„Muftis and Politics in Thrace, Northern Greece“

Religion, bei der Bildung der Nationalstaaten als Merkmal nationaler Zugehörigkeit und Unterscheidung von Griechen und Türken, wurde in der nordgriechischen Region Thrakien zum Auslöser eines ethnischen Grenzziehungsprozesses zwischen Muslimen und Christen, der sich zu einem neuen Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei ausartete

Emmanuel Sarides: „Muftis and Politics in Thrace, Northern Greece“
Referat, gehalten am Symposium „Power/Freedom: Politics, Social Life, and the Arts in Modern Greece“, Minneapolis, MN, October 19-22, 1989
Panel A. 3  : „The Politics of Identity“ (October 20)

Freie Universität Berlin
Fachbereich Politische Wissenschaft
Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients
Ihnestr. 31, 1000 Berlin 33

ABSTRACT

Religion, bei der Bildung der Nationalstaaten als Merkmal nationaler Zugehörigkeit und Unterscheidung von Griechen und Türken, wird in der nordgriechischen Region Thrakien zum Auslöser eines ethnischen Grenzziehungsprozesses zwischen Muslimen und Christen, der sich zu einem Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei ausartet. Je mehr Unterstützung die Eliten und der Klerus der Muslime von der Türkei und gewissen arabischen Ländern erhalten, umso radikaler werden ihre Forderungen und Aktionen, umso mehr engt sich aber auch der Spielraum griechischer Behörden, die bestehenden restriktiven Maßnahmen gegen die Muslime aufzuheben. Thrakien, neben Zypern und der Ägäis bereits der dritte Konfliktherd in den Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei, birgt die Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen beiden Ländern in sich und trägt zur Verewigung deren Unterentwicklung bei.

I. EINFÜHRUNG

„Suya Düsen Yilana Sarilir“ („Ins Wasser gefallen, würde man sich sogar an einer Schlange festhalten“)
Noch heute gebräuchliches Sprichwort der Muslime Griechisch-Thrakiens

In letzter Zeit stehen sich in Griechisch-Thrakien griechische Staatsbürger feindlich gegenüber: Muslime und Christen. Die Artikulatoren der Muslime, allen voran der Klerus, werfen Griechenland Missachtung der Menschenrechte und Diskriminierung der Muslime vor. Sie betonen, daß alle Muslime Thrakiens „Türken“ sind, die Türkei deren Heimat. Sie werden deswegen von den griechischen Behörden beschuldigt, Agenten Ankaras zu sein und eine antigriechische Politik zu betreiben. Auch wird aus Angst vor einer türkischen Irredenta eine Politik der „Ausdünnung“ Thrakiens vom muslimischen Element betrieben, wozu die selektive Anwendung gewisser Restriktionsmaßnahmen gehört. Im Konflikt hat sich auch der christliche Klerus eingeschaltet, der als Reaktion auf Demonstrationen und Aktionen der Muslime Gegendemonstrationen organisiert. Eine Eskalation des Konflikts in Thrakien scheint unausweichlich.

Im Konflikt ist die Türkei Partei, aus dem Lausanner Abkommen von 1922/23 leitet sie den Anspruch, sie in ihrer Obhutspflicht nehmen zu können. In der Türkei hat sich außerdem eine Öffentlichkeit hergestellt, deren Anteilnahme am Schicksal der „Blutsbrüder“ in Griechenland von erheblichen innenpolitischen Gewicht ist. Thrakien ist deswegen, neben Zypern und der Ägäis, zu einem dritten Konfliktherd in den Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei geworden. Die Gefahr, daß mögliche irredentistische Aktionen in der Region einen Krieg zwischen beiden Ländern auslösen können, ist nicht zu unterschätzen.

Der Thrakien-Konflikt ebenso wie die Nationalitäten- und Loyalitätskonflikte in Bulgarien, Kosovo, der Sowjetunion und in anderen sozialistischen Ländern sind Zündschnüre, die nicht nur den Pulverfass-Balkan, sondern ganz Osteuropa zur Explosion bringen können. Eine Typologisierung dieser Konflikte ist zwar wegen der fehlenden komparativen Forschung nicht ohne weiteres möglich. Sie weisen aber Charakteristika auf, die auf gemeinsame historische Wurzeln und Aktivierungsmechanismen hindeuten. Konstatierbar ist beispielsweise, daß die davon betroffenen Länder multiethnische Gebilde darstellen oder aus multiethnischen Gebilden hervorgegangen sind, deren Territorialgrenzen willkürlich gezogen wurden und Siedlungsgebiete ethnischer Gruppen durchschneiden, deren historische Tradition viel weiter zurückgeht als die Existenz der Staaten, denen sie zugeteilt wurden (EIKENBERG 1987:72). Die gleichen Muster weisen auch die Folgen ethnischer Konflikte in den davon betroffenen Ländern und Regionen: die innenpolitischen Krisen, die sie auslösen, tragen zur Destabilisierung des politischen, sozialen und ökonomischen Lebens bei und greifen schnell auf Nachbarländer über, zu denen ethnische Gruppen sprachliche, religiöse oder kulturelle Bezüge haben. Ein drittes Charakteristikum ist deren Relation zu den außenpolitischen Strategien der Industrieländer.

Weder die Typologisierung der gegenwärtigen ethnischen Konflikte auf dem Balkan und in Osteuropa, noch deren Zuordnung zu einem System internationaler Beziehungen ist einfach. Beides erfordert eine Auseinandersetzung mit den Hauptströmungen in den Theorien internationaler Beziehungen, auf die hier verwiesen wird1. Hier wird von einer Zentrum-Peripherie Topographie ausgegangen2.

Probleme sozialistischer und kapitalistischer Staaten im Einheitsraster einer Zentrum-Peripherie Theorie zu untersuchen ist nur auf den ersten Blick paradox. Wie WALLERSTEIN (1974) beispielsweise nachgewiesen hat, gibt es eine einzige, kapitalistische Weltwirtschaft, bei der die Industrieländer des Zentrums über den Rest des als Halbperipherie und Peripherie definierten Globus herrschen und zwar in der Weise, daß die Stärkung der Staatsmaschinerie im Zentrum in der Schwächung der Staatsmaschinerie in der Peripherie ihr Gegenstück hat (403 f)3. Bedeutung und Folgen politischer Kämpfe von ethnischen Gruppen oder Klassensegmenten innerhalb nationaler Grenzen, können deshalb nur in bezug auf die Position des jeweiligen Nationalstaats in der Weltwirtschaft richtig analysiert werden (406 f).

