapel mit eigenen Kräften angreifen, so mochte es dies tun; vermochte es das nicht, so durfte es dieses Reich nicht teilen. Und wenn die Teilung  der  Lombardei mit  den  Venezianern  entschuldbar  war, weil man dadurch in Italien  Fuß  faßte,  so  verdiente jene andre Tadel, da keine Notwendigkeit dazu vorlag.

Ludwig beging also fünf Fehler: er vernichtete die Mindermächtigen, vermehrte die Macht eines Mächtigen,

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zog einen sehr mächtigen Fremden ins Land, schlug seine Residenz nicht in Italien auf und gründete keine Kolonien. Solange er lebte, hätten diese fünf Fehler vielleicht nichts geschadet, hätte er nicht den sechsten begangen, die Venezianer zu demütigen. Hätte er die Kirche nicht so mächtig gemacht, noch die Spanier ins Land gezogen, so wäre es vernünftig und notwendig gewe sen, die Venezianer zu erniedrigen; nachdem er aber jene ersten Schritte getan hatte, hätte er nie in ihren Untergang willigen dürfen, denn solange sie mächtig waren, hätten sie die ändern stets von einem Angriff  auf  die  Lombardei  abgehalten.  Denn das hätten die Venezianer nur geduldet, wenn sie selbst Herren der Lombardei geworden wären. Die ändern aber hätten die Lombardei den Franzosen nie abnehmen mögen, um sie den Venezianern zu geben, und beide anzugreifen, hätten sie nicht gewagt. Und wenn jemand einwendet,  König Ludwig habe dem  Papst die Romagna und Neapel den  Spaniern abgetreten, um einen Krieg zu vermeiden, so antworte ich auf Grund des Obengesagten, daß man nie eine Unordnung einreißen lassen darf, um einen Krieg zu vermeiden, denn er wird gar nicht vermieden, sondern nur zum eigenen Nachteil aufgeschoben. Sollte mir aber jemand entgegenhalten, daß der König  dem Papste sein Wort gegeben hatte, die  Unternehmung  auf die Romagna zu gestatten, um dafür  die Einwilligung in seine Ehescheidung und den Kardinalshut für den Erzbischof  von  Rouen  zu erhalten, so berufe ich mich auf das, was ich im  weiteren über die Versprechungen der Fürsten und die Art, wie sie ihr Wort halten sollen, sagen werde. König Ludwig verlor also die Lombardei, weil er nichts von dem sich zur Regel gemacht hat, wodurch andre

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Länder erobert und behauptet werden. Und so ist dies denn gar nicht zu verwundern,  sondern  sehr  begreiflich und natürlich. Ich sprach darüber in Nantes mit dem Erzbischof von Rouen, als der Herzog von Valentinois (wie Cäsar Borgia, der Sohn des Papstes Alexander, gemeiniglich genannt wird) die Romagna eroberte. Der Kardinal behauptete nämlich, daß die Italiener sich nicht auf den Krieg verstünden; ich aber erwiderte, daß die Franzosen sich nicht auf die Staatskunst verstünden, denn sonst ließen sie die Kirche nicht so mächtig werden. Die Er fahrung hat gezeigt, daß Frankreich den Papst und die Spanier in Italien groß gemacht hat und von diesen daraus vertrieben worden ist. Hieraus ergibt sich eine allgemeine Regel, die nie oder selten trügt: Der, welcher einem anderen zur Macht verhilft, geht selbst zugrunde; denn er macht ihn stark mit Geschick oder durch Gewalt, und beides ist dem, der zur  Macht  gelangt ist, verdächtig.

IV.

Warum das Reich des Darius, das Alexander erobert hatte, nach dessen Tode nicht gegen seine Nachfolger aufstand

Erwägt man die Schwierigkeiten, einen neuerworbenen Staat zu behaupten, so könnte man sich wundern, daß, nachdem Alexander der Große sich in wenigen Jahren zum Herrn von Asien gemacht hatte und kurz nach dieser Eroberung gestorben war, nicht das ganze Land, wie es natürlich schien, sich  empörte.

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Vielmehr ward es von seinen Nachfolgern behauptet, ohne andre Schwierigkeiten als die, welche durch ihren eigenen Ehrgeiz unter ihnen entstanden. Ich antworte darauf, daß alle Herrschaften, von denen man Kunde hat,  auf zweierlei Weise regiert werden. Entweder ist einer der Herr und alle andren sind Knechte und erhalten durch seine Gnade das Amt, an der Regierung mitzuwirken. Oder ein Fürst herrscht durch seine Adligen, welche ihre Stellung nicht der Gnade des Herrschers, sondern ihrer alten Abkunft verdanken. Diese Großen besitzen eigene Staaten und Untertanen, die sie als Herren anerkennen und die ihnen von alters her anhängen. Ein Fürst, der einen Staat durch seine Beamten beherrscht, besitzt viel größeres  Ansehen,  weil im ganzen Lande niemand ist, der einen Höheren  als ihn anerkennt, und wenn man einem ändern gehorcht, so gehorcht man ihm nur als dem  Diener und Beamten des Herrschers und hängt an ihm nicht mit besonderer Liebe.

Beispiele beider Regierungsarten bieten gegenwärtig die Türkei und das Königreich Frankreich. Das ganze türkische Reich wird von einem Herrn regiert, die ändern sind seine Diener. Es zerfällt in Sandschaks, die er mit verschiedenen Verwaltern besetzt, welche er nach Gutdünken ernennt und absetzt. Der König von Frankreich hingegen steht inmitten einer großen Zahl alter Herrengeschlechter, die von ihren Untertanen anerkannt und geliebt werden. Sie besitzen ihre Vorrechte, die der König nicht ohne Gefahr antasten darf. Wer diese beiden Regierungsformen betrachtet, wird es schwerfinden, das türkische Reich zu erobern; sobald es aber erobert ist, wäre es leicht zu behaupten.

Die Schwierigkeit der Eroberung des türkischen Reiches

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beruht auf Folgendem. Der  Eroberer  kann  von den Fürsten dieses Reiches nicht ins Land gerufen werden, noch kann er auf die Unterstützung von Rebellen hoffen, welche sein Unternehmen im Lande erleichtern: das ergibt sich aus den oben angeführten Gründen. Da sie alle Knechte und Geschöpfe des Fürsten sind, so sind sie schwerer zu bestechen, und wenn sie auch bestochen würden, so ist  wenig  von  ihnen zu erwarten, weil sie, aus den genannten Gründen, das Volk nicht mit sich reißen können. Wer also die Fürsten angreift, muß annehmen, daß er sie einig findet, und er muß mehr auf die eigne Kraft vertrauen als auf die Uneinigkeit des Gegners. Ist dieser aber besiegt und zersprengt, so daß er kein neues Heer aufstellen kann, so ist nichts mehr zu fürchten als das Geschlecht des Fürsten, und nach dessen Untergang ist überhaupt niemand mehr zu fürchten, da niemand mehr  Ansehen  genug  beim  Volke besitzt; und wie der Sieger vor dem Siege auf keinen von ihnen zu hoffen hatte, so hat er nach ihm keinen mehr zu fürchten.

Das Gegenteil findet statt bei Reichen, die wie Frankreich regiert werden. Du kannst leicht eindringen, nachdem du einen der Großen gewonnen hast, denn es gibt immer Unzufriedene und Neuerungssüchtige, welche dir, aus den angeführten Gründen, den Weg ins Land öffnen und den Sieg erleichtern können. Nach dem Sieg aber hast du unendliche Schwierigkeiten, um dich zu behaupten: sowohl  denen  gegenüber,  welche dir Beistand geleistet haben, wie bei den  Unterworfenen. Es genügt dann nicht, das Herrschergeschlecht auszurotten, denn es bleiben die Großen, die sich zu Häuptern der Neugestaltung aufwerfen, und da du sie weder zu vertilgen

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noch zufriedenzustellen vermagst, so verlierst du diesen Staat bei der ersten Gelegenheit, die sich bietet.

Erwägt man nun, von welcher Art das Reich des Darius war, so wird man es dem türkischen Reich ähnlich finden. Alexander brauchte also nur alles niederzuwerfen und auseinanderzusprengen, und sobald Darius tot war, behielt Alexander die Herrschaft aus den oben erörterten Gründen mit vollkommener Sicherheit. Und wenn seine Nachfolger einig gewesen wären, so hätten sie ihre Herrschaft in Ruhe genießen können, und es entstanden in jenem Reiche keine ändern Unruhen als die, welche sie selbst erregten. Aber Staaten, die eine Verfassung wie Frankreich haben, kann man nicht so ruhig besitzen. Daher die häufigen Empörungen in    Spanien, Frankreich und Griechenland gegen die Römer, wegen der vielen Fürsten in diesen Ländern. Solange das Andenken an sie lebte, blieb der Besitz den Römern ungewiß. Sobald dieses aber erloschen war, blieben die Römer durch die Macht und die lange Dauer ihrer Herrschaft im sichern Besitze. Ja, als die Römer in der Folge sich gegenseitig bekämpften, konnte jeder einen Teil dieser Provinzen auf seine Seite ziehen, je nach dem Ansehen, das er dort erlangt hatte, weil diese, nachdem ihr eigenes Herrscherhaus erloschen war, keine ändern Herren anerkannten als die Römer. Erwägt man dies alles, so wird sich niemand wundern, daß es Alexander so leicht fiel, seine Herrschaft in Asien aufrechtzuerhalten, und daß andre, wie Pyrrhus u. v. a. so große Schwierigkeiten hatten, das Erworbene zu behaupten. Das kam nicht von der größeren oder geringeren Tüchtigkeit des Eroberers, sondern von der Verschiedenheit der unterworfenen Länder.

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V.

Wie Städte  oder Fürstentümer  zu beherrschen sind, die vor der Eroberung nach eignen Gesetzen lebten

Wenn Staaten, welche in der besagten Art erobert worden sind, gewohnt waren, nach eigenen Gesetzen in Freiheit zu leben, so gibt es drei Arten, sie zu behandeln. Die erste ist, sie zu zerstören, die zweite, dort selbst zu residieren, die dritte, sie nach ihren eigenen Gesetzen weiterleben zu lassen, wobei man  sich mit einem Tribut begnügt und in ihnen eine Oligarchie schafft, die das Land in Botmäßigkeit erhält. Denn eine solche, vom Eroberer geschaffene Oligarchie weiß wohl, daß sie nicht ohne dessen Macht und Freundschaft bestehen kann, und muß alles  tun, um ihm die Herrschaft zu erhalten. Eine Stadt, die gewohnt war, frei zu leben, wird von ihren eigenen Bürgern stets leichter im Gehorsam gehalten als durch irgendwelche ändern Mittel.

Als Beispiel dienen hier die Spartaner und die Römer. Die Spartaner beherrschten Athen und Theben durch einige wenige und verloren sie trotzdem. Die Römer zerstörten Capua, Karthago und Numantia, um sich darin zu behaupten, und verloren diese Eroberungen nicht. Sie versuchten, Griechenland so zu beherrschen, wie die Spartaner es getan hatten, indem sie ihm die Freiheit und die eignen Gesetze ließen, und es mißlang, so daß sie letztlich gezwungen wurden, viele Städte im Lande zu zerstören, um es zu behaupten;  denn  es gibt in Wahrheit kein sichereres Mittel zur Beherrschung als die Zerstörung. Und wer sich zum Herrn einer Stadt macht,

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die gewohnt war, in Freiheit zu leben, und zerstört sie nicht, der mag gewärtigen, daß er von ihr selbst zugrunde gerichtet werde. Denn der Name der Freiheit und die alte Staatsverfassung dienen stets zum Vorwand für Aufstände und  werden  weder  im  Laufe der Zeit noch über Wohltaten vergessen; und welche Art von Vorkehrungen man auch treffen möge:  wenn die Einwohner nicht auseinandergerissen und zerstreut werden, so bleibt der alte Name und die alte Verfassung unvergessen und taucht bei jeder Gelegenheit wieder auf. So geschah es in Pisa, nachdem diese Stadt hundert Jahre unter der  Herrschaft von Florenz gestanden hatte. Sind  aber Städte und Länder daran  gewöhnt, unter  einem Fürsten zu leben, und sein Stamm ist erloschen, so sind sie einerseits gewohnt zu gehorchen, andrerseits aber fehlt ihnen der alte Fürst, und sie einigen sich nicht darüber, einen aus ihrer Mitte zu erheben; frei leben aber können sie auch nicht. Sie greifen also nicht so leicht zu den Waffen, und ein Fürst kann sie sich leicht unterwerfen und in Gehorsam erhalten. In Republiken aber herrscht ein stärkerer Lebenswille, mehr Haß  und Durst nach Vergeltung, und man gibt die Erinnerung an die alte Freiheit nicht  auf.  Am sichersten ist es also, sie zu zerstören oder in ihnen zu residieren.

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VI.

Von neuen Herrschaften, die durch eigne Waffen und Tapferkeit erworben werden

Es wundre sich keiner, wenn ich bei meinen Ausfüh- rungen über ganz neue Herrschaften, über  Fürsten und Staaten große Beispiele anführen werde. Denn da die Menschen fast immer in ausgetretenen Wegen gehen und in ihren Handlungen  die andren nachahmen, so muß ein Mann von Geist, auch wenn er nicht imstande ist, jenen Vorbildern in allem gleichzukommen, noch gar die Tugend derer, denen er nacheifert, zu überbieten, doch immer auf den Wegen der Großen wandeln und die hehrsten Muster nachahmen, damit er, wenn er das Ziel auch nicht erreicht, doch wenigstens in ihrem Geiste handelt. Er muß es den klugen Schützen gleichtun, welche in der Einsicht, daß das Ziel zu weit und die Kraft ihres Bogens zu gering ist, über den Treffpunkt hinauszielen, nicht um mit der Kraft ihres Pfeils so weit zu gelangen, sondern um das Ziel selbst zu erreichen. Ich sage also, daß ein neuer Fürst in ganz neuen Besitztümern mehr oder weniger Schwierigkeiten findet, sich zu behaupten, je  nachdem,  wieviel  Talent er besitzt. Und da entweder Tüchtigkeit oder Glück einen Privatmann auf den Thron erhebt, so ergibt sich, daß durch beides auch viele Schwierigkeiten beseitigt werden können. Nichtsdestoweniger hat der, welcher das wenigste Glück hatte, sich oft am längsten behauptet. Oft wird  die  Sache  auch  dadurch erleichtert, daß der Fürst in seinem neuen Gebiete residieren muß, sofern er keine ändern Staaten besitzt. Aber um auf die zu kommen, welche durch eigne

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Tüchtigkeit und nicht durch Glück auf den Thron gelangt sind, so nenne ich Moses, Cyrus, Romulus, Theseus und ähnliche als die vorzüglichsten. Über Moses darf ich nicht viel sagen, da er bloß der Vollstrecker der göttlichen Aufträge war und daher nur Bewunderung verdient, weil Gott ihn zu seinem Werkzeug erkor. Betrachten wir aber den Cyrus und die ändern, die neue Herrschaften erworben und begründet haben,  so finden wir sie selbst bewundernswert, und betrachten wir ihre eigenen Handlungen und Anordnungen, so erscheinen diese nicht geringer als die des Moses, der doch einen so großen Lehrmeister hatte. Untersucht man ihr Leben und ihre Taten, so findet man, daß sie dem Glücke nichts andres als die Gelegenheit verdankten, ihre Pläne zu verwirklichen. Ohne diese Gelegenheit wäre die Kraft ihres Geistes erloschen, und ohne sie selbst wäre die Gelegenheit vergeblich gekommen. Moses mußte also das Volk Israel in ägyptischer Knechtschaft finden,  damit  dieses  Volk  bereit  war, ihm aus der Knechtschaft zu folgen. Romulus durfte in Alba nicht den Platz finden für seine Taten,  mußte  nach seiner Geburt ausgesetzt werden, wenn er Rom gründen und dessen König werden  wollte.  Cyrus  mußte die Perser mit der medischen Herrschaft unzufrieden und die Meder durch den langen Frieden verweichlicht und weibisch finden. Theseus hätte seine Talente nicht beweisen können, wenn er die Athener nicht zerstreut gefunden hätte. Diese Gelegenheiten haben jenen großen Männern das Glück gebracht, und durch ihre große Tüchtigkeit erkannten sie die Gelegenheit, und dadurch ward ihr Vaterland glücklich und berühmt.

Diejenigen, die es durch ähnliche Tüchtigkeit zu Fürsten

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bringen, erwerben die Herrschaft mit Mühe, behaupten sie aber leicht. Die Schwierigkeiten, die sie bei Erwerbung der Herrschaft finden, entstehen teilweise aus den neuen Anordnungen, die sie treffen müssen, um den Staat zu begründen und für ihre eigne Sicherheit zu sorgen. Dabei ist zu bemerken, daß nichts größere Schwierigkeiten in der Ausführung bietet und von zweifelhafterem Erfolg ist, als sich zum Haupt einer neuen Staatsordnung  zu  machen.  Denn der Neuordner hat alle die zu Feinden, die sich in der alten Ordnung Wohlbefinden, und laue Mitstreiter in denen, welche bei der Neuordnung  zu gewinnen hoffen. Dies kommt teils von der Furcht vor den Gegnern, welche die Gesetze auf ihrer Seite haben,  teils von der Ungläubigkeit der Menschen, die an eine neue Sache nicht eher glauben, als bis sie sie mit den Händen greifen können. Daher kommt es, daß die Gegner den neuen Herrscher bei jeder Gelegenheit parteiwütig angreifen und die Freunde ihn so lau verteidigen, daß er samt ihnen in Gefahr gerät. Will man hierüber ein rechtes Urteil gewinnen, so muß man also prüfen, ob die Neuordner von ändern abhängen  oder auf eignen Füßen stehen, d. h., ob sie ihr Unternehmen nur tatsächlich durch Zureden oder mit Gewalt durchsetzen können. Im ersteren Falle ergeht  es ihnen stets schlecht, und sie erreichen nichts; stehen sie aber auf eignen Füßen und können Gewalt anwenden, so mißlingt es selten. Daher haben alle bewaffneten Propheten den Sieg davongetragen, die unbewaffneten aber sind zugrunde gegangen; denn zu dem Obengenannten kommt noch der Wankelmut des Volkes, welches sich leicht etwas einreden läßt, aber schwer dabei festzuhalten ist. Darum muß der Plan so angelegt sein, daß man, wenn der Glaube

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der Menge versagt, mit Gewalt nachhelfen kann. Moses, Cyrus, Theseus und Romulus hätten ihre Einrichtungen nicht lange aufrechterhalten können, wenn sie ohne Waffen gewesen wären; so wie es zu unsern Zeiten dem Fra Girolamo Savonarola geschah, der mit seinen Neuerungen zugrunde ging, als die Menge den Glauben an ihn verlor und er kein Mittel hatte, seine Anhänger im Glauben zu erhalten und die Ungläubigen zum Glauben zu zwingen. Solche haben daher große Schwierigkeiten zu bestehen; alle ihre Gefahren liegen auf dem Wege, und sie müssen sie durch ihre Tüchtigkeit überwinden. Haben sie aber gesiegt und beginnen Ansehen zu erlangen, nachdem sie ihre Neider aus dem Wege geschafft haben, so bleiben sie mächtig, geehrt und glücklich.

So großen Beispielen will ich noch ein kleineres hinzufügen, das aber manches mit ihnen gemein hat und mir statt aller ändern ähnlichen dienen soll: es ist das des Hieron von Syrakus. Er wurde vom Privatmanne  zum Fürsten von Syrakus, und das Glück bot  ihm nichts anderes als die Gelegenheit; denn die Syrakusaner, welche unterdrückt waren, wählten ihn zu ihrem Anführer, und als solcher machte er sich so verdient, daß er ihr Fürst wurde. Er war schon als Privatmann so tüchtig, daß berichtet wird,  »es  habe ihm zum Herrscher nichts gefehlt als die Herrschaft«. Er löste das alte Heer auf und schuf ein neues, verließ seine alten Freunde und knüpfte neue Freundschaften an, und da er Freunde und Soldaten auf seiner Seite hatte, so konnte er auf einem solchen Grunde jedes Gebäude errichten, so daß er also viel Mühe hatte, die Herrschaft zu erringen, aber nur wenig, um sie zu behaupten.

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VII.

Von neuen Fürstentümern, die durch fremde Hilfe und durch Glück erworben werden

Die, welche bloß durch Glück  aus  dem  Privatstande  auf den Thron gelangen, haben dabei wenig Mühe, um   so mehr aber dabei, sich auf dem Throne zu erhalten. Auf dem Wege stellt sich ihnen nichts entgegen, denn sie werden hinaufgehoben, wenn sie aber oben sind, so entstehen alle möglichen Schwierigkeiten. Das trifft  für alle zu, die durch Geld oder durch die Gnade eines ändern einen Staat erhalten haben. So wurden viele Griechen von Darius zu Fürsten in den Städten loniens und am Hellespont erhoben, damit sie für seine Sicherheit und seinen Ruhm sorgten. So sind auch manche römische Kaiser durch Bestechung der Soldaten zur Weltherrschaft gelangt. Solche Herrscher hängen lediglich vom guten Willen und vom Schicksal derer ab, denen sie ihre Würde verdanken; dies aber sind zwei höchst wandelbare und unbeständige Dinge, und sie verstehen und vermögen es nicht, ihre Stellung zu behaupten. Sie verstehen es nicht, denn wenn ein Mann nicht großen Geist und Tüchtigkeit besitzt, so erscheint es wenig glaubhaft, daß der, welcher stets als Privatmann gelebt hat, zu befehlen verstehe. Sie vermögen es nicht, denn sie besitzen keine Truppen, die ihnen treu und ergeben wären. Zudem können plötzlich entstandene Staaten, wie alles auf Erden, was schnell entsteht und wächst, keine tiefen Wurzeln und festen Bande haben; somit werden sie vom  ersten  Sturm entwurzelt, es sei denn, daß der, welcher mit einem Schlag auf den Thron

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gelangt ist, so viel Tüchtigkeit besitzt, das, was Fortuna ihm in den Schoß geworfen hat, festzuhalten und die Grundlagen, die andere sich gelegt haben, ehe sie Für- sten wurden, sich noch nachträglich zu schaffen.

Von jeder dieser beiden Arten, durch Glück oder Tüchtigkeit zur Herrschaft zu gelangen, will ich je ein Beispiel anführen, das in unserer Zeit in aller Gedächtnis ist, und zwar das des Francesco Sforza und das des Cäsar Borgia. Francesco ward durch die richtigen Mittel und durch seine große Zielstrebigkeit Herzog von Mailand, und  was er mit unendlicher Mühe gewonnen, konnte er mühelos behaupten. Der andre, Cesare Borgia (insgemein Herzog von Valentinois genannt), erlangte seinen Stand durch das Glück seines Vaters und verlor ihn mit diesem, obwohl er nichts unterließ und alles tat, was ein kluger und tüchtiger Mann tun muß, um in dem Staate, den er  durch die Waffen und das Glück eines ändern gewonnen hatte, Wurzeln zu schlagen. Denn, wie gesagt, wer nicht vorher den Grund gelegt hat, kann es durch große Tüchtigkeit nachholen, aber nur mit Mühsal für den Baumeister und unter Gefährdung des Gebäudes. Betrachtet man nun alle Fortschritte des Herzogs, so wird man sehen, wieviel er getan  hat,  um den  Grund  zu seiner künftigen Größe zu legen. Ich halte es nicht für überflüssig, dies zu betonen, denn ich wüßte nicht, einem neuen Fürsten bessere Regeln zu geben, als dem Beispiel seiner Handlungen zu folgen; und wenn seine Maßregeln ihm doch nichts nützten, so lag die Schuld nicht an ihm, sondern an einem ganz außerordentlichen Mißgeschick.

Alexander VI. fand bei dem Vorhaben, seinen Sohn großzumachen, zahlreiche Schwierigkeiten, sowohl

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gegenwärtige wie zukünftige. Zunächst sah er keinen Weg, ihn zum Herrn eines Staates zu machen, der  nicht zur Kirche gehörte, und wenn er ihm einen solchen gab, so wußte er wohl, daß der Herzog von Mailand und die Venezianer dies nicht dulden würden, denn Faenza und Rimini standen bereits unter venezianischem Schütze. Außerdem sah er, daß die italienischen Waffen, insbesondere die, deren er sich bedienen konnte, in den Händen derer  waren,  welche die Größe des Papstes zu fürchten hatten. Sie gehörten alle den Orsini und Colonna und deren Anhängern an, und so war kein Verlaß auf sie. Es war also nötig, diese Verhältnisse zu verwirren und die italienischen Staaten gegeneinander aufzuwiegeln, um einen Teil  von ihnen mit Sicherheit an sich zu reißen. Dies fiel ihm leicht, da die Venezianer aus ändern Beweggründen danach strebten, die Franzosen  wieder nach Italien zu rufen. Diesem Vorhaben widersetzte er sich nicht nur nicht, sondern er erleichterte es ihnen durch die Ehescheidung des Königs Ludwig; und so erschien dieser denn in Italien mit Hilfe  der Venezianer und unter Zustimmung des Papstes; und kaum war er in Mailand, so erhielt der Papst auch  schon Leute genug zur Besetzung der Romagna,  die man ihm wegen des großen Rufes des Königs verstattete. Nachdem der Herzog nun die Romagna erobert und die Colonnesen geschlagen hatte, wollte er seine Eroberung sichern und weitergehen; aber da stieß er auf zwei Hindernisse: erstens die eigenen Truppen, auf die kein Verlaß war, und zweitens die Absichten Frankreichs. Er fürchtete also, daß die Truppen der Orsini, deren er sich bedient hatte,  von ihm abfielen und nicht allein weitere Eroberungen vereiteln, sondern ihm auch das, was er bereits hatte, entreißen könnten.

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Von dem Könige fürchtete er das gleiche. Bei den Orsini trat dieses auch ein, als er nach der Eroberung Faenzas Bologna angriff und sie sich bei der Belagerung recht zurückhaltend benahmen. Und was den König betraf, so lernte er dessen Gesinnung kennen, als er nach  Eroberung des Herzogtums Urbino die Toskana angriff und der König ihn zwang, von diesem Unternehmen abzustehen. Darauf beschloß der Herzog, sich von fremden Waffen und fremdem Glück ganz frei zu machen. Zunächst schwächte er die Orsini und Colonna in Rom, indem er alle  Edelleute,  die jenen anhingen, auf seine Seite zog, sie reich belohnte und entsprechend ihren Fähigkeiten mit militärischen Rängen und Regierungsämtern ehrte. In wenigen Monaten war ihre Anhänglichkeit an ihre Parteien erloschen und hatte sich ganz dem Herzog zugewandt. Hiernach wartete er  die  Gelegenheit  ab, die Orsini zu vernichten, wie er schon das Haus Colonna auseinandergebracht hatte; auch dies gelang ihm, und er nutzte es besser. Die Orsini merkten erst spät, daß die Größe des Herzogs und der Kirche ihr Untergang war, und sie veranstalteten eine Zusammenkunft in der Magione im Gebiet  von  Perugia. Aus dieser entstand der Aufruhr von Urbino und die Erhebungen in der Romagna und zahllose Gefahren für den Herzog, die er aber mit Hilfe der Franzosen sämtlich überwand, wodurch sein Ansehen sich wieder festigte. Da er aber weder den Franzosen noch ändern fremden Mächten traute, sie jedoch nicht auf die Probe stellen konnte, so beschloß er, sie zu hintergehen, und er wußte seine Absichten so gut zu verbergen, daß die Orsini sich mit ihm durch Vermittlung des Herrn Paolo Orsini versöhnten. Diesem gegenüber unterließ der Herzog nichts, um ihn

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in Sicherheit zu wiegen; er beschenkte die Orsini mit Geld, Kleidern und Pferden, bis ihre Einfalt sie schließlich nach Senigallia und in seine Hände lockte. Nachdem er die Häupter umgebracht und  deren  Anhänger  auf  seine Seite gezogen hatte, war seine Herrschaft ziemlich fest begründet, da die ganze Romagna nebst dem Herzogtum Urbino in seiner Gewalt war und die Völker anfingen, sich dabei wohl zu fühlen.

Da dieser Teil seines Benehmens beachtenswert ist und Nachahmung verdient, so möchte ich ihn nicht unerwähnt lassen. Nachdem der Herzog die Romagna unterworfen und erkannt hatte, daß sie von unfähigen Herren regiert worden war, die ihre Untertanen eher ausgeplündert als ihr Los verbessert und mehr Unordnung gestiftet, als für Ordnung gesorgt hatten, so daß diese Provinz voller Straßenraub, Händel und allerart Frevel war, so hielt er es für nötig, sie zu beruhigen und botmäßig zu machen, indem er  sie tüchtig regierte. Zu diesem Zweck machte er Messer Ramiro d’Orco zum Statthalter, einen grausamen und erfahrenen Mann, dem er volle Gewalt erteilte. Dieser stellte binnen kurzer Zeit Ruhe und Sicherheit her, wodurch er sich großen Ruhm erwarb.  Hierauf schien es dem Herzog, daß so unumschränkte Gewalt nicht mehr angebracht sei, da er fürchtete, daß sie verhaßt werden möchte. Er errichtete also mitten im Land eine Gerichtsstelle unter dem Vorsitz eines trefflichen Mannes, bei dem jede  Stadt  ihren  Anwalt  hatte.  Und da er erfuhr, daß die vorangegangene Strenge einigen Haß erzeugt hatte, so suchte er die Gemüter des Volkes zu beruhigen und es vollends zu gewinnen, indem er ihm bewies, daß alle begangenen Grausamkeiten nicht von ihm, sondern von dem rauhen Wesen seines

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Statthalters herrührten. Er benutzte eine Gelegenheit und ließ ihn eines Tages in Cesena auf dem Marktplatz in zwei Stücke zerrissen ausstellen, mit einem Stück Holz und einem blutigen Messer zur Seite. Der Graus dieses Anblickes befriedigte das Volk für eine Weile und hielt es zugleich in Respekt.

Kehren wir jedoch zu unserm Ausgangspunkte zu- rück. Der Herzog war jetzt mächtig genug und für den Augenblick vor allen Gefahren ziemlich gesichert, da er sich nach seiner Weise genug sam gerüstet und die Streitkräfte, die in der Nähe gefährlich werden konnten, großenteils vernichtet hatte. Es blieb ihm, wenn er weitere Eroberungen machen wollte, nur die Rücksicht auf Frankreich, denn er wußte, daß der König, der seinen Fehler zu spät eingesehen hatte, dergleichen nicht dulden würde. Er begann also, sich nach neuen Freundschaften umzusehen und  mit Frankreich ein Doppelspiel zu treiben, sobald die Franzosen auf das Königreich Neapel und gegen die Spanier vorrückten, welche Gaeta belagerten. Seine Absicht war, sich dieser zu versichern, und das wäre leicht gelungen, solange Alexander am Leben war.

