Washington und die afghanische Falle

Franz Krummbein
Bild: nationofchange.org

Die USA werden zusätzlich 3500 Militärs nach Afghanistan schicken, dabei steigt die dortige Gesamtzahl der amerikanischen Streitkräfte auf 14.500 Soldaten. Unter Trumps Vorgänger Barack Obama hatten die USA zeitweise mehr als 100.000 Soldaten in dem Land stationiert. Der Einsatz ist mit fast 16 Jahren der längste Militäreinsatz der USA.

Zuvor hatte die Zeitung „USA Today“ unter Verweis auf den Gründer des privaten Söldnerunternehmens Blackwater, Eric Prince, geschrieben, das Weiße Haus erwäge einen Plan über die Delegierung des größten Teils der US-Aktivitäten in Afghanistan an private Auftragnehmer. Dem Prince-Plan zufolge sollen 5.500 private Auftragnehmer, vorwiegend ehemalige Angehörige von Sondereinheiten, die afghanischen Streitkräfte im ganzen Land beraten. Der Plan sehe auch die Unterstützung von privaten Streitkräften und die Aufstellung einer privaten Luftflotte mit 90 Kampfjets vor.

Die Privaten wissen, dass sie Kanonenfutter sind, aber sie wollen auch leben, und deshalb feuern sie auf alles, was sich bewegt. „Ich trete entschieden gegen eine verstärkte Rolle privater Militärunternehmen in der amerikanischen Afghanistan-Kampagne ein. Das verletzt die nationale Souveränität und die Verfassung, verlängert den Konflikt und verstärkt das Blutvergießen in Afghanistan. Der Einsatz privater Militärunternehmen ist ein anti-afghanisches Projekt“, sagte  Hamid Karsai,  der Ex-Präsident des Landes.

Für Washington sei Afghanistan eine kostenlose Rohstoffkammer mit all dem Erz, Öl und den Drogen. Die USA wollten in Afghanistan angeblich die Demokratie ins Leben rufen, „haben ihre Truppen dorthin entsandt und die afghanischen Streitkräfte ausgerüstet“, sagte Nabi Paktin, afghanischer Botschafter in Indien. Dann hätten sich die Vereinigten Staaten mit den Drogenbaronen zusammengetan und dabei jene Provinzen ausgesucht, wo die meisten Drogen produziert wurden. Die Amerikaner hätten dann Häuser von Afghanen überfallen. „Das wurde in den Provinzdörfern als Diebstahl und Raub aufgefasst“, erklärt der Botschafter.

Einige Amis hätten ihre Waffen und Ausrüstung an die Regierungsgegner verkauft, die afghanischen Truppen hätten auch mit dem Waffenhandel angefangen. „Die US-Truppen werfen von Helikoptern ganze Waffenladungen ab, für die Kämpfer in den unterschiedlichen Provinzen“, sagt der Experte. Das afghanische Volk wisse: „Die Amerikaner helfen den Taliban und dem IS. Eben deshalb haben die Afghanen aufgehört, ihnen zu vertrauen. Man findet keinen, der gut über Amerika denkt. Mancherorts finden die USA nicht mal mehr Dolmetscher, die mit ihnen zusammenarbeiten wollen.“ Raub sei das einzige, was die Amerikaner in Afghanistan jetzt noch täten. „Sie können den Krieg nicht gewinnen, weil er schon verloren ist. Sie versuchen jetzt, alles in die Finger zu kriegen, was sie noch können: Geld, Drogen“, betonte Nabi Paktin.

Afghanistan hat zu viele Mohnpflanzen; Heroin bringt für die US-Administration sehr viel Geld. Aber den Afghanen gehe es indes immer schlechter: die Wirtschaftssituation wird schlimmer, Korruption und Vetternwirtschaft grassieren. Die Amerikaner haben bis heute keine einzige Schule, kein einziges Krankenhaus aufgebaut. Im Land wachsen die Proteststimmungen gegen die westliche Okkupation, wie man in Afghanistan die Präsenz der ausländischen Truppen nennt. Solange die Vereinigten Staaten in Afghanistan bleiben, solange wird es dort Krieg und Elend geben.

Die USA allein haben bisher 60 Milliarden Dollar für die Finanzierung der afghanischen Streitkräfte ausgegeben, schreibt “Neue Zürcher Zeitung”. Doch die Verlustraten sind hoch. Allein im vergangenen Jahr verloren die Afghanen mehr Sicherheitskräfte als die gesamte NATO-Mission in den vergangenen 15 Jahren, sendete Deutschlandfunk. Korruption behindert den Nachschub und die Auszahlung der Gehälter. Kämpfende Soldaten klagen über Hunger und fehlende Munition. Viele desertieren oder laufen über – während jedes Gefecht und jeder Selbstmordattentäter das Vertrauen der Afghanen in ihren Staat weiter zerstören.