Die Position Griechenlands im kapitalistischen Weltsystem ergibt sich nicht aus seiner formalen Mitgliedschaft zu zentralen Allianzen und Organisationen wie NATO und Europäische Gemeinschaft, Griechenland ist faktisch ein unterentwickeltes, peripheres Land, das in absoluter Abhängigkeit von den westlichen Industriezentren steht (SARIDES 1989:11). Gleiches gilt auch für seinen Gegenpart, die Türkei. Nicht die Summe der Indizes ist maßgeblich zur Bestimmung der Entwicklung oder Unterentwicklung beider Länder als vielmehr die Beschlüsse von Jalta, welche die Weichen zur politischen Neuordnung des Nachkriegseuropas stellten4. Diese hatten für die einzelnen europäischen Länder recht unterschiedliche Konsequenzen: während sie für Frankreich und (West)-Deutschland beispielsweise das Ende jahrhundertealter Hegemonialkämpfe und Feindschaften und die Integration im umstrukturierten Zentrum bedeuteten, waren sie für Griechenland und die Türkei der Beginn einer neuen Phase, die sie endgültig der Krisenregion Nahost überführte. Kein Wunder, daß der Frühling, der nach dem Lausanner Vertrag 1922/23, in der Zeit der sogenannten großen Staatsmänner Eleftherios Venizelos und Kemal Atatürk Einzug in deren Beziehungen hielt, dort sich in einen „heißen Sommer“ in Permanenz verwandelte. Militärputsche, innenpolitische Labilität und die zwischenstaatlichen Konflikte, die seitdem deren jeweilige Tagesordnung prägen, machen den Alltag schwer und das allseits geforderte und von ihnen angestrebte Imperativ, eine sozioökonomische Entwicklung westlichen Musters, zur Chimäre.

In diesem Kontext sind Untersuchungen über ethnische Konflikte in Griechenland und der Türkei, die sich bloß auf die endogenen Ursachen der zwischen ihnen bestehenden Konflikte beschränken, Fragmente, sie bleiben es sogar selbst dann, wenn sie die Schuld daran, wie bei griechischen und türkischen Autoren üblich, dem jeweiligen „Gegner“ in die Schuhe schieben. Auch wäre es töricht anzunehmen, daß eine Kompromisslösung, die über einen Teilkonflikt erzielt würde, die Lösung der übrigen Konflikte zufolge hätte. Ein völliges Verheilen der griechisch-türkischen Krankheit kann es vielmehr erst dann geben, wenn diese vorher einer gründlichen Diagnose unterzogen wird.

Zur Zeit ähneln die Symptome Krebsgeschwüren, da sie laufend neue Metastasen bilden: allein der Ägäis-Konflikt zerfällt heute in einer Reihe Teilkonflikte wie den Konflikt um die Festlegung des Festlandssockels, die Festlegung der Küstenzone und der FIR (Flight Information Region), die (Ent-)Militarisierung der der kleinasiatischen Küste vorgelagerten griechischen Inseln, und – neu – die Klärung der Zuständigksbereiche für Rettungsaktionen zu Wasser. Zeitweise virulent gewordene Konflikte haben die beiden Länder bereits zwei mal bis an den Rand einer kriegerischen Auseinandersetzung geführt5. Trotz einer Vereinbarung der Ministerpräsidenten Papandreou und Özal im schweizerischen Davos 1988, einen Annäherungsprozeß einzuleiten, um die bestehenden Konflikte abbauen zu können, sind bis zum heutigen Tag Fortschritte nicht erkennbar. Es sind ohnehin keine Fortschritte zu erwarten, solange es keine gründliche Analyse griechisch-türkischer Konfliktdeterminanten geleistet wird, die endogene und exogene Konfliktfaktoren offenlegt.

II. KONFLIKTDETERMINANTEN

Die in Thrakien lebenden Muslime sind der Rest der muslimischen Bevölkerung Griechenlands, die nach dem Lausanner Abkommen 1922/23 gegen die christliche Bevölkerung der Türkei ausgetauscht wurde. Ihr Status als eine religiöse Minderheit ergibt sich aus Art. 37-44 des Lausanner Abkommens, welche die Türkei verpflichten, die Religionsausübung, den Zugang zu öffentlichen Ämtern, die Gründung eigener Schulen und sozialer Einrichtungen, „fromme Stiftungen“ und Muttersprache der vom Bevölkerungsaustausch ebenfalls ausgenommenen christlich orthodoxen Bevölkerung (Rum/Römer) Istanbuls und der beiden nach Art. 14. des Lausanner Vertrags der Souveränität Ankaras unterstellten Inseln Imbros (türkisch: Imroz, später Gökceada) und Tenedos (türkisch: Bozcaada) zu garantieren und Art. 45 desselben Abkommens, der von der griechischen Regierung gleiches für die nichtaustauschbaren (établis, unexchangeable, mübadile) Muslime Thrakiens fordert6.

Vor allem die Auslegung dieser Bestimmungen bildet seitdem einen permanenten Konfliktstoff sowohl zwischen Griechenland und der Türkei, als auch zwischen Muslimen und Behörden in Thrakien. Im Zentrum der Reklamationen türkischer Politiker und Intellektuellen und muslimischer Eliten in Thrakien steht die Definition des Status der Muslime, die von ihnen vehement als Türken bezeichnet werden7. Daneben haben sie einen ganzen Katalog von gegen die Muslime gerichteten Behördenmaßnahmen zusammengestellt, wo u.a. die Nichterteilung von Baugenehmigungen, unrechtmäßige Enteignungen von Grund und Boden oder Nichteinstellung der von muslimischen Eltern erwünschten Schullehrer beklagt werden (SADIK 1987). Solche Beschwerden werden oft internationalen Organisationen zwecks einer Verurteilung Griechenlands vorgelegt8.

