Türkei will keine Erinnerungskultur zulassen

Susanne Güsten
Quelle: star.com.tr

Was oder wer steht hinter der Kulturstiftung von Osman Kavala?

 

Seit mehr als einem Jahr sitzt der türkische Kulturmäzen Osman Kavala in Untersuchungshaft. Eine Anklage gibt es bisher nicht und auch keine konkreten Vorwürfe. Dennoch beschimpft Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan persönlich den 60-jährigen öffentlich als Terroristenhelfer. Bei einer Razzia im Morgengrauen letzte Woche wurden ein Dutzend Intellektuelle und Akademiker festgenommen, die mit der Kulturstiftung von Kavala zusammenarbeiten – die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Umsturzversuch vor. Der Staat geht so drakonisch gegen Kavala vor, weil er sich für eine türkische Erinnerungskultur einsetzt.

„Anadolu Kültür“ heißt die Stiftung von Osman Kavala. Das bedeutet „Kultur von Anatolien“, und der Name ist Programm. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die kulturelle Vielfalt von Anatolien, die Kavala vor dem Vergessen und der Zerstörung bewahren will: die uralten einheimischen Kulturen, die von der Türkischen Republik jahrzehntelang vernachlässigt, geleugnet oder unterdrückt wurden – von den Armeniern über die Griechen und Assyrer bis zu den Kurden und Jesiden.


Osman Kavala, Vorsitzender des Kulturinstituts Anadolu Kültür.Foto: Wiktor Dabkowski/Wiktor Dabkowski/dpa

Mit Ausstellungen, Filmen, Konzerten, Austauschprogrammen, Werkstätten und zahllosen weiteren Kulturprojekten bemüht sich die Stiftung, das verschüttete Kulturerbe ans Tageslicht zu holen, bevor es zu spät ist. Eine Erinnerungskultur will Kavala damit schaffen. „Ich stehe für kulturelle Vielfalt“, sagte Osman Kavala in einem Interview mit unserer Zeitung vor zwei Jahren. Das doppelte Ziel der Stiftungsarbeit sei es, kulturelle Vielfalt zu erhalten und Gemeinsamkeiten zu schaffen. „Wir suchen Wege, wie Menschen verschiedener kultureller Hintergründe zusammenarbeiten können“, beschrieb Kavala seinen Ansatz.

Geschichtsverständnis, in dem es keine dunklen Seiten gibt

Das mag anderswo als lobenswert und unanstößig erscheinen, doch in der Türkei ist es politischer Sprengstoff, sagt die Bürgerrechtlerin Eren Keskin: „Osman Kavala und seine Vereine bemühen sich um eine Aufarbeitung der Vergangenheit, und das macht dem Staat Angst“, sagte Keskin unserer Zeitung in Istanbul. Pluralismus und kulturelle Vielfalt passten nicht zur nationalistischen Ideologie der Türkei. Keskin spricht von einer „verlogenen Staatsideologie“, die durch eine vorurteilsfreie Aufarbeitung der Geschichte in Frage gestellt würde.

Weil er mit dem amerikanischen Philanthropen George Soros und mit deutschen Stiftungen kooperiert, wird Kavala in der türkischen Öffentlichkeit unterstellt, im Auftrag eines feindlichen Auslandes die Einheit der Türkei untergraben zu wollen. Denn die türkische Staatsideologie propagiert das homogene Einheitsvolk und ein Geschichtsverständnis, in dem es keine dunklen Seiten gibt. „Der Staat will seiner Vergangenheit nicht ins Gesicht sehen, er will jede Erinnerung daran unterdrücken“, sagt die Anwältin Keskin. „Deshalb wird Osman Kavala von der Justiz selbst nach türkischen Maßstäben besonders drakonisch verfolgt.“