So viel von seinen Maßnahmen  für  die  Gegenwart.  Was aber die Zukunft betraf, so hatte  er vornehmlich zu befürchten, daß ein neuer Papst ihm wenig gewogen wäre und ihm das zu nehmen suchte, was Alexander ihm gegeben hatte. Hiergegen gedachte er sich durch vier Mittel zu sichern: erstens, alle Fürstenhäuser, die er der Herrschaft beraubt hatte, auszutilgen, um dem Papst in dieser Hinsicht jeden Anlaß zu nehmen; zweitens, alle Edelleute von Rom, wie schon  erwähnt,  zu gewinnen, um mit deren Hilfe den  Papst  im Zaum

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zu halten; drittens, das Kardinalskollegium nach Kräften auf seine Seite zu ziehen, und viertens, indem er sich vor dem Tode des Papstes eine so große Herrschaft erwarb, daß er einem ersten Angriff aus eigner Kraft standhalten konnte. Von diesen vier Dingen hatte er beim Tode Alexanders drei ganz und das vierte fast ausgeführt. Von den beraubten Herrschern hatte er töten lassen, soviel er erreichen konnte, und nur ganz wenige waren entkommen; die römischen Edelleute hatte er gewonnen, und im Kardinalskollegium hatte er die Mehrheit für sich. Was aber die Eroberungen  betrifft, so hatte er den Plan gefaßt, die Toskana zu unterwerfen; Perugia und Piombino besaß er schon, und Pisa hatte er unter seinen Schutz genommen. Gleich als hätte er auf Frankreich keinerlei Rücksicht zu nehmen (und in der Tat hatte er das nicht mehr nötig, nachdem die Franzosen das  Königreich Neapel an Spanien verloren hatten, so daß beide Teile genötigt waren, sich um seine Freundschaft zu bewerben), warf er sich zum Herrn von Pisa auf. Daraufhin ergaben sich ihm Lucca und Siena, teils aus Eifersucht gegen Florenz, teils aus Furcht; für die Florentiner gab es keine Rettung. Wäre ihm dies geglückt (und es mußte im selben Jahre gelingen, wo Alexander starb), so hätte er solchen Ruf und solche Macht  erworben,  daß er sich allein hätte halten können und wäre nicht mehr vom Glück  und  der  Macht  eines  andren  abhängig gewe sen, sondern ganz allein von seiner Macht und Tüchtigkeit. Jedoch Alexander starb, fünf Jahre nachdem er das Schwert gezogen, und hinterließ ihm nichts als die befestigte Herrschaft in der Romagna. Alles übrige schwebte noch in der Luft, und er stand zwischen zwei sehr starken feindlichen Heeren; dazu war er todkrank.

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Der Herzog besaß so viel Energie und wußte so gut, wie man Menschen gewinnt und verliert, auch war die  Grundlage seiner Herrschaft, die er in so kurzer Zeit gelegt hatte, so befestigt, daß er alle Schwierigkeiten bezwungen hätte, wenn er nicht jene beiden Heere auf dem Halse gehabt hätte oder gesund gewesen wäre.  Denn daß die Grundlagen seiner Macht gut  waren,  sieht man daran, daß die Romagna ihn einen  Monat  lang erwartete, daß er in Rom, obwohl mehr tot als lebendig, sicher war und daß die Baglioni, Vitelli und Orsini, obwohl sie nach Rom kamen, sich dort keinen Anhang gegen ihn zu schaffen vermochten. Er konnte, wo nicht einen neuen Papst nach seinem Willen machen, so doch verhindern, daß einer Papst  wurde,  den er nicht wollte. Wäre er nun gar beim Tod Alexanders gesund gewesen, so wäre ihm alles leichtgefallen. Am selben Tage, da Julius II. zum Papst erwählt ward, sagte er zu mir, er hätte an alles gedacht, was beim Tode seines Vaters hätte geschehen können, und gegen alles Mittel gefunden; nur daran hätte er nie gedacht, daß er bei diesem Tode selbst sterbenskrank sein könnte.

Fasse ich nun alle Handlungen des Herzogs zusammen, so kann ich ihn nicht schelten; vielmehr erscheint er mir, wie gesagt, als Vorbild für alle, die durch Glück und mit fremder Macht zur Herrschaft gelangen. Bei seinem hohen Sinn und seinem großen Ziele konnte er nicht anders handeln; nur der frühe Tod seines Vaters und seine eigne Krankheit vereitelten seine Pläne. Wer also in seinem neuen Fürstenstande es nötig  findet, sich gegen Feinde zu sichern, Freunde zu gewinnen, durch Gewalt oder List zu siegen, sich beim Volke beliebt oder gefürchtet zu machen, bei den  Soldaten  sich Gehorsam

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und Achtung zu verschaffen, die zu vertilgen, welche ihn befeinden können oder es müssen, die alte  Ordnung der Dinge auf eigne Art zu erneuern, streng und gütig, großmütig und freigebig zu sein, untreue Truppen aufzulösen und neue zu schaffen, sich die Freundschaft von Königen und Fürsten zu erhalten, so daß sie ihm gern gefällig sind und ihn nur mit Scheu angreifen, der kann kein frischeres Beispiel finden als die Handlungen dieses Mannes. Nur eins kann man ihm vorwerfen, daß er in die Papstwahl Julius H. willigte, was sehr verkehrt war; denn  wenn  er auch, wie gesagt, keinen Papst nach seinem Willen machen konnte, so konnte er doch verhindern, daß einer Papst wurde, und niemals durfte er die Wahl eines Kardinals zulassen, den er beleidigt hatte oder der ihn zu fürchten hatte, nachdem er Papst geworden war. Denn die Menschen befeinden entweder aus Haß oder aus Furcht. Die, welche er beleidigt hatte, waren u. a. die Kardinäle von S. Pietro ad Vincula, Colonna, San Giorgio, Ascanio. Alle ändern aber hatten ihn zu fürchten, sobald sie den Papstthron bestiegen, mit Ausnahme des Kardinals von Rouen und der Spanier. Diese wegen der Verwandtschaft und Dankbarkeit,  jener we gen seiner Macht, da er das Königreich Frankreich hinter sich hatte. So mußte der  Herzog also vor allen Dingen einen Spanier zum Papste machen; vermochte er das nicht, so mußte er seine Zustimmung dem Kardinal von Rouen und nicht  dem von S. Pietro ad Vincula geben. Denn wer  da  glaubt, daß neue Wohltaten  bei  den  Großen  alte Beleidigungen auslöschen, der irrt sich. Der Herzog beging also bei dieser Wahl einen Fehler und bereitete sich dadurch selbst den Untergang.

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VIII.

Von denen, welche durch Verbrechen zur Herrschaft gelangt sind

Doch es gibt noch zwei Arten, aus  dem  Privatstande zur Herrschaft zu gelangen, die man weder ganz dem Glücke noch der Tüchtigkeit zuschreiben kann. Ich will sie hier nicht übergehen, obwohl von der einen ausführlich gehandelt werden  kann,  wo von Republiken die Rede ist. Es sind dies folgende: wenn jemand auf verbrecherische und ruchlose Weise zur Herrschaft sich aufschwingt, oder wenn ein Bürger durch die Gunst seiner Mitbürger zum Fürsten seines Vaterlandes erhoben wird.  Was die erste Art betrifft,  so will ich zwei Beispiele anführen, ein altes und ein neues, ohne im übrigen ein Urteil darüber zu fällen; denn ich meine, daß es für die, welche in der gleichen Lage sind, genügt, wenn sie es nachahmen.

Agathokles, der Sizilianer, brachte es nicht nur aus dem Privatstande, sondern aus dem niedrigsten und ruchlosesten Schicksal zum König von Syrakus. Er  war der Sohn eines Töpfers und führte  auf  allen  Stufen seines Glückes stets ein verworfenes Leben, besaß aber bei aller seiner Schlechtigkeit solche Vorzüge des Geistes und des Körpers, daß er als Soldat auf der Stufenleiter der Würden bis zum Prätor von Syrakus aufstieg. Nachdem er sich in dieser Stellung befestigt hatte, beschloß er, sich zum Fürsten aufzuschwingen und die Macht, die man ihm verliehen hatte, mit Gewalt zu behaupten,  ohne  jemandem Dank zu schulden. Über diese Absicht einigte er sich mit Hamilkar, der mit dem karthagischen Heere

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in Sizilien focht. Eines Morgens berief er das Volk und den Senat von Syrakus, wie um über Staatsangelegen- heiten zu beraten, und ließ auf ein gegebenes Zeichen alle Senatoren und Patrizier niedermachen. Nachdem diese beseitigt waren, ergriff und behauptete er die Herrschaft ohne irgendwelche inneren Wirren. Und wiewohl er von den Karthagern zweimal  geschlagen  und zuletzt belagert ward, so vermochte er doch nicht nur seine Stadt zu verteidigen, sondern er fiel sogar, nachdem er einen Teil seiner Leute zur Verteidigung derselben zurückgelassen, mit den ändern in Afrika ein, befreite Syrakus binnen kurzem von der Belagerung und brachte die Karthager in die äußerste Notlage, so daß diese gezwungen waren, sich mit ihm zu verständigen, sich mit dem Besitz von Afrika zu begnügen und ihm Sizilien zu lassen. Wer also seine Handlungen und seine Tüchtigkeit erwägt, wird wenig oder nichts finden, was er dem Glücke verdankte,  da  er, wie gesagt, nicht durch die Gunst eines andren, sondern durch seine Beförderung im Heere unter tausend Gefahren und Widerwärtigkeiten zur Herr- schaft gelangt war und diese mit solcher Entschlossen- heit in Gefahren behauptete. Man kann es nicht  Tugend nennen, seine Mitbürger zu ermorden, die Freunde zu verraten, ohne Treu und Glauben, ohne Menschlichkeit und Religion zu sein. Auf diese Art kann man wohl die Herrschaft, doch keinen Ruhm erwerben. Betrachtet man aber die Tapferkeit, mit der Agathokles           sich in Gefahren begab und diese meisterte, und die Größe, mit der er das Mißgeschick ertrug und überwand, so findet man nichts, worin er einem   großen Feldherrn nachstünde. Gleichwohl verbieten seine unmenschliche Grausamkeit und seine unzähligen Verbrechen, ihn unter die

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vorzüglichsten Menschen zu zählen. Man kann das  also weder dem Glück noch der  Tugend  zuschreiben,  was er ohne beides erreicht hat.

In unsren Tagen, unter der Herrschaft Alexanders VI., haben wir den Oliverotto da Fermo gehabt, der vor einigen Jahren noch ganz klein war. Ein Oheim mütterlicherseits, namens Giovanni Fogliano, erzog ihn und gab ihn in jungen Jahren in den Kriegsdienst unter Paolo Vitelli, damit er unter dessen Zucht zu einem hervorragenden Kriegsmanne würde.  Nach Paolos Tode diente er unter dessen Bruder Vitellozzo, und da er ein Mann von scharfem Verstande und körperlich wie geistig gleich tüchtig war, so ward er binnen kurzem der erste Mann in seinem Heere. Da es ihm aber zu niedrig schien, unter andren zu stehen, so gedachte er mit Hilfe etlicher Bürger von  Fermo, denen die Knechtschaft lieber war als die Freiheit ihrer Vaterstadt, sowie durch die Gunst des Vitellozzo, sich Fermos zu bemächtigen. Er schrieb also an Giovanni Fogliano, daß er ihn und  seine  Heimat  nach so langem Fernsein wiedersehen und sich auch nach seinem Erbteil umtun wolle. Da er aber bisher nach nichts weiter getrachtet hätte als nach Ehre, so wolle er, damit seine Mitbürger sähen, daß er seine Zeit  nicht vergeudet hätte, in ehrenvoller Weise und in Begleitung von hundert Reitern, seinen Freunden und Dienern, einziehen. Er bäte ihn also, dafür Sorge zu tragen, daß die Einwohner von Fermo ihn ehrenvoll empfingen, was ja nicht ihm allein, sondern auch ihm, seinem Oheim, der ihn erzogen, zur Ehre gereichen würde. Giovanni unterließ nichts, was er seinem Neffen schuldete; er sorgte für einen ehrenvollen Empfang durch die Einwohner von  Fermo  und  nahm  ihn in seinem Hause auf. Einige Tage

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darauf, nachdem Oliverotto alle nötigen Vorbereitungen zu seiner Schandtat getroffen hatte, gab er dort ein glänzendes Festmahl, zu dem  er  Giovanni  Fogliano und alle, die in Fermo angesehen waren, einlud. Nachdem die Mahlzeit und alle Ergötzungen, die bei solchen Festen stattzufinden pflegen, beendet waren,  gab Olive rotto dem Gespräch absichtlich eine ernste Wendung, redete vom Papst Alexander und seinem Sohne Cesare und deren     Unternehmungen. Als Giovanni und andre auf diese Reden eingingen,  stand  er mit einemmal auf, erklärte, dies seien Sachen, über die man an einem verschwiegenen Orte reden müsse, und zog sich in eine Kammer zurück, wohin Giovanni und alle andren ihm folgten. Kaum aber hatten sie sich gesetzt, so traten aus dem Versteck Soldaten hervor, die Giovanni und  alle  übrigen  umbrachten.  Nach  dieser Mordtat stieg Olive rotto zu Pferde,  ritt  durch die Stadt und belagerte den Magistrat im Rathaus. Die Ratsherren ließen sich einschüchtern,  unterwarfen sich ihm und bestätigten eine Regierung, die ihn zum Fürsten machte. Und da alle Unzufriedenen, die ihm schaden konnten, tot waren, so befestigte er  seine Macht durch neue bürgerliche und militärische Maßregeln, so daß er während des einen Jahres, wo er die Herrschaft innehatte, nicht nur in der Stadt Fermo sicher, sondern auch von allen seinen Nachbarn gefürchtet war; ja seine Vertreibung wäre ebenso schwer gewesen wie die des Agathokles, hätte er sich nicht von Cesare Borgia ins Garn locken lassen. Dieser hatte, wie oben erwähnt, zu Senigallia die Orsini und Vitelli gefangen und fing auch ihn, so daß er ein Jahr nach seinem Verwandtenmord samt dem Vitellozzo, seinem Lehrmeister in Kriegstugend und Verbrechen,

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erdrosselt ward. Man könnte zweifeln, wie es möglich war, daß  Agathokles  und  manche  andre  nach zahllosen Verrätereien und Grausamkeiten in ihrer Vaterstadt lange Zeit sicher lebten und sich äußerer Feinde erwehren konnten, und daß ihre Mitbürger nie eine Verschwörung gegen sie unternahmen, wohingegen viele andre sich wegen ihrer Grausamkeit nicht einmal im Frieden, geschweige denn in unsichren Kriegszeiten, zu behaupten vermochten.  Ich  glaube,  das hängt von  dem  rechten  oder  falschen  Gebrauch der Grausamkeit ab. Ein rechter Gebrauch, wenn man dies so nennen darf, ist der, wenn das Böse ein einziges Mal zur eignen Sicherheit geschieht,  dann  aber  aufhört und sich soviel wie möglich zum Nutzen der Untertanen verwandelt. Einen  Mißbrauch nenne  ich es, wenn das Böse im Anfang gering ist, mit der Zeit aber eher zunimmt als nachläßt. Der den ersten Weg beschreitet, kann mit Gottes und der Menschen Hilfe seine Lage verbessern, wie Agathokles es getan hat; die andren aber können sich unmöglich halten. Woraus sich ergibt, daß der, welcher einen Staat an sich reißen will, alle notwendigen Gewalttaten  vorher  bedenken und sie auf einen Schlag ausführen soll, um nicht jeden Tag wieder anfangen zu müssen. Ist alles auf einmal abgetan, so beruhigen sich die Menschen, und er kann sie durch Wohltaten gewinnen. Wer aus Furcht oder aus Mangel an Einsicht anders handelt, muß das Schwert beständig in der Hand halten und kann  sich  nie auf seine Untertanen verlassen, da diese ihm wegen der fortgesetzten neuen Mißhandlungen nicht trauen können. Darum müssen alle Gewalttaten auf einmal geschehen, da sie dann weniger empfunden und eher vergessen werden. Die Wohltaten aber müssen nach und nach

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erwiesen werden, damit sie sich besser einprägen. Vor allem aber muß ein Fürst sich mit seinen Untertanen so stellen, daß kein guter oder schlimmer Zufall sein Verhalten ändert; denn wenn widrige Zeiten  kommen,  so ist die Härte unangebracht, und Wohltaten helfen dir auch nichts, denn man hält sie für erzwungen  und  weiß dir keinen Dank dafür.

IX.

Der Volksfürst

Ich komme zu dem ändern Falle, wenn ein  Bürger  nicht durch Verbrechen oder eine andre unleidliche Gewalttat, sondern durch die Gunst seiner Mitbürger zum Fürsten seines Vaterlandes aufsteigt. Diesen Mann könnte man einen Volksfürsten nennen. Um zu dieser Herrschaft zu gelangen, ist nicht bloß Tüchtigkeit oder Glück erforderlich, sondern vielmehr eine erfolgreiche Schlauheit und ein Buhlen um die Gunst des Volkes oder der Großen. Da in jeder Stadt diese zwei gegensätzlichen Strebungen herrschen, so will das Volk die Herrschaft und die Unterdrückung durch die Großen nicht dulden, während  die  Großen  das Volk zu beherrschen und zu unterdrücken trachten; und aus dem Widerstreit dieser Strebungen entsteht in den Städten entweder Alleinherrschaft oder Freiheit oder Anarchie.

Die Alleinherrschaft wird entweder vom Volke  oder  von den Großen herbeigeführt, je nachdem die  eine  oder andre Partei dazu Gelegenheit findet. Denn wenn die Großen sehen, daß sie dem Volke nicht widerstehen

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können, so beginnen sie einem der Ihren Ansehen zu verschaffen und erheben ihn zum Fürsten, um unter seinem Schutz ihren eignen Gelüsten zu frönen. Auch das Volk verhilft, wenn es sieht, daß es den Großen nicht widerstehen kann, einem einzigen zu Ansehen und macht ihn zum Fürsten, um von ihm geschützt zu werden. Wer mit Hilfe der  Großen  Fürst  wird,  hält  sich schwerer als einer, den das Volk erhebt; denn er findet sich als Fürst von vielen umgeben, die sich seinesgleichen dünken und denen er deshalb weder befehlen noch sie nach seinem Willen behandeln kann. Wer aber durch die Volksgunst zur Herrschaft  gelangt, steht ganz allein und hat keinen oder nur ganz wenige um sich, die ihm zu gehorchen nicht bereit wären. Außerdem kann er die Großen nicht auf  ehrliche Weise befriedigen ohne Ungerechtigkeit gegenüber andren, wohl aber das Volk, denn  das Ziel des Volkes ist viel erhabener als das Ziel der Großen: diese wollen unterdrücken, jenes aber will nicht un terdrückt sein. Es kommt hinzu, daß ein Fürst sich eines feindseligen Volkes nie versichern kann, weil es viele sind; der Großen aber kann er sich versichern, weil es nur wenige sind. Das Schlimmste, was ein vom Volke gehaßter Fürst zu gewärtigen hat, ist, daß es ihn im Stiche läßt; von den feindlichen Großen aber hat er nicht nur zu befürchten, daß sie ihn verlassen, sondern auch, daß sie gegen ihn aufstehen; denn da diese mehr Einsicht und Schlauheit besitzen, so sinnen sie im voraus auf ihre Rettung und suchen die Gunst dessen zu erlangen, von dem sie hoffen, daß er siegen wird. Auch ist ein Fürst genötigt, beständig mit dem gleichen Volke zu leben, hingegen kann er leicht ohne die gleichen Großen auskommen, weil er jeden Tag welche erheben und erniedrigen

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und ihnen nach Gutdünken Ansehen nehmen  und geben kann.

Um diesen Punkt klarzustellen, sage ich, daß es zwei Arten gibt, die Großen zu behandeln. Sie betragen sich nämlich entweder so, daß sie sich ganz deinem Glücke anvertrauen oder gar nicht. Die, welche ganz zu dir halten und nicht habgierig sind, mußt du ehren und lieben; die, welche sich nicht an dich binden, müssen auf zwei Arten betrachtet werden. Entweder  sie  tun  dies aus Feigheit und Mangel an natürlichem  Mut;  dann mußt du dich ihrer bedienen, insbesondere, wenn sie klug sind, denn im Glück wirst du von ihnen geehrt und im Unglück hast du von ihnen nichts zu furchten. Wenn sie sich aber aus ehrgeizigen Absichten nicht an dich binden, so beweisen sie, daß sie mehr an sich als an dich denken; und vor diesen muß der Fürst sich hüten und sie als heimliche Feinde furchten, denn sie werden im Unglück stets behilflich sein, ihn zu stürzen. Deswegen muß, wer durch Volksgunst Fürst wird, sich das Volk zum Freunde erhalten,  was ihm leicht  wird, da es ja nichts weiter verlangt, als nicht unterdrückt zu werden. Wer jedoch gegen den Willen des Volkes durch den Beistand der Großen Fürst wird, muß vor allen Dingen suchen, das Volk zu gewinnen, was ihm ebenfalls leicht wird, wenn er es in Schutz nimmt. Und da die Menschen, wenn sie Gutes von einem erfahren, von dem sie Schlimmes erwarteten, ihrem Wohltäter größeren Dank wissen, so wird er beim Volke auf einmal beliebter sein, als wenn es ihn selbst zur Macht erhoben hätte. Der Mi ttel aber, das Volk zu gewinnen, sind mancherlei; sie richten sich nach den Umständen und lassen sich deshalb nicht in eine bestimmte Regel fassen,

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weshalb ich sie ganz übergehe. Ich ziehe nur den Schluß, daß ein Fürst das Volk auf seiner Seite haben muß, weil er sonst im Unglück verlassen ist.

Nabis, der Fürst der Spartaner, hielt die Belagerung von allen Griechen und von einem äußerst siegreichen Römerheer aus und verteidigte das  Vaterland  und seinen Staat gegen sie; und dazu genügte es, als die Gefahr nahte, sich einiger weniger zu  versichern. Hätte er das Volk zum Feinde gehabt, so  hätte  dies nicht hingereicht. Und es setze mir keiner das triviale Sprichwort entgegen, daß wer auf das Volk baut, auf Sand baut. Denn dies trifft nur zu, wenn  ein Privatmann sich auf das Volk stützen will und es um Befreiung vom Joch seiner Feinde oder der Obrigkeit anruft. In diesem Falle kann er sich leicht täuschen, wie es in Rom den Gracchen und in Florenz dem  Messer Giorgio Scali erging. Stützt sich aber ein Fürst auf das Volk, der zu befehlen versteht und beherzt ist,  so lasse er sich im Unglück nicht irre machen; er treffe alle nötigen Zurüstungen und erhalte durch seinen Geist und seine Befehle alles im Griff, so wird er sich vom Volke nicht betrogen finden und erkennen, daß er auf festen Grund gebaut hat.

In Gefahr geraten solche Herrschaften gewöhnlich nur dann, wenn sie aus einem Volksfürstentum zur Alleinherrschaft übergehen wollen, denn diese Fürsten regieren entweder selbst oder durch Magistratspersonen. Im letzteren Falle ist ihre Stellung unsicherer und gefährdeter, weil sie völlig von dem Willen der Bürger abhängt, welche die obersten Stellen bekleiden. Diese können, besonders in schwierigen Zeiten, dem Fürsten leicht seine Macht rauben, indem sie ihm zuwiderhandeln oder den Gehorsam verweigern. Der Fürst aber

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darf in gefahrvollen Zeiten nicht die absolute  Macht  an sich reißen, weil die Bürger und Untertanen, die gewohnt sind, den Magistratspersonen zu gehorchen, in der Bedrängnis nicht auf sein Gebot hören und es ihm in unsichren Zeiten stets schwer ist, zuverlässige Leute zu finden. Solche Fürsten also dürfen sich nicht auf das verlassen, was sie in ruhigen Zeiten sehen, wenn die Bürger den Staat brauchen. Alsdann ist jeder diensteifrig, verspricht jeder, will jeder für ihn in den Tod gehen, solange die Gefahr fern ist. In den unglücklichen Zeiten jedoch, wenn der Staat die Bürger braucht, finden sich wenige bereit. Ein solches Experiment ist um so gefährlicher, als man es nur einmal machen kann. Daher muß ein kluger Fürst dafür sorgen, daß seine Bürger unter allen Umständen und in allen Zeitläuften ihn und den Staat nötig haben: dann werden sie ihm stets treu bleiben.

X.

Wie    die    Kräfte    aller    Fürstentümer    zu bemessen sind

Bei der Prüfung der Beschaffenheit aller dieser Für- stentümer spricht noch ein anderer Umstand mit, nämlich, ob ein Fürst einen so großen Staat hat, daß er sich im Notfalle allein halten kann, oder ob er stets auf fremde Hilfe angewiesen ist. Um auf diesen Punkt näher einzugehen, würde ich sagen, daß die sich selbst zu behaupten vermögen, die  Menschen  oder  Geld  genug besitzen, um ein ausreichendes Heer aufzustellen und jedem, der sie angreift, eine Schlacht zu liefern. Die aber

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bedürfen nach meiner Ansicht stets fremden  Beistandes, die dem Feinde nicht im Felde entgegentreten können, sondern genötigt sind, sich hinter ihre Mauern zurückzuziehen und sich dort zu verteidigen. Vom ersten Falle ist bereits geredet, und bei Gelegenheit werden wir noch  mehr  davon  reden.  Im zweiten Falle kann man dem  Fürsten nichts anderes raten, als seine Stadt zu befestigen, das Land aber preiszugeben. Und wer immer  seine  Stadt  befestigt und sich im übrigen gegen seine Untertanen so benimmt, wie ich es weiter oben empfahl und auch fürder empfehlen werde, den wird keiner leichtfertig angreifen, weil niemand gern Dinge unternimmt, die mit Schwierigkeiten verknüpft sind, und weil es nicht leicht erscheint, einen anzugreifen, der wohlbefestigt und seinem Volke nicht verhaßt ist.

Die deutschen Städte haben große Freiheiten und we – nig Landgebiet; sie gehorchen dem Kaiser, soweit sie wollen, und furchten sich vor keinem Nachbarn,  denn sie sind derart befestigt, daß ein jeder erkennt, wie verdrießlich und schwierig es wäre, sie zu erobern. Sie haben starke Mauern und Gräben, hinreichendes Geschütz und in den öffentlichen Speichern Lebensmittel und Brennholz für Jahresfrist. Zudem vermögen sie dem kleinen Volke ohne Schaden für das Gemeinwohl seinen Unterhalt zu sichern, indem sie ihm für ein Jahr Arbeit in  den  Gewerben  geben,  die den Lebensnerv der Stadt bilden und von  denen  das Volk lebt. Auch halten sie die Kriegsübung in Ehren und besitzen mancherlei Einrichtungen, um die Lust daran zu erhalten.

Ein Fürst also, der über eine feste Stadt gebietet und nicht verhaßt ist, kann nicht angegriffen werden; und versuchte es einer, so müßte er mit Schanden abziehen;

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denn die Welt ist so veränderlich, daß es schier unmöglich ist, mit einem Heere ein Jahr lang müßig im Felde zu liegen und ein Fürstentum zu belagern. Wer aber einwendet, daß dem Volke, wenn es seine Besitzungen außerhalb der Stadt verwüstet sieht, die Geduld ausginge und daß die Dauer der  Belagerung und sein Eigennutz es dem Fürsten abtrünnig  machte, so antworte ich, daß ein mächtiger und energischer Fürst aller dieser Schwierigkeiten stets Herr wird, indem er seine Untertanen bald in der Hoffnung wiegt, das Elend werde nicht lange mehr währen, bald ihm Furcht vor der Grausamkeit des  Feindes beibringt, bald sich in geschickter Weise derer versichert, welche ihm zu dreist scheinen. Zudem muß der Feind  das  Land gleich zu Anfang mit Feuer und Schwert verheeren, wenn die Bürger noch guten Mut und Lust zur Verteidigung haben. Um so mehr muß also der  Fürst fest bleiben; denn wenn die Gemüter sich nach einer Weile abkühlen, so ist der Schaden schon geschehen und nicht wiedergutzumachen, und die Bürger werden nun erst recht zu ihrem Fürsten halten, in der Meinung, daß er ihnen Dank schulde, weil sie ihre Häuser und Besitzungen in seinem Dienste preisgegeben haben. Denn es liegt in der menschlichen Natur, sich durch das Gute, das man tut, ebenso zu binden wie durch das, welches man empfangt. Erwägt man dies alles reiflich, so erscheint es für einen klugen Fürsten nicht schwierig, seine  Untertanen  während  der Dauer einer Belagerung guten Mutes zu erhalten, wenn es nur nicht an Lebens- und Verteidigungsmitteln gebricht.

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XI.

Von den geistlichen Herrschaften

Es bleibt uns nur noch von den geistlichen Herr- schaften zu reden, bei welchen alle Schwierigkeiten vor ihrer Gewinnung liegen; denn wenn man sie entwe der durch Tüchtigkeit oder durch Glück erlangt, so behauptet man sie in der Folge ohne das eine wie das andre. Beruhen sie doch auf alten religiösen Einrichtungen, welche mächtig genug und so beschaffen sind, daß sie ihre Häupter in ihrer Stellung erhalten, mögen sie sich aufführen und leben, wie sie wollen. Nur sie haben Staaten und verteidigen sie  nicht, nur sie haben Untertanen und regieren sie nicht. Ihre Staaten werden ihnen auch unverteidigt nicht entrissen, und ihre Untertanen bekümmert es nicht, daß sie nicht regiert werden, denn sie haben weder die Absicht noch die Möglichkeit, sich ihnen zu entziehen. Diese Fürsten sind also allein sicher und glücklich. Da sie aber von höheren Ursachen abhängen, an die der menschliche Verstand nicht reicht, so lasse ich dies unerörtert; denn da sie  von  Gott  erhoben und beschirmt werden, so wäre es vorwitzig und vermessen, wenn der Mensch hierüber reden wollte. Wenn mir aber jemand die Frage  stellte, wie es komme, daß die Kirche zu solch weltlicher Macht gelangt sei und daß bis auf Alexander VI. alle italienischen Machthaber, und nicht nur die, welche sich Fürsten nannten, sondern auch jeder Baron und Feudalherr, sie im Weltlichen gering achteten, jetzt aber der König von  Frankreich  davor  zittert,  ja,  daß sie ihn aus Italien vertreiben und die Venezianer zugrunde richten konnte, so will ich die Tatsachen,

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auch wenn sie bekannt sind, noch einmal in Erinnerung rufen:

Bevor Karl VIII. nach Italien kam, stand dieses Land unter der Herrschaft der Kirche, der Venezianer, des Königs von Neapel, des Herzogs von Mailand und der Florentiner. Diese Mächte hatten vor allem auf zwei Dinge zu sehen: erstens, daß kein Fremder mit bewaffneter Hand in Italien eindränge, und zweitens, daß keiner unter ihnen übermächtig  würde.  Am meisten zu befürchten war dies vom Papste und von Venedig. Um Venedig niederzuhalten, bedurfte es des Zusammenschlusses aller andren, wie es bei der Verteidigung von Ferrara  geschah. Und um den Papst in Schranken zu halten, bediente man sich der römischen Barone, welche in zwei Parteien, die Orsini und die Colonna, zerfielen. Diese standen bei ihren fortwährenden Fehden  vor  den  Augen  des  Papstes ewig in Waffen und hielten so das Papsttum klein und schwach. Und obwohl hin und wieder ein energischer Papst auf den Thron kam, wie Sixtus IV., so konnte doch weder Glück noch Verstand ihn aus dieser Notlage befreien. Ein Grund dazu lag in der Kürze  ihrer Herrschaft; denn in den zehn Jahren, die ein Papst durchschnittlich regierte, war es schwer, eine  der beiden Parteien zu bändigen; und wenn z. B. der eine die Colonna gedemütigt hatte, so folgte ein andrer, der den Orsini feind war und jene wieder emporkommen ließ, während er keine Zeit fand, die Orsini zu vernichten. Daher kam es, daß die weltliche Macht des Papstes in Italien so we nig galt. Dann  bestieg Alexander VI. den Thron und bewies besser als alle seine Vorgänger, was ein Papst mit Geld und Gewalt auszurichten vermag. Mittels  seines  Sohnes, des Herzogs von Valentinois, und unter

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Ausnutzung des Einfalls der Franzosen vollbrachte er alles das, was ich bei den Taten des Herzogs erwähnte, ob- wohl es nicht seine Absicht war, die Kirche großzuma- chen, sondern den Herzog. Trotzdem wandte sich alles, was er geleistet, zum Vorteil der Kirche, welche nach seinem Tode und nach dem Untergange  des  Herzogs die Früchte seiner Arbeit erntete. Auf ihn folgte Papst Julius II., der den Kirchenstaat bereits mächtig vorfand, da die ganze Romagna dazu gehörte und alle römischen Barone niedergeworfen und die  Parteiungen durch Alexander VI. zerschlagen waren. Auch fand er neue Geldquellen erschlossen, die man vor Alexander nicht gekannt hatte. In allen diesen Dingen folgte Julius seinem Vorgänger nicht nur, sondern er übertraf ihn. Er unternahm es, Bologna zu erobern, die Macht von Venedig zu brechen und die Franzosen aus Italien zu vertreiben; und dies alles gelang ihm und gereicht ihm um so mehr zur Ehre, als er alles nur zum Vorteil der Kirche und nichts zum eignen unternahm. Die Parteien der Orsini und Colonna erhielt er in dem Zustande, in dem er sie vorfand, und obwohl einiger Anlaß zu Zwistigkeiten unter ihnen bestand, so veranlaßten doch  zwei  Dinge sie, sich ruhig zu verhalten: die Größe der Kirche, die sie einschüchterte, und der Umstand, daß keine der beiden Familien einen Kardinal besaß, was stets den Anlaß zu ihren Streitigkeiten bildete. Sooft nämlich diese Parteien Kardinäle besitzen, halten sie keinen Frieden, weil jene in Rom wie außerhalb den Parteihader schüren und die Barone genötigt sind, für sie einzutreten, so daß aus dem Ehrgeiz der Prälaten die Zwistigkeiten und Aufstände unter den Baronen entstehen. Papst Leo X. hat ein mächtiges Papsttum vorgefunden; und wie seine

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Vorganger es mit den Waffen großgemacht haben, so steht zu hoffen, daß er ihm durch seine Milde und durch die Fülle seiner Tugenden noch mehr Glanz und Ansehen verleihen wird.