Diese konzertierte Aktion, bislang ohne ernsthafte wissenschaftlich-politische Erwiderung oder Richtigstellung seitens Griechenlands allen möglichen internationalen Foren präsentiert und gravierende Fehler in der Muslimepolitik der griechischen Nachkriegsregierungen haben zur Herstellung einer internationalen Öffentlichkeit beigetragen, die auf Seiten „der unterdrückten“ Muslime Thrakiens steht und deren weitere Türkisierung fördert. Diese Entwicklung ist nicht nur ein Armutszeugnnis griechischer Türkei- und Muslimepolitik, sie ist auch ein Beweis dafür, daß die in Griechenland verbreitete Auffassung, wonach zwischenstaatliche Konflikte mit der Türkei ausschließlich dem „Erzfeind“ und den USA anzulasten sind, falsch ist. Sie ist falsch, weil sie die Kardinalfehler griechischer Politiker und Diplomaten vertuscht, die ohne Elementarkenntnisse der Funktion des Systems internationaler Beziehungen eine Politik machen, die Griechenlands Lage von Jahr zu Jahr verschlimmert. Der tumbe Nationalismus, den sie an den Tag legen, soll oft die Plünderung der Staatskassen verbergen.

Wie auch immer, von einem türkischen Bewußtsein bei den Muslimen Thrakiens konnte bis zu den Balkankriegen, dem Anschluß Thrakiens an Griechenland und noch bis zu den 30er Jahren nicht die Rede sein. Ein solches Bewußtsein hatte es im Osmanischen Reich ohnehin nicht gegenben, die osmanischen Millets waren religiös definiert. Auch Begriffe wie Türke und Türkei sind relativ neu, sie sind zur Zeit des „nation building“ in Südosteuropa aus Westeuropa importiert worden und können nicht für die osmanischen Muslime Thrakiens verwandt werden, die bei den Balkankriegen Regionalisten waren, wie die Gründung der – kurzlebigen – Republik Gümülcine 1913 zeigt, die sowohl gegen die kemalistischen Jungtürken als auch gegen die Pforte gerichtet war. Lange nach dem Bevölkerungsaustausch verbannten die Kemalisten in der Türkei, in Übereinstimmung mit der griechischen Regierung, ihre Gegner, die Anhänger des Kalifats, in Griechisch-Thrakien9.

Den Weg zur Türkisierung der Muslime Thrakiens öffneten das unter der zunehmenden Konsolidierung und Reputation der Türkei weitgehende Abschmelzen der religiös-politischen Differenzen zwischen konservativem Klerus und Anhängern der Reformen Kemal Atatürks und die endgültige Aufgabe der Autonomiebestrebungen der Gründer der „Gümülcine“-Demokratie. Zu ihrer Türkisierung hat auch ihre Einbeziehung in die türkische Politik der „außerhalb der Türkei lebenden Türken“ als „West-Thrakien Türken“ in den 50er Jahren beigetragen und die damit einhergehende politisch-ideologische Kohäsion von Eliten und Klerus, die in der Bildung einer gemeinsamen Front gegen Griechenland führte10. Den Ausschlag hat aber die Entscheidung der griechischen Regierung 1954 gegeben, die Begriffe „Muslime“, „muslimisch“ durch „Türken“ und „türkisch“ zu ersetzen#. Sie sollte eine  „Geste“ zur Türkei sein, die als Reaktion auf die „Enosis“, die Forderung nach einem Anschluß Zyperns an Griechenland, die „Türken“ Zyperns entdeckt und deren Interessen wahrgenommen hatte. Der Türkei und der internationalen Öffentlichkeit sollte am Beispiel Thrakiens demonstriert werden, daß eine „Enosis“ keine Gefahr für die Muslime Zyperns bedeuten würde.

Hinzu kam die Flut „wissenschaftlicher“ Literatur, die sich nach den 50er Jahren in der Türkei vor allem mit dem Erbringen des Nachweises des „Türkentums“ der Muslime Thrakiens und mit Klagen gegen griechische Diskriminierungsakte und Menschenrechtsverletzungen befaßt. Danach sollen alle Muslime Thrakiens, die Rumeli Türken, die Zigeuner und die sogenannten Araber Türken sein, was auch immer dies angesichts der jahrhundertelangen Assimilationen, der hunderttausendfachen Konversionen und der gewaltigen Bevölkerungsverpflanzungen auf dem Gebiet des Osmanischen Reichs bedeuten mag. Selbst die blond-blauäugigen, slawischsprachigen Pomaken sollen die reinsten Türken sein und aus Zentralasien abstammen#. Griechisch-Thrakien wird als ein Freiluft-KZ dargestellt, in dem die Muslime gefangengehalten und gefoltert werden11.

Kein Wunder, daß diese über Radio, Presse und Klerus geführte Propaganda eine neue Sozialisation zustandebrachte, bei der sich muslimisches Bewußtsein als Synthese aus Türkentum und Trotz oder Widerstand gegen alles griechische manifestiert. Von diesem neuen Bewußtsein bis zur Verhaltensänderung von der Loyalität zur Konfrontation und zur Herausbildung einer ethnischen Grenze ihnen und den Christen war es nicht weit. Inzwischen stehen tätliche Auseinandersetzungen zwischen beiden Bevölkerungsgruppen, gegenseitigen Anschuldigungen in der lokalen Presse, religiöser Fanatismus, Proteste und Attentate an der Tagesordnung, der Konflikt hat allem Anschein nach eine eigene Dynamik bekommen und es ist zu befürchten, daß er bald kaum zu kontrollieren sein wird.

III. URSPRÜNGE UND URSACHEN DES KONFLIKTS

Die Türkisierung der Muslime Thrakiens geht auf die Bedingungen der Auflösung des Osmanischen Reichs zurück. Wie SARIDES (1980) nachgewiesen hat, lief die erste Spaltung der multikonfessionell-multisprachigen osmanischen Gesellschaft um die Mitte des 18. Jh. durch Rußland entlang konfessioneller Spannungslinien. Erst die Intervention Frankreichs und Englands und die Ergänzung des religiösen Bewußtseins um Elemente antiker Symbolik konnten, neben der Freisetzung neuer Mobilisierungspotentiale gegen die Pforte, einen „nation building“-Prozeß einleiten, in dessen nationalistischer Ideologie allerdings die spätere ethnische Ausgrenzung der Muslime Thrakiens vorprogrammiert war.

