Südosteuropa: Umgang mit dem baulichen Erbe der Osmanen

Manuel Mork
Didymoticho GR: Die älteste Moschee in Europa

Überlegungen anhand von fünf Städten

Karte von Südosteuropa 1812, Foto: Alexander Altenhof (KaterBegemot) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Gibt es den Typus der „südosteuropäischen Stadt“? Der Historiker Wolfgang Höpken jedenfalls lehnt eine derartige Verallgemeinerung ab: Es sei vollkommen undienlich, so unterschiedliche Städte wie Belgrad, Skopje und Thessaloniki in einer gedanklichen Kategorie subsumieren zu wollen, da man der immensen Vielfältigkeit dieser Städte so nicht gerecht werden könne.[1] Nachdem ich im Rahmen einer Übung und Exkursion zu „Städtebau und urbanem Leben in Südosteuropa“ eine Vielzahl von Städten der Region besichtigen durfte, würde ich mich Höpkens Urteil grundsätzlich anschließen. Diese Ansicht schließt jedoch nicht aus, dass die Städte des Balkans einige bedeutsame Gemeinsamkeiten besitzen: Die wohl prägendste historische Erfahrung, die beinahe alle Städte auf der Halbinsel teilen, ist die jahrhundertelange osmanische Herrschaft und die anschließende Umgestaltung der Stadt im Zuge der Nationsbildung. Doch trug auch diese Analogie interessanterweise zu der für die Region so charakteristischen Diversität bei: Zwar entwickelten alle südosteuropäischen Staaten ihr Nationalbewusstsein in Opposition zu der als Joch aufgefassten osmanischen Herrschaft, doch wurde in den jeweiligen postosmanischen Nationalstaaten ein unterschiedlicher Umgang mit dem osmanischen Erbe praktiziert.Der vorliegende Text stellt eine kleine Untersuchung des Umgangs mit dem architektonischen Erbe des Osmanischen Reichs auf dem Balkan an. Beschrieben werden dabei lediglich die Städte, die wir auf unserer neuntägigen Exkursion besucht haben: Die Reise begann in Thessaloniki, führte über Bitola in Mazedonien nach Skopje, von dort nach Prizren und Prishtina im Kosovo und endete in Belgrad. Natürlich repräsentieren diese – wenn auch sehr bedeutenden – Städte nur einen Teil der urbanen Vielfältigkeit Südosteuropas und so kann die vorliegende Studie das osmanische Bauerbe der Region höchstens stichprobenartig erfassen. Auch werden die genannten Städte nicht vollständig untersucht, sondern die Analyse konzentriert sich hauptsächlich auf die Denkmäler und Strukturen, die wir während unserer Reise gesehen und besprochen haben. Hauptquelle für die folgenden Überlegungen sind also meine Beobachtungen vor Ort, die mit einigen allgemeinen Thesen aus der Forschungsliteratur abgeglichen werden sollen.

Thessaloniki ist das wirtschaftliche, kulturelle und politische Zentrum der griechischen Region Makedonien und nach Athen die zweitgrößte Stadt Griechenlands. Als Besucher springt einem sofort der hohe Anteil junger Leute ins Auge, die das Stadtbild vor allem abends prägen, was bei einem Blick auf die Studierendenzahlen allein schon der Aristoteles Universität (über achtzig Tausend) jedoch nicht sonderlich verwundert. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, und damit später als in anderen Großstädten Südosteuropas, endete die osmanische Herrschaft über die Stadt. Erst in der Folgezeit bekam sie einen überwiegend griechischen Charakter. Zuvor hatte die griechische Kultur nur eine von vielen Identitäten einer Stadt ausgemacht, die die typische polyethnische Beschaffenheit osmanischer Urbanität besaß. [2] Einen Teil dieser Diversität verlor Thessaloniki bereits im Verlauf des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs in den 1920er Jahren, als die muslimische Bevölkerung die Stadt unter Zwang verließ. Die große jüdische Gemeinde, die der Stadt den Namen „Jerusalem des Balkans“ eingebracht hatte, wurde der Stadt durch die Mordaktionen der deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs genommen. Ein weiterer, kolossaler Einschnitt war der verheerende Brand vom August 1917, dem ein großer Teil des Stadtzentrums zum Opfer fiel und der Saloniki zusammen mit den Zerstörungen durch diverse Kriege ein durch die Architektur des 20. Jahrhunderts geprägtes Äußeres verlieh.

