Die Erfindung der Balkanvölker

Torsten Tyras

Eine Rezension zu Sabine Riedels Monographie: Die Erfindung der Balkanvölker. Identitätspolitik zwischen Konflikt und Integration. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005. 386 S. ISBN 978-3-8100-4033-9.

Diese vergleichende Analyse von zehn Konfliktherden in Südosteuropa (unter anderem Bosnien-Hercegovina, Kosovo, Republik Makedonien) belegt, dass die beteiligten ethnischen Identitäten das Resultat unserer Moderne sind. Mit Hilfe der Methode der Dekonstruktion zeichnet das Buch deren Entstehungsgeschichte nach und diskutiert dabei die Konfliktdimension ethnischer Proporzsysteme. Dem gegenüber steht als Alternative die integrative Kraft des politischen Nationsmodells eines ethnisch neutralen Verfassungsstaats.

Sabine Riedel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin und Privatdozentin für Politikwissenschaft an der Universität Magdeburg.

Vorwort Prof. Dr. Erhard Forndran zu Sabine Riedels „Die Erfindung der Balkanvölker“

Die Vorliegende Sludie „Die Erfindung der Balkanvölker. Identitätspolitik zwischen Konflikt und Integration“ ist als ein Habilitationsprojekt am Institul für Polilikwissenschaft der Otto von Guericke—Universität Magdeburg entstanden. Im Rahmen einer interdisziplinären Forschungsgruppe konnte die Autorin ihre politikwissenschaftlichen, islamkundigen und linguistischen Kompetenzen einbringen, um folgende Forschungsfragen zu bearbeiten:

Welche Identitätsmuster und welche Formen von Identitätspolilik sind bei den aktuellen Konflikten in Südosteuropa wirksam? Wie ist der Faktor Identität als Teil der Politik in die Debatte um Grundwerte von von Gesellschafiten, Staaten und internnalionalen Konflikten einzuordnen? Und schliefllich: Welches Konzept bietet sich an, um die mit Identitätspolitik verknüpften innerstaatlichen und internationalen Konfliklen friedlich zu lösen?

Unsere Autorin ist sich bewußt, daß zwischen den verschiedenen Konzepten einer Identitätspolitik in bezug auf Systemstabilität und Integrationswirkung sowie andererseits in bezug auf mögliche konfliktträchtige Folgen unterschieden werden muß. Die Konzepte können unter anderem dadurch voneinander abweichen, daß sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Förderung allgemeiner Zufriedenheit und der Zustimmung zu friedlicher Streitregelung stärken oder aber daß sie durch Ausgrenzung des Fremden in der Verunglimpfung des anderen münden und so zur Keimzelle gewaltsamer Konflikte werden. Das Ziel der Studie ist also nicht die Begründung einer Beseitigung jeder Form von Identitätspolitik, sondern die Beantwortung der Frage, die sowohl an die Wissenschaften als auch an die Politik zu stellen ist, welche Art von Identitätspolitik entsprechend den übergeordneten Beurteilungskriterien menschenrechts- und demokratiekonform ist und damit sowohl dem Anspruch des Friedens wie der systemnotwendigen gesellschaftlichen Integration nahekommt.

Diese Problemannäherung führt für den Fortgang der Argumentation zu zwei wichtigen Folgerungen, welche die Autorin fundiert begründet: Erstens zeigt sie, daß Identitätspolitik als zielgerichtete, handlungsorientierte und interessengebundene Aktivität zu interpretieren ist. Daraus folgt zweitens, daß die Analyse von Identitätspolitiken von einem konstruktionstheoretischen Ansatz auszugehen hat. Letzteres führt dann zwangsläufig zu einem Abschied von einem essentialistischen Kulturverständnis, Herkunft, Geschichte, Spache und ReligIon slellen in dieser Sicht keine objektiven Wesenheiten dar…

Rezension Torsten Tyras

Bei der vorliegenden Monographie handelt es sich um die Habilitationsschrift Sabine Riedels, die am Institut für Politikwissenschaft der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg entstanden ist. Nach Angaben ihres Betreuers, des Politologen Erhard Forndrans, wird Riedels interdisziplinärer Ansatz von ihren politikwissenschaftlichen, islamkundlichen und linguistischen Kompetenzen getragen, mittels derer sie drei Fragestellungen zu untersuchen beabsichtigt:
1. Welche Identitätsmuster und welche Formen von Identitätspolitik sind bei den aktuellen Konflikten in Südosteuropa wirksam?
2. Wie ist der Faktor Identität als Teil der Politik in die Debatte um Grundwerte von Gesellschaften, Staaten und internationalen Konflikten einzuordnen?
3. Welches Konzept bietet sich an, um die mit Identitätspolitik verknüpften innerstaatlichen und internationalen Konflikte friedlich zu lösen? (S. 11).