Griechischer Nationalismus ist eine eklektische Mischung aus Christentum und Antike. Seine politische Funktion lag darin, die auf griechischem Boden lebenden Christen, unabhängig deren sprachlicher oder ethnischer Zugehörigkeit, zu Griechen zu erklären. In der Umkehrung sprach er aber den Muslimen – als Nicht-Christen – die Befähigung ab, Griechen bzw. vollwertige Mitglieder der griechischen Gesellschaft zu sein. Diese Unterscheidung, die einer a priori Ausgrenzung von Muslimen in der griechischen Gesellschaft bedeutet, bildete  auch die Grundlage des vertraglich vereinbarten Bevölkerungsaustausches mit der Türkei und bestimmte den Status der davon ausgenommenen Établis in Thrakien und Istanbul.

In diesem Kontext wird es deutlich, daß die Türkisierung der Muslime in Thrakien die Konsequenz aus dem „nation building“- und Modernisierungsprozeß in Griechenland ist. Wenn die Bezeichnung der in der Türkei lebenden orthodoxen Christen als Griechen als selbstverständlich gilt, sollte erlaubt sein, die Muslime Thrakiens Türken zu nennen. Obwohl dies ein Dilemma griechischer Minderheitenpolitik ist, liegt das Hauptproblem eher daran, jenen Gründen nachzugehen, die eine Integration der Muslime Thrakiens in die griechische Gesellschaft verhindern haben und dadurch den latent vorhandenen, historisch bedingten Konflikt zum Ausbruch brachten. Welche Fehler und Versäumnisse Griechenland begangen hat, können nur im Vergleich zur deutschen Politik  deutlich werden, die den jahrhundertelangen Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten durch Integration lösen konnte.

Neben der Nationalismus-Problematik als endogene Konfliktursache von besonderer Bedeutung ist das Dekret Reg. N.A. 1043 der Generaldirektion Thrakien vom 28.1.1954, das die Behörden aufforderte, den Terminus „Muslime“ durch den Terminus „Türken“ zu ersetzen (ANDREADES 1956:14-15). Dieser Beschluß, der bereits während der Junta rückgängig gemacht wurde, bildete die Legitimation zur Türkisierung der Muslime, muslimische Eliten, die den Beweis deren Zugehörigkeit zu einer türkischen Nation zu erbringen wollen, berufen sich immer noch darauf.

Zu den exogenen Gründen zählt zuerst die Intervention der Türkei. Über die vorerwähnten Aktivitäten des türkischen Generalkonsuls in Komotini hinaus, die mehrmals von der griechischen Regierung in Ankara reklamiert wurden und die oft offene antigriechische bzw. protürkische Propaganda der Lehrer aus der Türkei, die aufgrund einer Quotierung in mulimischen Schulen tätig sind, erfolgt die türkische Einmischung indirekt, über Personen, Einrichtungen und Organisationen in Thrakien und in der Türkei, die türkischen Regierungsstellen nahestehen und von ihnen vielfach finanziert werden. Dazu zählen muslimische Presseverleger, die als Korrespondenten türkischer Tageszeitungen und Presseagenturen tätig sind, die sogenannten „Solidaritätsvereine der Türken West-Thrakiens“ und die Zeitschriften, die von in die Türkei ausgewanderten Muslimen herausgegeben werden12.

In türkischen Massenmedien wird oft von der „Tragödie“ und den „Leiden unserer Blutsbrüder in Westthrakien“ berichtet13. Ein an der griechischen Grenze installierter türkischer Rundfunksender überstrahlt alle griechischen Radiosendungen, die in Thrakien empfangen werden können, im Pomaken-Gebiet ist neben dem türkischen nur noch ein bulgarischer Sender zu hören. Türkische Autoren überbieten einander um das Erbringen haarsträubender Nachweise der türkisch-turanischen Abstammung der thrakischen Muslime.

Schließlich trägt der in der Türkei politisch-ideologisch dominante Panturkismus zur weiteren Verschärfung des Konflikts bei, von dessen irredentistischen Botschaften neben Griechenland auch andere Balkanländer wie Bulgarien und mehrere Länder bzw. Republiken Asiens betroffen sind.

Zu den wichtigsten exogenen Faktoren, die den Konflikt in Thrakien beeinflussen, gehört die Politik der Industrieländer des Zentrums gegenüber Ländern der Peripherie. Die Ausübung zentraler Herrschaft auf die Länder der Peripherie baut auf den drei Hauptkomponenten Ausbeutung, im Sinne einer vertikalen Arbeitsteilung – Spaltung und Durchdringung auf (GALTUNG 1973: 34, 71). Das Resultat, eine permanente innen- und außenpolitische Krise, die oft auch als Unregierbarkeit in Erscheinung tritt, Unterentwicklung und Abhängigkeit, ist in allen davon betroffenen Ländern der Peripherie mit den Händen greifbar.

Die innergesellschaftlichen und internationalen Bezüge des Thrakien-Konflikts können am Beispiel der Genese und Entwicklung des Konflikts auf Zypern verdeutlicht werden. Wie POLLIS (1973) nachgewiesen hat, war die Intervention Englands, welche den antikolonialistischen Befreiungskampf der Zyprioten zu einem ethnischen Konflikt zwischen Zypern-Griechen und Zypern-Türken bzw. zwischen Griechenland und der Türkei verwandelte. Ziel der englischen Politik war es, die geforderte „Enosis“, den Anschluss Zyperns an Griechenland durch Entstehung einer türkischen Solidarität mit den Zypern-Türken zu verhindern, um den Verbleib englischer bzw. westlicher Militärbasen auf der Insel zu sichern. Dieser ist auch in Zukunft solange gesichert, wie der Konflikt zwischen beiden Bevölkerungsgruppen andauert.

IV. ZUM AKTUELLEN STAND DES KONFLIKTS

Bis in die 50er Jahre hinein hatten die Muslime friedlich neben ihren christlichen Nachbarn gelebt. Das gemeinsame Schicksal während des Zweitens Weltkrieges und des anschließenden Weltkrieges hatte zu einer nivellierenden Verschlechterung der sozioökonomischen Lage beider Bevölkerungsgruppen beigetragen und half den Muslimen aus der Verbitterung, die ihnen der Verlust der politischen Vormachtstellung in der Region bereitete. Trotz ihrer relativen Deprivation waren sie bis zu dieser Zeit Griechenland loyal geblieben, das Festhalten am Kalifat und der Gegensatz zu Jungtürken und Giaur-Reformern in der Türkei sorgten für eine distanzierte Beziehung zum späteren Vaterland.