Moschee in Thessaloniki, Foto: Manuel Mork

Die Vernichtung großer Teile des alten Baubestandes und der Verlust der Polyethnizität mussten in Thessaloniki zwangsläufig einen radikalen Bruch mit dem osmanischen Erbe herbeiführen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es erstaunlich, wie häufig man dennoch in der Innenstadt auf unverkennbare Überbleibsel der osmanischen Architektur stößt: Immer wieder wird die Einheitlichkeit der hohen, modernen Fassaden durch eine Moschee oder ein Hamam gebrochen, die in ihrer Höhe, Bauart und Formgebung deutlich herausstechen. Häufig wurde mit der neuen Bebauung keinerlei Rücksicht, geschweige denn Bezug auf die Altbauten genommen. Auch Sichtachsen und Freiräume zur entsprechenden Präsentation der Denkmäler sind oftmals nicht vorhanden. Die Alatsa-Imaret-Moschee ist beispielsweise umringt von den charakteristischen Neubauten Salonikis, die mit nur wenigen Metern Abstand von dem Sakralbau stehen und ihn förmlich einengen. Anders verhält es sich mit der osmanischen Badeanlage Bey Hamam, die inmitten eines großzügigen, begrünten Platzes liegt. Einen besonders interessanten Fall stellt die Hamsa-Bey-Moschee dar, die unmittelbar an der meist befahrensten Straße, der berühmten römischen Via Egnatia, steht und hier auf Grund ihres Zustandes und der unglücklichen Lage einen etwas tristen Anschein vermittelt. Doch der erste Eindruck der Vernachlässigung trügt, wenn man bedenkt, dass die moderne Egnatia auf Grund des Bauwerks eine leichte Krümmung besitzt, auf die Moschee also trotz des ansonsten streng orthogonalen Straßenrasters Rücksicht genommen wurde. In Thessaloniki ergibt sich bei der Betrachtung des Umgangs mit dem baulichen Erbe der Osmanen also ein ambivalentes Bild: Einerseits wurden die größeren Bauwerke offenbar schon früh im 20. Jahrhundert als erhaltenswert wahrgenommen, andererseits war man nicht bereit, ihnen allzu großzügige räumliche Konzessionen zu machen.

Viele Kirchen der Stadt, die unter den Osmanen zumeist als Moscheen gedient hatten, wurden nach der Integration der Stadt in den griechischen Staat wieder zu Kirchen umgewandelt. Dies gilt zum Beispiel für die byzantinische Kirche Hagios Demetrios, die für über vierhundert Jahre als muslimisches Gotteshaus fungierte und doch stets von Anhängern beider Religionen besucht wurde.[3]

Ein gut erhaltenes Überbleibsel der kleinteiligen Architektur aus der Zeit der osmanischer Herrschaft findet sich noch im Ladadika-Viertel, in dem jedoch keine explizit osmanische Bauweise zu sehen ist. Abgesehen von diesen Straßenzügen ist von dem Labyrinth aus „engen und krummen Straßen“, das ein französischer Konsul im 19. Jahrhundert beanstandet hatte, kaum noch etwas zu spüren.[4] Unweit von Ladadika befindet sich der Besesteni, eine typische orientalische Markthalle mit sechs Kuppeln, die, ebenfalls eingerahmt von Neubauten, noch immer Läden beherbergt. Es gibt in Thessaloniki also noch immer eine Vielzahl von Bauten, die als Denkmäler die Geschichte der Stadt vor 1912 greifbar machen. Aussagekräftig ist auch, dass mit dem so genannten Weißen Turm ausgerechnet der Abschnitt einer osmanischen Wehranlage zum Wahrzeichen der Stadt wurde. Dass es, wie Machiel Kiel schreibt, auch im griechischen Makedonien einen „Massenabbruch osmanischer Gebäude“ gab, ändert nicht die Tatsache, dass es in Thessaloniki wohl schon relativ früh ein Bewusstsein für den historischen Wert der größeren osmanischen Bauten gegeben haben muss. [5] Verloren gegangen ist diese Wertschätzung wohl nicht, denn seit den 1970er Jahren wurden an einigen Gebäuden, zum Beispiel am Besesteni, Restaurierungen „von hoher wissenschaftlicher Qualität“ vorgenommen.[6]