XII.

Von den verschiedenen Arten der Streitkräfte und von den Söldnern

Nachdem ich alle Eigenschaften der Regierungen, von denen ich zu reden mir vornahm, im einzelnen durchgesprochen und gelegentlich die Ursachen erwogen habe, aus denen es ihnen gut oder schlecht ergeht, auch die Mittel gezeigt, mit denen viele versucht haben, die Herrschaft zu erlangen und zu behaupten, so bleibt mir jetzt noch die allgemeine Erörterung der Angriffs- und Verteidigungsmittel übrig, welche bei ihnen vorkommen können. Wir haben bereits gesagt, daß eine Herrschaft gute Grundlagen haben müsse, sonst bricht sie zusammen. Die Hauptstütze aller Staaten, der neuen wie der alten und der vermischten, sind gute Gesetze und gute Streitkräfte, und da gute Gesetze nicht ohne gute Streitkräfte bestehen können und da, wo gute Streitkräfte sind, auch gute Gesetze sein müssen, so übergehe ich die Gesetze und rede von den Streitkräften. Ich sage also, daß die Truppen, mit denen ein Fürst seinen Staat verteidigt, entweder aus seinen Landsleuten oder aus Söldnern, aus Hilfstruppen oder aus gemischten Truppen bestehen.

Die Söldner und Hilfstruppen sind unnütz und gefährlich, gefährlich, und wer seine Macht auf angeworbene Truppen stützt, der wird nie fest und sicher

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dastehen; denn diese sind uneinig, ehrgeizig, unbändig, treulos;  frech  gegen  ihre  Freunde,  feig  gegen  die Feinde, ohne Gottesfurcht und ohne Glauben gegen die Menschen. Man verschiebt seinen Untergang nur so lange, als man den Angriff verschiebt; im Frieden wird man von ihnen selbst beraubt, im Kriege vom Feinde. Der Grund dafür ist, daß sie keine andre Liebe und keinen andren Anlaß haben, im Felde zu liegen, als den geringen Sold, um dessentwillen sie ihr Leben für dich nicht preisgeben wollen. Solange du keinen Krieg führst, wollen sie wohl deine Soldaten sein;  sobald  aber der Krieg ausbricht, laufen sie fort oder  gehen nach Hause. Das einzusehen sollte nicht schwerfallen, denn Italien ist jetzt aus keiner andren Ursache zugrunde gegangen, als weil es sich so viele Jahre lang auf Soldtruppen verlassen hat, welche zwar hin und wieder etliche Vorteile errangen und gegeneinander tapfer schienen; sobald aber die Fremden einfielen, zeigte es sich, was sie wert waren. Daher vermochte Karl VIII. Italien so mühelos  zu  bewältigen;  und  wer da sagte, dies sei die Strafe für unsere Sünden, hatte ganz recht, es waren nur nicht die, welche er darunter verstand, sondern die, welche  ich  genannt  habe.  Und  da die Schuld an den Fürsten lag, so mußten sie auch dafür büßen.

Ich will die Verkehrtheit des Söldnerwesens noch bes- ser beweisen. Die Söldnerführer sind entweder hervor- ragende Männer oder nicht. Sind sie es, so ist kein Verlaß auf sie, weil sie stets nach eigner Größe trachten, indem sie entweder dich, ihren Kriegsherrn, oder andre gegen deinen Willen unterdrücken. Ist aber der Feldhauptmann untüchtig, so bereitet er seinem Kriegsherrn meist den Untergang. Wenn einer aber entgegnet, daß, wer

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die Waffen in der Hand hat,  stets  derart  handeln  werde, sei er nun Söldner oder nicht, so erwidere ich, daß die kriegführende Macht entweder ein Fürst oder ein Freistaat sein sollte. Der Fürst muß selbst in den Krieg ziehen und sein eigner Feldherr sein; die  Republik aber muß einen ihrer Bürger hinschicken; und wenn er sich nicht tauglich erweist, so muß sie ihn wechseln, ist er aber tüchtig, so muß sie ihn durch die Gesetze in Schranken halten. Die Erfahrung zeigt, daß nur Fürsten und Republiken mit eignen Truppen große Erfolge erringen, die Söldnerheere aber nur Schaden anrichten. Auch wird eine Republik, die sich mit  eignen Waffen verteidigt, weit schwerer von einem ihrer Bürger unterjocht als eine, die sich mit fremden Söldnern verteidigt.

Rom und Sparta sind viele Jahrhunderte lang bewaffnet und frei gewesen. Die Schweizer sind sehr kriegerisch und frei. Von den Söldnertruppen des Altertums gibt Karthago ein Beispiel, welches nach dem ersten punischen Kriege von seinen eignen Söldnern bedrängt wurde, obwohl deren Führer karthagische Bürger waren. Nach dem Tode  des  Epaminondas  ward  Philipp  von Mazedonien von den Thebanern zum Feldherrn ihres Heeres gemacht, und nach dem Siege raubte er ihnen die Freiheit. Nach dem Tode des Herzogs Filippo Visconti nahmen die Mailänder  den Francesco  Sforza in Solddienste gegen Venedig. Sobald dieser die Feinde bei Caravaggio geschlagen hatte, verband er sich mit ihnen gegen seine Kriegsherren, die Mailänder. Sein Vater Sforza, der im Solde der Königin Johanna von Neapel stand, ließ diese auf einmal völlig im Stich, so daß sie sich, um ihr Reich nicht zu verlieren, dem König von Aragonien in die Arme werfen mußte. Und wenn Venedig und

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Florenz ihre Macht in der Folge durch Söldnertruppen erweitert haben und deren Anführer  sich  doch  nicht zu Fürsten aufgeschwungen, vielmehr ihre Kriegsherren verteidigt haben, so ist zu erwidern, daß Florenz dabei viel Glück gehabt hat, weil von den tüchtigen Feldherren, die es zu fürchten hatte, einige gesiegt, andere Widerstand gefunden und wieder  andere ihren Ehrgeiz auf andere Ziele gerichtet haben. So hatte Giovanni Acuto keinen Sieg davongetragen, und ohne einen Sieg konnte man nicht wissen, ob er die Treue halten würde. Jeder muß aber zugeben, daß, wenn er gesiegt hätte, Florenz ganz in seiner Hand gewesen wäre. Sforza hatte beständig den Braccio und die Seinen gegen sich, und einer hielt den anderen im Schach. Francesco richtete seinen Ehrgeiz auf die Lombardei, Braccio auf den Kirchenstaat und Neapel.

Gehen wir jedoch zu den Ereignissen der neuesten Zeit über. Die Florentiner machten den Paolo Vitelli zu ihrem Anführer, einen Mann von großer Klugheit, der sich als Privatmann großen Ruf erworben  hatte.  Gelang es ihm, Pisa zu erobern, so ist nicht zu leugnen, daß die Florentiner ganz in seiner Hand gewesen wären; denn wäre er zum Feinde übergegangen, so wären sie verloren gewesen; blieb er aber bei ihnen, so mußten sie ihm gehorchen.

Betrachtet man die Erfolge der Venezianer, so sieht man, daß sie sicher und ruhmreich vorgingen, solange sie den Krieg aus eigner Kraft führten, d. h., bevor sie ihre Unternehmungen auf dem Festland anfingen,  denn bis dahin kämpften sie mit ihrem Adel und ihrem Volksheere tapfer; sobald sie aber auf dem Festlande Krieg zu führen begannen, verloren sie diese Tapferkeit

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und machten es wie die übrigen Italiener. Im Anfang ihrer Eroberungen auf dem Festlande hatten sie von ihren Heerführern nicht viel zu besorgen, denn ihr  Gebi et war dort noch nicht groß, wohl aber ihr Ansehen; mit dem Zuwachs ihres Gebiets aber, das sie dem Carmagnola verdankten, erkannten sie ihre Gefahr. Sie sahen, wie tapfer er war, und nachdem sie unter seiner Führung den Herzog von Mailand geschlagen hatten und merkten, daß sein Eifer erkaltete, glaubten sie von ihm keine Siege mehr erwarten zu können. Da sie ihn aber weder entlassen wollten noch konnten, um ihre Eroberung nicht zu verlieren, so waren sie, um vor ihm sicher zu sein, genötigt, ihn umbringen zu lassen. Sie haben hiernach den Bartolomeo von Bergamo, Roberto von San Severino, den Grafen von Pitigliano und andere zu Heerführern gehabt, bei denen sie nur für ihre Niederlagen und nicht für ihre Siege zu fürchten hatten, so wie es denn auch bei Vailà geschah, wo sie in einer Schlacht verloren, was sie in achthundert Jahren mühevoll erobert hatten; denn das Söldnerwesen bringt langsame, späte und geringfügige Fortschritte, aber plötzliche und erstaunliche Verluste mit sich.

Da ich mit diesen Beispielen auf Italien gekommen bin, wo seit vielen Jahren alles durch Soldtruppen entschieden wird, so will ich noch weiter zurückgreifen und deren Ursprung und Entwicklung aufzeigen, um dem Übel besser abhelfen zu können.

Man muß sich gegenwärtig halten, daß Italien in neuerer Zeit in mehrere Staaten zerfiel, als die Kaiser- macht sank und das weltliche Ansehen des Papstes stieg. Mehrere große Städte griffen zu den Waffen gegen ihre Adelsgeschlechter, die zuerst mit Unterstützung des

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Kaisers über sie herrschten; auch die Kirche begünstigte sie, um sich weltliches Ansehen zu verschaffen. In manchen anderen Städten gelangten Bürger zur Fürstenmacht. So geriet Italien gleichsam in die Macht des Papstes und einiger Republiken; aber Priester wie Bürger waren der Waffen entwöhnt und begannen fremde Söldner zu mieten. Der erste, der dieses Handwerk zu Ehren brachte, war Alberigo da Cunio, ein Romagnole. Aus seiner Schule gingen unter anderen Braccio und Sforza hervor, die zu ihren Zeiten die Geschicke Italiens entschieden. Auf sie folgten alle die ändern Condottieri, die bis zu unseren Zeiten die Heere befehligten, und das Ende ihrer Heldentaten  war, daß Italien von Karl VIII. überrannt, von Ludwig XII. ausgeplündert, von Ferdinand von Aragonien vergewaltigt und von den Schweizern mißhandelt wurde. Die Methode, die sie einschlugen, war die, daß sie das Fußvolk um seinen Ruf brachten, um selbst einen Ruf zu erlangen. Dies geschah, weil sie, ohne eignen Staat und auf eigne Betriebsamkeit angewiesen, durch geringes Fußvolk kein Ansehen erlangen, große Massen aber nicht ernähren konnten. Deshalb beschränkten sie sich auf die Reiterei, durch die sie bei mäßiger Zahl Unterhalt und Ehre gewannen; und es war  so  weit  gekommen, daß in einem Heere von zwanzigtausend Mann keine zweitausend Fußtruppen waren. Überdies  boten  sie  alles auf, um sich und ihren Soldaten Anstrengungen und Gefahren zu ersparen, indem sie sich im Handgemenge nicht töteten, sondern einander gefangennahmen und die Gefangenen ohne Lösegeld freiließen. Nachts machten sie keine Angriffe auf feste Plätze noch Ausfälle aus diesen; sie umgaben die Lager nicht mit Gräben und Pfählen und standen im Winter

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nicht im Felde. Das alles war in ihrer Kriegsordnung erlaubt und hatte, wie gesagt, den Zweck, Mühen und Gefahren auszuweichen. Und derart  haben  sie  Italien in Knechtschaft und Schande gebracht.

XIII.

Von    den    Hilfstruppen,   Volksheeren    und gemischten Truppen

Die Hilfstruppen sind die andre Art unnützer Kriegs- macht, nämlich, wenn du einen Machthaber anrufst, dich mit seinen Waffen zu unterstützen und zu ver- teidigen, wie es in jüngster Zeit Papst Julius tat, welcher nach der traurigen Probe mit Söldnertruppen bei der Unternehmung auf Ferrara seine Zuflucht zu Hilfstruppen nahm und mit König Ferdinand von  Spanien vereinbarte, daß er ihm mit seinem Heere zu Hilfe käme. Solche Heere können für den eigenen Herrn gut und nützlich sein; für den aber, der sie herbeiruft, sind sie stets gefährlich; denn werden sie geschlagen, so bist du vernichtet, siegen sie  aber, so bist du selbst ihr Gefangener. Die antike Geschichte ist voll von solchen Beispielen, ich will jedoch bei dem jüngsten Beispiel von Julius II. verweilen, dessen Entschluß nicht verkehrter sein konnte, als er sich, um Ferrara zu erlangen, einem Fremden  in  die  Arme warf. Zu seinem Glück kam freilich ein Umstand hinzu, der ihm die Folgen dieses falschen Entschlusses ersparte. Denn als seine Hilfstruppen bei Ravenna geschlagen waren und die Schweizer sich erhoben, welche die Sieger gegen alle Erwartung des Papstes

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und der anderen vertrieben, so fiel er weder in die Gewalt seiner Feinde, die geschlagen waren, noch in die seiner Hilfstruppen, da er durch andre Waffen als durch die ihren gesiegt hatte. Die Florentiner, die ganz ohne Heer waren, führten zehntausend Franzosen vor Pisa, um es zu erobern, und dieser Entschluß brachte sie in größere Gefahr als je Zuvor. Der Kaiser von Konstantinopel schickte, um sich gegen seine Nachbarn zu wehren, zehntausend Türken nach Griechenland. Doch nach beendigtem Kriege  wollten  sie das Land nicht verlassen, und dies war der Anfang der Knechtschaft Griechenlands unter den  Ungläubigen.

Wer also auf keinen Fall siegen will, der bediene sich solcher Truppen, denn sie sind viel gefährlicher als Soldtruppen. Mit ihnen ist der Untergang besiegelt, denn sie sind unter sich einig und stets im Gehorsam eines ändern, wogegen Söldnerheere, auch wenn sie gesiegt haben, noch Zeit und bessere Gelegenheit brauchen, um dir zu schaden: denn sie sind nicht ein Leib und eine Seele und du selbst hast sie ausgehoben und besoldet; ein Dritter aber, den du ihnen zum Anführer gibst, erlangt nicht gleich so viel Ansehen, um dir zu schaden. Kurz, bei Mietstruppen ist das Gefährlichste ihre Feigheit, bei Hilfstruppen ihre Tapferkeit.

Jeder kluge Fürst hat darum solche Truppen immer vermieden und sich der eignen bedient, und er hat  lieber mit den eignen geschlagen werden, als mit jenen siegen wollen, in der Meinung, daß ein Sieg, der mit fremden Waffen errungen ist, kein wahrer Sieg ist. Ich trage nie Bedenken, den Cesare Borgia und seine Taten anzuführen. Dieser Herzog fiel mit französischen Hilfsvölkern in die Romagna ein und eroberte mit ihnen Imola und

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Forli. Da ihm aber solche Truppen nicht sicher dünkten, so wandte er sich zu Soldtruppen, die er für minder gefährlich hielt, und nahm die Orsini und Vitelli in Sold. Da er auch diese bei ihrer Verwendung unsicher, untreu und gefährlich befand, so löste er sie auf und wandte sich zu eignen  Leuten.  Der  Unterschied zwischen beiden Arten von Kriegsvolk ist leicht einzusehen, wenn man vergleicht, wie der  Herzog angesehen war, als er die Orsini und Vitelli hatte, und wieviel er gewann, als er mit eigner Mannschaft und auf eignen Füßen dastand. Wirklich geachtet wurde er aber erst, als jedermann sah, daß er sein Heer völlig in der Hand hatte.

Ungern verlasse ich die italienischen Beispiele, die noch in frischer Erinnerung sind; doch ich möchte nicht an Hieron von Syrakus vorübergehen, den ich schon weiter oben erwähnte. Wie gesagt, hatten ihn die Syrakusaner zu ihrem Heerführer gemacht. Er sah sogleich ein, daß die Soldtruppen nichts taugten, da die Anführer wie unsre italienischen Condottieri waren. Und in der Meinung, daß er sie weder behalten noch entlassen dürfte, ließ er sie alle in Stücke hauen und führte hernach Krieg mit eigner Mannschaft und nicht mit Fremden. Schließlich möchte ich noch an eine Gestalt aus dem Alten Testament erinnern, die hier am Platze ist. Als David dem Saul anbot, er wolle die Herausforderung des Philisters Goliath zum Kampf annehmen, gab ihm Saul seine eigenen Waffen,  um ihm Mut zu machen. Sobald sie David angelegt hatte, weigerte er sich und sagte, in dieser Rüstung könne er nicht fechten; er wolle den Feind mit seiner Schleuder und seinem Messer angreifen.

Kurz, fremde Waffen fallen ab oder sie wiegen zu schwer oder sie erdrosseln dich.  Karl VII.,  Ludwigs XI.

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Vater, der Frankreich durch sein Waffenglück und seine Tapferkeit von den Engländern befreit hatte, erkannte die Notwendigkeit eigner Waffen und errichtete in seinem Reiche die »Gens d’armes« und das Fußvolk. Sein Sohn, König Ludwig, entließ das Fußvolk und begann Schweizer in Sold zu nehmen. Dieser Fehler, dem noch andere folgten, stürzte, wie heute deutlich zu erkennen ist, dieses Reich in große Gefahren. Denn indem der König den Schweizern großen Ruf verlieh, machte er seine eigene Kriegsmacht verächtlich, da er das Fußvolk völlig auflöste und seine »Gens d’armes« daran gewöhnte, zusammen mit den Schweizern zu fechten, so daß sie sich ohne diese keinen Sieg mehr zutrauten. Daher kommt es, daß die Franzosen gegen Schweizer nicht Stich halten und ohne Schweizer gegen andre nichts ausrichten. Die französischen Heere sind also aus Söldnertruppen und eignen gemischt; und das zusammen ist noch weit besser als bloße Soldheere oder bloße Hilfstruppen, jedoch viel schlechter als nur eigne. Das angeführte Beispiel möge genügen, denn das Königreich Frankreich wäre unüberwindlich, wenn Karls Einrichtung geblieben und erweitert worden wäre. Aber di e Menschen fangen ohne viel Überlegung eine Sache an, die einen augenblicklichen Vorteil bietet und sie gegen die damit verbundenen Gefahren blind macht, wie ich es oben von der Schwindsucht gesagt habe.

So ist denn ein Fürst, der das Übel erst dann erkennt, wenn es da ist, nicht wahrhaft weise, was ja nur  wenigen gegeben ist. Wenn man dem Untergang des römischen Reiches nachspürt, so findet man, daß er mit den Solddiensten der Goten anfing;  denn  von diesem Augenblick an verlor das römische Reich seine Stärke, und alle

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Kraft, die ihm genommen  ward,  ging  auf  jene  über. Ich schließe also, daß keine Herrschaft ohne eigne Waffen sicher steht, denn wer keine Kräfte hat, die ihn im Unglück schirmen, hängt ganz vom Schicksal ab. Es war stets die Meinung der Weisen, »daß nichts so schwach und unbeständig sei, wie der Ruf einer Macht, die nicht auf eignen Füßen steht«. Eigne Kriegsmacht aber besteht aus Untertanen  oder Bürgern oder aus selbstgeschaffenen Heeren; alles übrige sind Hilfstruppen. Die Art, wie man eigne Truppen aufstellt, ist leicht zu finden, wenn man die Anordnung der vier von mir  genannten  befolgt  und  sich klarmacht, wie Philipp  von Mazedonien,  der  Vater Alexanders des Großen, und viele andre Fürsten und Republiken sich gerüstet und ihre Heere eingerichtet haben. Auf welche Einrichtungen ich mich in allen Stücken berufe.

XIV.

Worauf der Fürst im Kriegswesen  zu  sehen hat

Ein Fürst soll also keinen anderen Gegenstand des Nachsinnens haben und sich mit nichts andrem be- schäftigen als mit der Kriegskunst, den militärischen Einrichtungen und der Kriegszucht; denn das ist die einzige Kunst, die man von dem, der befiehlt, erwartet. Sie vermag so viel, daß sie nicht allein geborene Fürsten auf dem Thron erhält, sondern auch manche Privatleute zur Herrscherwürde erhebt. Umgekehrt sieht man, daß Fürsten, die mehr an Vergnügungen als an Waffen

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gedacht haben, die Herrschaft verloren. Die Verachtung dieser Kunst ist die erste Ursache für den Verlust der Herrschaft; die Erfahrenheit in ihr ist das Mittel, sie zu erwerben.

Francesco Sforza, ein Kriegsmann, ward Herzog von Mailand; seine Söhne, welche  die Mühen  und  Gefahren des Krieges scheuten, sanken in den Privatstand zurück. Denn eines der Übel, welche das unkriegerische Wesen mit sich bringt, ist dies, daß es dich verächtlich macht, und das ist eine Schmach, vor welcher der Fürst sich hüten muß, wie  weiterhin gezeigt werden soll. Denn zwi schen einem Bewaffneten und einem Unbewaffneten ist gar kein Verhältnis, und man kann nicht erwarten, daß der Bewaffnete dem Unbewaffneten willig gehorche und daß der Unbewaffnete sich unter bewaffneten Dienern sicher fühle. Wenn bei dem einen Verachtung und bei dem anderen Argwohn herrscht, so können beide nicht gut zusammenwirken. Und darum ist ein Fürst, der  sich auf das Kriegswesen nicht versteht, außer  andrem auch deshalb übel daran, weil er, wie gesagt, von seinen Soldaten mißachtet wird und ihnen nicht trauen kann.

Er darf daher das Kriegshandwerk nie außer acht lassen, und er muß ihm im Frieden noch mehr obliegen als im Kriege, was auf zwei Arten geschehen kann: durch Taten und durch Nachdenken. Was die Taten betrifft, so muß er seine Truppen stets in Zucht und in Übung halten, seinen eignen Körper aber durch die Jagd gegen Unbilden abhärten, darüber hinaus muß er die Gestaltung seines Landes kennenlernen und sehen, wie die Berge sich erheben, die Täler verlaufen, die Ebenen sich dehnen, wie die Flüsse und Sümpfe beschaffen sind und

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dabei die größte Sorgfalt aufwenden. Solche Kenntnis hat zweierlei Nutzen; erstens lernt er sein Land besser kennen und wie es zu verteidigen sei, und zweitens vermag er durch die praktische Kenntnis dieser Gegenden leicht jede andere Gegend zu verstehen, auf die er sein Augenmerk richten muß, denn die Hügel, Täler und Ebenen, die Flüsse und Sümpfe, die z. B. in  der Toskana sind, haben eine gewisse Ähnlichkeit mit denen anderer Länder, so daß  man  durch  Kenntnis  der Gestaltung eines Landes leicht zur Kenntnis der eines anderen gelangt. Ei nem Fürsten, dem diese Erfahrung abgeht, fehlt auch die erste Eigenschaft eines Feldherrn; denn hierdurch lernt man den Feind aufsuchen, Lagerplätze bestimmen, Heere fuhren, Schlachten anordnen und mit Vorteil Städte belagern.

Philopömen, der Fürst der Achäer, wird von den Schriftstellern unter anderem auch dafür gelobt, daß er im Frieden stets an den Krieg dachte und, wenn er mit Freunden auf dem Felde war, oftmals stehenblieb und mit ihnen überlegte: »Wer im Vorteil sein würde, wenn der Feind auf jenem Hügel stände und wir mit unserem Heere hier wären. Wie man ihn mit  Sicherheit angreifen könnte, indem man die Schlachtordnung beibehielte? Was geschehen müßte, wenn wir uns zurückziehen wollten? Wie wir ihn verfolgen müßten, wenn er zurückginge?« Und im Weitergehen legte er ihnen alle Fälle vor, die bei einem Heere vorkommen können, hörte ihre Meinung an,  sagte die seine und begründete sie, so daß durch diese fortwährenden Betrachtungen fast kein Zufall im Kriege eintreten konnte, für den er nicht Abhilfe gewußt hätte.

Was aber die Übung des Geistes anlangt, so muß

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der Fürst die Geschichte studieren und die Handlungen ausgezeichneter Männer betrachten, wie sie sich im Kriege benommen haben, auch die  Ursachen  ihrer Siege und Niederlagen prüfen, um diese zu vermeiden und jene nachzuahmen, und vor allem das tun, was vor ihm so mancher treffliche Mann  getan  hat,  der sich einen andren zum Vorbild setzte und, wo jener gelobt und gerühmt worden, sich in Gebärden und Handlungen nach seinem Vorbilde richtete, so wie berichtet wird, daß Alexander der Große den Achill, Cäsar den Alexander, Scipio den Cyrus nachgeahmt habe. Wer Xenophons Leben des Cyrus gelesen hat, erkennt alsdann im Leben des Scipio, wieviel  Ruhm  ihm diese Nachahmung gebracht und wie sehr Scipio sich in der Enthaltsamkeit, Leutseligkeit, Menschlichkeit und Freigebigkeit nach dem gerichtet hat, was Xenophon von Cyrus berichtet. Diese Regeln muß ein weiser Fürst beobachten und im Frieden nicht müßig gehen, sondern mit Fleiß einen Schatz sammeln, den er im Unglück gebrauchen kann, damit  das Schick sal, wenn es sich wendet, ihn bereit finde, seinen Schlägen Trotz zu bieten.

XV.

Wodurch die Menschen, insbesondere die Fürsten, Lob und Tadel erwerben

Es bleibt uns noch zu betrachten, auf welche Weise der Fürst sich gegen seine Untertanen und Freunde zu benehmen habe. Und da ich weiß, daß hierüber  schon viel geschrieben worden ist, so furchte ich,

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daß man es mir als Anmaßung anrechnen wird, wenn auch ich darüber schreibe, zumal ich in der Erörterung dieses Gegenstandes von den Ratschlägen der anderen abweiche. Da es aber meine Absicht ist, für den, der es versteht, etwas Nützliches zu schreiben, so schien es mir richtiger, die Wahrheit nachzuprüfen, wie sie wirklich ist, als den Hirngespinsten jener Leute zu folgen. Viele haben sich Republiken und Fürstentümer ausgedacht, die niemals gesehen worden, noch als wirklich bekannt gewesen sind. Denn die Art, wie man lebt, ist so verschieden von der Art, wie man leben  sollte, daß, wer sich nach dieser richtet statt nach jener, sich eher ins Verderben stürzt, als für seine Erhaltung sorgt; denn ein Mensch, der in allen Dingen nur das Gute tun will, muß unter so vielen, die das Schlechte tun, notwendig zugrunde gehen. Daher muß ein Fürst, der sich behaupten will, imstande sein, schlecht zu handeln, wenn die Notwendigkeit es erfordert.

Übergehe ich also alles, was man den Fürsten angedichtet hat, und bleibe bei der Wahrheit, so sage ich, daß alle Menschen, von denen geredet wird, und besonders die Fürsten, die so viel höher stehen, mit gewissen Eigenschaften begabt werden, die Lob oder Tadel erwekken. Der eine gilt für freigebig, der andre für knauserig (um ein toskanisches Wort zu gebrauchen, denn geizig, avaro, ist nach unserem Sprachgebrauch auch der, welcher sich zu bereichern trachtet, knauserig, misero, aber der, welcher von dem eigenen Besitz keinen Gebrauch macht). Der eine liebt zu geben, der andre zu rauben, der eine ist grausam, der andre mitleidig, der eine wortbrüchig, der andre treu, der eine weibisch und feig, der andre wild und mutig, der eine menschenfreundlich, der

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andre hochfahrend, der eine wollüstig, der andre  keusch, der eine aufrichtig, der andre verschlagen, der eine starrsinnig, der andre nachgiebig, der eine ernst, der andre leichtfertig, der eine fromm, der andre ungläubig usw. Ich weiß wohl, daß ein jeder zugeben wird, wie löblich es wäre, wenn ein Fürst von all den obengenannten Eigenschaften nur die besitzt, welche für gut gelten; da aber die Art der Menschennatur es nicht verstattet, sie alle zu besitzen, noch sie ungeschmälert zu pflegen, so muß er klug genug sein, um den üblen Ruf derjenigen  Eigenschaften  zu  meiden, durch welche er die Herrschaft verlieren könnte; vor den Lastern aber, welche seine Herrschaft nicht gefährden, muß er sich nach Möglichkeit hüten; vermag er dies aber nicht, so kann er sich ohne viel Rücksicht darin gehen lassen. Auch kann er unbesorgt den üblen Ruf derjenigen Laster auf sich nehmen,  ohne die er schwerlich seine Stellung behaupten kann, denn alles in allem genommen, findet  man  vermeintliche Tugenden, bei deren Befolgung man untergeht, und scheinbare Laster, bei denen man Sicherheit und Wohlbefinden erlangt.

XVI.

Von der Freigebigkeit und Knauserei

Ich beginne mit der ersten der obengenannten Eigenschaften und sage, daß es gut sei, für freigebig zu gelten. Hingegen ist die Freigebigkeit, die du so ausübst, daß sie dir nicht angerechnet wird, schädlich. Denn wird sie auch in rechter Weise ausgeübt, aber nicht bekannt,

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so ersparst du dir nicht einmal den üblen Ruf des Gegenteils. Will man sich also den Ruf der Freigebigkeit unter den Menschen erhalten, so darf man keine Art von Aufwand sparen,  und  dabei  vertut ein freigebiger Fürst alles, was er hat, in solchen Ausgaben, und wenn er sich den Ruf der Freigebigkeit erhalten will, so wird er schließlich genötigt, das Volk mit Auflagen zu bedrücken und alles Mögliche zu versuchen, um zu Gelde zu kommen. Das aber macht ihn bei seinen Untertanen auf die Dauer verhaßt, und gerät er in Armut, so wird er verachtet. Auf diese Weise hat seine Freigebigkeit viele gekränkt und wenigen genützt, und die erste Verlegenheit bringt ihn in Gefahr. Erkennt er dies und will es abstellen, so kommt er sofort in den Ruf der Knauserei.

Ein kluger Fürst also, der die Tugend der Freigebigkeit nicht derart üben  kann, daß sie bekannt wird, darf den Ruf der Knauserei nicht fürchten; denn  mit der Zeit wird man ihn doch stets für freigebig halten, wenn man sieht, daß er bei seiner Sparsamkeit mit seinen Einkünften auskommt, daß er Kriege führen und etwas unternehmen kann, ohne das Volk zu belasten, so daß er schließlich freigebig gegen die große Masse erscheint, der er nichts nimmt, und knauserig nur gegen die wenigen, denen er nichts gibt. Wir haben in unserer Zeit gesehen, daß  nur  die Großes erreichten, die für knauserig galten, die andren aber gingen unter. Papst Julius II. hatte sich des  Rufes der Freigebigkeit bedient, um zur Papstwürde zu gelangen; nachher dachte er nicht mehr daran, um sich auf den Krieg mit Frankreich vorbereiten zu können; und er hat so viele Kriege geführt, ohne außergewöhnliche Steuern zu fordern: seine lange Sparsamkeit hatte für alle außergewöhnlichen Ausgaben

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Vorrat geschafft. Hätte der jetzige König von Spanien (Ferdinand der Katholische) für freigebig gelten  wollen, so hätte er nicht so vieles unternehmen und erfolgreich durchführen können.