Die Situation begann sich zu ändern mit dem relativen Wohlstand nach den 60er Jahren. Vor allem mit den Subventionen, die aus den Kassen der Europäischen Gemeinschaft in die griechische Landwirtschaft fließen, konnte der Lebensstandard der Muslime merklich angehoben werden. Haupterwerbsquelle der etwa 104.000 Muslime Thrakiens15 ist nach wie vor die Landwirtschaft, eine etwas untergeordnetere Rolle spielen Viehwirtschaft, Handel und Handwerk. Von den vier ethnisch/muslimischen Gruppen16 sind die auf der fruchtbaren Ebene Thrakiens angesiedelten Rumeli-Türken durch gute Erträge in der Landwirtschaft am wohlhabendsten. Es folgen die Pomaken, die im gebirgigen Teil Thrakiens vom Tabakanbau und etwas Viehwirtschaft leben, die als Saisonarbeiter auf Schiffen und bei der Ernte in Makedonien tätigen Zigeuner und die Araber, die als landlose Bauern die Parias der thrakischen Gesellschaft sind.

Die Beziehungen dieser Gruppen untereinander waren traditionell nicht eng, noch heute werden sie hergestellt und aufrechterhalten durch die politischen und vor allem die religiösen Führer der Muslime. Als politische Führer haben die beiden Parlamentsabgeordneten fungiert, die traditionell für die zwei großen politischen Parteien Griechenlands aus ihrer Mitte gewählt wurden. Diese Tradition ist 1985 zu Ende gegangen, als die Muslime Kandidaten auf eigenen Listen aufstellten, die auf Anhieb 1/3 aller muslimischen Stimmen gewannen.

Eine entschieden wichtigere Rolle spielt bei den recht gläubigen Muslimen Thrakiens, die Sunniten (Hanefi) sind, die Geistlichkeit. Vom Chomeinismus angespornt, von Petrodollars finanziell unterstützt und in Kooperation mit türkischen Diplomaten und Organisationen, hat die muslimische Geistlichkeit in letzter Zeit maßgeblich zur Radikalisierung und Türkisierung der Muslime Thrakiens beigetragen.

Hauptprotagonist muslimischer Aktionen in Thrakien ist der stellvertretende Mufti von Xanthi Mehmet Emin Aga, ein Sohn des offiziell noch amtierenden Muftis Mustafa Hilmi, der seinen Vater seit Jahren aus dem Amt entriss und versteckt hält. Noch in den 50er Jahren hatte sich Mehmet Emin Aga als Generalsekretär der „Vereinigung der Muslime Griechenlands“ von der Türkei stark distanziert und sich gewünscht, im Falle eines erneuten griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausches lieber nach Ägypten oder Syrien, als in die Türkei abgeschoben zu werden17. Heute ist er einer jener fanatischen „Türken“, die die Türkei öffentlich als deren Heimat bezeichnen und deren Intervention zur Befreiung der in Thrakien versklavten „Türken“ fordern#. Zugleich soll der falsche Mufti wegen der strengen Gläubigkeit des Mufti von Komotini Meco Cemali durch Scheidungsurteile und undurchsichtige finanzielle Transaktionen zum Millionär geworden sein, Legenden sprechen auch von einem großen Immobilienbesitz, den er in Istanbul haben soll18.

Die Macht, die der Pomake Mehmet Emin Aga auf die muslimische Geistlichkeit ausübt, ist insbesondere in der Präfektur Xanthis absolut, seine Herrschaft über das gesamte Pomaken-Gebiet wird über ein engmaschiges Netz aus Hocas und Imamen gesichert, die Pomaken in einer Rückständigkeit halten, die Mittelalter ähnelt. Er ist jene Instanz, ohne die keine muslimischen Lehrer in muslimischen Schulen und keine Imame in den Camis eingestellt werden, politische Streiks und Demonstrationen erfordern seine Zustimmung. Sein Versuch, bei den Parlamentswahlen von Juni 1989 zum Abgeordneten gewählt zu werden, ist allerdings misslungen, seine Partei „Ikbal“ („religiöse Weisheit“) konnte mit 9.052 Stimmen nicht die Hürde zum Einzug ins Parlament nehmen, gewählt wurde mit 22.472 Stimmen Dr. Ahmet Sadik aus Komotini, dessen Partei „Güven“ („Vertrauen“) mit 25.131 Stimmen mehr Stimmen bekam als die „Nea Dimokratia“ oder die PASOK in der Präfektur. Mehmet Emin Aga selbst muß am 21.11.89 vor Gericht, er wird angeklagt, in Zusammenhang mit der Teilnahme seiner Partei „Ikbal“ an den Parlamentswahlen vom Juni d.J. mehrere wichtige Muslime bestochen zu haben.

Gemäßigter ist der Mufti von Komotini Meco Cemali. Von den griechischen Behörden gegen den Widerstand der Muslime der Präfektur Rhodopi eingesetzt, kann er die ihm zugedachte Rolle als Gegengewicht zum Mufti von Xanthi kaum gerecht werden: er kontrolliert zwar zum Teil die muslimische Geistlichkeit, kann aber als strenger Traditionalist und Fundamentalist dem Einfluß der in Komotini besonders aktiven und selbstbewußten neuen Eliten aus in der Türkei studierten Ärzten und anderen Wissenschaftlern und des dort residierenden Generalkonsulats der Türkei kaum Einhalt gebieten. Das Resultat ist, daß sowohl in den Präfekturen Xanthi und Rhodopi, als auch in der Präfektur Evru, wo ein schwacher Mufti über eine kleinere Anzahl von Muslimen, meist Zigeunern, residiert, und aus jeweils unterschiedlichen Gründen, der Einfluß der Türkei auf die Muslime total ist.