Bitola, im Süden Mazedoniens gelegen, ist mit achtzigtausend Einwohnern ebenfalls die zweitgrößte Stadt des Landes. Anders als in Thessaloniki gibt es in Bitola mit seinen albanischen Bewohnern noch immer einen signifikanten muslimischen Bevölkerungsanteil. Dies hat sich wohl auch auf den Umgang mit dem osmanischen Bauerbe ausgewirkt: Rund um einen zentralen Park prägen gleich mehrere osmanische Bauwerke das Stadtbild. Ins Auge fallen zunächst zwei muslimische Gebetshäuser, die im Stil der typischen osmanischen „Einkuppelmoschee“ errichtet wurden.[7] Während die Yeni-Moschee momentan restauriert wird, wird die auf der anderen Uferseite liegende Ishak-Chelebi-Moschee von der muslimischen Gemeinde genutzt und des Nachts weithin sichtbar erläuchtet. Ebenfalls auf diesem geräumigen Areal steht der steinerne Uhrturm, der mit seinen knapp dreißig Metern Höhe zu einer Art Wahrzeichen Bitolas geworden ist. Er ist ein repräsentatives Beispiel für eine osmanische Baupraxis, mit der laut Machiel Kiel die Funktion des christlichen Kirchturms erfüllt wurde.[8] Zusammen mit den Minaretten der beiden Moscheen prägt der Turm das Stadtbild im unmittelbaren Zentrum, und man war anscheinend in keiner historischen Phase dazu geneigt, dies in Ablehnung gegen die Osmanen auf radikale Weise zu ändern.

Der Supermarkt in Bitola war früher ein Hamam, Foto: Manuel Mork

Besonders augenfällig ist das osmanische Erbe in Bitola im Bereich der gewerblichen Architektur. Wie in Thessaloniki hat sich ein überdachter Markt, ein Besesteni, erhalten und wird noch immer vom Einzelhandel genutzt. Dahinter erstreckt sich die Carshia, ein mit schmalen, gewundenen Gassen durchzogenes Viertel, in dem sich Händler und Handwerker aller Art in kleinen Ladengeschäften verdingen. Der Markt der Stadt, auf dem hauptsächlich landwirtschaftliche Produkte angeboten werden, findet sich direkt daneben. Bemerkenswert ist hierbei, dass in diesem Teil Bitolas die für die Osmanen so charakteristische Trennung von Gewerbe- und Wohnbauten in Teilen beibehalten worden ist.[9] Auch die niedrige, höchstens zweistöckige Bebauung teilt die Carshia immer noch mit den meisten Basarvierteln der muslimischen Welt. Unsere Führerin vom städtischen Museum Bitolas teilte uns zudem mit, dass bis in die jüngere Vergangenheit die Konzentration einzelner Gewerbe in einem bestimmten Bereich oder auf einer einzelnen Straße beibehalten wurde. Für den Bauforscher Wolfgang Müller-Wiener ist auch dieses Merkmal kennzeichnend für die Wirtschaftsform des Basars.[10] In Bitola beispielsweise war die Petar-Petrovic-Njegosh Straße bis vor einigen Jahren Standort der Glockenschmiede Südmazedoniens. Doch wurden bei weitem nicht alle osmanischen Traditionen im mazedonischen Nationalstaat weitergeführt: So wurde nahe des Markts ein Hamam, ein alter Backsteinbau mit typischen osmanischen Kuppeln, in einen Supermarkt umgewandelt. Auf wirtschaftlichem Gebiet lässt sich die Zuneigung der Mazedonier für die osmanischen Traditionen jedenfalls nicht verkennen: Zu sozialistischer Zeit wurde unmittelbar neben der Carshia ein wohl als ihr moderner Gegenentwurf intendiertes, überdimensioniertes Warenhaus im Stil der jugoslawischen Moderne errichtet, das heutzutage in Teilen leer steht.