Ein Fürst also, der seine Untertanen nicht ausplündern will, um sich zu verteidigen, der Armut und Verachtung meiden und nicht räuberisch  werden  will, darf den Ruf der Knauserei nicht fürchten, denn diese ist eine der Untugenden, die ihm seine Herrschaft erhalten. Und wenn jemand sagen sollte, daß Cäsar durch seine Freigebigkeit zur Herrschaft gelangt ist und daß viele andere, die für freigebig galten und es waren, die höchsten Würden erreicht haben, so antworte ich: entweder bist du ein gemachter  Fürst  oder du bist auf dem Wege, es zu werden. Im ersten Falle ist deine Freigebigkeit schädlich, im zweiten ist es wohl nötig, für freigebig zu gelten -und derart war Cäsar, der nach der Herrschaft über Rom trachtete; hätte er sie aber erlangt und dann weitergelebt, ohne diese Ausgaben einzuschränken, so hätte er seine Herrschaft zerstört. Und wenn jemand  einwendet:  es  hat viele Fürsten gegeben, die mit ihren Heeren Großes vollbracht haben, und sie galten für freigebig, so erwidre ich: ein Fürst vergeudet entweder sein Gut und das seiner Untertanen oder fremdes. Im  ersten  Falle muß er sparsam sein, im zweiten muß er jede Art von Freigebigkeit üben. Denn ein Fürst, der mit dem Heere auszieht, das von Raub, Beute und Kriegssteuern lebt und fremdes Gut an sich reißt, muß wohl freigebig sein, sonst fände er keine Soldaten, die ihm folgen. Mit dem, was nicht dein und deiner Untertanen Gut ist, kann man wohl freigebig schalten, wie Cyrus, Alexander und Cäsar es getan haben, denn fremdes Gut vergeuden, schadet

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deinem Ruf nicht, sondern mehrt ihn; aber die Verschwendung des eignen schadet dir. Nichts verzehrt sich selbst so wie die Freigebigkeit; denn indem du sie übst, verlierst  du  die  Kraft  dazu  und wirst arm und verachtet, oder, um der Armut zu entgehen, räuberisch und verhaßt. Und unter allem, wovor ein Fürst sich hüten muß,  steht  obenan:  verachtet und gehaßt zu  werden;  die  Freigebigkeit aber führt zu einem von beiden. Daher ist es weiser, im Rufe der Knauserei zu stehen, was zwar ein übler Ruf ist, aber keinen Haß erzeugt, als, um für freigebig zu gelten, dich in den Ruf der Räuberei zu bringen, welcher dich verhaßt macht.

XVII.

Von der Grausamkeit und der Milde und ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden

Ich gehe zu den ändern obengenannten Eigenschaften über und sage, daß jeder Fürst danach trachten  solle, für barmherzig zu gelten und nicht für grausam. Jedoch muß er darauf sehen, daß er diese Eigenschaft nicht falsch gebraucht. Cesare Borgia galt für grausam; trotzdem hat diese Grausamkeit Ordnung in die Romagna gebracht, sie geeinigt und in Frieden und Treue erhalten. Überlegt man es sich recht, so wird man einsehen, daß dies viel menschlicher war als das Benehmen von Florenz, das, um nicht für grausam zu gelten, die Zerstörung von Pistoia zuließ. Ein Fürst darf daher die Nachrede der Grausamkeit nicht scheuen, um seine Untertanen in Treue und Einigkeit zu erhalten; denn

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mit einigen Strafgerichten, die du verhängst, bist du menschlicher, als wenn du durch übertriebene Nachsicht Unordnungen einreißen läßt, die zu Mord und Raub führen. Diese treffen ein ganzes Gemeinwesen, wogegen die Strafgerichte, die der Fürst verhängt, nur dem einzelnen schaden. Unter allen Fürsten kann der neue den Ruf der Grausamkeit am wenigsten meiden, weil neue Herrschaften voller Gefahren sind. Vergil läßt seine Dido zur Entschuldigung der Härte ihrer neuen Regierung folgendes sagen:

Res dura et regni novitas me talia cogunt Moliri, et late fines custode tueri (Aeneis I 562 f.: Solches läßt mich die Not und die Neue der Herrschaft gebieten und die Grenzen des Reichs mit starker Besatzung beschirmen).

Keineswegs darf er zu leichtgläubig oder zu mitleidig sein, aber auch nicht zu ängstlich, sondern mit Klugheit und Menschlichkeit maßvoll verfahren, damit ihn we der zu großes Vertrauen unvorsichtig noch zu großes Mißtrauen unerträglich mache.

Hieraus entsteht eine Streitfrage, ob es besser sei, geliebt oder gefürchtet zu werden? Die Antwort lautet, man soll nach beidem trachten; da aber beides schwer  zu vereinen ist, so ist es weit sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden, sobald nur eins von beiden möglich ist. Denn man kann von den Menschen insgemein sagen, daß sie undankbar, wankelmütig, falsch, feig in Gefahren und gewinnsüchtig sind; solange du ihnen wohltust, sind sie dir ergeben und bieten dir, wie oben gesagt, Gut und Blut, ihr Leben und das ihrer Kinder an, wenn die Gefahr fern ist; kommt sie aber näher, so empören sie sich. Der Fürst, der sich ganz auf ihre Worte verläßt und

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keine anderen Zurüstungen gemacht hat, geht zugrunde, denn die Freundschaften, die erkauft und nicht durch großen Sinn und Edelmut erworben sind, erlangt man wohl, aber man besitzt sie nicht und kann  in der Not nicht auf sie rechnen. Die Menschen scheuen sich weniger, den zu beleidigen, der sich beliebt macht, als den, der sich gefürchtet macht; denn die Liebe hängt an einem Bande der Dankbarkeit, das, wie die Menschen leider sind, bei jeder Gelegenheit zerreißt, wo der Eigennutz im Spiel ist; die Furcht vor Strafe aber läßt niemals nach. Nichtsdestoweniger muß der Fürst sich derart gefürchtet machen, daß er, wenn er auch keine Liebe erwirbt, doch auch nicht verhaßt wird; denn gefürchtet und nicht gehaßt zu werden, ist wohl vereinbar. Das kann er erreichen, indem er Hab und Gut seiner Bürger und ihre Frauen unangetastet läßt. Und wenn es nötig ist, einem das Leben zu nehmen, so geschehe es nur, wenn die gerechte Ursache offenbar ist. Vor allem aber vergreife er sich nicht an der Habe seiner Untertanen, denn die Menschen verschmerzen leichter den Tod des Vaters als den Verlust des Erbteils. Zudem fehlt es nie an Begründungen, das Vermögen zu nehmen; und wer einmal angefangen hat, vom Raube zu leben, der findet stets neue Gründe, andere zu berauben; dagegen sind die Anlässe zum Blutvergießen seltener, viel schwieriger zu begründen.

Steht der Fürst aber im Feld und hat ein großes Heer unter sich, so darf er den Ruf der Grausamkeit nicht scheuen; denn ohne diesen läßt sich kein Heer beisammen, noch treu zur Fahne halten. Unter die erstaunlichsten Taten des Hannibal zählt man die, daß er ein gewaltiges Heer, das aus zahlreichen Völkern bestand,

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zum Krieg in fremde Länder geführt hat, ohne daß je eine Uneinigkeit unter ihnen, noch ein Aufstand gegen den Führer erfolgte, so wenig im Glück wie im Unglück. Dies kam aber nur von seiner erbarmungslosen Härte, die ihm in Verbindung mit seinen vielen großen Eigenschaften stets die Verehrung und die Furcht seiner Soldaten sicherte; ohne diese hätten seine übrigen Tugenden zu solcher Wirkung nicht hingereicht. Unbesonnene Schriftsteller bewundern einerseits seine Taten und verurteilen andrerseits die Hauptursache derselben. Den Beweis aber dafür, daß jene andere Tugenden nicht hingereicht hätten, gibt das  Beispiel des Scipio, der nicht nur zu seiner Zeit, sondern in der ganzen bekannten Geschichte einzig dasteht und dessen Heer in Spanien dennoch rebellierte. Der Grund dafür war kein anderer als seine zu große Milde, da er den Soldaten mehr Freiheit gewährte, als mit der Kriegszucht vereinbar war. Fabius Maximus warf ihm das im Senate vor und schalt ihn einen Verderber des römischen Heerwesens. Als ein Legat Scipios die Lokrer vernichtet hatte, strafte er diesen nicht, und auch dies infolge seiner Nachsichtigkeit, so daß jemand im Senate ihn mit den Worten  entschuldigte, es gäbe manchen, der es besser verstünde, selbst ohne Fehl zu sein, als die Fehler der anderen zu bestrafen. Diese Gemütsart hätte auf die Dauer den guten Ruf und den Ruhm des Scipio befleckt, wenn er als Herrscher in dieser Weise verfahren wäre. Da er jedoch unter der Regierung des Senats lebte, so trat dieser Fehler nicht nur nicht zutage, sondern er gereichte ihm zum Ruhme.

Was also die Frage betrifft, ob ein Fürst sich beliebt oder gefürchtet machen soll, so komme ich zu diesem Schlüsse: Da die Liebe der Menschen

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von ihrem Gutdünken, ihre Furcht aber vom Benehmen des Fürsten abhängt, so muß ein weiser Fürst sich auf das verlassen, was von ihm abhängt,  und  nicht  auf  das, was von den anderen abhängt, und nur darauf achten, daß er nicht gehaßt werde.

XVIII.

Inwiefern die Fürsten ihr Wort halten sollen

Wie löblich es ist, wenn ein Fürst sein Wort hält und rechtschaffen und ohne List verfährt, weiß jeder. Trotzdem zeigt die Erfahrung unserer Tage, daß die Fürsten, die sich aus Treu und Glauben wenig  gemacht und die Gemüter der Menschen mit List zu betören verstanden haben, Großes geleistet und schließlich diejenigen, welche redlich handelten, überragt haben.

Man muß wissen, daß es zwei Arten zu kämpfen gibt, die eine nach Gesetzen, die andere durch Gewalt; die erste ist die Sitte der Menschen, die andere die der Tiere. Da jedoch die erste oft nicht ausreicht, so muß man seine Zuflucht zur zweiten nehmen. Ein  Fürst  muß daher sowohl den Menschen wie die Bestie zu spielen wissen. Diese Lehre haben die Alten den Fürsten bildlich erteilt, indem sie erzählten, daß Achill und viele andere Fürsten des Altertums von dem Zentauren Chiron erzogen wurden und unter dessen Zucht aufwuchsen. Einen solchen  Lehrer  zu  haben,  der halb Tier, halb Mensch war, soll nichts anderes bedeuten, als daß der Fürst beide Naturen  zu gebrauchen wissen soll und daß die eine ohne die andere nicht bestehen kann.

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Und weil denn ein Fürst imstande sein soll, die Bestie zu spielen, so muß er von dieser den Fuchs und den Löwen annehmen; denn der  Löwe  entgeht den Schlingen nicht, und der Fuchs kann dem Wolf nicht entgehen. Er muß also ein Fuchs sein, um die Schlingen zu kennen, und ein Löwe, um die Wölfe zu schrecken. Die, welche nur den Löwen zum Vorbild nehmen, verstehen es nicht. Ein kluger Herrscher kann und soll daher sein Wort nicht halten, wenn ihm dies zum Schaden gereicht und die Gründe,  aus denen er es gab, hinfällig geworden sind. Wären alle Menschen gut, so wäre dieser Rat nichts wert; da sie aber nicht viel taugen und ihr Wort gegen dich brechen, so brauchst du es ihnen auch nicht zu halten. Auch wird es einem Fürsten nie an guten Gründen fehlen, um seinen Wortbruch zu beschönigen. Hierfür könnte man zahllose moderne Beispiele anfuhren und nachweisen, wie viele Versprechungen und Verträge durch die Untreue  der  Fürsten  gebrochen  worden  sind, und wie derjenige, der am besten den Fuchs zu spielen verstand, am weitesten gekommen ist. Freilich ist es nötig, daß man diese Natur gechickt zu verhehlen versteht und in der Verstellung und Falschheit ein Meister ist. Denn die Menschen sind so einfältig und gehorchen so sehr dem Eindruck des Augenblicks, daß der, welcher sie hintergeht, stets solche findet, die sich betrügen lassen.

Ich will nur ein neueres Beispiel anfuhren. Alexander VI tat nichts anderes als betrügen, sann auf nichts anderes und fand immer solche, die sich betrügen ließen. Nie besaß ein Mensch eine größere Fertigkeit, etwas zu beteuern und mit großen Schwüren zu versichern, und es weniger zu halten. Trotzdem gelangen ihm alle seine

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Betrügereien nach Wunsch, weil er die Welt von dieser Seite gut kannte.

Ein Fürst braucht also nicht alle oben genannten Tugenden zu besitzen, muß aber im Rufe davon stehen. Ja, ich wage zu sagen, daß es sehr schädlich ist, sie zu besitzen und sie stets zu beachten; aber fromm, treu, menschlich, gottesfürchtig und ehrlich zu scheinen ist nützlich. Man muß nur sein Gemüt so gebildet haben, daß man, wenn es nötig ist, auch das  Gegenteil vermag. Und dies ist so zu verstehen, daß ein Fürst, insbesondere ein neuer Fürst, nicht all das beachten kann, was bei anderen Menschen für gut gilt; denn oft muß er, um seine Stellung zu behaupten, gegen  Treu und Glauben, gegen Barmherzigkeit, Menschlichkeit und Religion verstoßen. Daher muß er ein Gemüt besitzen, das sich nach den Winden und nach dem wechselnden Glück zu drehen vermag, und, wie gesagt, zwar nicht vom Guten lassen, wo dies möglich ist, aber auch das Böse tun, wenn es sein muß.

Ein Fürst muß sich daher wohl hüten, je ein Wort auszusprechen, das nicht voll der obengenannten fünf Tugenden ist. Alles, was man von ihm sieht und  hört, muß Mitleid, Treue, Menschlichkeit, Redlichkeit und Frömmigkeit ausstrahlen. Und nichts ist nötiger  als der Schein dieser letzten Tugend; denn die Menschen urteilen insgesamt mehr nach den Augen als nach dem Gefühl, denn sehen können alle, fühlen aber wenige. Jeder sieht, was du scheinst, wenige fühlen, was  du bist, und diese wagen es nicht, der Meinung der Menge zu widersprechen, welche die Majestät des Staates zu ihrem Schütze hat. Bei den Handlungen aller Menschen, insbesondere der Fürsten, welche keinen Richter über sich haben,

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blickt man immer nur auf ihr Ergebnis. Der Fürst sehe also nur darauf, wie er sich in seiner Würde behaupte; die Mittel werden stets für  ehrbar  befunden  und von jedermann gelobt werden. Denn der Pöbel hält es stets mit dem Schein und dem Ausgang einer Sache; und die Welt ist voller Pöbel. Die wenigen Klügeren aber kommen nur dann zur  Geltung, wenn die große Menge nicht weiß, woran sie sich halten soll. Ein Fürst unserer Zeit, den ich lieber nicht nenne (Gemeint ist Ferdinand von Aragonien, der die Eroberung der Königreiche Neapel und Navarra nur seiner Treulosigkeit und Wortbrüchigkeit verdankte), predigt nichts als Frieden und Treue und tut von beidem das Gegenteil. Hätte er aber beides befolgt, so hätte er mehr denn einmal Ruf und Thron verloren.

XIX.

Verachtung und Haß sind zu meiden

Nachdem ich auf die wichtigsten der oben erwähnten Eigenschaften eingegangen bin, will ich die anderen in dem allgemeinen Grundsatz zusammenfassen, daß der Fürst, wie schon betont, alles vermeiden soll, was ihn verhaßt oder verachtet machen kann; und sooft er dies vermeidet, hat er das Seinige getan, und in keiner anderen üblen Nachrede liegt für ihn eine Gefahr. Verhaßt macht er sich, wie gesagt, vor allem durch die Habgier, wenn er das Vermögen und die Frauen seiner Untertanen antastet, deren er sich enthalten sollte. Denn solange man den Menschen Gut und Ehre nicht raubt, sind sie zufrieden, und man hat nur den Ehrgeiz einiger weniger zu bekämpfen, der sich auf mancherlei Art

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leicht im Zaum halten läßt. Verächtlich wird der, welcher für wankelmütig, leichtsinnig, weibisch, feig und unentschlossen gilt; davor muß ein Fürst sich also hüten wie vor  einer  Klippe  und  danach  trachten,  daß in seinen Handlungen Größe, Mut, Ernst und Stärke zutage treten. Mischt er sich in die Privatangelegenheiten seiner Untertanen ein, so muß er dafür sorgen, daß seine Urteile unwiderruflich sind, und sich in solchem Ansehen erhalten, daß niemand es wagt, ihn zu täuschen noch zu bestricken.

Ein Fürst, der in solchem Rufe steht, hat Ansehen genug; gegen ihn wird man schwerlich eine Verschwörung anzetteln, noch wird ihn jemand angreifen, wenn man weiß, daß er tüchtig ist und von  den Seinen geehrt wird. Ein Fürst hat also nur zwei Dinge zu fürchten: eins im Innern seitens der Untertanen und das andere von außen seitens fremder Mächte. Gegen diese schirmt man sich durch gute Streitkräfte und gute Freunde; und immer, wenn man gute Streitkräfte hat, hat man auch gute Freunde; und wenn nach außen alles sicher ist, so wird auch im Innern Ordnung herrschen, wofern keine Ver- schwörung die Ruhe stört. Und selbst wenn das Ausland sich rührt, der Fürst aber alles so geordnet und sich so benommen hat, wie ich es sagte, so wird er, wenn er sich selbst treu bleibt, jedem Angriff standhalten, wie ich es an dem Beispiel des Spartaners Nabis gezeigt habe. Von den Untertanen aber ist, wenn das Ausland sich ruhig verhält, nur zu befürchten, daß sie sich heimlich verschwören; und dagegen sichert sich der Fürst hinreichend, wenn er Haß und Verachtung vermeidet und das Volk zufriedenstellt. Dies aber muß er befolgen, wie oben  ausgeführt wurde. Eines der wirksamsten Mittel

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gegen Verschwörungen, das ein Fürst hat, ist, allgemein Haß und Verachtung zu meiden; denn wer immer sich verschwört, glaubt, durch den Tod des Fürsten das Volk zufriedenzustellen. Weiß er hingegen, daß er das Volk dadurch empört, so  fehlt ihm der Mut, dergleichen zu unternehmen, denn die Schwierigkeiten einer Verschwörung sind zahllos. Die Erfahrung zeigt, daß viele Verschwörungen gemacht, aber wenige geglückt sind; denn wer sich verschwört, kann nicht allein bleiben, und Gefährten findet er nur   in denen, die er für unzufrieden hält. Sobald du aber einem Unzufriedenen deine Absichten enthüllst, so gibst du ihm eine Gelegenheit, sich einen großen Vorteil zu verschaffen. Denn da er auf der einen Seite einen sicheren Gewinn, auf der anderen aber nichts als Ungewißheit und Gefahr sieht, so muß er entweder ein eingeschworener Feind des Fürsten oder ein seltener Freund sein, um dir die Treue zu halten. Kurz, auf Seiten der Verschwörer ist nichts als Furcht, Eifer- sucht und Angst vor Strafe, die ihren Mut lahmen; auf Seiten des Fürsten aber ist die Majestät seines Standes, sind die Gesetze, der Beistand der Freunde und der Staat, die ihn schützen, so daß, wenn zu alledem noch die Liebe des Volkes hinzukommt, kein Mensch so verwegen sein kann, sich zu verschwören. Denn wenn ein Verschwörer gewöhnlich schon vor der Ausführung seines Anschlages Schlimmes zu furchten hat, so hat er in diesem Falle auch nachher, wenn die Untat vollbracht ist, das Volk zu furchten und deshalb auf keine Zuflucht zu rechnen.

Ich könnte zahllose Beispiele dafür anführen, will es aber bei einem bewenden lassen, das sich zu Zeiten unserer Väter ereignet hat. Messer Annibale Bentivoglio, Fürst von Bologna und Großvater des jetzigen Messer

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Annibale, ward von der Partei der  Canni,  die  sich  gegen ihn verschworen hatten, umgebracht und hinterließ nichts als ein Kind in den Windeln, Messer Giovanni. Gleich nach dem Mord erhob sich das Volk und brachte die ganze Partei der Canni um. Das kam von der Gunst, in der das Haus Bentivoglio dermalen beim Volke von Bologna stand, welche so  groß  war,  daß die Bologneser, da nach Annibales Tode niemand übrig war, der den Staat regieren konnte, nach Florenz sandten, wo, wie man erfuhr, ein Sproß der Bentivoglio lebte, der bislang für den Sohn eines Schmiedes galt, um diesem die Regierung der Stadt zu übertragen, welche er auch übernahm, so lange bis Messer Giovanni das hinreichende Alter erreicht hatte.

Ich schließe also, daß ein Fürst sich vor Verschwörungen wenig zu furchten braucht, solange das Volk ihm gewogen bleibt; ist es ihm aber feindlich gesinnt und haßt es ihn, so muß er alles und jedes fürchten. Wohlgeordnete Staaten und kluge Fürsten  haben daher mit allem Fleiße danach getrachtet, die Großen nicht in Verzweiflung zu bringen und das Volk zufriedenzustellen, denn dies ist eine der wichtigsten Aufgaben des Herrschers.

Unter den wohlgeordneten und gut regierten Staaten unserer Zeit befindet sich Frankreich, wo zahllose gute Einrichtungen bestehen, von denen die Sicherheit und Freiheit des Fürsten abhängen. Die erste von ihnen ist das Parlament und sein Ansehen; denn der, welcher dieses Reich geordnet hat, kannte den Ehrgeiz der Großen und ihren Übermut, und er sah die Notwendigkeit ein, ihnen einen Zaum anzulegen. Andererseits kannte er den Haß des großen Haufens gegen die Großen, der auf

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der Furcht beruht; um also das Volk zu schützen, ohne die Sorge dafür dem König allein zu überlassen, vielmehr ihm die Last abzunehmen, die er mit den Großen  gehabt hätte, wenn er das Volk begünstigte, und  mit dem Volke, wenn er die Großen bevorzugte, schuf er einen dritten Richter, der ohne Belastung des Königs die Großen züchtigte und die Kleinen begünstigte. Es gibt keine bessere und klügere Einrichtung für die Sicherheit des Staats wie des Königs. Hieraus läßt sich noch eine andere Lehre ziehen: daß die Fürsten alle harten Maßregeln durch andere ausführen lassen und Gnadensachen sich selbst vorbehalten sollen. Ferner schließe ich, daß ein Fürst den Großen mit Achtung begegnen soll, ohne sich jedoch beim Volke verhaßt zu machen.

Es mag vielleicht manchem so  scheinen,  daß  Leben und Tod vieler römischer Kaiser ein Gegenbeispiel für meine Ansicht seien, da doch mancher, der sich hervorragend benommen und eine große Gesinnung gezeigt hat, den Thron verloren oder durch Verschwörungen seiner Untertanen gar das Leben eingebüßt hat. Um diesem Einwand zu  begegnen,  will ich den Charakter einiger römischer Kaiser durchgehen und die Gründe für ihren Sturz aufzeigen, welche dem, was ich angeführt habe, nicht widersprechen. Dabei werde ich gelegentlich auch das in Betracht ziehen, was dem Leser der römischen Kaisergeschichte auffällt, und zwar von dem Philosophenkaiser Mark Aurel bis zu Maximinus. Es waren dies folgende Kaiser: Mark Aurel, dessen Sohn Commodus, Pertinax, Julianus, Severus, dessen Sohn Antoninus Caracalla, Macrinus, Heliogabal,  Alexander und Maximinus. Zunächst ist zu bemerken, daß, während in anderen Reichen nur der Ehrgeiz der Großen

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und der Übermut des Volkes zu bekämpfen ist, die römischen Kaiser noch eine dritte Schwierigkeit zu bestehen hatten, nämlich die Habsucht und Grausamkeit des Kriegsvolkes. Diese Schwierigkeit war so groß, daß sie den Untergang mehrerer Kaiser herbeiführte, weil es sehr schwer ist, die Soldaten und zugleich das Volk zufriedenzustellen; denn das Volk liebt die Ruhe und deshalb liebt es die friedlichen Herrscher und die Soldaten die   kriegerischen, übermütigen, grausamen und raubgierigen. Diese Eigenschaften sollten die Kaiser nach Wunsch der Soldaten an den Völkern auslassen, damit sie selbst doppelten Sold erhielten und ihre Habsucht und ihre Grausamkeit befriedigen konnten. Daher kam es, daß die Kaiser, die von Natur oder durch ihre Taten kein großes Ansehen besaßen, durch das sie Volk und Heer im Zaum hätten halten können, stets zugrunde gingen. Die meisten von ihnen, besonders die, welche aus dem Privatstande auf den Thron gelangt waren, begnügten sich, sobald sie die Schwierigkeit dieses Zwiespalts erkannt hatten, mit der Zufriedenstellung der Soldaten und kümmerten sich wenig um die Beleidigung des Volkes. Das war notwendig; denn wenn die Fürsten nicht umhin können, den Haß eines Teils der Bevölkerung auf sich zu laden, so müssen sie zunächst darauf sehen, daß sie nicht von allen  gehaßt  werden;  ist auch das unvermeidlich, so müssen sie mit aller Sorgfalt den Haß der Mächtigen meiden. Deshalb machten die Kaiser, die ihrer neuen Herrschaft wegen außerordentlicher Gunst bedurften, sich lieber die Soldaten als das Volk zum Freunde; einen Nutzen aber hatten sie nur insofern davon, als sie sich bei jenen in Ansehen zu erhalten wußten. Aus diesen Gründen fanden die, welche von friedlicher

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Gesinnung, rechtsliebend und der Grausamkeit abhold waren, nämlich Mark Aurel, Pertinax und Alexander, nur den ersten ausgenommen, ein schlimmes Ende,  und allein Mark Aurel lebte und starb in hohen Ehren, weil er durch Erbrecht auf den Thron gelangt war und ihn we der den Soldaten noch dem Volke verdankte. Zudem besaß er so viele Tugenden, die ihn verehrungswürdig machten, wußte auch beide Stände, solange er lebte, in Schranken zu halten und machte sich nie verhaßt noch verächtlich. Pertinax hingegen wurde gegen den Willen der Soldaten gewählt; diese waren unter Commodus an zuchtloses Leben gewöhnt und fanden das geregelte Leben, zu dem Pertinax sie zwingen wollte, unerträglich. Dies erzeugte Haß, und zu diesem Haß trat die Geringschätzung wegen seines Alters, so daß er gleich zu Beginn seiner Regierung unterging.

Hierbei ist zu bemerken, daß Haß sowohl durch gute  wie durch schlechte Handlungen entstehen kann; und daher ist ein Fürst, wie bereits gesagt, oft genötigt, nicht gut zu handeln, wenn anders er sich behaupten will; denn wenn die Masse des Volkes oder des Heeres oder die Großen, auf die du dich zu stützen gedenkst, verderbt sind, so mußt du ihrer Gesinnung dich fügen und sie zufriedenstellen, und dann sind die guten Handlungen dir schädlich. Kommen wir jedoch zu Alexander. Dieser war so wohlgesinnt, daß man ihn unter anderem auch deshalb lobte, weil er in den vierzehn Jahren seiner Herrschaft keinen Menschen ohne richterliches Urteil hatte hinrichten lassen. Dennoch fiel er in Geringschätzung, weil er für weibisch galt, und man sagte, daß er sich von seiner Mutter regieren ließe; die Soldaten verschworen sich gegen ihn und brachten ihn um.

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Betrachten wir nun die entgegengesetzten Charaktere des Commodus, Severus, Antoninus Caracalla und Maximinus, so findet man sie höchst grausam und räuberisch. Um die Soldaten zu  befriedigen,  duldeten sie jede Art von Mißhandlung des Volkes. Trotzdem nahmen sie mit Ausnahme des Severus alle ein trauriges Ende. Severus aber war von solcher Tüchtigkeit, daß er seine Herrschaft glücklich behauptete, indem er die  Soldaten  zu Freunden  behielt, obwohl er das Volk bedrückte; denn seine großen Eigenschaften machten den Soldaten wie dem Volke solchen Eindruck, daß dieses in dumpfem Staunen und in Unterwürfigkeit verharrte, jene aber voller Verehrung und zufrieden waren. Und da die Handlungsweise dieses zur Herrschaft emporgelangten Kaisers vortrefflich war, so will ich kurz darauf hinweisen, wie gut er den Fuchs und den Löwen zu spielen verstand, welche  beide  Naturen  ich  den Fürsten als notwendiges Vorbild hingestellt habe. Da Severus die Feigheit des Kaisers Julianus erkannt hatte, überredete er das Heer, das er in Slavonien führte, gegen Rom vorzurükken, um den Tod des von den Prätorianern ermordeten Pertinax zu rächen. Unter diesem Vorwand marschierte er mit dem Heere auf Rom, ohne seine Absicht auf den Thron durchblicken zu lassen, und langte in Italien an, noch ehe man von seinem Aufbruch erfahren hatte. In Rom eingerückt, ward er vom Senat aus Furcht zum Kaiser erwählt, und Julianus ward getötet. Jetzt hatte Severus nur noch zwei Hindernisse zu überwinden, um zur Alleinherrschaft zu gelangen: das eine in Asien, wo Ni- ger, der Führer der asiatischen Legionen, sich hatte zum Kaiser ausrufen lassen, und das andre im Abendland, wo Albinus gleichfalls nach der Kaiserwürde strebte.

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Da er es für gefährlich hielt, beiden zugleich die Feindschaft anzusagen, so beschloß er, den Niger anzugreifen und den Albinus zu hintergehen. An diesen schrieb er, er sei vom Senate zum Kaiser erwählt, wolle aber diese Würde mit ihm teilen. Er gab ihm den Titel Cäsar und ließ ihn durch Senatsbeschluß zu seinem Mitregenten ernennen. Nachdem er aber den Niger besiegt hatte und dieser gefallen und der Orient  beruhigt  war, kehrte er nach Rom zurück und beschwerte sich im Senat über Albinus, der ihn, voller Undank gegen die ihm erzeigte Wohltat, verräterisch habe ermorden wollen und den er wegen dieser Undankbarkeit züchtigen müsse. Er griff ihn darauf in Frankreich an und raubte ihm Würde und Leben.

Wer das Handeln dieses Mannes sorgfältig prüft, wird den wildesten Löwen und den schlauesten  Fuchs  in  ihm gepaart sehen und erkennen,  wie er von jedermann gefürchtet und geehrt und beim Heere nicht verhaßt war; und man wird sich nicht wundern, daß dieser neue Fürst ein so großes Reich zu beherrschen vermochte, da sein großer Ruf ihn stets vor dem Haß beschirmte, den das Volk wegen seiner Räubereien gegen ihn hätte hegen können. Auch sein Sohn Antoninus war hervorragend und besaß so große Eigenschaften, daß das Volk ihn bewunderte und die Soldaten ihn liebten, zumal er kriegerisch war, alle Beschwernisse ertrug und leckere Speisen sowie alle Arten von Verweichlichung verachtete, was ihm die Liebe aller Heere erwarb. Nichtsdestoweniger waren seine Grausamkeit und Wildheit so unerhört, daß er in zahllosen Bluttaten einen großen Teil der Bevölkerung von Rom und von Alexandria tötete. Er  zog  sich  dadurch den Haß der ganzen Welt  zu  und  begann  auch von seiner Umgebung gefürchtet zu werden,  so daß

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ein Centurio ihn mitten in seinem Heere umbrachte. Hierbei ist zu bemerken, daß die Fürsten einen derartigen Tod, den ein entschlossener und hartnäckiger Geist sich vornimmt, gar nicht vermeiden  können,  denn jeder, der sein eignes Leben aufs Spiel setzt, kann das gewärtigen. Dennoch hat ein Fürst dergleichen weniger zu fürchten, denn es kommt höchst selten vor. Er muß sich nur hüten, einen aus seiner Umgebung, den er für die  Regierungsgeschäfte benutzt, gröblich zu beleidigen, wie es Antoninus tat, der einen Bruder des Centurio schmählich hatte ermorden lassen und diesen selbst täglich bedrohte, ihm aber nichtsdestoweniger seine Leibwache anvertraute. Das war tollkühn und mußte zu seinem Untergang führen, wie es auch geschehen ist.