Auf der anderen Seite und als quasi Gegenpart der muslimischen Ulema hat sich in letzter Zeit der Metropolit von Maroneia und Komotini Damaskinos gestellt. Damaskinos, auf dessen Vorschlag hin die Behörden nach der Besetzung des nördlichen Teils Zyperns durch türkische Armeen 1974 den Muslimen Thrakiens die Jagdgewehre abnahmen19, hat sich in diesem Jahr für die „nationale Frage“ Thrakien in einer Weise engagiert, die ein Grund zur Besorgnis sein müsste. Da er die Aufstellung eigener muslimischer Listen bei den Parlamentswahlen von 1985 und 1989 als den Beginn einer Taktik der Muslime betrachtet, die autonomistische oder irredentistische Ziele bezwecken (DAMASKINOS 1989:13), hat er im Juni und September d.J. in Komotini zwei Massenkundgebungen gegen die Aktivitäten des türkischen Generalkonsuls und der muslimischen Eliten organisiert. Dabei wurden neben der Ausweisung des Generalkonsuls auch Maßnahmen „wie in Bulgarien“ gefordert20.

Wurden bis jetzt die Kämpfe zwischen den Eliten der Muslime und den griechischen Behörden ausgetragen und waren Gegenstand der Konfrontation das „Türkentum“ und die Diskriminierung der Muslime, so kann eine Auseinandersetzung, die sich der religiösen Unterscheidung zwischen zwei Bevölkerungsgruppen bedient, zu katastrophalen Entwicklungen führen: religiöser Fanatismus, endgültige Ausgrenzung der Muslime aus der christlichen Mehrheitsgesellschaft, endgültiges Scheitern der Integration der muslimischen Pomaken, Freisetzung von Gewaltpotentialen, Bürgerkrieg. Es ist zu fragen, ob Kirchenführer, die solche Aktionen organisieren und Politiker, die dies zulassen, die Parallelen zu Zypern nicht sehen und wenn ja, ob sie aus der Zypern-Tragödie etwas gelernt haben.

V. SCHLUSS

Im politischen Antagonismus, der Verteidigung nationaler Positionen und Interessen, stehen die Eliten der Muslime auf Seiten der Türkei in einer Weise, als ob es ihre Heimat wäre. Ihre Vorwürfe der Diskriminierung und Menschenrechtsverletzung entbehren nicht einer gewissen Grundlage, sie mögen sogar vielfach zutreffen. Misstrauisch stimmt nur, wie sie von ihnen funktionalisiert und als Angriffswaffen gegen Griechenland benützt werden. Wie der Verfasser „vor Ort“ feststellen konnte, kommen in Thrakien muslimische Landwirte in den Genuss von Subventionen der Europäischen Gemeinschaft ebenso wie ihre christlichen Landsleute. Die Religionsfreiheit und die freie Meinungsäußerung sind uneingeschränkt. Und von der Arbeitslosigkeit sind mehr Christen betroffen, auch wenn dies daran zu liegen scheint, daß Muslime eher bereit sind, angebotene Arbeiten anzunehmen. Die Situation ist bei weitem nicht so dramatisch, wie sie in der Öffentlichkeit dargestellt wird.

Andererseits werden gewisse Restriktionsmaßnahmen aufrechterhalten, deren Sinn zweifelhaft ist. Darunter fallen vor allem die Konsequenzen, welche sich aus der Anwendung des Metaxas-Gesetzes A.N. 1366/38 auf die Muslime ergeben. War dieses Gesetz, das den Verkauf von Grundeigentum und Immobilien in sogenannten Grenzgebieten erst nach einer staatlichen Genehmigung erlaubt, eine Maßnahme, die damals den kommunistischen Einfluß in Nordgriechenland eindämmen sollte, so ist seine Anwendung seit 1968, nach dem zwischen den Außenministern Griechenlands und der Türkei Kitsaras und Bilmen unterzeichneten Protokoll, nur noch im Rahmen des sogenannten Reziprozitäts-Grundsatzes zu begreifen21.

Die Bedeutung dieses Abkommens liegt griechischerseits weniger darin, daß es Fragen des Sprachunterrichts, der Schulbücher und der Bestückung der Bibliotheken in Schulen der Minderheiten regelt. Für die griechische Regierung bietet es vielmehr die Handhabe, Maßnahmen gegen die Muslime als Gegenmaßnahmen zu den Pogromen, Verfolgungen, vor allem jedoch zur Dezimierung der christlich-orthodoxen Minderheiten Istanbuls, Imbros‘ und Tenedos‘ zu ergreifen und zu legitimieren22. Sie sind Bestandteile einer Politik, die hinsichtlich der Anwendung des A.N. 1366/38 zwar selektiv angewandt wird, deren Auswirkungen jedoch, vor allem das Denunziantentum, das sie im Alltagsleben der Muslime bewirkt, kein Ruhmesblatt für Griechenland sind. Die Arbeitsangebote, die als flankierende Maßnahmen Muslime veranlassen sollen, in griechische Industrie- und Tourismuszentren außerhalb Thrakiens überzusiedeln, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie im Grunde nur die „Ausdünnung“ Thrakiens vom muslimischen Element bezwecken. Von den Muslimen wird sie daher „Mukabiliyet Sistemi“, Vergeltungssystem oder Rache genannt.

Die Anwendung des A.N. 1366/38 hat aber auch einen ökonomischen Aspekt, der den griechischen Interessen vielfach schadet. Keine Regierung hat sich jemals Gedanken darüber gemacht, daß die Verbote des Erwerbs von Grund und Boden und des Baus von Häusern die Muslime dazu veranlassen, ihre Kinder in der Regel in die Türkei zu schicken, wo sie nach deren Studienabschlüssen meist auch verbleiben. Ersparnisse und Geldbeträge, die durch Verkauf von Grundeigentum und Immobilien erwirtschaftet werden, werden vor allem nach Istanbul und Bursa illegal transferiert, um den Erwerb von Wohnungen zu ermöglichen. Es entstehen dadurch enge verwandtschaftliche Beziehungen, die Griechisch-Thrakien, traditionell ohnehin als das Hinterland von Istanbul, kulturell, politisch und ökonomisch stark an der Türkei integrieren. Thrakien ist deshalb eher dem Sog Istanbuls als des fernen Athen unterlegen.

Es wird evident, daß der Thrakien-Konflikt so verfahren ist, wie die Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei. Möglichkeiten einer Konfliktlösung, zumindest aber eines Abbaus derzeitiger Spannungen, sind dennoch gegeben. Die Entwicklung einer ethnischen Identität bei den Muslimen als eine innergriechische Angelegenheit hätte noch nie so gute Chancen wie heute. Den slawischsprachigen Pomaken, den Rumeli Türken, Zigeunern und Schwarzen stünden gegenwärtig ungeahnte Möglichkeiten der Identitätsfindung und ethnisch-kommunalistischen Organisation, denn den von der Europäischen Gemeinschaft beschlossenen Richtlinien zum Schutze sprachlicher, religiöser und ethnischer Minderheiten wird sich Griechenland auf die Dauer schwer entziehen können.