Die Situation im Kosovo gestaltete sich bereits unmittelbar nach Ende der osmanischen Herrschaft weitgehend anders als in Griechenland und Mazedonien. Mit einer überwiegend islamischen Bevölkerung war hier stets ein hoher Bedarf an muslimischer Architektur vorhanden. Wie sich dies auf den Städtebau des Kosovo ausgewirkt hat, lässt sich wohl am besten anhand der beiden größten Städte des Landes, Prishtina und Prizren, verstehen.

Moschee in Prizren, Foto: Manuel Mork

Im Mittelpunkt des pittoresk von einer Berglandschaft umgebenen Prizren liegt bis heute die Sinan-Pasha-Moschee, deren helle Natursteinfassade und hohes Minarett weithin sichtbar sind. Von der oberhalb der Stadt gelegenen Festung lassen sich weitere osmanische Einkuppelmoscheen ausmachen, die, wie im Osmanischen Reich üblich, häufig nach ihren Stiftern aus der politisch-militärischen Elite benannt wurden. Auch mehrere osmanische Hamams sind der Stadt als Baudenkmäler erhalten geblieben, doch wie überall auf dem Balkan dienen die mit vielen kleinen Kuppeln verzierten Bauten heute nicht mehr als öffentliche Badeanstalten. Neben einem dieser Gebäude, das in der jüngeren Vergangenheit in ein Archäologisches Museum verwandelt wurde, steht ein typischer Uhrturm aus osmanischer Zeit. Bewahrt wurde auch eine so genannte Tekke, ein religiöser Rückzugsort eines Derwisch-Ordens, in dem eine populäre mystische Form des Islam praktiziert wurde.[11] In der Altstadt Prizrens befindet sich zudem der Gründungsort der „Liga von Prizren“, Treffpunkt einer Gruppe von Intellektuellen, die die Autonomie Albaniens vom Osmanischen Reich anstrebte. Scheinbar paradoxerweise weist gerade dieser Gebäudekomplex mit seinen Erkern, holzgerahmten Fenstern und seiner zweistöckigen Bebauung eine typisch osmanische Architektur auf.[12] An diesem Beispiel wird jedoch augenfällig, dass in Südosteuropa autochthone und osmanische Kulturgüter von der Regionalbevölkerung oftmals nicht getrennt wurden, sich also eine kulturelle Symbiose ergab und sich so auch eine dezidiert antiosmanische Bewegung nicht vom Stil des osmanischen Hauses distanzieren musste.[13] Diese Vereinnahmung des osmanischen Hauses lässt sich heute noch in ganz Prizren beobachten: Ein Großteil der Häuser im Stadtzentrum besitzt Erker oder Holztäfelungen. Vorherrschend ist klar die Farbkombination aus dunkelbraunem Holz und weißverputzter Fassade. Viele Gebäude im unmittelbaren Stadtkern sind lediglich zwei Stockwerke hoch. Auch der Straßenführung wurde nie ein orthogonales Raster auferlegt. Der Versuch, wie er sich zum Beispiel auf Bitolas Prachtstraße, dem Korzo, beobachten lässt, mit klassizistischen Fassaden und einer einigermaßen gleichmäßigen Bebauung an das westeuropäische Modell anzuknüpfen, findet sich in Prizren nur sehr vereinzelt. Stattdessen blieb hier die in osmanischer Zeit praktizierte Bauweise vorherrschend.