Weiterhin erfährt der Leser in den einführenden Worten Forndrans, dass Riedel ihrer 386 Seiten umfassenden Abhandlung die grundlegende These voranstellt: „Identitätspolitiken seien durch interessierte politische Akteure konstruiert, dienten der Machtgewinnung beziehungsweise Machterhaltung von Eliten und führten durch die Konkurrenzkonstellation häufig zu politischer Instabilität bis hin zu gewaltsam ausgetragenen Konflikten“ (S. 12).

Als bezeichnendes Kriterium der Untersuchung wird darauf hingewiesen, dass die Autorin „bewusst auf eine umfassende Theoriebildung“ (ebd.) verzichtet; vor dem Hintergrund einer zu erwartenden interdisziplinären und vergleichenden Studie zur Abstraktion von Konfliktpotentialen und ihrer Steuerung ein, möchte man meinen, nicht ganz risikoloses Unterfangen.

Allerdings bleibt der Leser nicht ganz ohne theoretische Grundlagen zur Deutung der Materie von etwa 130 Jahren Geschichtsinterpretation bzw. -beanspruchung (Kap. 3), Ethnizitätsphilosophie (Kap. 4) und Kulturalismusdebatte (Kap. 5). Ihrem zentralen Begriff Identitätspolitik stellt sie methodisch die „Anwendung des konstruktionstheoretischen Ansatzes“ zur Seite, mit dem sie ihren Untersuchungsbereich, das „konfliktwirksame Identitätsbewusstsein“, zu dekonstruieren versucht (S. 21). Im zweiten, 25 Seiten umfassenden Kapitel „Bestimmung der Begriffe und Forschungsansatz“ stellt sie sich die Aufgabe, die Begriffe Kultur, kulturelle Identität, Identitätspolitik, ethnische Gruppe, Nation, Reich, Vielvölker-, National-, Verfassungsstaat, Dialekt, Schrift-, Standard- und Amtssprache voneinander abzugrenzen und sie methodisch für die anschließende Analyse greifbar zu machen. Einmal abgesehen vom geringen Raum, den sie dafür aufwendet, bleibt sie zusätzlich in ihren Ausführungen vage und scheinbar arbiträr, wenn sie u.a. schreibt: „Die spezifische Fähigkeit zur Flexibilität mit der Möglichkeit für Innovationen charakterisiert eine bestimmte Kultur. Dieser Kulturbegriff erlaubt uns einen weiteren wichtigen Schritt zur Erforschung der Kulturen, nämlich die Frage, wer oder was diese dynamischen Strukturen in Bewegung versetzen kann“ (S. 26f.).

Nicht nur, dass sie, ohne es anderweitig kenntlich zu machen, den Begriff Kultur als Politikum verwendet, d.h. nur auf Staatsgebilde bezogen, setzt sie durch die zweideutige Bezeichnung Kulturbegriff ihren Versuch einer Begriffsdefinition mit (s)einer kontextuellen Verwendung gleich. Ihr Vorgehen ist exkursorisch und wirkt stellenweise gesucht. Anstatt die einzelnen Theorieansätze ihrer voluntativ zu vereinenden Disziplinen klar zu kennzeichnen, referiert sie beliebig auf verschiedene Theoretiker, die sie hin und wieder anhand ihrer fachlichen Ausrichtungen kennzeichnet, um dann aus ihren Überlegungen in unbestimmter Reihenfolge Thesen und/oder Begriffsdefinitionen abzuleiten. Trotz mehrfacher Andeutung kommt sie nicht zu einer methodischen Erschließung ihres dekonstruktivistischen Ansatzes. Ebenso bleibt sie dem Leser einen Ausblick auf den späteren Vergleich ihrer spezifizierten und analysierten Konfliktsituationen schuldig.

Die von ihr im dritten Kapitel analysierten zehn Identitätskonflikte umfassen den serbisch-kroatisch-muslimisch/bosnjakischen, den serbisch-albanischen, den gegisch-toskischen, den albanisch-makedonischen, den bulgarisch-makedonischen, den griechisch-makedonischen, den türkisch-griechisch-pomakischen, den türkisch-bulgarisch-pomakischen, den rumänisch-moldauisch-russischen und den ungarisch-rumänischen Identitätskonflikt. Sie untersucht die Konflikte hinsichtlich ihres/r

1. aktuellen politischen Streitpunktes,
2. Konfliktkonstellation und Vorgeschichte,
3. Akteure und Ziele der Identitätspolitik,
4. Dekonstruktion der Identitäten,
5. Chancen und Hindernisse einer Konfliktlösung.