Wir kommen zu Commodus, dem es nicht schwer- wurde, die Herrschaft zu behaupten, die er  als  Sohn des Mark Aurel ererbt hatte. Er brauchte nur in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und hätte das Volk und die Soldaten zufriedengestellt. Da er aber ein grausames und rohes Gemüt hatte, so begann er das Heer zu begünstigen und es ausarten zu lassen, um seine Raubgier am Volke zu befriedigen. Andrerseits wahrte er seine Würde nicht, indem er oft in die Arena hinabstieg, um mit den Gladiatoren zu kämpfen, und andere gemeine und der Kaiserwürde wenig anstehende Dinge tat, wodurch er den Soldaten verächtlich ward. Und da er so von  den  einen  gehaßt und von den ändern verachtet ward, entstand eine Verschwörung gegen ihn, und er fiel.

Es bleibt uns nur noch ein Blick auf den Charakter des Maximinus. Dieser war sehr kriegerisch, und da das Heer von der Weichlichkeit Alexanders angeekelt war, von der ich oben gesprochen habe, so erhob  es  ihn  nach

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dessen Tode auf den Thron, den er jedoch nicht lange behauptete, da er sich durch zwei Dinge verhaßt und verächtlich machte. Das eine war seine niedrige Herkunft, da er in Thrazien das Vieh gehütet hatte (was allgemein bekannt war und ihn in den Augen eines jeden sehr herabsetzte), das andere war, daß er es im Anfange seiner Herrschaft verschob, nach Rom zu gehen und von der kaiserlichen Würde Besitz zu ergreifen, inzwischen aber durch seine Statthalter in Rom und an zahllosen Orten des Reiches viele Gewalttaten verüben ließ, die ihn in den Ruf der Grausamkeit brachten. So war denn die ganze Welt voller Unwillen über die Niedrigkeit seiner Herkunft und andrerseits voller Haß und Furcht wegen seiner Wildheit, und so empörte sich zuerst Afrika, dann verschwor sich der Senat mit dem ganzen römischen Volke und schließlich ganz Italien gegen ihn. Hierzu kam, daß sein eignes Heer, welches bei der Belagerung von Aquileia nicht von der Stelle kam, seiner Grausamkeit überdrüssig ward und angesichts seiner vielen Feinde die Furcht vor ihm verlor und ihn umbrachte.

Ich will weder von Heliogabal noch von Macrinus und Julianus reden, die so erbärmlich waren, daß sie so- gleich zugrunde gingen. Ich komme also zum Schlüsse dieses Exkurses und sage, daß die Fürsten unserer Zeit sich weniger in jener Notlage befinden, die Soldaten in ungewöhnlicher Art zu befriedigen. Wenn auf diese auch einige Rücksicht zu nehmen ist, so geht das doch leichter vonstatten, denn die heutigen Fürsten haben keine Heere beisammen, die mit der Regierung und Verwaltung der Provinzen so verwachsen  wären,  wie die des römischen Reiches. Wenn es damals also nötiger war, das Heer zu befriedigen als das Volk, weil jenes mächtiger war als

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dieses, so ist es heutzutage für alle Fürsten,  den Türken und den Sultan von Ägypten ausgenommen, nötiger, die Völker zufriedenzustellen als die Soldaten, weil das Volk heute mehr gilt als diese. Den Türken nehme ich aus, weil dieser gegen 12000 Mann zu Fuß und 15000 Reiter um sich hat, auf denen die Sicherheit und Stärke seiner Herrschaft beruht, und die er ohne alle jede Rücksicht auf das Volk zu Freunden behalten muß. Ähnlich steht es mit dem ägyptischen Sultan, der ganz in den Händen der Soldaten ist und sich diese daher gleichfalls ohne Rücksicht auf das Volk warmhalten muß. Dabei ist zu bemerken, daß die Stellung dieses Sultans von der aller anderen Fürsten abweicht und eine Ähnlichkeit nur mit der des Papstes besitzt, welcher sich weder einen erblichen Fürsten noch einen neuen Fürsten nennen kann, da nicht die Söhne des alten Fürsten seine Erben und Nachfolger in der Herrschaft sind, sondern der Fürst von denen ernannt wird, welche die Macht dazu haben. Da diese Ordnung der Dinge alt ist, so kann man seine Herrschaft nicht als eine neue bezeichnen, denn sie besitzt keine der Schwierigkeiten, die bei einem neuen Fürstentum entstehen. Wenn auch der Fürst neu ist, so ist die Staatsverfassung doch alt und so eingerichtet, als wäre er der erbliche Herrscher.

Um aber auf unseren  Gegenstand  zurückzukommen,  so wird jeder, der die obigen Ausführungen erwägt, einsehen, daß die Gründe für den Untergang der genannten Kaiser Haß und Verachtung gewesen sind. Er wird ferner verstehen, wie es kam, daß bei ganz entgegengesetztem Benehmen die einen ein glückliches, die anderen ein unglückliches Ende nahmen. Dem Pertinax und Alexander half es nichts, vielmehr gereichte es ihnen zum

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Verderben, daß sie als neue Fürsten dem Mark Aurel nacheifern wollten, der ein erblicher Fürst war; und ebenso war es für Caracalla, Commodus und  Maximinus verderblich, den Severus nachzuahmen, weil es ihnen an Tüchtigkeit fehlte, in seine  Fußstapfen  zu treten. Somit kann ein neuer Fürst dem Mark Aurel nicht nacheifern  und  braucht  ebensowenig  dem Severus zu folgen; wohl aber muß er von diesem das annehmen, was nötig ist, um seinen Staat zu begründen, und von Mark Aurel das, was nützlich und ruhmvoll ist, um einen bereits festbegründeten Staat zu erhalten.

XX.

Ob Festungen und vieles andere, was Fürsten zu tun pflegen, nützlich oder schädlich sind?

Etliche Fürsten haben ihre Untertanen entwaffnet, um ihre Herrschaft sicherzustellen; andere haben in den unterworfenen Städten den Parteihader fortdauern lassen; wieder andere haben Feindschaften gegen sich selbst angestiftet; andere haben sich bemüht, die, welche ihnen zu Beginn ihrer Herrschaft verdächtig waren, zu gewinnen; einige haben Festungen erbaut, andere haben sie niedergerissen und zerstört. Obgleich über alle diese Dinge kein bestimmtes Urteil zu fällen ist, ohne auf die besonderen Verhältnisse der Staaten einzugehen, in denen eine derartige Entschließung zu fassen ist, so will ich so ausführlich darüber reden, als der Gegenstand es erlaubt.

Es ist also nie vorgekommen, daß ein neuer Fürst

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seine Untertanen entwaffnet hat; vielmehr hat er sie stets bewaffnet, wenn er sie ohne Waffen fand; denn wenn du sie bewaffnest, so sind die Waffen dein, Verdächtige werden treu, die Getreuen können sich behaupten, und aus deinen Untertanen werden deine Anhänger. Da es aber nicht möglich ist, alle Untertanen zu bewaffnen, so magst du die, welchen du Waffen gibst, auf irgendeine Weise belohnen: wegen der anderen kannst du dann ganz sicher sein. Die Verschiedenheit in der Behandlung verpflichtet dir die ersteren; die anderen aber entschuldigen dich und sehen die Notwendigkeit ein, diejenigen, welche mehr Gefahr und Verpflichtungen übernehmen, auszuzeichnen. Entwaffnest du das Volk jedoch, so beleidigst du es und zeigst ihm von Anfang an dein Mißtrauen in seine Gesinnung oder Treue: beides aber erweckt Haß gegen dich. Und da du nicht ohne Kriegsmacht sein kannst, so mußt du zu Söldnertruppen greifen, über deren Eigenschaften weiter oben gehandelt ist. Wären diese aber auch gut, so reichen sie doch nicht hin, um dich gegen mächtige Feinde und verdächtige Untertanen zu schützen.  Darum  haben neue Fürsten, wie gesagt, in ihren neuerworbenen Ländern stets Truppen aufgestellt. Die Geschichte ist voll von solchen Beispielen. Wenn aber ein Fürst ein Land erwirbt, um es als neues Glied seinen alten Besitzungen anzufügen, dann muß er dieses Land entwaffnen, mit Ausnahme solcher, die sich bei der Eroberung für ihn erklärt haben. Und auch diese sind mit der Zeit und bei Gelegenheit schlaff und weichlich zu machen, und es ist so einzurichten, daß alle Bewaffneten in diesen Staaten aus dem alten Staate seien und dir dort gedient haben.

Unsere Vorfahren, und zwar die weisesten unter

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ihnen, pflegten zu sagen, die Herrschaft über Pistoia müsse durch innere Parteiungen und die über Pisa durch Festungen behauptet werden; und darum unterhielten sie in mehreren ihnen unterworfenen Städten den inneren Zwist, um sie leichter zu regieren. Das mochte zu einer Zeit angebracht sein, wo Italien sich in einem gewissen Gleichgewicht befand; heutzutage jedoch scheint mir dieser Grundsatz nicht mehr ratsam, denn ich glaube, daß aus Zwistigkeiten nie etwas Gutes entsteht; vielmehr müssen innerlich entzweite Städte beim Anrücken des Feindes bald fallen, denn der schwächere Teil wird sich stets an den äußeren Feind hängen, und der andere kann sich nicht behaupten.

Aus den obengenannten Gründen, glaube  ich, ließen die Venezianer die Parteien der Guelfen und Ghibellinen in den  ihnen unterworfenen Städten bestehen, und wiewohl sie es nie zum Blutvergießen kommen ließen, so förderten sie doch diese inneren Zwistigkeiten, damit die Bürger durch sie beschäftigt würden und sich nicht auflehnten. Sie  hatten  sich  dabei aber verrechnet, denn kaum hatten sie die Schlacht von Vailà verloren, so faßte eine der Parteien Mut und entriß ihnen den ganzen Staat. Ein solches Verfahren läßt stets auf die Schwäche des Fürsten schließen, denn eine kräftige Regierung wird solche Parteiungen nie dulden, weil sie nur im Frieden etwas nützen, indem sie die Behandlung der Untertanen erleichtern; kommt es aber zum Kriege, so zeigt  es sich, wie trügerisch eine solche Ordnung der Dinge ist. Ohne Zweifel macht die Überwindung von Schwie- rigkeiten und von Widerstand einen Fürsten groß; weshalb denn auch das Schicksal, besonders wenn es einen neuen Fürsten groß machen will, der vielmehr als ein

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erblicher Fürst eines guten Rufes bedarf, ihm Feinde erweckt und diese zu Anschlägen gegen ihn veranlaßt, damit er sie überwinde und auf der Leiter,  die  ihm seine Feinde bereitet haben, noch höher steige. Daher sind manche der Ansicht, daß ein weiser Fürst, wenn die Gelegenheit sich bietet, einige Feindschaften gegen sich klüglich anfeuern müsse, um durch ihre Unterdrückung größer zu werden.

Die Fürsten, besonders die neuen, haben mehr Treue und Vorteil bei denen gefunden, die zu Beginn ihrer Herrschaft verdächtig schienen, als bei denen, die anfangs ihre Vertrauten waren. Pandolfo Petrucci, der Fürst von Siena, herrschte mehr durch die, welche ihm verdächtig waren, als durch die anderen. Doch hierüber ist nicht viel zu reden, weil es ganz auf die Umstände ankommt. Ich will nur das eine  sagen,  daß die, welche einer Herrschaft anfangs feindlich waren, vom Fürsten allemal leicht gewonnen werden können, wofern sie nicht imstande sind, sich ohne Unterstützung zu behaupten. Ja sie müssen ihm um so treuer dienen, je mehr sie die Notwendigkeit einsehen, etwas zu tun, um den ersten schlimmen Eindruck zu verwischen; und so hat der Fürst denn von ihnen stets größeren Nutzen als von denen, welche ihm allzu sorglos dienen und dabei seine Sache vernachlässigen.

Da der Gegenstand es verlangt, so will ich nicht unter- lassen, die Fürsten, die einen Staat mit Hilfe eines  Teiles der Einwohner erobert  haben,  daran  zu  erinnern, daß sie sich wohl überlegen, aus welchen Gründen jene ihre Partei ergriffen haben. Geschah dies nicht aus natürlicher Zuneigung, sondern nur aus Mißvergnügen mit dem  früheren  Zustand,  so wird man sie bei aller Mühe

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schwerlich als Freunde behalten, weil es unmöglich ist, sie zufriedenzustellen. Bei eingehender Prüfung aller Beispiele, welche die alte wie die neue Geschichte hierzu bietet, ergibt sich als Grund dafür, daß es weit leichter ist, die zu Freunden zu gewinnen, welche bei dem früheren Zustand zufrieden und  deshalb  dem neuen Herrn feind waren, als die, welche aus Unzufriedenheit seine Freunde wurden und ihm zur Eroberung des Landes verhalfen.

Es erweist sich als Gewohnheit der Fürsten, zur Sicherung ihres Landes Festungen zu erbauen, welche ihnen als Zaum und Zügel ihrer Widersacher und als sichre Zuflucht bei einem ersten Angriff dienen. Ich billige dies Verfahren, da es von alters her im Brauch ist. Trotzdem hat Messer Niccolò Vitelli zu unsrer Zeit zwei Festen in Città di Castello geschleift, um diese Stadt zu behaupten. Guidobaldo, Herzog von Urbino, zerstörte nach der Rückkehr in sein Land, aus dem ihn Cesare Borgia vertrieben hatte, alle Festungen darin und glaubte, es ohne diese nicht so leicht noch einmal verlieren zu können. Ebenso machten es die  Bentivoglio nach ihrer Rückkehr in Bologna. Festungen sind also je nach der Lage der Dinge nützlich oder schädlich, und wenn sie dir auf der einen Seite helfen, so schaden sie dir auf der anderen. Hierüber läßt sich folgendes sagen: Ein Fürst, der sein eigenes Volk mehr fürchtet als die Fremden, muß Festungen anlegen; wer sich aber mehr vor den Fremden als vor den Seinigen fürchtet, muß es unterlassen. Das Kastell von Mailand, das von Francesco Sforza erbaut ward, hat dem Hause Sforza mehr geschadet als irgendeine Unruhe in diesem Staate. Die beste Festung ist die, seinem Volke nicht verhaßt zu sein; denn wenn dich das

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Volk haßt, so helfen dir auch Festungen nichts, weil es dem Volke, das zu den Waffen gegriffen hat, nie an Fremden fehlt, die ihm zu Hilfe kommen. In unseren Zeiten hat man keinen Fall gesehen, wo Festungen einem Fürsten etwas genützt hätten, es sei denn der Gräfin von Forli nach dem Tode ihres Gatten, des  Grafen Girolamo, welche sich vor dem Angriff des Volkes zu retten vermochte, bis Hilfe aus Mailand kam und sie wieder eingesetzt ward;  denn  bei  den damaligen Verhältnissen konnte kein Fremder dem Volke zu Hilfe eilen. Später jedoch, als Cesare Borgia sie angriff und das Volk, das ihr feind war, sich mit Fremden verband, halfen ihr  auch  die  Festungen nichts. Vom Volke nicht gehaßt zu werden,  wäre damals sicherer für sie gewesen, als Festungen zu besitzen. In Ansehung alles dessen lobe ich den, der Festungen anlegt, ebenso wie den, der keine anlegt, tadle aber jeden, der sich auf sie verläßt und den Haß  des Volkes geringschätzt.

XXI.

Wie ein Fürst sich zu betragen hat, um Ruhm zu erwerben

Nichts erwirbt einem Fürsten so große Achtung als große Unternehmungen und seltene vorbildliche Taten. Gegenwärtig haben wir Ferdinand von Aragonien, den jetzigen König von Spanien. Man kann ihn einen neuen Fürsten nennen, weil er von einem schwachen König durch Ruf und Ruhm zum  ersten  König der Christenheit geworden ist. Betrachtet man seine Taten,

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so findet man alle groß und einige außerordentlich. Zu Anfang seiner Regierung griff er Granada an; durch diese Unternehmung legte er den Grund zu seiner Größe. Anfangs führte er sie in aller Ruhe und ohne Sorge, darin gehindert zu werden; er beschäftigte damit die Gemüter des kastilischen Adels, der über diesen Krieg den Wunsch nach Neuerungen vergaß, und erwarb dadurch zwischenzeitlich Ansehen und Macht über ihn. Mit dem Gelde der Kirche und seines Volkes vermochte er das Heer zu unterhalten und legte in diesem langen Kriege den Grund zu seiner Kriegsmacht, die ihm in der Folge so große Ehre bereitete. Außerdem übte er, um Größeres  unternehmen zu können, stets unter dem  Vorwande  der Religion eine fromme Grausamkeit aus, indem er die Marranen aus seinem Reiche vertrieb: ein  Ereignis, wie es erbärmlicher und seltener nicht sein konnte. Unter dem gleichen Vorwande fiel er in Afrika ein, führte einen Feldzug in Italien und griff schließlich Frankreich an. Derart unternahm und plante er stets große Dinge, welche die Gemüter seiner Untertanen in Spannung und Bewunderung sowie in Erwartung ihres Ausgangs erhielten. Diese seine Handlungen entsprangen eine aus der anderen, so daß niemand Zeit fand, dazwischenzugreifen und etwas dagegen zu tun.

Auch ist es für einen Herrscher sehr vorteilhaft, in der inneren Verwaltung seltene Dinge zu tun, wie solches von Messer Bernabò von Mailand berichtet wird, z. B. wenn Gelegenheit entsteht, jemanden, der im bürgerlichen Leben etwas im guten wie im schlechten Außerordentliches vollbracht hat, derart zu belohnen oder zu bestrafen, daß viel davon geredet wird.  Vor allem muß ein Fürst danach trachten, in jeder seiner Handlungen

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den Ruf eines großen und hervorragenden Mannes zu bewähren.

Auch verschafft es einem Fürsten Ansehen, wenn er sich als echter Freund oder Feind erweist,  d. h., wenn er ohne jede Rücksicht die Partei des einen oder des anderen nimmt, was stets nützlicher ist, als neutral zu bleiben. Denn wenn zwei mächtige Nachbarn von dir handgemein werden, so hast du von dem Sieger  entweder etwas zu befürchten oder  nicht.  Hier  wie  dort wird es stets nützlicher für dich sein, Farbe zu bekennen und ehrlich Partei zu ergreifen; denn im ersten Falle wirst du, wenn du neutral bleibst, stets die Beute des Siegers, zur Genugtuung und Freude des Besiegten, und du findest nichts, was dich rettet, keinen, der dir Zuflucht bieten kann; denn der Sieger will keine verdächtigen Freunde, die ihm im Unglück nicht beistehen können, und der Besiegte bietet dir keine Zuflucht, da du sein Schicksal nicht mit bewaffneter Hand teilen wolltest.

Antiochus war auf Betreiben der Ätolier nach Griechenland gekommen, um die Römer zu vertreiben. Er schickte redegewandte Leute an die Achäer, welche Freunde der Römer waren, um sie zu ermutigen, neutral zu bleiben. Andererseits redeten die Römer ihnen zu, die Waffen für sie zu ergreifen. Die Sache kam im Rate der Achäer zur Entscheidung, und der Botschafter des Antiochus mahnte sie zur Neutralität, worauf der römische Gesandte erwiderte: »Was  Euch da als das Beste und Nützlichste für Euren Staat hingestellt wird, nämlich, Euch nicht in unseren Krieg einzumischen, ist das Gegenteil davon; denn nehmt Ihr nicht daran teil, so werdet Ihr, ohne Dank und ohne Ruhm zu ernten, eine Beute des Siegers werden.«

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Es wird immer so kommen, daß der, welcher es nicht gut mit dir meint, dich um Neutralität bitten wird; der aber, welcher dein Freund ist, wird dich bitten, ihn mit den Waffen zu schützen. Unschlüssige Fürsten schlagen zumeist diesen Weg der Neutralität ein, um der augenblicklichen Gefahr zu entgehen, und richten sich damit gewöhnlich zugrunde. Ergreift ein Fürst aber herzhaft Partei für einen der Gegner und dieser siegt, so ist er dir bei aller seiner Macht und obwohl du von ihm abhängig bleibst,  Dank  schuldig  und  wird  dich lieben; denn die Menschen sind nicht so verräterisch und lohnen deinen Beistand nicht mit solchem Undank, daß sie dich unterdrücken werden. Zudem ist ein Sieg nie so vollständig, daß der Sieger nicht etliche Rücksichten zu nehmen hätte, insbesondere auf die Gerechtigkeit. Unterliegt aber der, dessen Partei du ergriffen hast, so bietet er dir doch Zuflucht und, solange er vermag,  Beistand,  und du teilst sein Schicksal, das sich vielleicht wieder wenden kann. Im zweiten Falle, wenn die Dinge so liegen, daß du vom Sieger nichts zu befürchten hast, ist es um so viel klüger, Partei zu nehmen, denn du trägst zum Untergang des einen bei, mit Hilfe des anderen, der ihn, wenn er klug wäre, retten müßte; und siegt er, so bleibt er von dir abhängig, und es ist schier unmöglich, daß er mit deinem Beistand nicht siegt.

Hier ist noch zu bemerken, daß ein Fürst sich stets hüten soll, sich mit einem, der mächtiger ist als er selbst, zu verbünden, um andere zu bekriegen, sofern ihn die Not nicht dazu zwingt, wie oben gesagt worden. Denn siegt er, so bist du in seiner Hand, und eben das muß ein Fürst tunlichst vermeiden. Die Venezianer verbanden sich mit Frankreich gegen den Herzog von Mailand,

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was wohl zu vermeiden war und ihnen zum Verderben ge- reichte. Ist es aber unvermeidlich, so wie es den Florentinern geschah, als der Papst und Spanien im Bunde in die Lombardei einfielen, dann  freilich  muß ein Fürst der Not gehorchen, wie oben begründet  wurde. Kein Staat glaube jemals, mit Sicherheit auf etwas rechnen zu können, vielmehr rechne er auf die Unsicherheit aller Dinge, denn es geht auf Erden so zu, daß man nie einer Unbequemlichkeit entgeht, ohne in eine andere zu geraten. Die Klugheit aber besteht darin, ihre Größe richtig abzuschätzen und das geringere Übel als Vorteil zu betrachten.

Ferner soll ein Fürst die Tüchtigkeit lieben und die Trefflichen in jedem Fache ehren. Er soll seine Bürger anfeuern, ihrem Berufe emsig zu obliegen, sowohl im Handel wie im Ackerbau und in allen anderen Gewerbezweigen, damit sie nicht ablassen, ihren Besitz zu mehren, aus Angst, daß er ihnen genommen werde, noch aus Furcht vor Steuern ihren Handel vernachlässigen. Vielmehr soll er jeden  dazu ermuntern und alle belohnen, welche die  Stadt  oder  den Staat auf irgendeine Weise bereichern wollen. Ferner muß er zu den gehörigen Zeiten im Jahre das Volk mit Festen und Schauspielen  beschäftigen, und da jede Stadt in Zünfte oder Gewerke eingeteilt ist, so soll er diesen Zusammenkünften bisweilen beiwohnen, sich menschenfreundlich und freigebig erweisen, dabei aber seine Würde stets wahren, denn an dieser darf er es bei keiner Gelegenheit fehlen lassen.

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XXII.

Von den Ministern

Die Wahl der Minister ist für einen Fürsten von nicht geringer Bedeutung; sie sind je nach seinem Scharfblick gut oder schlecht. Das erste Urteil, das man sich über einen Herrscher und über seinen Verstand bildet, beruht auf den Personen, die ihn umgeben. Sind sie tüchtig und treu, so wird er stets für weise gelten, weil er sie als tüchtig erkannt hat und sie sich treu zu erhalten wußte. Ist das nicht der Fall, so kann man über ihn kein gutes Urteil fällen, da er den ersten Mißgriff in ihrer Wahl getan hat.

Wer je Messer Antonio von Venafro, den Minister des Pandolfo Petrucci, des Fürsten von Siena, gekannt hat, mußte den Pandolfo für einen sehr tüchtigen Mann halten, da er jenen zum Minister hatte. Denn es gibt drei Arten von Köpfen: der eine erkennt alles von selbst, der zweite nur, wenn es ihm  von  anderen gezeigt wird, der dritte sieht nichts ein, weder von selbst noch durch die Darlegungen anderer. Der erste ist hervorragend, der zweite ist gut, der dritte nichts nütze. Wenn Pandolfo nicht zur ersten Klasse gehörte, so doch zur zweiten; denn wer so viel Urteil besitzt, um das Gute und Schlechte, was andere tun und sagen, zu unterscheiden, der wird, wenn er auch selbst keinen erfinderischen Geist hat, die guten und schlechten Handlungen seiner Minister erkennen, die einen loben und die anderen tadeln; kein Minister kann hoffen, ihn zu hintergehen, und bleibt ehrlich.

Wie aber kann ein Fürst den Minister durchschauen?

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Der Prüfstein dafür ist dieser: Wenn du merkst, daß der Minister mehr an sich als an dich denkt und bei allem, was er tut, seinen eignen Vorteil betreibt, so wird er nie ein guter Minister werden, noch ist je Verlaß auf ihn. Denn wer die Regierungsgeschäfte in Händen hat, darf nie an sich, sondern muß stets an den Fürsten denken und ihm nie mit etwas anliegen, was nicht den Staat betrifft. Andrerseits soll der Fürst, um ihn redlich zu erhalten, an den Minister denken, ihm Ehre und Reichtum zuwenden, ihn sich  verbinden, damit er sehe, daß er ohne den Fürsten nicht bestehen kann. Er soll ihn so mit Ehren überhäufen, daß  er  nicht nach höheren trachtet, und ihn reich genug machen, daß er nicht noch mehr begehrt, ihm Ämter genug verleihen, daß er jede  Umwälzung  fürchten muß. Wenn also die Minister so  beschaffen sind und die Fürsten ihre Minister so behandeln, können beide einander trauen, andernfalls nimmt es mit dem einen oder dem anderen stets ein schlechtes Ende.

XXIII.

Wie Schmeichler zu fliehen sind

Nicht übergehen kann ich ein wichtiges Kapitel und einen Fehler, den die Fürsten nur schwer vermeiden; wenn sie nicht sehr gescheit sind oder kein Glück in ihrer Wahl haben. Es handelt sich um die Schmeichler, deren die Höfe voll sind; denn die Menschen sind so selbstgefällig und geben sich so leicht der Selbsttäuschung hin, daß sie sich dieser Ansteckung nur schwer entziehen; und wer sich ihrer erwehren will, läuft leicht

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Gefahr, verachtet zu werden. Denn es gibt  kein  anderes Mittel, um sich gegen die Schmeichelei zu sichern, als die Menschen erkennen zu lassen, daß sie dir die Wahrheit sagen können, ohne dich zu verletzen; darf dir aber jeder die Wahrheit sagen, so hört die Ehrfurcht auf. Daher muß ein kluger Fürst einen dritten Weg einschlagen, indem er weise Männer beruft und ihnen allein verstattet, ihm die Wahrheit zu sagen, aber nur über die Dinge, nach denen er fragt, und nicht über andere. Er muß sie aber über alles befragen, ihre Meinung anhören und dann  seinen eignen Entschluß fassen. Mit diesen Ratgebern muß er es so halten, daß jeder von ihnen weiß, daß er  ihm  desto lieber ist, je freimütiger er spricht. Außer diesen aber muß er niemandem sein Ohr leihen, auf Be- schlossenes nicht zurückkommen und in seinen Ent- schlüssen fest bleiben. Wer es anders macht, den stürzen entweder die Schmeichler ins Verderben oder er wird wankelmütig infolge der Verschiedenheit der Meinungen, und das macht ihn verächtlich.

Ich möchte ein Beispiel hierfür aus der neuesten Geschichte anführen. Pater Lukas, ein Vertrauter des jetzigen Kaisers Maximilian, sagte von diesem, er nähme von keinem Rat an und täte auch nichts nach seinem eignen Willen. Der Grund dafür ist, daß er das Gegenteil von dem oben Angeführten tut. Denn der Kaiser ist ein verschlossener Mann, eröffnet niemandem seine Absichten und fragt niemanden um Rat. Wenn er aber seine Pläne ins Werk setzt, so daß sie bekannt werden, so finden sie Widerspruch bei seiner Umgebung, und da er von nachgiebiger Gemütsart ist, so läßt er sich davon abbringen. Daher kommt es, daß er das, was er an einem Tage beginnt,  am nächsten Tage vernichtet, und daß

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man nie daraus klug wird, was er eigentlich vorhat, und sich auf seine Entschlüsse nie verlassen kann.

Ein Fürst muß sich also beständig beraten lassen, aber dann, wenn er will, und nicht, wenn andere es wollen; vielmehr muß er jedem den  Mut  nehmen,  ihm ungefragt Rat zu erteilen; er aber muß reichlich fragen und alsdann über das Gefragte geduldig die Wahrheit anhören, ja wenn er merkt, daß jemand sie ihm aus irgendwelchen Gründen nicht sagt, ihm zürnen. Und wenn einige glauben, daß mancher Fürst, der für gescheit gilt, dies nicht seinem eigenen Kopfe, sondern den guten Ratschlägen seiner Umgebung verdankt, so irren sie ohne Zweifel; denn es ist eine allgemeine, untrügliche Regel, daß ein Fürst, der selbst nicht weise ist, auch nicht gut beraten wi rd, wofern er sich nicht zufällig auf einen einzigen, sehr gescheiten Mann verläßt, der ihn in allem regiert. In diesem Falle mag er zwar gut geleitet werden, es währt aber nicht lange, denn ein solcher Minister wird ihm bald die Herrschaft entreißen. Ein Fürst aber, dem es an Weisheit fehlt und der sich mit mehreren berät, wird nie übereinstimmende Ratschläge erhalten, noch es verstehen, sie in Einklang zu bringen. Jeder seiner Berater wird stets an seinen eignen Vorteil  denken, und er wird es weder bemerken, noch sie davon abbringen. Andere aber wird er nie finden, denn die Menschen sind immer schlecht, wenn die Notwendigkeit sie nicht gut macht. Ich schließe also, daß gute Ratschläge, von wem sie auch  kommen mögen, aus der Klugheit des Fürsten entspringen müssen, und nicht die Klugheit des Fürsten aus guten Ratschlägen.

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XXIV.

Warum die Fürsten Italiens ihre Herrschaft verloren haben

Wird alles Obengenannte weislich befolgt, so kommt ein neuer Fürst einem alten gleich und ist bald sicherer und fester im Besitz seiner Herrschaft, als wenn  sie ihm angestammt wäre. Denn ein neuer Fürst wird in seinen Handlungen weit mehr beobachtet als ein erblicher; und werden diese als hervorragend erkannt, so gewinnt er die Menschen weit mehr und macht sich bei ihnen beliebter als ein altes Geschlecht; denn den Menschen bedeutet die Gegenwart viel mehr als die Vergangenheit, und befinden sie sich in der Gegenwart wohl, so genießen sie sie und verlangen nichts anderes; ja sie nehmen in jeder Weise für den Fürsten Partei, wenn er im übrigen nur sich selbst treu bleibt. Derart erwirbt er doppelten Ruhm, indem er eine neue Herrschaft gründet, sie zu Ehren bringt und mit guten Gesetzen, guter Kriegsmacht, guten Freunden und gutem Beispiel versieht. Doppelte Schande aber trifft den, der, als Fürst geboren, seinen Staat durch Unverstand verliert.