„Das große Problem bei den afghanischen Streitkräften sind innere Bruchlinien. Bis eben ist die Zusammensetzung ethnisch unausgewogen, was dazu führt, dass häufig Leute in Gebiete kommen, wo sie nicht heimisch sind und als Fremde empfunden werden“, sagte der langjährige Afghanistan-Kenner Thomas Ruttig.

Die Reduktion der afghanischen Armee hielten viele für verfrüht. Auch das kann noch einmal zu einer Verschärfung der Lage führen. Vor allem die schiitischen Hazara seien immer schon einer Verfolgung ausgesetzt gewesen. Der stellvertretende Generalstabschef ist derzeit ein Hazara namens General Morad Ali Morad. Er gilt in Afghanistan als Held. General Morad hat weitgehende Befehlsbefugnisse und befehligt derzeit in verschiedenen Provinzen wie Kunduz, Baghlan oder Helmand die Operationen gegen die Taliban.

Dem Iran gelang es 1992, den Tadschiken Massud, den Usbeken Raschid Dostum sowie Vertreter der ethnischen Hazaras zur ersten Nordallianz zusammenzuschließen.  Die Mitglieder der Nordallianz sind ehemalige Mudschaheddin, die in den 80er Jahren mit massiver Hilfe aus dem Westen die sowjetischen Besatzungstruppen bekämpften. Eine massive Truppenreduktion ist ein Schlag gegen Positionen der Nord-Allianz (Tadschiken, Usbeken, Hazara) in der afghanischen Armee. Diese sehen darin eine bewusste Vernachlässigung ihrer Interessen. Natürlich haben sich da immer mehr Menschen den Regierungsfeinden angeschlossen, und der Krieg wurde nur noch schlimmer.

Die Sicherheitslage in dem Land hat sich mit dem Erstarken der radikalislamischen Taliban zuletzt wieder deutlich verschlechtert. Auch heute wird in 31 von 34 afghanischen Provinzen gekämpft. Es ist ein Schlachtfeld ohne Fronten, auf dem Taliban, Al Qaida, der selbsternannte IS und dutzende marodierende Milizen und kriminelle Banden konkurrieren.

In den vergangenen Monaten haben Kämpfer der sunnitischen Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) schiitische Moscheen vielmalig angegriffen wie auch Versammlungen der schiitischen ethnischen Minderheit der Hasara. Die Hazara, mit etwa fünf Millionen Angehörigen die drittgrösste Volksgruppe des Landes, ist in Afghanistan seit Generationen nicht nur Gewalt, sondern auch unterschiedlichen Formen der Diskriminierung ausgesetzt. Erst mit dem Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen im Zuge der kommunistischen Machtergreifung Ende der 1970er Jahre gelang es den Hazara, eine gewisse Autonomie und schließlich auch eine gemeinsame politische Führung zu erlangen. Während des Bürgerkrieges und der darauffolgenden Herrschaft der Taliban kam es mehrmals zu Massakern an den schiitischen Hazara. Nach dem Sturz der Taliban waren die Hazara immer in den verschiedenen Regierungen Präsident Hamid Karzais vertreten, schreibt “ÖIF-länderinfo”.

Die Amerikaner formierten während ihres Aufenthalts in diesem Staat die Kompadorelite, die aus Afghanistan zu den Koalitionstruppen flieht. Mehr noch. Die gewaltsame Variante der Neutralisierung der Taliban-Bewegung ist ausgeschöpft und hat keine weiteren Perspektiven. Die Amerikaner sind gezwungen, geheime Verhandlungen mit ihren Gegnern – den Taliban-Kämpfern – aufzunehmen.

Die afghanische Regierung unterstützt eine Reihe radikaler Taliban-Fraktionen finanziell, um deren Leiter zur Teilnahme an Friedensverhandlungen zu bewegen, teilt The Wall Street Journal. Die Hazara stehen aufgrund ihrer historischen Erfahrungen der Taliban-Bewegung feindlich gegenüber. Falls es zu einer Einigung zwischen der afghanischen Regierung und Teilen der Aufständischen kommt, könnte dies den Hazara zum Nachteil gereichen. Der deutsche Journalist, Sozialwissenschaftler und Autor Olaf Ihlau meinte, die starken Volksgruppen des Nordens, Tadschiken und Usbeken wie auch die schiitischen Hazara, werden eine Rückkehr der Taliban kaum kampflos hinnehmen. Doch die Schlussfolgerung ist eindeutig: den Afghanen muss letztlich gestattet werden, ihr Schicksal selbst zu bestimmen.

Franz Krummbein  11. November 2017
Rubrik: Global

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