Die Schwierigkeiten, die dem im Wege stehen, liegen in den traditionellen Denkschemata vor allem in Sachen Nationalismus und im Abhängigksverhältnis von den Industriezentren. Sollte die in Deutschland vollzogene Integration von Protestanten und Katholiken ein Beispiel für Griechenland sein, so sollte nicht die „Ausdünnung“ Thrakiens im Mittelpunkt griechischer Muslimepolitik stehen, sondern Bemühungen, sie in der griechischen Gesellschaft unter Wahrung deren jeweiligen kulturellen Identität zu integrieren.

Ob dies in Griechenland ohne weiteres möglich ist, ist fraglich. Allein die Gleichsetzung von Konfession (christliche Orthodoxie) und Nation (Griechentum) stünde jeglicher Integration der Muslime in die griechische Gesellschaft im Wege. Eine Neudefinition des Begriffs Nationalismus scheint daher dringend notwendig zu sein. Auch wenn die Zeit dafür noch nicht reif genug ist, wäre der Beginn einer Diskussion darüber angebracht, Diskussionen brauchen Zeit und morgen könnte es schon zu spät sein.

Ebenso schwierig sind die Implikationen aus dem in der Türkei vorherrschenden Panturkismus, von dem Zugeständnisse einer eigenständigen Entwicklung der Muslime in Thrakien kaum zu erwarten sind. Panturkistische Ideologeme, die auch die türkische Außenpolitik beherrschen, können lediglich durch die türkische Politik entgegnet und zu Zugeständnissen genötigt werden, die unter dem Druck steht, eine Aufnahme der Türkei in der Europäischen Gemeinschaft zu erreichen. Wird Griechenland bei den kommenden Beitritts-Verhandlungen diesen Trumpf richtig ausspielen?

In Griechenland geht die Angst um, Thrakien könnte ein zweites Zypern werden23. Eine Irredenta in Thrakien scheint aber ausgeschlossen, die Zeit der Balkankriege ist vorbei. Schlimmer vielleicht ist die Verewigung der heutigen Situation, die auch die Verewigung der Unterentwicklung und Abhängigkeit in beiden Ländern bedeutet. Die Chancen deren Überwindung für Griechenland sind innerhalb der Europäischen Gemeinschaft gegeben, sie sollten nur genützt werden.

BIBLIOGRAPHIE

ALEXANDRIS, A., 1983: The Greek Minority of Istanbul and Greek-Turkish Relations 1918-1974. Athen

ANDREADES, K.G, 1956: The Moslem Minority in Western Thrace. Thessaloniki

BARTH, F. (Hrsg.), 1969: Ethnic Groups and Boundaries. The Social Organization of Culture Difference. Oslo-Bergen-Tromsö.

DAMASKINOS, Metropolit Maroneias und Komotinis, 1989, Problimatismoi tis Thrakis (Problematisierung(!) Thrakiens), Vortrag, gehalten vor dem „Zentrum zur Erforschung des Hellenismus“ in Athen im Februar 1989, Manuskript, Komotini

DEDE, Abdurrahim, o.J. (1988): Inhanli Destani (das Epos von Evlalon, o.O. (Istanbul).

EIKENBERG, Kathrin, 1987: Ethnische Konflikte in der Dritten Welt, in: Jahrbuch Dritte Welt 1987, Daten, Übersichten, Analysen, München: C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, 69-83

GALTUNG, J., 1973: Kapitalistische Großmacht Europa oder die Gemeinschaft der Konzerne?, Reinbek bei Hamburg.

KAYIHAN, A., 1967, Lozan ve Bati Trakya (Lausanne und West-Thrakien), Istanbul

KIPOUROS, C., 1989: Den theloume in Thraki na ginei nea Kypros (Wir wollen nicht, daß Thrakien zum neuen Zypern wird), Athen

MEINARDUS, R., 1985: Die Türkei-Politik Griechenlands. Der Zypern-, Ägäis- und Minderheitenkonflikt aus der Sicht Athens (1967-1982), Frankfurt/M-Bern-New York

POLLIS, A., 1973, Intergroup conflict and British colonial policy. In: Comparative Politics, vol. 5, No 4, pp. 575-599

PSOMIADES, H.J., 1968: The Eastern Question: The Last Phase. A Study in Greek-Turkish Diplomacy, Thessaloniki.

ROKKAN, S., 1980: Toward a Geoethnic – geoeconomic – geopolitical model of differentiation within Western Europe, in: GOTTMAN, J. (Hrsg.), 1980, Centre and Periphery: Spatial Variations in Politics, Beverly Hills, 163-204

SADIK, A., 1987: Grievances and Requests of the Turkish-Moslem Minority living in Western Thrace, Greece, Papier, vorgelegt der internationalen Konferenz über „Demokratie und Menschenrechte“, Thessaloniki 24.-26.9.1987 (abgedruckt in  „Gercek“ („Wahrheit“), Komotini, Nr. 185 vom 16.11.1987 und „NewSpot“, Ankara, Nr. 53 vom 30.12.1988

SARIDES, E., 1980: Zum Verhältnis von Befreiungsbewegungen und Imperialismus, dargestellt an den Entstehungsbedingungen der griechischen Nation. Frankfurt/M.

DERS., 1989: Muslimischer Kommunalismus oder türkische Irredenta? Zur soziopolitischen Lage muslimischer Minderheiten in der nordgriechischen Region Thrakien vor dem Hintergrund des griechisch-türkischen Konflikts, Endbericht zum gleichnamigen Forschungsprojekt, Berlin

WALLERSTEIN, I., 1974: The Rise and Future Demise of the World Capitalist System, Concepts for Comparative Analysis, in: Comparative Studies in Society and History, Cambridge

YAZ, N., 1986: Aglayan Bati Trakya (Weine West-Thrakien), Istanbul

 

FUßNOTEN

1. So beispielsweise in der Arbeit von ROKKAN 1980

2. Zur Auseinandersetzung mit den gängigen Theorien internationaler Beziehungen in bezug auf den Konflikt in Griechisch-Thrakien vgl. auch SARIDES 1989

3. Wobei die Halbperipherie dadurch, daß sie nicht nur ausgebeutet wird, sondern selbst auch weiter ausbeutet, zur Unterdrückung der Peripherie beiträgt (ebenda).