Betrachtet man die Fürsten Italiens, die in unserer  Zeit ihre Staaten verloren haben, wie den König von Neapel, den Herzog von Mailand und andere, so findet man zuerst einen gemeinsamen Fehler betreffs ihrer Kriegsmacht, wie oben ausgeführt wurde. Ferner sieht man, daß dieser oder jener von ihnen  entweder  das  Volk zum Feinde gehabt hat, oder wenn er es zum Freunde hatte, sich der Großen nicht zu versichern verstand. Denn ohne solche Fehler geht kein Staat verloren, der Kraft

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genug besitzt, um ein Heer ins Feld zu stellen. Philipp von Mazedonien, nicht der Vater Alexanders des Großen, sondern der, welchen Titus Quinctius besiegte, hatte keinen großen Staat im Vergleich zur Größe der Römer und der Griechen, die ihn angriffen; trotzdem hielt er jahrelang den Krieg gegen sie aus, weil er kriegerisch war, das Volk zu behandeln verstand und sich der Großen versicherte, und wenn er zuletzt auch diese oder jene Stadt verlor, so behielt er doch sein Reich.

Unsere Fürsten hingegen, die eine lange besessene Herrschaft verloren haben, mögen nicht das Schicksal anklagen, sondern ihre eigene Feigheit; denn sie haben in ruhigen Zeiten nie daran gedacht, daß diese sich ändern können (der gewöhnliche Fehler der  Menschen, bei gutem Wetter nicht an den Sturm zu denken), und dann, als schlimme Zeiten kamen, haben sie statt an Verteidigung an Flucht gedacht und sich eingebildet, die Völker würden sie aus Überdruß  an der Unverschämtheit der Sieger zurückrufen.  Dies mag gut sein, wenn kein andrer Ausweg bleibt, aber es ist geradezu übel, wenn man andre Mittel und Wege dafür in Tausch gibt; denn kein Mensch wird fallen, in der Hoffnung, daß ihm ein anderer  wiederaufhelfe.  Denn dies geschieht entweder gar nicht, oder wenn es geschieht, so ist es sehr unsicher für dich, da es nicht von dir abhängt. Zudem ist es ein niedriges Mittel. Nur die Verteidigung ist gut, sicher und dauerhaft, welche von dir selbst und von deiner eigenen Tapferkeit abhängt.

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XXV.

Welche      Macht      das      Glück      in      den menschlichen Dingen hat und wie man ihm widerstehen kann

Ich weiß wohl, daß viele der Meinung waren und noch sind, daß die irdischen Dinge derart vom  Glück  und von Gott regiert werden, daß die Menschen sie mit all ihrer Klugheit nicht ändern und nichts dagegen ausrichten können. Woraus sich ergäbe, daß es nicht verlohnte, sich auf der Welt anzustrengen, sondern daß man sich in das Schicksal ergeben müsse. Diese Meinung fand viel Anhänger in unseren Zeiten, wegen der großen Umwälzungen,  die  man erlebt hat und noch täglich sieht und die alle menschlichen Vorstellungen übersteigen. Dessen eingedenk habe ich mich manches Mal dieser Ansicht teilweise gebeugt. Weil aber die Freiheit unseres Willens nicht aufgehört hat, so halte ich es für wahr, daß das Glück die Hälfte unserer Handlungen bestimmt, die andere Hälfte jedoch, oder beinahe so viel, uns anheimfällt. Ich vergleiche das Glück mit einem reißenden Flusse, der, wenn er anschwillt, die Ebenen überflutet, Bäume und Häuser umreißt, hier Erdreich fortspült und es dort anschwemmt. Jedermann flieht davor und gibt seinem Ungestüm nach, ohne irgendwo Widerstand zu leisten. Trotzdem ist es den Menschen nicht verwehrt, in ruhigen Zeiten Vorkehrungen zu treffen, durch Schutzwehren und Dämme das Hochwasser in einen Kanal abzuleiten und zu verhindern, daß sein Ungestüm so heftig und so verderblich sei. Ebenso geht es mit dem wechselhaften Glück, welches seine Macht zeigt, wo keine

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Zurüstungen getroffen sind, ihm zu widerstehen. Es wendet sich mit Ungestüm dorthin, wo es keine Schutzwehren und Dämme findet, die ihm Widerstand bieten. Betrachtet man nun Italien, welches die Stätte dieser Umwälzungen war und den Anstoß zu ihnen gab, so findet man eine Ebene ohne Dämme  und Schutzwehren.  Wäre es durch Kriegstüchtigkeit geschützt gewesen, wie Deutschland, Spanien und Frankreich, so hätte jene Hochflut nie so große Umwälzungen verursacht, oder sie wäre gar nicht eingetreten. So viel im allgemeinen vom Widerstand gegen das Schicksal.

Um aber ins einzelne zu gehen, so sage ich, daß man einen Fürsten heute im Wohlstand und morgen untergehen sieht, ohne daß er seine Natur oder seinen Charakter irgendwie geändert hätte. Das kommt nach meiner   Meinung  zunächst  von  den  Ursachen,  die  ich weiter oben eingehend erörtert habe: nämlich, daß ein Fürst, der sich ganz auf das Glück verläßt, zugrunde geht, sobald dieses sich wendet. Ferner glaube ich, daß der Glück hat, dessen Handlungsweise dem Charakter der Zeit entspricht, während der Unglück hat, der mit seiner Zeit in Widerspruch steht. Denn man sieht die Menschen in dem, was sie  sich  vorgenommen  haben, sei es Ruhm oder Reichtum, auf verschiedene Arten zum Ziele streben, einer vorsichtig, der andere ungestüm, einer mit Gewalt, der andere mit List, einer mit Geduld, der andere mit dem Gegenteil; und jeder kann auf seine besondere Weise dazu gelangen. Ferner sieht man zwei Vorsichtige, von denen der eine zum Ziele kommt, der andere nicht. Ebenso gelingt es zweien auf verschiedene Weise gleichermaßen, dem einen mit Vorsicht, dem anderen mit Ungestüm; und dies hängt lediglich davon ab, ob sie sich

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dem Charakter der Zeit anpassen oder nicht. Daher kommt es, wie gesagt, daß zwei verschieden Handelnde die gleiche Wirkung erzielen und daß von zwei gleich Handelnden der eine sein Ziel erreicht, der andere nicht. Daher auch die Wechselfälle des Glücks; denn wenn einer sich mit Vorsicht  und  Geduld  benimmt  und die Zeitumständc derart sind, daß seine Handlungsweise gut ist, so gelingt ihm sein Vorhaben; ändern sich aber die Verhältnisse, so geht er zugrunde, weil er seine Handlungsweise nicht  ändert.  Nun aber ist ein Mensch selten so klug, daß er sich diesem Wandel anzupassen verstände, teils, weil er den Weg nicht verlassen kann, den seine natürliche Anlage ihm weist, teils weil jemand, der auf einem eingeschlagenen Wege stets Glück hatte, sich nicht davon überzeugen kann, daß es gut wäre, ihn zu verlassen. Und so kommt es, daß ein vorsichtiger Mann, wenn die Zeit zur Entscheidung gekommen ist, nicht zu handeln  wagt und zugrunde geht. Hätte er aber seine Natur mit den Zeitumständen geändert, so hätte das Schicksal sich nicht geändert.

Papst Julius II. ging in allen Dingen mit Umgestüm zu Werke und fand die Zeitumstände mit dieser Handlungsweise so im Einklang, daß er stets Glück hatte. Man denke nur an seine erste Unternehmung gegen Bologna, als Giovanni Bentivoglio noch lebte. Den Venezianern war dies mißliebig; die Könige von Spanien und Frankreich planten die gleiche Unternehmung. Nichtsdestoweniger unternahm Julius diesen Angriff   persönlich mit seinem wilden Ungestüm; sein Auftreten hielt Venedig und Spanien zurück, jenes aus Furcht, dieses durch die Begierde, das ganze Königreich Neapel zu erobern. Andererseits gewann er den König von

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Frankreich für sich; denn nachdem dieser gesehen, daß der Papst Ernst machte und ihn auf seiner Seite wünschte, um die Venezianer zu demütigen, so glaubte er ihn nicht offen beleidigen zu dürfen, indem er ihm die Hilfstruppen abschlug. Julius II. erreichte durch sein ungestümes Vorgehen also mehr, als irgendein anderer Papst mit aller menschlichen Klugheit ausgerichtet hätte. Denn hätte er mit dem Aufbruch von Rom gezaudert, bis alles fest bestimmt und geregelt war, wie ein anderer Papst es gemacht hätte, so wäre es ihm nie gelungen. Der König von Frankreich hätte  dann  tausend Entschuldigungen gefunden, und die anderen hätten tausend Befürchtungen vorgebracht.  Ich übergehe alle seine anderen Handlungen, welche alle dieser ähnlich waren und ihm alle gelangen. Die Kürze der Zeit ließ es nicht zu, daß er ein widriges Schicksal erfuhr. Wären aber Zeiten gekommen, wo er hätte mit Vorsicht zu Werke gehen müssen, so wäre er zugrunde gegangen, weil er den Weg, den die Natur ihm wies, niemals verlassen hätte.

Ich schließe also, da das Glück wechselt, die Menschen aber auf dem eingeschlagenen Wege verharren, daß sie nur so lange Glück haben, als Schicksal und Weg übereinstimmen, dagegen Unglück haben, sobald ein Mißklang entsteht. Gerade hier aber meine ich, daß es besser sei, ungestüm als vorsichtig zu sein, denn Fortuna ist ein Weib, und wer es bezwingen will,  muß es schlagen und stoßen; und man sieht, daß es sich leichter von diesen besiegen läßt als von solchen, die kaltblütig zu Werke gehen. Darum ist es, wie ein Weib, auch den Jünglingen gewogen, weil diese weniger bedächtig und gewalttätiger sind und ihm dreister befehlen.

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XXVI.

Aufruf, Italien von den Barbaren zu befreien

Erwägt man also alles bisher Erörterte und überlegt man mit mir, ob gegenwärtig in Italien die Zeitunistände einem neuen Fürsten günstig sind und ob ein kluger und tapferer Mann ihm eine Neugestaltung geben könnte, die ihm selbst und dem gesamten Volke zum Segen gereichte, so scheint mir jetzt so vieles zugunsten eines neuen Fürsten zusammenzukommen, daß ich nicht weiß, ob je eine günstigere Zeit dafür gewesen ist. Und wenn das Volk Israel, wie ich sagte, in der Knechtschaft Ägyptens schmachten mußte, um die großen Gaben des Moses zu erkennen, wenn die Perser von den Medern unterdrückt werden  mußten,  um die Größe des Cyrus einzusehen, wenn die Athener zerstreut leben mußten, um den Theseus berühmt zu machen, so mußte auch jetzt, damit die Tüchtigkeit  eines italienischen Geistes bekannt würde, Italien so tief sinken, wie es geschehen ist, so mußte es sklavischer werden als die Juden, mehr geknechtet als die Perser, zerstreuter als die Athener, ohne Kopf, ohne Ordnung, geschlagen, ausgeplündert, zerrissen, verfolgt und jeder Art von Verderben preisgegeben.  Und wenn seither auch dieser oder  jener  aufgetreten ist, der von Gott gesandt schien, um Italien zu erlösen, so hat man doch gesehen, wie das Schicksal ihn auf der Höhe seiner Laufbahn verworfen hat, so daß Italien immer noch wie tot daliegt und  auf den harrt, der seine Verletzungen heilt, der den Plünderungen in der Lombardei, den Erpressungen und  Auflagen  in  der

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Toskana und im Königreich Neapel ein Ende macht und es von seinen durch die Länge der Zeit tief eingefressenen Wunden genesen läßt. Seht, wie es Gott anruft, er möge einen senden, der es von der Grausamkeit und dem Übermut der Barbaren erlöst! Seht, wie bereit und willig es ist, der Fahne zu folgen, wenn nur einer käme, der sie ergriffe. Es ist aber gegenwärtig keiner, auf den es hoffen könnte, wenn nicht in Eurem erlauchten Hause, welches durch seine Tüchtigkeit und sein Glück, von Gott und der Kirche begünstigt, an deren Spitze es jetzt steht, die Führung bei diesem Befreiungswerk ergreifen könnte. Das wird Euch nicht schwerfallen, wenn Ihr die Taten und das Leben der oben dargestellten Personen Euch vor Augen haltet. Und obwohl das  seltene  und hervorragende Menschen waren, so waren sie doch Menschen, und keiner von ihnen hatte so günstige Gelegenheit wie gegenwärtig; denn ihre Unternehmungen waren weder gerechter noch leichter als diese, noch war Gott mehr mit ihnen als mit Euch. Hier ist eine gerechte Sache: »Denn dieser Krieg ist gerecht und notwendig, und die Waffen sind heilig, wenn auf nichts als auf sie zu hoffen ist. « Hier ist alles bereit, und wo das der Fall ist, kann es nicht schwerfallen, wofern man nur dem Beispiel  derer folgt, die ich als Vorbilder aufgestellt habe. Überdies hat Gott Zeichen und Wunder ohnegleichen  gesandt; das Meer hat sich aufgetan, eine Wolke hat Euch den Weg gezeigt, aus dem Felsen ist Wasser geflossen, Manna ist vom Himmel geregnet, alles hat sich vereint zu Eurer Größe; das übrige müßt Ihr selbst  tun. Gott  tut nicht alles, um uns nicht die Freiheit des Willens zu nehmen, noch den Teil des Ruhmes, der uns gebührt. Auch ist es nicht zu verwundern, daß keiner der

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genannten Italiener das hat  vollbringen  können,  was  man von Eurem erlauchten Hause erhoffen kann, und daß trotz so vieler Umwälzungen Italiens und trotz so vieler Kriegsläufte die kriegerische Tugend erloschen scheint. Denn dies kommt daher, daß die alten militärischen Einrichtungen nichts taugten und daß keiner aufgetreten ist, der neue zu erfinden gewußt hätte. Nichts bringt einem zur Macht Aufstrebenden mehr Ehre als neue Gesetze und neue Einrichtungen, die er erfindet. Sind diese gut begründet und besitzen sie Größe, so tragen sie ihm Verehrung und Bewunderung ein, und es fehlt in Italien nicht an Stoff zu jeder Art von Neugestaltung. Groß ist die Kraft in den Gliedern, wenn sie nur nicht in den Köpfen gefehlt hätte. Man sehe nur, wie die Italiener in Zweikämpfen und Einzclgefechten durch  Kraft,  Geschicklichkeit  und Verstand sich hervortun. In den Heeren aber ist davon nichts zu merken; und das kommt alles von der Schwäche der Führer; denn die, welche ihr Handwerk verstehen, wollen nicht gehorchen, und einer wähnt es so gut zu verstehen wie der andere, weil bisher noch keiner durch Tüchtigkeit oder Glück so hervorragte, daß die ändern sich gefügt hätten. So kommt  es, daß  seit langer Zeit und in den vielen Kriegen der letzten zwanzig Jahre kein Heer, das nur aus Italienern bestand, etwas geleistet hat. Das beweisen die Schlachten am Taro, bei Alessandria, Capua, Genua, Vailà, Bologna und Mestre.

Will also Euer erlauchtes Haus das Beispiel jener Trefflichen nachahmen, die ihr Vaterland  befreit haben, so kommt es vor allen Dingen darauf an, eine eigne Kriegsmacht zu schaffen, welche die Grundlage jeder Unternehmung bildet; denn es gibt keine treueren,

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echteren und besseren Soldaten. Wenn schon jeder einzelne gut ist, so werden sie alle miteinander noch besser, sobald sie von ihrem eigenen Fürsten geführt werden und sich von ihm geehrt und gut behandelt sehen. Es ist also nötig, eine solche Streitmacht zu schaffen, um sich mit italienischer Tapferkeit  gegen die Fremden zu wehren. Und obgleich  das schweizerische und das spanische Fußvolk für furchtbar gelten, so haben doch beide ihre Fehler, die einer dritten Streitmacht nicht nur die Möglichkeit zum Widerstand geben, sondern auch  die  Hoffnung  auf Sieg. Denn die Spanier halten der Reiterei nicht stand, und die Schweizer fürchten das Fußvolk, wenn sie auf solches stoßen, das ebenso hartnäckig ficht wie sie. So hat man es erlebt und wird es noch weiter erleben, daß die Spanier den Angriff der französischen Reiterei nicht aushaken und daß die Schweizer dem spanischen Fußvolk unterliegen. Vom letzeren haben wir zwar noch keine vollständige  Erfahrung;  jedoch  hat man eine Probe  davon  in  der  Schlacht von Ravenna gesehen, wo das spanische Fußvolk mit deutschen Heerhaufcn zusammentraf, welche dieselbe Schlachtordnung haben wie die Schweizer. Die Spanier in ihrer Körpergewandtheit und mit ihren kleinen Schilden drangen unter ihren Spießen durch in sie ein und waren dabei im Angriff gedeckt, ohne daß die Deutschen sich gegen sie hätten wehren können; und wäre die Reiterei nicht über sie hergefallen, hätten sie sie alle überwältigt. Man kann also, da die Mängel jener beider Fußvölker erkannt sind, ein drittes schaffen, das der Reiterei widersteht und anderes Fußvolk nicht zu fürchten braucht. Dieses wird nicht durch die Art der Waffen, sondern durch die  veränderte Schlachtordnung erreicht. Das sind die neuen Einrichtungen,

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die einem neuen Fürsten Ruhm und Größe verleihen.

Man lasse also diese Gelegenheit nicht vorübergehen, auf daß Italien nach so langer Zeit seinen Retter erscheinen sehe. Ich finde keine Worte dafür, mit welcher Liebe er in all den Ländern aufgenommen würde, die unter fremder Bedrückung gelitten haben, mit welchem Rachedurst, welcher  unwandelbaren Treue, welcher Ehrfurcht, welchen Tränen! Welche Tore würden sich ihm verschließen? Welches Volk würde ihm den Gehorsam versagen? Welcher Neid könnte sich gegen ihn regen? Welcher Italiener würde ihm die Ehrerbietung verweigern? Jeden ekelt die Herrschaft der Barbaren. So ergreife denn Euer erlauchtes Haus diese Aufgabe mit dem Mut und der Hoffnung, womit gerechte Unternehmungen begonnen werden, damit das Vaterland unter seinen Fahnen geadelt werde und unter seiner Führung das Wort des Petrarca in Erfüllung gehe:

Wenn Tapferkeit den Rasenden Entgegentritt, so wird der Kampf nicht lang: Noch  ist  die  Kraft  des  Altertums In italienischen Herzen nicht erstorben.

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Anhang

Kommentar

 

17 Zueignung: Das 1513 verfaßte >Buch vom Fürsten< wurde in der Handschrift 1516 dem jüngeren Lorenzo de‘ Medici (1492-1519) gewidmet, der die Florentiner und die päpstlichen Truppen befeh- ligte und mit letzteren gerade Urbino erobert hatte und dort Herzog geworden war. Sohn des 1494 aus Florenz vertriebenen Piero (lo sfortunato), Enkel von Lorenzo il Magnifico, Neffe des 1513 Papst Leo X. gewordenen Giovanni und des päpstlichen Feldmarschalls (Gonfaloniere) Giuliano, sämtlich de‘ Medici, zeugte er mit einer französischen Prinzessin die für Frankreichs Geschichte so verhängnisvolle Caterina (1519-1589), Gattin eines (Henri II 1547- 1559) und Mutter dreier Könige (Francois II 1559-1560; Charles IX 1560-1574; Henri III 1574-1589). Gedruckt wurden Machiavellis Schriften erst 1532. I.

19 Über die Arten der Herrschaft: Der geläufige Titel >Il Principe<, der Fürst, stammt nicht von Machiavelli, der seinen »kleinen Band« in Briefen >De Principatibus< nennt und das heißt »über Fürstenherrschaft«. Die erste der stets lateinischen Kapitelüberschriften über einem italienischen Text lautet: Quot sint genera principatuum et quibus modis acquirantur. Das ist sehr methodisch nach Art (genus) und Mittel (modus) unterschieden, und es folgen defi -nitorische Bestimmungen, meist zweigliedrig. Alle Staaten: »Tutti li stati, tutti e‘ dominii che hanno avuto et hanno imperio sopra li uomini, sono stati e sono o republiche o principati.« (Alle Staaten, alle Gewalten, welche Macht (oder: Herrschaft) über die Menschen gehabt haben oder noch haben, sind (Staatswescn und als solche) Republiken oder Fürstentümer.) Dieser erste Satz enthält vier staatsrechtliche Begriffe, die alle in verschiedener Bedeutung mit >Herrschaft< übersetzt werden können, hier aber unterschieden werden müssen: stato, dominio, imperio, principato (vgl. Horst Günther, Freiheit, Herrschaft und Geschichte, Frankfurt 1979, S. 123 ff. und passim).

Francesco Sforza: (1401-1466), der während der kurzen »Ambrosianischen Republik« 1447-50 Mailand erobert, war jedoch der Schwiegersohn des Herzogs Filippo Maria Visconti, der Mailand teilweise seit 1402, gänzlich seit 1412 bis zu seinem Tode 1447 regierte.

19 König von Spanien: Ferdinand der Katholische (1474-1516) gliederte das erst mit und dann gegen Frankreich eroberte Neapel 1504 seinem Reiche ein. Neapel blieb bis 1714 spanisch.

II.

 

19 Über die Republiken: Darüber hat Machiavelli in den >Discorsi< gesprochen, von denen 1513 das erste Buch wohl schon weitgehend ausgeführt war; das ganze Werk wurde aber erst 1519 beendet. Die >Discorsi< sind als allgemeinere und vor allem auf Republiken bezogene Staatslehre die notwendige Ergänzung zum Buch vom Fürsten.

20 Herzog von Ferrara: h. das herzogliche Haus, denn das erste Ereignis betrifft Ercole I. (1471-1505), das zweite Alfonso I. (1505-1534), beide aus dem Hause Este, dessen systematische Tyrannis die Ferraresen mit einer »Mischung aus einem stillen Grauen (…) und aus völlig moderner Untertanenloyalität« betrachteten (vgl. Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien, komm. Ausgabe, Frankfurt 1989, S. 57).

III.

21 Ludwig XII,: (1498-1515) erhob als Enkel einer Tochter des ersten Herzogs von Mailand, Giangaleazzo Visconti (1385-1402), Ansprüche auf Mailand, eroberte es im Herbst 1499 und wurde schon Anfang Februar 1500 wieder Ludovico il Moro wurde aber noch im selben Jahr bei Novara von den Franzosen besiegt und gefangengenommen; er starb 1508 im Turm von Lo ches.

22 die ganze Welt: Venedig und der Papst Julius hatten sich mit den Königen von Spanien und England in der sog. Heiligen Liga 1511 verbündet und besiegten Frankreich 1512.

Bretagne: diese Provinz war erst 1491 durch die Heirat Karls VIII. mit Anne de Bretagne zu Frankreich gekommen, Burgund 1477, die Gascogne 1453; nur die Normandie gehörte damals »schon lange«, seit 1204, zu Frankreich.

23 die Türken mit Griechenland: gemeint ist die Balkanhalbinsel und die Reste des byzantinischen Reiches, die die Türken (»el Turco«, der Türke, bei Machiavelli) im Laufe des 15. Jahrhunderts erobert hatte n, 1453 die Hauptstadt

 

24 die Ätolier: als die schwächeren hatten sie im 2. Jh. v. Chr. die Römer ins Land gerufen, die erst Philipp V. von Mazedonien be siegten, dann mit ihm Antiochus von Syrien und die Ätolier. (So hatten die italienischen Republiken und Fürsten Frankreich seit 1494 bei gegenseitigen Kämpfen ins Land ) Die Quelle für den Vergleich aus der Antike ist Livius XVI24.

25 Den Achäern…: Die Römer benutzten ihre Verbündeten, verweigerten ihnen aber jede Gebietsvergrößerung.

26 »Kommt Zeit, kommt Rat«: das ital. Sprichwort lautet: godere el benefizio del tempo, den Vorteil der Zeit genießen. Ludwig : Er hielt seine italienischen Besitzungen bis 1512, als Papst Julius II. sie ihm wieder abnahm.

  • Benehmen Karls : Die raschen Erfolge beim Italienfeldzug 1494/95 und die Gewalttätigkeiten seiner Soldaten provozierten ein Gegenbündnis der Venezianer mit Mailand, Florenz, Neapel, Mantua, Spanien und dem Römischen König Maximilian.

die Lombardei erobert: Die Truppen Ludwigs XII. waren im Sommer 1499 über die Alpen gezogen, die Lombardei hatte sich fast kampflos ergeben, es kam aber bald zu dem zu Beginn des Kapitels erwähnten Aufstand, der rasch niedergeschlagen wurde.

 

  • Besitz der Romagna: Cesare Borgia wollte sich aus einigen päpstlichen Lehensstaaten eine Herrschaft errichten, und Ludwig duldete die Vernichtung gerade derer, die ihm gehuldigt hatten: der Herrin von Forli und Imola, Caterina Sforza, der Machthaber von Faenza, Astorre Manfredi, Pesaro, Giovanni Sforza, der auch noch der Schwager Cesare Borgias war, Rimini, Pandolfo Mala-testa, und Camerino, Giulio Cesare da Varano.

Königreich Neapel: die Teilung fand im Vertrag von Granada

 

 

 

  • Macht eines Mächtigen: des Papstes Alexander und Cesare Borgias.

mächtigen Fremden: den spanischen König Ferdinand.

die Venezianer zu demütigen: Machiavelli führt zwei einander ausschließende Handlungsmöglichkeiten durch, in denen er die Lehre aus der Kolonialpolitik der alten römischen Republik und aus der neueren italienischen Politik der Balance zieht.

Ehescheidung: Um das Herzogtum Bretagne an Frankreich zu binden, mußte Ludwig XII. Anne de Bretagne, die Witwe seines Schwagers Karl VIII, heiraten.

Erzbischof von Rouen: Georg von Amboise (1510 gestorben) war Staatsminister Ludwigs XII. und weitgehend für die für beide Länder unglückliche Italienpolitik Frankreichs verantwortlich. Burckhardt verurteilt sie (1. c. 75) als »bösartigen Blödsinn«.

Versprechungen der Fürsten: im Kapitel XVIII.

 

  • In Nantes: während Machiavellis erster Gesandtschaft an den französischen Hof, der sich im Herbst 1500 in Nantes Staatskunst: »ch’e‘ Franzesi non si intendevano dello stato«, Io stato heißt, wie im I. Kapitel, der Herrscher und sein Gefolge, das Staatswesen, u nd schließlich die Staatskunst, die Politik. IV.

 

  • Alexander der Große: (356-323) eroberte Asien in den Jahren 334 bis 327 Chr.

Nachfolger: »Diadochen« sind die sieben Feldherren seines Ge – neralstabs gewesen, die sich bekriegten. Das Reich zerfiel in elf Staaten, von denen neben dem verbliebenen Makedonien das Ägypten der Ptolemäer, das Syrien der Seleukiden und Kleinasien mit der Hauptstadt Pergamon der Attaliden die mächtigsten waren.

 

  • das Reich des Darius: (III., 337-330), der von Alexander besiegt

Spanien, Frankreich…: Machiavelli spricht von den antiken

Provinzen Roms mit modernen Namen (Frankreich statt Gallien) und modernen Vorstellungen, die Stammeshäuptlinge bildeten kein Herrscherhaus.

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v.

 

  • Die Spartaner: Sie setzten 404 Chr. nach dem Peloponnesi- schen Krieg in Athen die Herrschaft der sog. Dreißig Tyrannen ein, die schon ein Jahr später gestürzt wurde. In Theben setzten sie 382
  1. ebenfalls eine Oligarchie ein, die Epaminondas 379 stürzte. Capua…: Capua wurde 211 v.Chr. politisch zunichte ge macht, Karthago 146 und Numantia 133 v. Chr. geschleift. Griechenland: 197 v. Chr. besiegt, sollte frei bleiben, rebellierte aber ständig, so daß Theben 167, Korinth 146 v. Chr. zerstört wurden.

 

  • in Pisa: Von 1406 bis 1494 war es florentinisch, empörte sich aber bei Karls Feldzug dagegen und wurde erst 1509 mit Hilfe der von Machiavelli eingerichteten Miliz wiedererobert.

VI.

 

  • große Beispiele: »grandissimi esempli«, denn Staatengründer und Gesetzgeber zugleich sind außerordentliche Menschen: Mo ses, Cyrus, Romulus und

 

  • Über Moses: Die Einschränkung mit dem Blick auf die Inquisitoren ist ironisch, steigert aber noch die Leistung der Cyrus
  1. a. Cyrus der Ältere (559-529 v. Chr.) schafft durch die Eroberung von Medien, Lydien, Kleinasien und Babylon das Großperserreich.

 

  • alle bewaffneten Propheten: die Gesetzgeber staatlicher

 

  • Girolamo Savonarola: (1452-1498) der eifernde Mönch, der nach der Vertreibung der Medici 1494 in Florenz mächtig war und seine Macht nicht zu sichern wußte, ist das Gegenbeispiel des unbe – waffnetcn

Hieron: (II., seit 269 v. Chr. König von Syrakus); die Charakte – risierung, daß ihm (wie Cyrus, Romulus) das Glück nur die Gele- genheit bot, nach Polybius VII 8.

»es habe ihm…«: Justinus XXIII 4, ein vielgebrauchter Auszug der antiken Geschichte.

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VII.

 

  • von Darius zu Fürsten: die Satrapen, die Darius (521-486v. ) als Provinzstatthalter einsetzte.

manche römisch e Kaiser: von Commodus bis Maximinus (180-238 n. Chr.) vgl. Kapitel XIX.

 

  • aus unserer Zeit: Francesco Sforza (1401-1466) und Cesare Bor-gia (1475-1507) sind keine Zeitgenossen, charakterisieren aber die Tyrannis des Jahrhunderts. Machiavelli hatte als Gesandter bei Cesare Borgia in der Romagna vom 5. Oktober 1502 bis zum 31. Januar 1503 Gelegenheit, den 27jährigen Staatsmann auf dem Höhepunkt seiner kurzen Laufbahn zu beobachten. Mißgeschick: Cesare war beim Tode seines Vaters Papst Alexander
  1. und dem anstehenden Konklave selber sterbenskrank.

 

  • Orsini und Colonna: die beiden Adelsfamilien Roms, welche die sich befehdenden Parteien führten, mit denen sie auf die weltliche Macht des Papstes Einfluß nahmen. Sie stellten immer wieder mächtige Heerführer und Kardinäle.

 

44 die Romagna unterworfen: Zwischen November 1499 und April 1501. 1502 im Juni wird Urbino erobert, im Oktober folgen Rückschläge, am Jahresende nimmt er Senigallia ein und übt Rache an den untreuen Condottieri.

 

46 fünf Jahre: Alexander VI. starb 1503, 1498 war Cesare Borgia unter Verzicht auf seinen Kardinalshut von Ludwig XII. zum Herzog von Valence erhoben worden, 1499 wurde er päpstlicher Feldmarschall (Gonfaloniere) und begann, die Romagna zu erobern. feindlich en Heeren: Spanier und Franzosen, die noch um Neapel kämpften.

als Julius H. gewählt wurde: Alexander VI. starb am 18. August 1503, Machiavelli reist als Beobachter der Republik Florenz zum Konklave, das zunächst Pius III. Piccolomini wählt, der nach zwei Monaten stirbt, worauf Giuliano della Rovere, ein Gegner Cesa-res, als Julius II. zum Papst gewählt wird.

Am selben Tage: Am 27. Oktober 1503 besucht Machiavelli den Cesare Borgia im Gefängnis, der nur noch ein Schatten seiner selbst ist.

 

48 S. Pietro ad Vincula: Dieser Kardinal war Giuliano della Rovere,

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als Papst der kriegerische Julius II., die anderen sind Giovanni Colonna, Raffaello Riario und Ascanio Sforza, sämtlich aus mächtigen Familien. Es gab elf spanische Kardinale zur Zeit des Konklaves.