Als Hauptstadt des Kosovo ist Prishtina deutlich stärker als Prizren Schauplatz moderner architektonischer Verwirklichungsversuche geworden: Im Stadtzentrum steht eine Vielzahl von gewaltigen Bauten in diversen Stilrichtungen, die Prishtina ein mehr oder minder modernes Erscheinungsbild verleihen. Doch auch die bewusst modernistische Architektur weist gelegentlich Rückgriffe auf die osmanische Ästhetik auf: Prägnantestes Beispiel hierfür ist sicherlich die Nationalbibliothek des Kosovo, die mit ihren 99 Kuppeln ganz unmissverständlich an osmanische Muster anknüpft. Im älteren Teil der Stadt sind zahlreiche, unter den Osmanen errichtete Moscheen, ein Hamam und sogar der charakteristische Uhrturm erhalten geblieben ist. Hinter der Großen Moschee erschließt sich das kommerzielle Viertel der Stadt mit einem großen, Basar-ähnlichen Markt. Wie in Bitola ist dieser Bereich weiterhin von niedriggeschossiger Bebauung geprägt. Auch in der Hauptstadt, vor allem aber in Prizren, ist das bauliche Erbe der Osmanen noch allgegenwertig, was darauf hinweist, dass die Albaner des Kosovos die Formsprache und Bauweise ihrer ehemaligen Herrscher im besonderen Maße als ihr Eigen wahrnehmen.

Fürstinnenpalais in Belgrad, Foto: Manuel Mork

Für Wolfgang Höpken bringt die „beispiellose Zerstörung traditioneller, vor allem osmanischer urbaner Substanz […] in aller Dramatik die Ambivalenz der Moderne“ zum Ausdruck.[14] In Belgrad kam diese zerstörerische, ja erbarmungslose Facette der Moderne in besonderem Maße zum Tragen. Als Hauptstadt war sie natürlich die herausragende Projektionsfläche des serbischen Nationalismus und zudem Zentrum des um die Jahrhundertwende aufkommenden serbischen Bürgertums, das sich in seinen Lebensgewohnheiten an Paris und Wien orientierte.[15] Die alte, orientalisch durchsetzte Stadt bot für diese Zwecke nicht den adäquaten Schauplatz und so kam es in Belgrad zu einer regelrechten Zerstörungswut: Von den über sechzig Moscheen, die man in der Stadt einmal zählen konnte, steht heutzutage nur noch eine.[16] Die Stadt wurde unter großem Kraftaufwand bereits Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer westlich anmutenden Metropole mit repräsentativen Boulevards und Fassaden umgebaut. Vereinzelte Überreste des osmanischen Einflusses aber blieben: Das bekannteste Beispiel hierfür ist die Residenz der Fürstin Ljubica, ein Gebäude, das mit seinem orientalischen Stil einen deutlichen Kontrast zur barocken Kathedrale schräg gegenüber bietet. Der fürstliche Wohnsitz, welcher mit seinem prägnanten Erker und den dunkel hervorgehobenen Fensterrahmen klar in osmanischer Tradition steht, bleibt jedoch eine Besonderheit in einer Stadt, in der man einen radikalen Bruch mit dem osmanischen Erbe und, jedenfalls zeitweise, eine konsequente Orientierung an westeuropäischen Vorbildern suchte.

Die oben angeführten Städte offenbaren recht deutlich die Bandbreite des verschiedenartigen Umgangs mit dem „überreichen architektonischen Erbe“, das die „halbjahrtausendjährige Türkenherrschaft“ auf dem Balkan hinterließ.[17] Im Kosovo kommt meines Erachtens besonders deutlich zum Ausdruck, wie die einheimische Bevölkerung die osmanischen Gepflogenheiten als ihre eigenen verstand und dementsprechend auch architektonisch weiterführte. In Bitola und Thessaloniki betrachtete man jedenfalls Einzelnes als erhaltenswert oder übernahm, um es in den Worten Hans Georg Majers zu sagen, „was immer brauchbar war“.[18] In Belgrad hingegen kam die Zerstörungswut einer Nation zum Ausdruck, die die Verbindungsstücke mit der osmanisch-muslimischen Vergangenheit vollends beseitigen wollte. So kommt über eine Betrachtung des Städtebaus nach dem Ende der Osmanenherrschaft die Vielfältigkeit einer Region zum Vorschein, die man gemeinhin Balkan nennt.