Ihre zusammenfassende Darstellung ist im Rahmen der wissenschaftlichen Betrachtung Südosteuropas bisher einzigartig. Sie nutzt den ihr zur Verfügung stehenden, begrenzten Raum, um konsequent ihrer zentralen These (s.o.) Nachdruck zu
verleihen. Allerdings bleibt sie auch hier für den Nicht-Politologen ohne befriedigende Aussagen. Ihre Struktur zeigt wiederum Lücken, wenn sie mitten im Text anfängt, Begriffe zu definieren (S. 70, 98), während der Analyse noch einmal auf den Sinn eines gegenwärtigen Analysekapitels verweist (S. 70), zu rein hypothetischen Aussagen kommt, ohne sie abschließend zu klären (S. 83, 86, 91), oder wenn von ihr gezeichnete Kausalitäten fraglich bleiben: „Doch zur selben Zeit, als sich im Jahre 1929 auch der Name ‚Königreich Jugoslavien‘ durchsetzte, wurde das neue parlamentarische System durch eine Königsdiktatur unter der Herrschaft des serbischen Königshauses ersetzt. Damit geriet der Jugoslavismus von Anbeginn an in das Fahrwasser des serbischen Nationalismus“ (S. 54).

Im vierten Kapitel analysiert sie die unter drittens gewonnenen Einzeldarstellungen anhand der imagologischen Kategorien Selbstwahrnehmung und Fremdbezeichnung (4.1.), die sich in den Faktoren ‚Identitätswechsel‘ (4.2.), ,Ethnische Differenz‘ (4.3.), ‚Externe Akteure‘ (4.4.), ‚Typenbildung‘ (4.5.) und ‚Auswärtige Identitätspolitik‘ (4.6.) wieder finden. Die in diesem Kapitel versuchte kritische Diskussion zur generierenden Reichweite ethnographischer Karten bei den südosteuropäischen Grenzziehungen im 19./20. Jh. wird von der konträr gegenüberstehenden und Thesen bestimmenden Aussage überschattet, dass die Karten aus der „Phantasie [des jeweiligen Geographen] erwachsen“ (S. 233), die eine fehlende Tiefenanalyse ihres tatsächlichen Ursprungs mit sich bringt. Dem Leser letztlich bleibt die Entscheidung, sich zur Deutung der hypothetischen Aussagen Riedels seiner eigenen Phantasie zu bedienen oder aber ihre Arbeit als Anstoß zu nehmen, um auftauchende Fragen für den wissenschaftlichen Diskurs wie folgt aufzubereiten: „Während die Kohäsionskraft innerhalb einer bestimmten ethnischen Gruppe jeweils von den konkreten historischen Kontextbedingungen abhängt, hält die Eigenschaft einer Zuordnung je nach Identitätsfaktor unterschiedliche Möglichkeiten bereit: Ist sie bei der Religion meist eindeutig (z.B. entweder Muslim oder Christ), kann sich die sprachliche Zuordnung einer Bevölkerungsgruppe auch auf mehrere Sprachen beziehen. Dieses Phänomen ist vor allem in Regionen mit einer Zwei- oder Mehrsprachigkeit anzutreffen, so z.B. auf der Balkanhalbinsel vor der Nationalstaatenbildung. Mit der Eigenschaft der Formbarkeit erweist sich die Sprache ebenso wie die beiden Identitätsfaktoren Geschichte und Politik als extrem flexibel, während der Faktor Religion als begrenzt formbar und das Kriterium der Abstammung als nicht formbar gilt“ (S. 251).

Aus dem hier präsentierten Sachverhalt ergeben sich folgende Fragestellungen:
i) Hängt die Kohäsionskraft ausschließlich von ihren historischen Kontextbedingungen ab;
ii) was ist die Eigenschaft einer Zuordnung;
iii) welches sind die unterschiedlichen Möglichkeiten der Zuordnung;
vi) ist ein Muslim gleich ein Muslim;
v) was unterscheidet eine Identität vor, während und nach der Nationalstaatenbildung;
vi) inwiefern ist die „Formbarkeit“ der Sprache mit der „Formbarkeit“ von Geschichte und Politik vergleichbar;
vii) wieso ist „Abstammung“ ausgerechnet im Kontext der von ihr angeführten Identitätspolitik nicht formbar?

Abschließend lässt sich ohne Zweifel festhalten, dass Sabine Riedels Programm über alle Maßen reichhaltigen Gesprächsstoff liefert und diese Diskussion auch benötigt. Auch wenn die Verfasserin nicht zur abschließenden Klärung ihrer eingangs gesetzten Fragestellungen kommt, so bleibt doch zu berücksichtigen, dass ihre Untersuchung aus politikwissenschaftlicher Sicht als innovativ zu betrachten ist. Ihr mehrfach bekundetes Anliegen der unparteiischen Darlegung (S. 21, 231) sowie die Intention einer Konfliktlösung sind fraglos ehrenwert und nachvollziehbar. Ihre Formulierungen sind Herausforderung und Ansporn zugleich, die von ihr festgemachten Kritikpunkte weiterhin im Auge zu behalten und bspw. den Bereich der jeweiligen staatlichen Eigeninitiativen zur Konfliktbekämpfung einmal näher zu
beleuchten.

Torsten Tyras
Jena
Zeitschrift für Balkanologie
ZfB, 45 (2009) 1, 145-147

Torsten Tyras  21. Juli 2017
Rubrik: Balkan/Osteuropa/Kaukasus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.