4. Die Zugehörigkeit Griechenlands zur Peripherie ergibt sich u.a. auch aus dem kürzlich ratifizierten Vertrag mit der 1976 gegründeten MIGA (Multilateral Investment Guarantee Agency), den Griechenland als ein kapitalimportierendes, also unterentwickeltes Land unterzeichnet hat. Vgl. „Makedonia“ vom 10.1.1989

5. 1974 wegen der Invasion türkischer Truppen auf Zypern und im März 1987 wegen des Auslaufen des türkischen Forschungsschiffs „Sismik“ in die Ägäis

6. Der im Anschluss an das Wirrwarr der Balkankriege und der Niederlage griechischer Armeen in Anatolien zustande gekommene Vertrag, wurde unter der Regie des englischen Delegierten Lord Curzon zwischen den Delegierten Englands, Frankreichs, Italiens, Japans, Griechenlands, Rumäniens und Jugoslawiens einerseits und den des Osmanischen Reichs auf der anderen Seite unterzeichnet. Vom vertraglich vereinbarten obligatorischen Bevölkerunsaustausch waren etwa 1,5 Millionen Christen in der Türkei und etwa 500.000 Muslime in Griechenland betroffen. Über den Vertrag und den obligatorischen Bevölkerungsaustausch siehe vor allem PSOMIADES 1968.

7. „The rights conferred by the provisions of the present Section on the non-Moslem minorities of Turkey will be similarly conferred by Greece on the Moslem minority in her territory“. Vgl. auch League of Nations Treaty Series, Bd. 28 (1924) (Lausanner Vertrag), Genf, S. 37

8. So mit der Petition Nr. 55/83 vom 7.11.1983 beispielswesie, die dem Europäischen Parlament eingereicht wurde

9. Vgl. dazu den „Klassiker“ ANDREADES 1956, ausführlicher MEINARDUS 1985

10. So KAYIHAN 1967

11. So beispielsweise bei YAZ 1986

12. Türkisch: „Bati Trakya Türkleri Dayanisma Dernegi“, die Regionalbüros in allen türkischen Städten unterhalten, in denen in die Türkei ausgewanderte Muslime aus Griechisch-Thrakien leben, so u.a. in Istanbul, Ankara, Izmir und Bursa. Vereine desselben Namens, von Arbeitsmigranten gegründet, gibt es auch in Westeuropa, so in den bundesrepublikanischen Städten Hamburg, Gießen, Kelsterbach, Düsseldorf Homburg/Saar, Stuttgart und München und im holländischen Ableserdam (wobei sie hier die Bezeichnung Yardimlasma (gegenseitige Hilfe, Unterstützung) als Dayanisma (Solidarität) bevorzugen.

13. Vor allem die ausgezeichnet informierten und aufwendig aufgemachten Zeitschriften „Bati Trakya’nin Sesi“ (Die Stimme West-Thrakiens) und „Yeni Bati Trakya“ (Neues West-Thrakien), beide in Istanbul herausgegeben.

14. In der türkischen Tagespresse, insbesondere der Tageszeitung „Tercüman“ und in den Schriften und Zeitschriften der Istanbuler „Solidaritätsvereine der Türken Westthrakiens“, außerdem in Videokassetten, die selbst in der Bundesrepublik und – unter dem Ladentisch – in Griechisch-Thrakien erhältlich sind und heroische Widerstandskämpfe und dramatische Fluchgeschichten in die Türkei thematisieren.

15. Seit 1951 wird in der Bevölkerungsstatistik nicht mehr nach Konfession und Muttersprache gefragt. Nach Behördenangaben aus dem Jahr 1987 weist Thrakien eine Gesamteinwohnerzahl von 345.787 Personen auf, davon 241.918 Christen und 103.917 Muslime. In den drei Präfekturen der Region sind die beiden Gruppen wie folgt verteilt:
Präfektur Xanthi :  51.028 Christen, 47.690 Muslime
Präfektur Rhodopi:  51.298 Christen, 57.099 Muslime
Präfektur Evros  : 139.592 Christen,  9.080 Muslime

16. Unter dem Sammelbegriff Muslime in Thrakien verbergen sich mindestens vier recht unterschiedliche ethnische Gruppen und zwar Rumeli-Türken (Xanthi: 5.000, Rhodopi: 42.000), Pomaken (Xanthi: 22.000, Rhodopi: 10.000, Evros: 2.000), Zigeuner (Xanthi: 5.000, Rhodopi: 5.000, Evros: 9.000) und „Araber“ (Xanthi: 300). Quelle: Interne Angaben

17. Nach einem in der Zeitung „Adesmefti“ von Xanthi am 9.8.1988 veröffentlichten Dokument

18. Vgl. auch die entsprechende Reportage von CHARDAVELLAS, Kostas in: „Ta Nea“ vom 12.3.1984

19. Vgl. auch CHARDAVELLAS, ebenda. Bei den mehrmaligen Forschungsaufenthalten des Autors in Thrakien und in Istanbul wurde mehrmals muslimischerseits die Behauptung ausgestellt, er besitze in bester Lage Istanbuls Immobilien, die ihm Renditen in Millionenhöhe einbringen

20. Womit er sich in absoluter Übereinstimmung mit der ultranationalistisch-faschistischen Zeitung „Stochos“ befindet

21. Die Gegenseitigkeit ergibt sich aus dem Vermerk „fonctionneront sur une base de réciprocité“, der jedem Protokoll-Paragraphen beigefügt wurde. Vgl. das „Protokol Türk-Yunan Kültür Komisyonu Ankara ve Atina Toplantilari“, Ankara 1969, welches in türkischer und französischer Version erschien und in Griechenland nicht veröffentlicht wurde.

22. Über die Pogrome und Verfolgungen der christlich-orthodexn Bevölkerung Istanbuls und der beiden Inseln Imbros und Tenedos vgl. vor allem ALEXANDRIS 1983

23. Vgl. auch KIPOUROS 1989

Dr. Emmanuel Sarides  13. Juli 2017
Rubrik: Minderheiten/Flüchtlinge/Migration

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