VIII.

 

  • Agathokles: Er wurde 317 v. Chr. König von Syrakus und starb

 

  • Hamilkar: ein Vorfahre des Barkas, der Hannibals Vater war.

seine Handlungen: nach Justinus XXII; er beherrschte nur den griechischen Teil Siziliens.

Man kann es nicht Tugend nennen: >virtù<, der Schlüsselbegriff Machiavellis und der Renaissance, heißt Fähigkeit, Energie des Handelns und Kraft des Geistes. So wird dem Agathokles im selben Kapitel zugestanden, seine Verbrechen seien von Vorzügen des Geistes und des Körpers begleitet gewesen: con tanta virtù d’animo e di corpo. Und auch hier wird ihm bei Gefahren Tapferkeit, virtù, und im Mißgeschick Größe, grandezza d’animo, zuge sprochen.

 

  • Oliverotto: Euffreducci (1475-1502) wurde mit Vitello Vitel-lozzo am Jahresende l502 von Cesare Borgia ermordet; Paolo Vi -telli war als Florentiner Feldherr des Verrats verdächtigt und 1499 hingerichtet worden.

IX.

 

54 Der Volksfürst: >De principatu civili<, durch die Gunst der Mitbürger erlangte Herrschaft.

 

57      Nabis: (206-192 v. Chr.) König von Sparta, Gegner der Achäi- schen Liga, mit Philipp V. von Mazedonien und den Römern, dann mit Antiochus III. von Syrien verbündet, vgl. Livius XXIV22-40. Gracchen: Tiberius und Gajus Gracchus, die Volkstribunen, kamen im römischen Bürgerkrieg 133 bzw. 121 v. Chr. ums Le ben. Giorgio Scali: reicher Florentiner, der nach dem Aufstand der Ciompi 1378 eine fürstenähnliche Stellung einnahm und wegen

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tyrannischer Bestrebungen 1392 hingerichtet wurde; vgl. Ma – chiavelli, Geschichte von Florenz, III 18 und 20.

X.

 

59 Vom ersten Falle: Kap. VI und in der Folge Kap. XII und XIII.

Die deutschen Städte: aus eigener Anschauung kannte Machiavelli einen Teil der Schweiz und Tirols (1507/08). Was er von freien Reichsstädte n hörte, entsprach seinem Ideal kleiner Republiken. XI.

 

61 allein sicher und glücklich: Geistliche Herrschaften sind der Sonderfall, der aller Vernunft widerstreitet; eine beträchtliche weltliche Macht der Kirche aber ist ein geschichtlich neues Ph änomen, das Machiavelli erst zu seiner Zeit auftreten sieht.

 

  • der König von Frankreich: Ludwig (1498-1515), bei dem Machiavelli 1510 und 1511 als Gesandter war, wußte, daß man alle Welt zu Feinden hätte, wenn man mit dem Papst Krieg fuhrt, während er als Bundesgenosse kaum zählt. Mit der Liga von Cambrai (1508) wurden mit Frankreichs Hilfe die Venezianer be – siegt, danach schloß derselbe Papst Julius II. mit Venedig, Spanien und England die Heilige Liga 1511, um Frankreich aus Italien zu vertre iben.

 

  • dieses Land: Italien stand von der Mitte des Jahrhunderts an in einem politischen Gleichgewicht der genannten fünf Mächte. Verteidigung von Ferrara: 1482 trat der klassische Fall der Balan- cepolitik ein, daß sich die vier Mächte, Papst S ixtus IV., König Alfons von Neapel, Lorenzo il Magnifico für Florenz und Ludo -vico (il Moro) Sforza, verbündeten, um die Unabhängigkeit eines kleinen Fürstentums wie Ferrara gegen Venedig zu sichern.

 

  • Einfall der Franzosen: 1494 brach Karl mit seinen Truppen in Italien ein, für das eine Epoche der Verwüstungen begann. Als kultiviertestes und reichstes Land wurde es zur Beute der Machtkämpfe zwischen den Habsburgern im Reich sowie in Spanien und der französischen Krone. Während dieser Zeit begann sich zudem der Seehandel an den Atlantik zu verlagern (Lissabon, Sevilla) und die Banken von Genua und Venedig nach

136

 

 

 

Antwerpen; das Gold wurde durch amerikanische Einfuhr ent- wertet. 63  neue Geldquellen: der Verkauf geistlicher Ämter. XII.

 

  • Wir haben bereits…: Kap. VIII.

 

  • so mühelos: »col gesso«, mit der Kreide (in der Hand, womit man die zum Quartier bestimmten Häuser bezeichnete, ohne zu kämpfen).

Strafe für unsere Sünden: Savonarola in seiner Predigt vom 1. November 1494.

 

  • Karthago: wurde 241-237 Chr. durch Aufstände der eigenen Söldner bedroht; vgl. in den >Discorsi< III32, nach Polybios I65 bis 88.

Philipp von Mazedonien: im Jahre 346 v. Chr.

Filippo Visconti: 1447 gestorben; Francesco Sforza eroberte während der kurzen Ambrosianischen Republik bis 1450 das Her- zogtum Mailand; vgl. Anm. zu Kap. I.

Sein Vater Sforza: Muzio Attendolo Sforza (1369-1424) im Solde von Königin Johanna (Giovanna II., 1414-1435), die 1421 Alfonso von Aragonien als Nachfolger bestimmte, es aber bald widerrief.

 

  • Giovanni Acuto: Machiavelli schreibt, halb anglisierend, Aucut, für den Condottiere englischer Herkunft Sir John Hawk – wood, der von 1377 bis zu seinem Tode 1393 im Sold von Florenz

den Braccio: B. da Montone wurde Andrea Fortebracci (1368 bis 1424) genannt, der ab 1416 Perugia beherrschte. Paolo Vitelli: vgl. Anm. zu Kap. VIII.

 

  • Carmagnola: Francesco Bussone, Graf Carmagnola (1380 bis 1432), durch eine Tragödie Manzonis (1820) literarisch geworden, im Dienste e rst Mailands und dann

Bartolomeo von Bergamo: Bartolomeo Colleoni (1400-1475) wurde 1448 bei Caravaggio von Francesco Sforza geschlagen.

Roberto da Sanseverino: (1418-1487) unterlag im Kampf von Fer- rara den vereinigten Truppen der übrigen italienischen Mächte 1484.

137

 

 

 

  • Grafen von Pitigliano: Niccolò Orsini verlor die für Venedig schwerwiegende Schlacht bei Vailà oder Agnadello 1509 gegen die Liga vom

 

  • Alberigo da Cunio: A. da Barbiano, Graf von Cunio (starb 1409), im Dienste Papst Urbans (1378-1389).

das Ende ihrer Heldentaten: das italienische Condottiere -System unterlag ab 1494 französischen, spanischen und schweizerischen Truppen, letzteren in den Schlachten von Novara (1500) und Ravenna (1512).

XIII.

 

  • in jüngster Zeit: 1510 wehrte sich Alfonso d’Este von Ferrara, und Papst Julius verlor auch das gerade eroberte Bologna wieder.

 

  • Der Kaiser von Konstantinopel: 1353 kamen auf Anforderung des Johannes Kantakuzenos 10000 Türken zur vermeintlichen Siche rung seines Thrones gegen die Paläologen und begannen die Eroberung des

 

  • Hieron von Syrakus: Anm. zu Kap. VI., hier nach Poly- bios 19. Als David: Im Alten Testament Buch Samuel XVII38-40.

 

  • Karl : König von Frankreich (1422-1461), beendete den Hundertjährigen Krieg gegen England (1337-1451). Seine »Gens d’armes« waren eine Truppe adliger Reiter, seine Infanterie be stand aus Bogenschützen.

wie heute… zu erkennen ist: nach der Schlacht von Novara im Juni 1513, und aus den Folgen der Schlacht von Ravenna 1512.

 

  • Solddienste der Goten: am Ende des 4. Jahrhunderts unter den Kaisern Valens (364-378) und Theodosius (379-395).

»daß nichts so schwach… steht«: in Machiavellis Text lateinisch: quod nihil sit tam infirmum aut instabile quam fama potentiae non sua vi nixa, ungenau zitiert nach Tacitus XIII 19: Nihil rerum mortalium tam instabile ac fluxum est, quam fama potentiae non sua vi nixae.

vier von mir Genannte: Cesare Borgia, Hieron von Syrakus, David und Karl VII.

138

 

 

XIV.

 

  • seine Söhne: Galeazzo Maria Sforza (reg. 1466-1476) wurde er- mordet, dessen Sohn Giangaleazzo (1476-1494) vor der Volljäh- rigkeit noch von dem regierenden Onkel Ludovico il Moro vergiftet, der selbst nach acht Jahren französischer Gefangenschaft im Kerker starb,

weiterhin: im Kap. XV und XIX.

 

  • Philopömen: (253-183) Feldherr des Achäischen Schriftsteller: Livius XXXV 28; Plutarch, Vita Philopomenis IV.

 

  • daß ..den Achill: Plutarch, Vita Alexandri VIII; Cur-tius Rufus, Historiarum Alexandri libri, IV 6.

Cäsar den Alexander: Sueton, Divus lulius, 7; Scipio den Cyrus: Cicero, Ad Quintum fratrem I 8-23.

Xenophons Leben des Cyrus: Kyropädie; Machiavelli las sie wie alle griechische Literatur in lateinischer Übersetzung.

XVI.

 

81 Papst Julius II.: Es war durchaus üblich, innerhalb des Konklaves durch hohe Summen und Versprechungen Stimmen zu gewinnen. Als Kardinal hat Giuliano della Rovere dadurch seine Wahl be wirkt, als Papst war er so sparsam wie die genannten Könige.

XVII.

 

  • bieten dir, wie oben gesagt: im IX.
  • Taten des Hannibal: nach Polybios XI

erbarmungslose Härte: »sua inumana crudeltà« ist ein Ausdruck nach Livius »inhumana crudelitas«, den Machiavelli sonst nicht unter die »unbesonnenen Schriftsteller« zählt.

Scipio… dessen Heer: Die Rebellion in Spanien war 206 v. Chr.; vgl. Livius XXVIII 24. Dennoch besiegte der ältere Scipio 202 Hannibal bei Zama.

Fabius Maximus: Quintus Fabius Maximus Cunctator (starb 203 v. Chr.), der selber nach den römischen Niederlagen die Schlacht vermied und Hannibals Heer aufrieb.

ein Legat Scipios: Quintus Pleminius.

 

  • jemand im Senate: es ist Livius selbst, der Scipio

139

 

 

 

XVIII.

 

87 von dem Zentauren Chiron: wurden außer Achill auch Herakles, Jason und Theseus erzogen.

 

89 ein Fürst unserer Zeit: Ferdinand der Katholische, König von Spanien, lebte noch (bis 1516).

XIX.

 

90 Verhaßt macht er sich: vgl. Kap. XVII.

den Ehrgeiz einiger weniger: vgl. Kap. IX; dort auch das Beispiel des Nabis.

Verschwörung: ein Thema, das Machiavelli auch im umfang- reichsten Kapitel der >Discorsi< III 6 Delle congiure und in der Geschichte von Florenz behandelt.

 

  • Partei der Canni: 1445 tötet Battista Canneschi den mit ihm verschwägerten Annibale Bentivoglio, im Einvernehmen mit Fi lippo Maria Visconti, dem Herzog von

Sproß der Bentivoglio: Santi B., der natürliche Sohn eines Vetters des Annibale, Ercole, regierte Bologna 1445-1462.

Messer Giovanni: der zur Zeit des Mordes an Annibale erst zweijährige Erbe (1443-1508).

 

  • das Parlament: frz. >parlement< ist eine Gerichtsbehörde zur Re gistrierung der Gesetze, in Paris und den Provinzhauptstädten des Ancien régime.

einen dritten Richter: eine dritte Gewalt zwischen  den  Privi legierten und dem Volk.

 

  • Kaisergeschichte: die Quelle ist Herodian, Ab excessu divi Mar-ci libri VIII, in der lat. Übersetzung des Angelo Poliziano, Mark Aurel bis zu Maximinus: es ist die Zeit von 161 bis 238.

 

  • Pertinax: regierte n ur ein Jahr,

 

  • Alexander: Severus, 222-235. Severus: L. Septimius Severus, 193-211.

 

  • Julianus: Didius Julianus, regierte nur zwei Monate, Niger: Caius Pescennius Niger stand mit einem Heer in Syrien. Albinus: Decius Clodius Septimius Albinus hatte sich als Feld-

 

 

 

  • Antoninus: Caracalla, 211-217.

 

98      ein Centurio: Certus Julius Marcialis; vgl. Discorsi III6. Hierbei ist zu bemerken: nach Aristoteles, Politik, 1312 a. XX.

 

  • weiter oben: XIII.

Gleichgewicht: in Italien vom Frieden von Lodi 1454 bis zum Tode des Lorenzo il Magnifico 1492 und dem Einmarsch der Truppen Karls VIII. 1494; vgl. die Anm. zu Kap. XI.

 

  • Guelfen und Ghibellinen: Namen der beiden Parteien, die Italien allerorts spalteten und mit dem ursprünglichen Sinn (Welfen und Waiblinger/Hohenstaufen) nichts mehr zu tun Die Guel- fen waren die päpstliche, die Ghibellinen die kaiserliche Partei. Schlacht von Vailà: 1509; Brescia, Verona und später Vicenza und Padua lösten sich von Venedig.

Pandolfo Petrucci: geb. um 1450, beherrschte Siena von 1500 bis 1512.

 

  • Da der Gegenstand es verlangt: Machiavelli erörtert seine eigene Situation gegenüber den Medici, unter deren Herrschaft er Verantwortung tragen möchte.

 

  • von alters her: vgl. Discorsi II 24 über Guidobaldo: da Montefeltro, 1482-1508 Herzog von Urbino und Mittelpunkt der gebildeten höfischen Geselligkeit, die Casti -glione im Buch vom Hofmann (Il Cortegiano) geschildert hat, war trotz einer Krankheit, die ihn meist ans Lager fesselte, ein geschätzter Feldherr wie sein Vater Federigo.

Das Kastell von Mailand: es diente den Tyrannen zum Schutz mehr gegen das eigene Volk als gegen äußere Feinde.

Gräfin von Forli: Catarina Sforza, deren Gatte Girolamo Riario 1488 ermordet wurde, rettete sich in die Festung, bis ihr Onkel Ludovico il Moro ihre Herrschaft festigte. Im Jahre 1500 nützte ihr das gegen Cesare Borgia aber nichts.

141

 

 

 

XXI.

 

  • griff er Granada an: 1480, er eroberte es

 

  • fiel er in Afrika ein: besetzte 1509 einige Punkte an der libysch tunesischen Küste.

Marranen: span. »marranos«, Schweine, nannten die Spanier die

das Schweinefleisch verabscheuenden Mohammedaner und Juden, die verfolgt, mit Gewalt bekehrt oder vertrieben wurden.

Feldzug in Italien: die Eroberung des Königreichs Neapel 1504. Frankreich: das mit Prankreich verbündete Königreich Navarra in den Pyrenäen, 1512.

Bernabo von Mailand: B. Visconti, 1354-1385 Herzog von Mailand.

 

  • Antiochus: König von Syrien, 223-187 Chr.; vgl. Kap. III.

» Was Euch da… werden«: lat. in Machiavellis Text: Quod autem isti dicunt non interponendi vos bello, nihil magis alienum rebus vestris est; sine gratia, sine dignitate, praemium victoris eritis. Livius XXXV 49 (wie meist nicht ganz wörtlich zitiert, sondern aus dem Gedächtnis).

 

  • wie oben gesagt: III; Venedig hat sich selbst und Italien ge- schadet durch das Bündnis mit Frankreich.

wie es den Florentinern geschah: nach dem Sieg der Heiligen Liga 1512 wurde die Republik gestürzt und mit ihr Machiavelli. XXII.

 

112 Antonio von Venafro: A. Giordani da Venafro, 1459-1530, Jurist in Siena, wurde Petruccis Minister. drei Arten von Köpfen: Livius XXII 29.

XXIII.

 

114             Pater Lukas: Luca Rinaldi, Bischof von Triest, Vertrauensperson des Kaisers Maximilian und dessen Botschafter. Machiavelli lernte ihn bei seinen Gesandtschaften 1502 und 1503 kennen.

142

 

 

 

XXIV.

 

116 König von Neapel: Friedrich von Aragon wird von dem franzö- sischen König und seinem Verwandten, dem spanischen König Ferdinand, angegriffen, der die Herrschaft übernimmt, 1504. Herzog von Mailand: Ludovico il Moro verlor seine Herrschaft an Ludwig XII. von Frankreich.

gemeinsamen Fehler: vgl. Kap. XIII und XIV.

Philipp: Philipp V., König von Mazedonien, 197 v. Chr. in der Schlacht bei Kynoskephalä besiegt, behielt sein Reich; vgl. Dis- corsill I; III 10.

XXV.

 

117 Glück: >Fortuna< ist das wechselhafte Glück, das günstige und

das widrige; bei der Schiffahrt der Seestu rm. 120 Papst Julius II.: (1503-1513) einigte militärisch den Kirchenstaat

und vertrieb die französischen Truppen aus Italien; vgl. Discorsi

XXVI.

 

  • in Eurem erlauchten Hause: 1513 war ein Medici Papst geworden, Leo , der die Herrschaft der Medici in Florenz wiederhergestellt hat.

 

  • oben dargestellte Personen: Moses, Cyrus, Theseus und

»denn dieser Krieg… ist«: Lat. Zitat im Text: iustum enim est bellum quibus necessarium, et pia arma ubi nulla nisi in armis spes est. Livius IX I.

keiner der genannten Italiener: Francesco Sforza, Cesare Borgia.

 

  • die Schlachten: am Taro 1495 besiegt Karl die Liga von Ve nedig; bei Alessandria 1499 wird die Stadt Ludwig XII.ausgelie- fert, der sie plündern läßt; Capua wird 1501 vo n den Franzosen eingenommen; Genua 1507; Schlacht bei Vailà 1509; Bologna 1511, und Mestre 1513 zerstört.

 

  • Schlacht von Ravenna: am April 1512, die mit dem Papst verbündeten Spanier hatten Schweizer Söldner, die Franzosen deutsche Landsknechte neben de n eigenen Truppen.

143

 

 

 

  • Wenn ..: Petrarca, Italia mia, Vers 93-96: Virtù contro a furore prenderà l’arme; e fia el combatter corto: ché l’antico valore nelli italici cor non è ancor morto.

144

 

 

 

 

Zur Literatur

 

Einen sorgfältig edierten und kommentierten Text des >Principe< ebenso wie alle übrigen Schriften und die Briefe Machiavellis bieten die »Opere complete<, Mailand 1960-65 in der Taschenbuchreihe des Verlages Feltrinelli.

In deutscher Übersetzung liegen nach der alten und überholte n Aus- gabe von Hans Floerke, München 1923, in 5 Bänden derzeit außer dem >Fürsten< in verschiedenen Ausgaben nur die >Discorsi< und die >Ge -schichte von Florenz< vor.

Zur Biographie ist nach den Arbeiten des 19. Jahrhunderts, von Vil- lari (auch deutsch) und Tommasini inzwischen Roberto Ridolfi, Vita di Niccolò Machiavelli, Rom 1954, das verläßlichste. Für ein Verständnis der italienischen Renaissance ist immer noch Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien (1860), kommentierte Ausgabe Frankfu rt 1989, unerläßlich. Grundlegend für das Machiavelli-Stu dium sind die Arbeiten von: Federico Chabod, Machiavelli and thc Renaissance, London 1958, mit einem vorzüglichen bibliographischen Essay. Gennaro Sasso, Niccolò Machiavelli. Storia del suo pensiero politico, Neapel 1958, und Studi sul Machiavelli, Neapel 1967. Felix Gilbcrt, Machiavelli and Guicciardini, Princeton 1965. Die ideologische Kritik an Machiavelli beschließen: Augustin Renaudet, Machia-vel, Paris 1942, 1956. Leo Strauss, Thoughts on Mach iavelli, Glencoe 1958, London 1969. Eine knappe Einführung in den Stand der Forschung gibt: Quentin Skinner, Machiavelli, London 1988. Machiavelli hat die moderne politische Theorie begründet, und deshalb ist seine Gegenwart in den Werken der politischen Philosophen von höchster Bedeutung, weniger in der Machiavellismusliteratur, die Friedrich Meinecke, Die Idee der Staatsraison, behandelt, als in Jean Bodin, Les six livres de la République, Spinoza, Tractatus politicus, Montesquieu, De l’esprit des lois, bei Fichte und Hegel nicht nur in den kurzen Schrif- ten oder Passagen, die ihm ausdrücklich gewidmet sind, und bei allen neueren Theoretikern der Politik ist er unumgänglich, um nur einen noch zu nennen: Antonio Gramsci, Note sul Machiavelli, Turin 1966.

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Niccolò Machiavelli Lebensdaten

 

1469 am 3. Mai wird Niccolò Machiavelli in Florenz geboren, das zu den fünf größeren Mächten Italiens gehört – mit Mailand, Venedig, dem Kirchenstaat und Neapel – und als Stadt im engeren Sinne 70000 Einwohner hat. Giuliano und Lorenzo (il Magni-fico) de‘ Medici leiten ohne fest umschriebenes Amt die Politik dieser durch Manufakturen, Fernhandel und Banken reich ge wordenen Stadt. 1475 Cesare Borgia und Michelangelo geboren.

1478 Verschwörung der Pazzi, von Papst Sixtus IV. (1471-1484) an- gestiftet: Giuliano wird getötet, Lorenzo de‘ Medici kann sich retten. 1492 Lorenzo il Magnifico stirbt; sein Sohn Piero folgt, bis er 1494 vertrieben wird. Alexander VI. (Borgia) wird Papst. Machiavelli tritt in die Staatskanzlei ein.

1493 Cesare Borgia wird Kardinal. Die deutsche Kaiserkrone kommt an das Haus Habsburg, Maximilian I.

1494 mit dem Italienfeldzug des französischen Königs Karl VIII. be- ginnt die Verwüstung Italiens. Piero de‘ Medici wird aus Florenz vertrieben, man e rrichtet eine Republik; Savonarola gewinnt Einfluß. Die Franzosen erobern Neapel und verbreiten von dort aus beim Rückzug die Syphilis. Zur Rückeroberung Neapels wird eine Heilige Liga vom Papst mit Maximilian, Mailand, Spanien und Venedig geschlossen.

1498 Ludwig XII. wird König von Frankreich und erhebt Ansprüche auf Mailand. Savonarola wird verbrannt. Machiavelli wird Sekretär der Zweiten Staatskanzlei und der >Dieci di pace e di libertà«.

1499 Machiavellis erste Gesandtschaft nach Piombino und Forli, erste Denkschrift über Pisa, dessen Belagerung beginnt (es war 1494 beim Franzosenfeldzug von Florenz abgefallen, dem es seit 1406 unterstand). Frankreich erobert Mailand.

1500 Machiavellis Gesandtschaft an den französischen Hof. 1501 Gesandtschaften nach Pistoia und Siena. Frankreich und Spanien erobern Neapel.

146

 

 

 

1502 Piero Soderini wird >Gonfaloniere di giustizia< auf Lebenszeit. Machiavelli heiratet; Gesandtschaft zu Cesare Borgia nach Ur-bino und Sinigaglia.

1503 Papst Alexander VI. stirbt. Machiavelli ist Beobachter beim Konklave. Cesare Borgia ist todkrank. Nach zwei Monaten (Pius III.) erneutes Konklave. Julius II. wird gewählt, ein Gegner Cesare Borgias, den Machiavelli im Gefängnis besucht.

1504 Machiavelli ist Gesandter in Lyon beim Waffenstillstand, der Neapel spanisch und Mailand französisch werden läßt, und in mehreren italienischen Städten, auch beim Papst in Rom. 1506 Machiavelli gründet unter dem Gonfaloniere Soderini die Miliz. Er begleitet Papst Julius 11. auf dessen Feldzug nach Bologna. 1507 Machiavelli wird Kanzler der neuen Militärbehörde; mit Francesco Vettori beim Reichstag in Konstanz und bei Maximilian. 1508 Machiavelli bei Maximilian in Innsbruck. Gegen Venedig schließt Maximilian mit Frankreich, Spanien und dem Papst die Liga von Cambrai.

1509 Machiavelli leitet die Belagerung von Pisa, das sich ergibt. 1510 als Gesandter in Lyon bei Ludwig XII.

1511 erneut in Frankreich. Der Papst verbündet sich in der

»Heiligen Liga« mit Venedig und Spanien gegen Frankreich. 1512 in der Schlacht bei Ravenna(11. April) siegen erst die Franzosen, doch nach dem Tod ihres Feldherrn Gaston de Foix und nach dem Eingreifen von 20 000 Schweizern siegt doch die Liga. Die Medici kehren nach Florenz zurück, bei Soderinis Sturz wird auch Machiavelli entlassen.

1513 Machiavelli wird fälschlich beschuldigt, an einer Verschwörung gegen die Medici beteiligt gewesen zu sein, inhaftiert und gefoltert, auf Veranlassung des Kardinals Giulio de‘ Medici freigelassen. Er zieht sich aufs Land zurück und beginnt die

>Discorsi< und schreibt den >Principe<. Giovanni de ‚Medici wird Papst LeoX. (bis 1521).

1515 Ludwig XII. von Frankreich stirbt, Franz I. beginnt die Rück- eroberung Italiens.

1516 Giuliano de Medici stirbt, der jüngere Lorenzo nimmt seine Stelle ein; ihm widmet Machiavelli das Buch vom Fürsten. 1518 ist er wieder in Florenz, er besucht zu politischen Gesprächen die >Orti Oricellarii<, die Gärten des Cosimo Rucellai, und trägt

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dort seine Werke vor. Er schreibt das Lustspiel >La Mandra- gola<.

1519 stirbt der jüngere Lorenzo, an seine Stelle tritt Giulio; nach Maximilians Tod wird Karl V. deutscher Kaiser.

1520 Machiavelli schreibt das >Leben des Castruccio Castracani< und die >Arte della Guerra< und erhält von Giulio de‘ Medici den Auftrag, die Geschichte von Florenz zu schreiben.

1521 Machiavelli beim Generalkapitel der Franziskaner in Carpi.

1522 Seine Freunde von den >Orti Oriccllarii< machen eine Verschwörung gegen Giulio de‘ Medici, woran er nicht beteiligt ist. Sie mißlang, einer wird hingerichtet, die anderen fliehen. Papst Ha-drianVI. (bis 1523).

1523 Kardinal Giulio de‘ Medici wird Papst Clemens VII. (bis 1534).

1524 Machiavelli schreibt das Lustspiel >Clizia<.

1525 Er überreicht dem Papst in Rom seine >Geschichte vo n Florenz<, er ist für politische Ämter wieder wählbar, verhandelt in Venedig. Karl V. siegt bei Pavia und nimmt Franz I. gefangen.

1526 Kaiserliche Truppen bedrohen Florenz. Machiavelli wird Kanzler der Verteidigungsbehörde und ist als Gesandter beim Heer der Liga, wo Guicciardini die päpstlichen Truppen befehligt.

1527 Kaiserliche Truppen verwüsten Rom (>Sacco di Romai). In Florenz werden die Medici vertrieben, Machiavelli wird als ihr An hänger von allen Ämtern ausgeschlossen. Am 22. Juni stirbt Machiavelli in Florenz.

1529 Franz I. verzichtet auf Italien, Clemens VII. erhält von Karl V. Florenz für seine Familie zugesagt. Kaiserliche Truppen belagern Florenz, dessen Festungen Michelangelo beaufsichtigt. 1530 ergibt sich Florenz nach zehnmonatiger Belagerung. Krönung Karls V. in Bologna.

1531 Päpstliche Druckgenehmigung für Machiavellis Schriften, die in Rom erscheinen, der >Principe< am 4. 1. 1532.

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Nachwort

 

Machiavelli hat sein Buch vom Fürsten im Jahre 1513 geschrieben, um Italien vor der drohenden Zerstörung zu retten. Damals fiel es nicht weiter auf und wurde auch nicht gedruckt. Als es nach der Verwüstung Italiens schließlich seine Leser erreichte, glaubte man, er wollte damit die Welt verderben.

Nicht die Schärfe der Beobachtung  und  di e Klarheit des Gedankens allein haben es zu einem der berühmte- sten Bücher gemacht. Es kam noch ein weiteres Element hinzu: der Reiz des Verbotenen, des Frevelhaften, ja des Dämonischen, das man sonst an skrupellosen, aber erfolgreichen Handlungen und an Menschen der Tat zu bewundern gewohnt war. Wer seither über Politik nachgedacht hat, mag den  Ernst und die Lauterkeit von Machiavellis Denken verteidigt haben, die Zahl der Leser wäre dabei eher gering geblieben.

Die Anziehungskraft des Buches vom Fürsten ist auch nicht durch die perverse Lust der Betrogenen zu erklä- ren, die Regeln, nach welchen sie hintergangen werden, einmal gedruckt zu sehen. Und die Zahl derer, die es anwenden könnten, um Herrschaft zu ergreifen und zu erhalten, ist so klein, daß die handschriftliche Verbreitung ausreichen würde und das Druckverbot eher als herrschaftssichernde Maßnahme ansehen ließe. Das Buch steht in einem Dilemma, das sich nicht leichthin wegerklären läßt. Und das Dilemma selbst ist eine bevorzugte Denkform Machiavellis.

Seinen unmittelbaren Zweck hat das Buch verfehlt.

Aus den jüngstvergangenen Ereignissen seiner Zeit  und

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einigen antiken Beispielen zieht Machiavelli die eine Folgerung, daß Italien geeinigt werden müsse, durch Zwang, da es das nicht freiwillig tut, und daß seine Bürger sich selbst verteidigen müssen. Beides war damals nicht der Fall, und Italiens besondere hochentwickelte Kultur der Renaissance beruhte darauf, daß es nicht so war. Es war eine Kultur selbständiger, stark individualisierter und miteinander konkurrierender Städte. Die mächtigeren unter ihnen unterwarfen wohl ein paar schwächere, aber  sie  bildeten als Stadt mit  ihrem  Umland  Fürstentümer oder Republiken. Die Vielfalt Italiens, die Kultur dieser Städte und ihr Reichtum sind zugleich Grund und Folge davon, daß dieses Volk sich nicht von einem Hof beherrschen und zur Nation formieren ließ.

Hat Machiavelli seine eigene Kultur und die ge- schichtliche Situation falsch eingeschätzt, wenn er das seinen Landsleuten zumuten wollte? Als Historiker sei- ner Stadt Florenz hat er die inneren Konflikte aufge- deckt, von denen die Chronisten lieber schwiegen. Konflikte, an denen andere Staatswesen zugrunde gegangen wären, wie er notiert, bei welchen Florenz aber gedieh. Seit zwei Generationen, seit der Mitte des

  1. Jahrhunderts hatte sich in Italien ein politisches Gleichgewicht zwischen fünf größeren Mächten herausgebildet. Florenz war eine davon, in der Mitte zwischen Mailand und Venedig im Norden und Rom und Neapel im Süden. Bei diesem Gleichgewicht der größeren Staaten konnten die kleineren leben, denn jeder achtete darauf, daß der andere sich nicht ungebührlich vergrößerte, und notfalls sorgten die alliierten Truppen der vier übrigen Mächte dafür. So geschah es 1482, um die Unabhängigkeit des

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Fürstentums Ferrara gegen Okkupationsgelüste Vene- digs zu schützen.

Die politische Lage änderte sich völlig und mit einem Schlage, als der französische König Karl VIII. 1494 seine Truppen nach Italien schickte. Mailand fiel, in Florenz, wo 1492 Lorenzo il Magnifico gestorben war, wurden die Medici vertrieben, in Rom und im Kirchenstaat begann Alexander VI. und bald auch Cesare Borgia eine neuartige Politik, Neapel wurde vorläufig von den Franzosen und bald für zwei Jahrhunderte von den Spaniern unterworfen.

