Pyeongchang: Es hängt alles von der Politik ab

Franz Krummbein

Was gestern noch als fast unmöglich galt, kann heute schon Realität geworden sein

Die Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang, die Aufhebung von Sanktionen, die Wiedervereinigung von getrennten Familien, das sind Themen der ersten direkten Verhandlungen zwischen Nord- und Südkorea seit 2015, die begonnen haben. Das Treffen findet im sogenannten „Friedenshaus“ im Grenzort Panmunjom in der demilitarisierten Zone statt, wo Vertreter der beiden koreanischen Staaten mehrmals zusammengekommen waren. Die Verhandlungen werden hinter verschlossenen Türen abgehalten.

Was gestern noch als fast unmöglich galt, kann heute schon Realität geworden sein.

Ereignisse und Aussprüche, an die wir uns erinnern:

September 2017. Olympia in Gefahr. Österreich hat einen Verzicht auf die Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang im Februar 2018 nicht ausgeschlossen. Österreich wolle die Lage in Nordkorea weiter beobachten und abwarten, bevor über eine etwaige Nichtteilnahme der österreichischen Athleten entschieden wird. Sollte sich die Situation aber verschärfen und die Sicherheit der Sportler nicht mehr gewährleistet sein, werden wir nicht nach Südkorea fahren”, meldet der Präsident des österreichischen Olympia-Komitees, Karl Stoss.

Der Präsident des deutschen Eishockey-Bundes, Franz Reindl, sagt: „Es ist dramatisch, die Eskalationsstufe ist wirklich hoch.“ Auch Thomas Schwab, Vorstand des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland, räumt Bedenken ein: „Wir unterhalten uns intern fortlaufend darüber, jeder macht sich seine Gedanken.“

“Wir werden unser französisches Team niemals in Unsicherheit bringen”, betonte die französische Sportministerin Laura Flessel: “Wenn sich die Situation verschlimmert und keine definitive Sicherheit gewährleistet wird, wird die französische Olympiamannschaft zu Hause bleiben.”

29 November. Nordkorea hatte einen Raketenstart durchgeführt. Wie die Führung des Landes mitteilte, hat eine neuartige Rakete vom Typ Hwasong-15 in 53 Minuten eine Höhe von 4.475 Kilometern erreicht und ist 950 Kilometer weit geflogen. Die Rakete soll im Japanischen Meer, 210 Kilometer von der japanischen Präfektur Aomori entfernt, niedergegangen sein.

Nach Behauptung der nordkoreanischen Behörden liegt das gesamte Territorium der USA in der Reichweite von Hwasong-15. Wie Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un dazu äußerte, markiert der erfolgreiche Raketenstart „einen historischen Erfolg beim Abschluss der nuklearen Aufrüstung“ seines Landes.

Der südkoreanische Präsident Moon Jae-in hat die Frage angeschnitten, inwieweit die Sicherheit für die Teilnehmer der Olympischen Winterspiele gewährleistet werden kann. Er reagiert damit auf den nordkoreanischen Raketenstart.

Im Dezember hatte der UN-Sicherheitsrat neue internationale Sanktionen gegen Nordkorea verhängt. Die von den USA vorbereitete diesbezügliche Resolution erhielt die Nummer 2379. Die Resolution sieht unter anderem vor, dass alle UN-Mitgliedsländer nordkoreanische Arbeitsmigranten bis spätestens Ende 2019 ausweisen müssen. Zudem wurden die Lieferungen von Rohöl und Erdölerzeugnissen nach Nordkorea weiter eingeschränkt.

Die Sicherheitslage bei den Olympischen Spielen gilt infolge der Korea-Krise als unklar. Der Hauptort Pyeongchang ist gerade einmal 80 Kilometer von der nordkoreanischen Grenze entfernt ist. Die USA haben noch nicht offiziell über eine Teilnahme ihrer Auswahl an den Olympischen Winterspielen  entschieden, wie die Sprecherin des Weißen Hauses Sarah Sanders mitteilte. Eine Nichtteilname sei jedoch „möglich“. „Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Diese muss von einer breiteren Reihe von Personen besprochen werden“, so Sanders. Zuvor hatte die US-Botschafterin in der Uno Nikki Haley die Reise der US-Auswahl nach Pyeongchang unter Zweifel gestellt.