Dieser Beitrag erscheint in der Reihe „Stadtgeschichten aus Südosteuropa“, die Ergebnisse der Lehrveranstaltung „Basare und Boulevards“ am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München (Wintersemester 2016/2017) präsentiert.

Anmerkungen

[1] Höpken, Wolfgang: Die „südosteuropäische Stadt“, in: Thomas M. Bohn/Marie-Janine Calic (Hrsg.): Urbanisierung und Stadtentwicklung in Südosteuropa vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, München/Berlin 2010, S. 67-91, hier S. 67 f. (=Südosteuropa-Jahrbuch, Bd. 37).

[2] Zur Einführung in die Stadtgeschichte vor 1912/13: Calic, Marie-Janine: Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region, München 2016, S. 239-251.

[3] Ibid., S. 243.

[4] Zitiert nach: Ibid., S. 244.

[5] Kiel, Machiel: Osmanische Baudenkmäler in Südosteuropa. Typologie und Verhältnis zur lokalen Kunst – Probleme der Erhaltung in den heutigen Nationalstaaten, in: Majer, Hans Georg (Hrsg.): Die Staaten Südosteuropas und die Osmanen, München 1989, S. 23-76, hier S. 29 f. (=Südosteuropa-Jahrbuch, Bd. 19).

[6] Ibid.

[7] Ibid., S. 64.

[8] Ibid., S. 58.

[9] Müller-Wiener, Wolfgang: Stadtbild und städtisches Leben, in: Türkische Kunst und Kultur aus osmanischer Zeit, Recklinghausen 1985, S. 131-139, hier S. 137 f.

[10] Ibid., S. 138.

[11] Für Kiel ist auch die Tekke ein typisch osmanisches Bauwerk: Kiel, Osmanische Baudenkmäler, S. 23 u. 56 f.

[12] Zum osmanischen Haus siehe: Müller-Wiener, Wolfgang: Haus – Garten – Bad , in: Türkische Kunst und Kultur aus osmanischer Zeit, Recklinghausen 1985, S. 141-151.

[13] Klaus Roth beschreibt diese Aneignung kultureller Strukturen der Osmanen: Roth, Klaus: Osmanische Spuren in der Alltagskultur Südosteuropas, in: Majer, Hans Georg (Hrsg.): Die Staaten Südosteuropas und die Osmanen, München 1989, S. 319-332, hier S. 324 (=Südosteuropa-Jahrbuch, Bd. 19).

[14] Höpken, Die „südosteuropäische Stadt“, S. 74.

[15] Siehe zu Belgrad um die Jahrhundertwende: Calic, Südosteuropa, S. 411-423, hier S. 415 f.

[16] Kiel, Osmanische Baudenkmäler, S. 26.

[17] Kiel, Osmanische Baudenkmäler, S. 23.

[18] Majer, Hans Georg: Aufstieg, Ende und Hinterlassenschaften einer Großmacht – Eine einleitende Skizze, in: Majer, Hans Georg (Hrsg.): Die Staaten Südosteuropas und die Osmanen, München 1989, S. 23-76, hier S. 29 f. (=Südosteuropa-Jahrbuch, Bd. 19).

Quelle: https://erinnerung.hypotheses.org/1299

Über Manuel Mork
Masterstudent der Geschichtswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München / Studentische Hilfskraft bei der Faulhaber-Edition der Deutschen Forschungsgesellschaft

Manuel Mork  21. November 2017
Rubrik: Osmanisches Reich, Türkei

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