Das kultivierteste und reichste Land Europas war  in den Zielbereich der Eroberungspolitik des französi- schen, des spanischen und des Habsburger Hofes gera- ten. Weniger kultivierte, kriegerische Völker, die sich zu Nationalstaaten bildeten, verwüsteten Italien, nahmen es stückweise in Besitz, vernichteten seine politische Existenz und zerstörten die Kultur der Renaissance, deren Reste sie gierig aufsogen. Und unter dieser Erbmasse, zwischen Kunstwerken und Medici-Prinzessinnen, Jesuitenpolitik und der Syphilis gelangt auch, 1532 mit päpstlicher Genehmigung in Rom gedruckt, Machiavellis Werk über die Alpen.

Zur gleichen Zeit, als die Plünderung Italiens das poli- tische System der europäischen Mächte bestimmte, än- derte sich Italiens weltgeschichtliche Rolle vollständig. Die Verkehrswege, der Handel und die Banken verla- gerten ihr Zentrum aus dem Bereich des Mittelmeers an den Atlantik. Die Ausbreitung des türkischen Reiches blockierte den Orienthandel, der bis dahin von der Leite nach Venedig ging. Man war genötigt, den Seeweg über die Weltmeere zu suchen. Den um Afrika

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herum fand man von  Lissabon  aus.  Und  die  Schiffe, die aus der versehentlich entdeckten Neuen Welt zurückkehrten, ankerten vor Sevilla. Die Banken, die ihren Sitz vor allem in Genua  hatten, findet man später in Antwerpen. Rom ist nach der  Reformation  nur noch für einen Teil der europäischen Christen geistlicher und administrativer Mittelpunkt, und wenn die Kirche sich mit dem Konzil von  Trient  auch  stärker als je organisatorisch festigt, so hat sie doch reiche Provinzen verloren, und andere behaupten eine starke Selbständigkeit.

Auch auf geistigem Gebiet ändert sich die Lage. Die Zerstörung der Kultur bedeutet auch den Sturz der Humanisten, nicht ohne eigenes Verschulden, von ihrer bisherigen öffentlichen Stellung. Nach fünf glänzenden Generationen von Poeten-Philologen seit Petrarca bis zu Poliziano verliert Italien die gewohnte Führung, die nun Frankreich und die Niederlande übernehmen. Zuvor konnte ein einziges Jahr wie 1489 in Florenz das Erscheinen der >De vita triplici< von Marsilio Ficino, des >Mis-cellanorum  opus<  von Angelo Poliziano und des >Hepta-plus< von Giovanni Pico della Mirandola markieren, mit denen der florentinische Humanismus europäische Bedeutung gewi nnt, aber auch seinem Ende entgegengeht. Machiavelli ist gerade zwanzig Jahre alt.

Die Krise des florentinischen Staatswesens, die Ver- treibung der Medici, das Möglichwerden aller Verfas- sungsmodelle in der neuen Republik, das Abenteuer mit Savonarolas geistlicher Herrschaft, die mißglückt, das Ausgeliefertsein an fremde Mächte, all das eröffnet auf den bisherigen Erfahrungen den Raum politischen und historischen Denkens. In ungeahnter Weise wurden bislang nur theoretisch erörterte Staatsformen ausführbar

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und konfliktreiche Wirklichkeit. Die neuere Historio- graphie, die an die Werke der Antike anzuknüpfen vermag, und die moderne politische Theorie entstehen hier. Machiavelli ist der bedeutendste darunter. Guicciardini ist als Historiker im einzelnen genauer  und in der politischen Analyse noch kühler, ohne schöpferischer Theoretiker zu sein. Und sie bilden Schule: Vettori, Varchi, Nardi, sämtlich glänzende Historiker von staatsmännischer Erfahrung. Aber mit der Errichtung des Groß-hcrzogtums Toskana 1537 ist es damit zu Ende. Bei den juristischen Studien wird sich die historische Rechtsin-terprctation des >mos gallicus< bald der formellen des >mos italicus< als überlegen erweisen und einen neuen Begriff von Geschichte prägen.

Italien war immer noch wohlhabend, führend in den Künsten, kultivierter als die anderen, mehr als je auf äußeren Prunk bedacht, aber politisch ein Opfer und nicht mehr selber handelnd. Als es so bei lebendigem Leibe von den jüngeren Nationen beerbt wurde, mußte Machiavellis Schrift wenn nicht geradezu als ein Werk des Teufels, so doch wie eine heimliche Rache erscheinen. Im Zeitalter der doppelten Moral und der Staatsraison, schließlich des Absolutismus, galt das Buch vom Fürsten als ein Lehrbuch der Treulosigkeit und des Bösen. Der englische Staatskanzler Francis Bacon, der selber mit der Moral nicht in ungetrübtem Verhältnis lebte, brachte das Problem auf die Formel, Machiavelli schildere die Menschen nicht wie sie sein sollen, sondern wie sie sind, und wer ihn verlästere, der habe ihn nicht gelesen oder, wenn gelesen, so doch nicht verstanden.

Das ist so klar gedacht und gut formuliert, wie man es bei Machiavelli lernen sollte. Aber es behebt nicht  ganz

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die Schwierigkeiten, die damals die Lektüre bot. Gewiß ist Machiavelli ein Name und eine Formel geworden, die um so lieber gebraucht wird, je weniger man ihn gelesen hat. Gewiß braucht man auch keine Bücher, um die Falschheit zu lernen. Machiavelli hat eine sehr viel ältere Erfahrung beschrieben. Und wer seine Wähler heute betrügt und die Öffentlichkeit hintergeht, darf sich bei mangelndem Erfolg nicht mit ihm trösten. Was den Gebrauch der Gewalt angeht, so ist das Alte Testament eine sehr viel härtere Lektüre. Worin liegt also das, was Anstoß erregte?

In einer Zeit, da Bücher seltener waren und an sich schon Achtung einflößten, erregte seine Lehre Abscheu und zumindest Erstaunen, weil man das Buch doch mehr oder weniger unter die Gattung der Fürstenspiegel rechnete. Nun wußte jeder, und damals besser als heute, daß Fürsten, Obrigkeiten, Staatsgewalten Unrecht tun. In Fürstenspiegeln aber ermahnte man sie zu christlichem Wohlverhalten, zu Güte und Barmherzigkeit. Wer diese Regel durchbrach, verletzte ein Gefühl. Jeder wußte, daß gesündigt wird, aber ein Bußprediger, der di e Vorteile und Annehmlichkeiten der Laster schilderte, hätte ähnliche Verwunderung erzielt. Die Untertanen lasen ja die Fürstenspiegel nicht, um die Welt zu verstehen, sondern um sich an einem Gegenbild der Wirklichkeit, an einem Ideal zu erbauen. Da bezeichnet  Francis  Bacon ein Problem.

Aber schildert Machiavelli denn die Menschen so wie sie wirklich sind? Sagt er doch dem, der zur Herrschaft berufen ist, was er tun soll. An Beispielen der jüngeren Vergangenheit und aus dem Altertum erörtert er, wie man zur Herrschaft gelangt, wenn man sie nicht schon

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ererbt hat, und wie man sie behält und durch gute Ge- setze ordnet. Daraus spricht ein Gefühl tiefer Verant- wortung. Sein Ideal findet er in den großen Staatengründern und Gesetzgebern. Was sie erreichten, ist schwierig und gelingt selten. Es ist an bestimmte Voraussetzungen, an einzigartige geschichtliche Situationen geknüpft. Es ist aber nicht prinzipiell unmöglich, weil es ja einst Menschen vollbracht haben. Und wenn es nicht im Großen zu vollziehen ist, so findet er einige herabgeminderte Beispiele erfolgreicher Herrschaft auf weniger festem Boden,

Seine Analyse bleibt dabei nicht bei dem simplen Ge- gensatz stehen, der schlechte Mittel durch einen guten Zweck heiligen läßt. Wer Herrschaft ausübt, ist ein Funktionsträger, dessen Ziele nicht nur an äußeren und inneren Gegnern auf ihre Grenze stoßen können. Seine Absichten sind belanglos. So kann er, wie Papst Alexander VI., Schlechtes wollen und es mit schlechten Mitteln ausführen, und in der Absicht,  seine Hausmacht mit  Lüge,  Gewalt  und  Betrug  zu  erweitern, doch in Wahrheit den Kirchenstaat stärken und festigen. Die Heteronomie der Mittel  und Zwecke ist entdeckt, ohne daß man dafür auf eine überirdische Vorsehung rekurrieren müßte.

Machiavelli bewegt sich gar nicht im Problembereich von Moral und Unmoral. Und wenn unsere Politikwis- senschaftler heute glauben, daß Machiavelli dort die Autonomie der Politik begründet, so täuschen sie sich notwendig. Sie haben es ja auch  mit  Administration, mit Institutionen, mit einem Grenzbereich zwischen Recht, Wirtschaft und Sozialem zu tun. Nichts ist für Machiavelli so bezeichnend wie all das, wovon er nicht spricht,

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im Unterschied zu den politischen Traktaten des späten Mittelalters und zur modernen Staatslehre. Machiavelli legt ein einziges Kriterium an die Völker an. Dieses Kriterium ist qualitativ. Und wenn man es ernst nimmt, so ist es ziemlich vernichtend für viele Völker und auch für manchen Politikwissenschaftler. Er fragt einzig danach, ob ein Volk fähig ist, selbst politisch zu handeln (vivere politico), oder ob es  verderbt ist (corrotto). Es fällt nicht leicht, heute diese Unterscheidung anzuwenden. Sie beurteilt nicht Mißstände der Regierungen oder politischen Systeme, die sich vielleicht durch Herrschaftswechsel oder Verfassungsänderungen beheben ließen. Sie fragt emphatisch nach der politischen Moral der Völker.

Nach dieser Unterscheidung gliedert Machiavelli seine Staatslehre in den Teil, der einer politischen Existenz gewidmet ist, und behandelt ihn in  den  >Discorsi<,  und in den anderen Teil, der dem kranken, dem verdorbenen Staatswesen gilt, das nur noch  unter einer Fürstenherrschaft zu bestehen vermag. Dieser Teil allein wird im Buch vom Fürsten abgehandelt. Es ist, nicht nur dem Umfang nach, der  geringere  Teil, der für den Notfall, wenn alles andere verloren ist und sonst nichts mehr zu helfen vermag. Nichts ist unangebrachter, als wenn sich Berufspolitiker bei kleinen und großen Lumpereien und Diplomaten bei Winkelzügen mit Machiavelli herausreden wollen. Es geht darum, ob ein Volk in der Lage ist, selber zu herrschen, oder ob es beherrscht wird. Und wird es beherrscht, so ist die Frage, ob von einem eigenen oder einem fremden Herrscher.

Um Machiavellis Meinung zu erfahren, braucht man stets beide Teile seiner Lehre. Die Staatslehre der Repu-

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bliken ist als ein Kommentar zu den ersten zehn Büchern der Römischen Geschichte von Livius angelegt. Die Römer waren das eminent politische Volk. Ihrer Freiheit und Herrschaft ordneten sie alles andere unter. Unabhängigkeit nach außen und ein Kampf um das Recht des Volkes gegenüber der privilegierten Schicht, um die Teilhabe an der Herrschaft bestimmen die ersten Jahrhunderte der Republik, die Livius darstellt. Aber auch ein Streben nach äußerer Ausdehnung und Hegemonie, die Errichtung eines Imperiums, das mit dem Stadtstaat und seiner politischen Verfassung notwendig zu Kon- flikten führen muß.

Das Bild Roms ist für die europäische Neuzeit immer wieder eine Quelle der Inspiration, aber auch eine Versuchung zur Selbstverkennung geworden. Die unbezweifelbare geschichtliche Größe wurde durch eine mythologische Stilisierung so verlockend einfach erklärt, daß die Identifizierung  und Nachahmung nicht ausbleiben konnte. Renaissance heißt, daß das bewunderte Vorbild des Altertums nicht völlig dahin war. Weil es einst wirklich gewesen ist, kann es wieder mit eigenen Mitteln realisiert und aus der betrachtenden Erinnerung in schöpferisches Handeln umgesetzt werden. Was die Künstler der Renaissance, die Juristen, Ärzte und Naturwissenschaftler längst getan hatten, wollte Machiavelli für den Staat und die Politik tun. Es gab auch zu seiner Zeit Menschen, die glänzend auf diesem Felde tätig waren, aber keiner hatte bisher die Regeln und Gesetze dieser Disziplin formuliert.

Machiavelli ist ganz auf die Sache bezogen, und des- halb schreibt er gut. Als Schriftsteller italienischer Prosa nimmt er den höchsten Rang ein, was die deutschen

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Übersetzungen leider kaum ahnen lassen, so wie Dante als Poet. In einem Jahrzehnt mit Michelangelo, Tizian und Giorgione geboren, mit Pietro Bembo, Ariost und dem Baldassare Castiglione, der das Buch vom Hof- mann schreiben wird, aber auch mit Erasmus von Rot- terdam und Nicolaus Copernicus: da ist es müßig, auf den Stil zu verweisen, oder zu meinen, die Form sei  ihm wichtiger gewesen als der Gehalt. Form ist seiner Kultur völlig selbstverständlich, Geist und  Leidenschaft durchdringen einen Stil, der nicht nach klassischen Mustern sucht, sondern zwischen den lateinischen Floskeln der Juristcnsprache und einer Unmittelbarkeit der mündlichen  Rede seinen Einsichten die klarste und knappeste Sprache gibt.

Machiavelli sucht geltende Regeln, die nicht an  Ort und Zeit gebunden sind. Nur dann beschäftigt ihn der einzelne Fall, wenn ein solches »universale« an ihm zu erkennen ist. Die römische Geschichte bietet viele, des- halb wird die Gegenwart an deren Beispiel gemessen und nötigenfalls verurteilt. Sein Verfahren ist die Erörterung,    wie         im                 Streitgespräch, in einzelnen dialektischen Schritten. So sind die zu seiner Zeit immer    noch                        üblichen             Söldner         und     Hilfstruppen

»unnütz und gefährlich«,… »frech gegen ihre Freunde, feige gegen die Feinde« … »Seinen Untergang schiebe man nur so lange auf, wie man den Angriff  aufschiebt.« So folgt im Kapi tel XII Argument auf Argument aus bitterer Erfahrung und dem Schmerz über die Unbelehrbarkeit seiner Landsleute:

»Ich will die Verkehrtheit des Söldnerwesens noch besser beweisen. Die Söldnerführer sind entweder her- vorragende Männer oder nicht. Sind sie es, so ist kein

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Verlaß auf sie, weil sie stets nach eigner Größe trachten, indem sie entweder dich, ihren Kriegsherrn, oder andre gegen deinen Willen unterdrücken. Ist aber der Feldhauptmann untüchtig, so bereitet er seinem Kriegsherrn meist den Untergang. Wenn aber einer entgegnet, daß, wer die Waffen in der Hand hat, stets derart handeln werde,  sei er nun Söldner  oder  nicht,  so erwidere ich, daß die kriegführende Macht entweder ein Fürst oder ein Freistaat ist.«…

Das Söldnerwesen bietet ein auswegloses Dilemma.

Verteidigt ein Staat sich selber, so muß der Fürst und in der Republik einer ihrer Bürger, den sie zugleich unter Kontrolle zu halten hat, es tun. Die jüngere italienische Geschichte bietet viele Beispiele für die Gefahren des Söldnerwesens, und sie läßt auch deren Entstehung beobachten. Innere Unruhen, Priester und Bürger, die der Waffen entwöhnt waren und deshalb fremde Söldner mieten. … »und das Ende ihrer Heldentaten  war, daß  Italien   von   Karl   VIII. überrannt, von Ludwig XII. ausgeplündert,  von Ferdinand von Aragonien vergewaltigt und von den Schweizern mißhandelt wurde.«

Der mitteleuropäische Leser unserer Tage hat Schwie- rigkeiten bei der Lektüre. Er kann und will das nicht auf seine politische Erfahrung  anwenden.  Im  Orient  ja, oder in Lateinamerika mag man sich das vorstellen, aber unsere Politik hat einen Funktionswandel vollzogen. Krieg ist kein Mittel der Politik mehr. Die Politik hat Krieg nicht zu fuhren, sondern zu vermeiden. Und das tut sie schlecht, indem sie ihn an die Peripherie verdrängt, dort  Waffen  verkauft  und dem Treiben zuschaut, um statt Politik im einzelnen Falle, wenn sie sich gewaltsam auf ihre Verflechtungen verwiesen sieht, Diplomatie zu machen.

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So ähnlich dachten sich das viele in den ruhigen Jahr- zehnten des 15. Jahrhunderts in Italien auch.

Nun hat sich der Krieg in seinen Formen entsetzlich gewandelt. Bewaffnete Auseinandersetzung als Defini- tion sagt überhaupt nichts über das Ausmaß. Machia- velli erzählt in seiner Geschichte von Florenz selber, wie harmlos einst mit formeller Ankündigung durch gewaltiges Glockenläuten und wohlgerüstetem Schlagabtausch, bei dem es gar kein Todesopfer geben mußte, wenn nicht zufällig einer unter Pferdehufe geriet, solche Kriege in älterer Zeit geführt wurden. Die Feuerwaffen änderten die Lage. Schlimm wurden erst die Folgen, wenn es zu Plünderungen der Städte und zu Gewalttaten gegen die Zivilbevölkerung kam. Der Blutzoll und die Grausamkeit war ins Maßlose gestiegen mit den Invasionen fremder Heere. Machiavelli steht an einem Ort geschichtlicher Veränderung. Fünfundzwanzig Jahre war er  alt,  als  die Truppen Karls VIII. über die  Alpen  kamen  und dem italienischen Gleichgewicht der Mächte und den begrenzten Auseinandersetzungen ein Ende machten.

Zwischen 1494 und 1512 liegen Machiavellis politische Erfahrungen als Augenzeuge, deren Frucht das Buch vorn Fürsten ist: die erste Verwüstung Italiens, die Vertreibung       der          Mediceer,             die Verfassungsexperimente der Republik, das Zwischenspiel des »unbewaffneten Propheten« Savonarola, die Belagerung Pisas  und der Aufbau einer florentinischen Miliz durch Machiavelli, seine Gesandtschaften zum französischen König und zum deutschen Kaiser, zu Cesare Borgia und zu dem kriegerischen Papst Julius II.  Mailand  wurde wiederholt französisch, Neapel erst französisch und dann auf Dauer

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spanisch. Venedig wird in der Liga von Cambrai ausländischen Feinden konfrontiert, geschlagen und hilft danach selbst, in der >Heiligen Liga<, die Franzosen zu vertreiben.

Das Jahr 1512 bedeutet einen gewissen Ruhepunkt in der italienischen Politik. Es bringt die Medici wieder an die Macht, womit Machiavelli seine  politischen Ämter verliert, und nicht nur in Florenz, sondern bei der anstehenden Papstwahl auch im Kirchenstaat. Der den Künsten so gewogene Leo X. führt eine unglückliche Außenpolitik. Und größeres Unheil steht Italien bevor. Machiavelli sieht es deutlich vor Augen.

Sich diese Welt kleiner und größerer Herrschaften vorzustellen, die heute Republiken sind und morgen ei- nem Tyrannen huldigen, wo ein Söldnerführer Fürst wird und eine Dynastie gründet, ein anderer sich mit Gewalt an seine Stelle setzt, fällt nicht ganz leicht. Es ist eine begrenzte Welt, das obere Italien vor allem, worin die hierarchischen Ordnungen nicht mehr wie  in den anderen Ländern gelten. Nicht durch Adel, sondern durch persönliche Tüchtigkeit werden diese Herrschaften erlangt. Der Condottiere ist Unternehmer in einem waghalsigen und gewinnträchtigen Geschäft. Und vielleicht muß  man sich einmal diesen >stato<, der kein Nationalstaat ist, als Unternehmen denken, das Italien der Renaissance im Zustand einer entwickelten Ökonomie mit Firmengründungen und -übernahmen, mit Kartellbil- dungen und Wirtschaftskriegen nach der Eigengesetz- lichkeit, welche das moderne Rechtswesen diesem Be- reich weitgehend zugesteht.

Unser Erstaunen über die Amoral der Politik der Re- naissancefürsten würde sehr viel geringer werden, wenn

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wir die Metaphern von Tod und Krieg im Wirtschaftsleben und die wirklichen Verbrechen, das bewußte Schädigen anderer, das in der Regel kein Gesetz bestraft und oft Erfolg und Gewinn noch eigens krönen, versuchsweise als den Bereich ansehen, worin die Regeln Machiavellis gelten. Der ungebändigte Kapitalismus von Gründerzeiten mit überhitzten Konjunkturen und Krisen, mit Arbeitskämpfen und Handelskriegen, läßt sich vorzüglich mit Machiavellis Kategorien beschreiben. Die Ideologie der >virtù<, der persönlichen Tüchtigkeit, ist dort viel stärker ausgebildet, das Problem der Söldnerheere angeworbener Arbeitskräfte, die sich nicht mit der Firma identifizieren, ist wohl bekannt, und selbst das Phänomen der geistlichen Herrschaften findet sein Äquivalent. »Nur sie haben Staaten und verteidigen sie nicht, nur sie haben Untertanen und regieren sie nicht. Ihre Staaten werden ihnen auch unverteidigt nicht ent- rissen, und ihre Untertanen bekümmert es nicht, daß sie nicht regiert werden, denn sie haben weder die Absicht noch die Möglichkeit, sich ihnen zu  entziehen.« (Kap. XI) Man übersetze sich das in die Sprache der Ökonomie und sehe, ob man nicht Eigenarten des öffentlichen Dienstes dabei erkennt.

Und wenn man schließlich in einer Zeit der Schulden- krise und des Dahinsiechens staatlich gelenkter Ökonomien das,  was Machiavelli  über  sein Milizsystem und politische Moral sagt, auf die Arbeitsmoral überträgt und das Wirtschaftsethos, so findet man seine Gedanken mit ein wenig anderen Worten in den Leitartikeln der Weltpresse und in den Konferenzen der übernationalen Organisationen. Den Funktionswandel von Politik zu begreifen ist nötig, um überhaupt ein Werk der älteren

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politischen Theorie lesen zu können. Und das versuchsweise Übersetzen in einen anderen Sachbereich kann fruchtbar werden, um beide zu verstehen. Machiavelli hat nie von Wirtschaft und Handel gesprochen, und das als Florentiner, wo Manufakturen, Fernhandel und Banken eine weit größere Rolle spielten als Verteidigung und Diplomatie.

Umgekehrt leben wir in einer Zeit, wo alles Auswei- chen vor politischen Entscheidungen und ein wahrer Mangel an schöpferischer Politik, dem zu Machiavellis Zeit nicht völlig unähnlich, stets den ökonomischen Sachzwängen angelastet wird. Wie oft die zum Vorwand für Prestigedenken, schlechtverhohlene Machtpolitik, geistige Selbstverstümmelung und Zerstörung von Lebensbedingungen herhalten müssen, spricht sich langsam herum. Ein politisches Ziel und politische Verantwortung lagen den meisten Fürsten der Renaissance ebenso fern wie den heutigen Unternehmern oder denen, die mit Konjunkturziffern spielen und sich deshalb für Politiker halten.

In den Jahren, die auf die Niederschrift des Buchs vom Fürsten folgten, hat Machiavelli die Hoffnung auf die unmittelbare und erfolgreiche Anwendung seiner Ratschläge, die Hoffnung, Italien vor weiterer Verwü- stung zu bewahren, nicht erfüllt gesehen. Er wandte sich stärker als zuvor dem Altertum zu und suchte die Einsichten, die er dabei gewann, weniger für den raschen Gebrauch als für den dauernden Besitz zu sichern. Er, der nicht nur Cesare Borgia scheitern sah, erblickte das Tyrannenunwesen in seiner Nichtigkeit und wandte seine Aufmerksamkeit den großen Gesetzgebern und den politischen Völkern zu. Dabei schreibt er dem Volke

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Eigenschaften zu, die weniger in der florentinischen als in der römischen Republik offenkundig  wurden  und  die Historiker deshalb in Erstaunen versetzen.

Ein Werk, das Gesetze der Politik formuliert, braucht Leser, die seine Vision zu teilen vermögen. Die Lektüre des Buches vom Fürsten hat ausgesprochen darunter gelitten, daß jede Generation ihre miserablen Erfahrungen mit der zeitgenössischen Politik oder allenfalls ihre unklaren Hoffnungen  darin wiederfinden wollte. Und sogleich stempelte man Machiavelli zum Vorläufer, was nichts anderes als eine Kategorie historischen Unrechts ist. Als man für das sinnlose Unrecht staatlicher Gewalt endlich den euphemistischen Begriff >ragione di stato<, Staatsraison, geprägt hatte, glaubte man ihn der Sache nach im Buch vom Fürsten verteidigt zu sehen. Als die Jesuitenpolitik von Rom aus alles andere tat, als die Völker politische Unabhängigkeit zu lehren, und zugestanden schlechte Mittel durch zweifelhafte Zwecke heiligen wollte und als italienische Prinzessinnen und Kardinäle in der französischen Politik intrigierten, brachte man allen Abscheu vor diesen Machenschaften auf den einen Begriff Machiavellismus, und es entstand eine ganze Literatur polemischer, selten theoretischer Art, die sich selber demgemäß als antimachiavellistisch verstand.

Das wunderbare Buch, das sich keiner der verschie- densten Deutungen zu versagen schien, wurde im Zeit- alter des Absolutismus als Handbuch  für  Tyrannen und mehr oder weniger aufgeklärte Despoten gelesen, später aber von den italienischen Patrioten als Aufruf zur Einigung des Vaterlandes. Unter der napoleonischen Besetzung deutscher Staaten entdeckten Fichte und Hegel den Staatstheoretiker. Im

  1. Jahrhundert griffen viele zu

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Machiavellis Werk, weil sie eine Erklärung suchten für die um sich greifenden Gewaltherrschaften. Oft  wollten sie gar nicht die Gedanken des Autors finden, sondern den Machiavellismus, den sie verurteilten. Die eigene Lage führte aber auch zu genaueren biographischen Studien, um die Beziehung der Schriften auf die Erfahrungen deutlicher zu begreifen.

An der politischen Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts läßt sich ablesen, in welchem Maße die Ausdehnung und die Erfolge der Diktaturen das  Denken lahmten, wie viele sich schon intellektuell und politisch unterwarfen, ehe sie dazu genötigt wurden. Auch diese Erscheinung hatte Machiavelli beobachtet und beschrieben. Das Entsetzen, das den Widerstand erst gar nicht aufkommen läßt, packte die Italiener bei dem ersten französischen Überfall. Ohne einen Schwertstreich fast, »mit der Kreide in der Hand«, um die Quartiere zu bezeichnen, eroberten sie Italien.

Machiavelli hat die Gesetze politischer Mechanik in-

nerhalb eines Staatswesens zu formulieren versucht wie Copernicus die Gesetze der Mechanik der Himmelskörper. Es ist nicht gut, ein solches Unternehmen zu dämonisieren, auch wenn  es bestehende Vorurteile verletzt. Luthers Staatslehre oder die Pascals ist erschreckender. Die Machiavellis ist richtig oder falsch. Allerdings räumt sie auf mit der Vorstellung gegenläufiger Ordnungen, mit der im Irdischen verborgenen Gottesbürgerschaft, so wie Copernicus alle Gestirne in einem homogenen Raum gleichen Gesetzen unterordnet. Wer handelt, ist dafür verantwortlich, welche Folgen  er unabhängig von seinen Absichten herbeiführt.

»Verantwortungsethik« nannte Max Weber ein Han-

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deln, wie es vom Politiker gefordert wird.  Und  das heißt nicht nur, einzustehen für die Wirkungen  unseres Tuns, Gewalt zu gebrauchen, um schlimmere zu vermeiden, sondern die vorhersehbaren Folgen zu berechnen. Der Gesinnungsethiker, der das nicht tut und unter Berufung auf gute Absichten und lautere Mittel im Raum der Politik dilettiert und Schaden anrichtet, wie Machiavelli es an Savonarola beobachtete, muß scheitern. Nicht deshalb, weil die Macht an sich böse wäre oder  ihr  Gebrauch erniedrigte, sondern weil ihre Gesetze verkannt werden. Machiavelli vermochte die Übel, die er diagnostizierte, nicht zu beheben, aber er hat Erkenntnis daraus gewonnen.

Horst Günther

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Inhalt

Brief Niccolò Machiavcllis vom 10. Dezember 1513-7 Der Fürst

Zueignung • 17 I • Über die Arten der Herrschaft und die

Mittel,

sie zu erlangen • 19 n • Von den erblichen Fürstentümern • 19

  • Von vermischten Herrschaften • 20
  • Warum das Reich des Darius, das Alexander erobert hatte, nach dessen Tode nicht gegen seine Nachfolger aufstand • 30
  • Wie Städte oder Fürstentümer zu beherrschen sind, die vor der Eroberung nach eignen Gesetzen lebten • 34 VI • Von neuen Herrschaften, die durch eigne Waffen und Tapferkeit erworben werden • 36
  • Von neuen Fürstentümern, die durch fremde Hilfe und durch Glück erworben werden • 40
  • Von denen, welche durch Verbrechen zur Herrschaft gelangt sind • 49

IX       • Der Volksfürst • 54

  • Wie die Kräfte aller Fürstentümer zu bemessen sind • 58
  • Von den geistlichen Herrschaften • 61
  • Von den verschiedenen Arten der Streitkräfte

und von den Söldnern • 64 XIII • Von den Hilfstruppen,

Volksheeren und gemischten Truppen • 70

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XIV     • Worauf der Fürst im Kriegswesen zu sehen hat • 74

  • Wodurch die Menschen, insbesondere die Fürsten, Lob und Tadel erwerben • 77
  • Von der Freigebigkeit und Knauserei • 79 XVII • Von der Grausamkeit und der Milde und ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden • 82 XVIII • Inwiefern die Fürsten ihr Wort halten sollen • 86

XIX • Verachtung und Haß sind zu  meiden  •  89 XX • Ob Festungen und vieles andere, was Fürsten zu tun pflegen, nützlich oder schädlich sind? • 101 XXI • Wie ein Fürst sich zu betragen hat, um Ruhm zu erwerben • 106

  • Von den Ministern • 111
  • Wie Schmeichler zu fliehen sind •  /12 XXIV • Warum die Fürsten Italiens ihre Herrschaft verloren haben • 115
  • Welche Macht das Glück in den menschlichen Dingen hat und wie man ihm widerstehen kann-117
  • Aufruf, Italien von den Barbaren zu befreien • 121

Kommentar • 129 Zur Literatur • 145

Niccolò Machiavelli, Lcbensdaten • 146 Nachwort • 149

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Zu dieser Ausgabe

insel taschenbuch 1207 Machiavelli, Der Fürst

Der Text folgt der Ausgabe: Niccolò Machiavelli, Der Fürstenspiegel. Aus dem Italienischen von Friedrich von Oppeln-Bronikowski. Verlegt bei Eugen Diederichs Jena 1912. © für die Übersetzung: Eugen Diederichs Verlag, München 1989. Der Abdruck der Übersetzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Eugen Diederichs Verlags München.

Der Insel Verlag dankt Frau Beate Taudte -Repp für die Überarbeitung der Übersetzung.

Machiavelli schreibt 1513, seiner Ämter enthoben, in erzwungener Muße auf dem Lande sein Buch über die Fürstenherrschaft. Eines der Modelle rein machtpolitischen Handelns ist Cesare Borgia (1475 bis 1507), den Machiavelli selbst beobachten und sprechen konnte.

Umschlagabbildung: Portrait, vermutlich des Cesare Borgia, von Altobello Meloni, tätig zwischen 1497 und 1517 (Bergamo, Accade -mia Carrara). Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin.

Quelle: https://symboleigenschoepfung.files.wordpress.com/2014/01/n-macciavelli-der-fuerst.pdf

Friedrich von Oppeln - Bronikowski  13. Oktober 2017
Rubrik: Publikationen

Ein Gedanke zu „Machiavelli: Der Fürst“

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