Unter den Sportlern macht sich große Unruhe breit. Immer mehr deutsche Skisportler erwägen einen Startverzicht. Der vierfache Biathlon-Weltmeister Arnd Peiffer kritisierte, dass die Spiele überhaupt nach Süd-Korea vergeben wurden: „Das Kind ist aus meiner Sicht schon viel früher in den Brunnen gefallen. Dass wir nah an einer Grenze sind, an der sich zwei Armeen gegenüberstehen, ist auch nicht neu. Das heißt, als man die Spiele dorthin gegeben hat, ist man dieses Risiko eingegangen, und jetzt muss man damit umgehen.“

Ski-Alpin-Star Felix Neureuther  erwägt sogar einen Verzicht auf die Olympischen Spiele.  Bis zur roten Linie fehle nicht mehr viel, sagte er der Zeitung „Salzburger Nachrichten“: „Da steht doch der Sport nicht mehr im Mittelpunkt, sondern wird von der Politik benutzt. Außerdem geht es ja nicht nur um mich. Mein Servicemann ist zweifacher Familienvater. Soll ich ihm sagen: Du musst in eine Krisenregion, weil ich dort unbedingt Medaillen machen will?“

„Es ist immer ein bisschen Unwohlsein dabei, wenn man irgendwelche Sachen über Nordkorea hört, weil man weiß, dass man im Februar nicht weit davon entfernt sein wird“, äußerte Biathlon-Staffelweltmeisterin Maren Hammerschmidt ihre Bedenken. Gemeinsam mit Teamkollegin Laura Dahlmeier habe sie sich Dokumentationen zu Nordkorea angesehen. „Wir haben ein paar Reportagen geschaut, wo uns schon ein bisschen anders zumute  geworden ist. Alles überschatten sollte das aber natürlich auch nicht.”

Der Deutsche Skiverband (DSV) und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) betonen, die Sicherheit der Athleten habe für sie oberste Priorität. “Wir sind in engem Kontakt mit dem DOSB, der wiederum ist im engen Kontakt mit dem Auswärtigen Amt und dem Bundeskriminalamt. Es sind auch Leute vor Ort, um die Sicherheitslage zu überprüfen und täglich oder zumindest wöchentlich die neusten Wasserstandsmeldungen durchzugehen“, sagte DSV-Präsident Franz Steinle.

Koreanisches Tauwetter

Januar 2018. Auf der koreanischen Halbinsel deuten sich positive Anzeichen einer Entspannung an. Bereits bei seiner Neujahresansprache gab Kim Jong-un zu verstehen, dass die Olympischen Spiele in diesem Jahr zu einem guten Anlass für die Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen werden könnten und erklärte, dass Nordkorea auch eine Delegation zu den Spielen in Pyeongchang schicken könnte. Er betonte, dass  Pjöngjang hierzu den notwendigen Beitrag leisten wolle sowie dass die militärischen Spannungen möglichst reduziert werden sollten, um ein „friedliches Umfeld“ für die Spiele vorzubereiten.

Kim Jong-un hatte betont, dass 2018 ein wichtiges Jahr für Korea sein werde. Der Norden begeht den 70. Jahrestag seiner Gründung am 9. September, und der Süden ist Gastgeber der Olympischen Spiele. Dies sei „eine gute Gelegenheit, um das Prestige unserer Nation zu demonstrieren“ und „wir wünschen uns aufrichtig, dass die Olympischen Spiele zu einem Erfolg werden“, sagte Kim Jong-un.