Keine Demokratie und innerer Frieden

Nicht nur Kavala hat darunter zu leiden. Auch die kurdischen Samstagsmütter, die Aufklärung über das Schicksal ihrer in den 90er Jahren von türkischen Polizisten, Soldaten und Geheimdienstleuten verschleppten Söhne fordern, werden neuerdings kriminalisiert; ihre Mahnwachen werden verboten und mit Polizeigewalt niedergeschlagen. Eren Keskin vertritt als Rechtsanwältin einige der Familien. Dass die Mahnwachen verboten werden, habe denselben Grund wie die Inhaftierung von Kavala, sagt sie. „Der türkische Staat entzieht sich einer Aufarbeitung seiner Vergangenheit – und wenn er zur Rechenschaft gezogen werden soll, erhöht er die Repression.“

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Das ist nicht erst seit dieser Regierung so: Seit Gründung der Türkischen Republik hat sich noch jede Regierung geweigert, die Realität des Völkermordes an den Armeniern anzuerkennen, vom Schicksal anderer Völker Anatoliens ganz zu schweigen. So lange die Türkei der Vergangenheit nichts ins Auge sehe, werde sie nicht zu Demokratie und innerem Frieden finden, schrieb der türkische Intellektuelle Cengiz Aktar einmal. Er lebt heute im Exil.

Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/repression-gegen-kulturstiftung-tuerkei-will-keine-erinnerungskultur-zulassen/23668270.html

Susanne Güsten  28. November 2018
Rubrik: Nation, Nationalismus

4 Gedanken zu „Türkei will keine Erinnerungskultur zulassen“

  1. http://parstoday.com/de/news/world-i44785-nach_erdogan_kritik_soros_stiftung_stellt_ihre_arbeit_in_t%C3%BCrkei_ein

    Ankara (27 Nov 2018, ParsToday/AFP) – Nach der scharfen Kritik hochrangiger türkischer Regierungsverantwortlicher an den Aktivitäten der “Open Society Foundation” des US-Milliardärs George Soros hat diese Stiftung am Montag ihre Tätigkeit in der Türkei eingestellt.

    Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte letzte Woche die Interventionen dieser Stiftung scharf kritisiert. Erdogan warf der Soros-Stiftung die Unterstützung für den in der Türkei inhaftierten Unternehmer und Mäzen Osman Kavala vor. Kavala sitzt seit einem Jahr im Gefängnis. Er wurde beschuldigt, Anti-Regierungs-Proteste in 2013 (Gezi-Proteste) sowie den gescheiterten Putschversuch von 2016 finanziell unterstützt zu haben. Kavala hat diese Vorwürfe zurückgewiesen.

    Erdogan gab vor zwei Tagen in Ankara bekannt, dass Osman Kavala mit der Unterstützung von George Soros eine entscheidende Rolle bei den Anti-Regierungs-Protesten im Jahr 2013 in Istanbul gespielt habe.

    Dem jüdischen US-Milliardär George Soros wird vorgeworfen, mit seinen nicht-staatlichen Stiftungen Verschwörungrn gegen andere Länder zu verfolgen.

  2. Osman Kavala ist garantiert aus kavala griechenland bzw seine vorfahren kamen von dort.

    Ich vermute was ich jetzt schreibe wird südosteuropäer nicht gefallen, doch als die sogenannten befreiungskämpfe begannen (in südosteuropa) vertrieben die “christen” die moslems (με το καλημέρα). Auch die spuren in form von religiösen bauten wurden so schnell wie möglich abgerissen. Man weiß weil es dokumentiert ist, nach der gründung des neuen hellenischen staates flohen auch christen ins osmanische reich. Auch wurden aus griechenland regelmäßig angriffe ausgeführt auf das umliegende osmanische reich in seine christliche dörfer die oft massakriert wurden.

    Bei uns ist natürlich die aufarbeitung vorbildlich. Ich habe gelesen in belgrad allein soll es über 200 moscheen gegeben haben im 18 jahrhundert, von den 200 moscheen sind keine dutzend übrig gelassen worden.

    Ich will garnix rechtfertigen. Doch als grieche sehe ich die vergangenheit kritisch und hinterfrage.

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