Der Korea-Experte Jewgeni Kim machte darauf aufmerksam, dass auch der südkoreanische Präsident verstehe, dass die für Februar und März angekündigte US-Kriegsübung in der Region das Vertrauen zu Olympia untergraben könnte: „Man würde den Ausbruch eines militärischen Konfliktes befürchten. So hat Moon Jae-in vorgeschlagen, diese Kriegsübung auszusetzen, bis die Olympischen Spiele vorbei sind.” Kim Jong-un bezog sich in seiner Ansprache spitz darauf und betonte, die USA könnten keinen Angriff mehr „gegen mich oder unser Land“ starten, da Nordkorea jetzt über eine realistische atomare Abschreckung verfüge.

Pjöngjang und Seoul haben sich im Rahmen ihrer Verhandlungen auf die Wiedereinrichtung einer direkten militärischen Telefonverbindung geeinigt. Das heißt,  Südkorea ist darauf bedacht, möglichst Ruhe reinzubringen, meint der Nordkorea-Forscher Eric Ballbach. Man sucht aktiv einen Dialogkanal mit dem Norden, nicht zuletzt auch aus ganz eigenem Interesse. US-Präsident Donald Trump hat erklärt, dass er den Dialog zwischen Seoul und Pjöngjang unterstütze, und nicht ausgeschlossen, dass sich Washington später anschließen könnte.  Die Vereinigten Staaten können nur dann die Kontaktaufnahme zwischen Nord- und Südkorea gutheißen, wenn dies nicht die Sanktionen gegen Pjöngjang infrage stellen wird,  präzisierte das Weiße Haus.

Nordkorea will nach Pyeongchang eine „hochrangige“ Delegation schicken. Sie soll aus einer Demonstrationsmannschaft für Taekwondo, hochrangigen Beamten, sportlichen und musikalischen Anfeuerungsgruppen sowie Journalisten bestehen. Auch Sportler sollen mitkommen, über ihre Teilnahme an den Wettkämpfen wurde aber bisher nichts gesagt.

Wie die russische Presse schreibt, ist ausgerechnet der nordkoreanische Staatschef der Initiator der neuerlichen Entspannung gewesen – also der Mann, den US-Präsident Donald Trump als den Hauptverantwortlichen für die Eskalation auf der koreanischen Halbinsel sieht.

Nordkorea zeigte sich völlig offen für jegliche Entspannungsoptionen und Gespräche. Ausgerechnet die USA, die sich gerne als Garant für die Stabilität in der pazifischen Region sehen, zeigten sich dagegen sichtbar nervös über die neuerliche Entspannung zwischen Pjöngjang und Seoul. So erklärte Heather Nauert, die Sprecherin des United States Department of State, dass die nordkoreanische Entspannungsinitiative nur einen Keil zwischen den USA und Südkorea treiben wolle, aber Washington dies nicht zulassen würde. Zwar gab sie zu, dass es eine südkoreanische Angelegenheit und „ihre eigene Wahl“ sei, ob Seoul mit Pjöngjang verhandeln wolle, jedoch brachte sie auch ihr Misstrauen demgegenüber zum Ausdruck.

Die Strategien bleiben sowohl in Washington als auch in Pjöngjang unverändert,  meint Eric Ballbach. Pjöngjang setzt weiter auf die Nuklearwaffe als das wichtigste Element seiner strategischen Abschreckungspolitik, aber eben auch als wichtigen Beitrag zum Regimeerhalt. „Nordkoreas Waffen  sind nur für die USA bestimmt und nicht auf unsere Brüder China und Russland gerichtet“, teilte ein Sprecher des nordkoreanischen Friedenskomitees Asien-Pazifik mit. Das nordkoreanische Verhalten ist sehr rational dahingehend, dass sie mit der Nuklearwaffe den zentralen Garanten für ihre eigene Regimestabilität sehen.

Nordkorea hat genau das erreicht was gewollt war, jetzt redet man mit ihm.

Franz Krummbein  11. Januar 2018
Rubrik: International

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