Die Pomaken in Griechenland

Thede Kahl

Ihr Weg aus der Isolierung ist schwer

Ein halbes Jahrhundert liegt die griechische Volkszählung zurück, in der zum letzten Mal Religion und ethnische Zugehörigkeit erfasst wurden – ein Zeugnis für den eher schwierigen Umgang mit diesem Thema in Griechenland! Damals (1951) gab es in Thrakien 113.400 Muslime, davon 18.700 Pomaken. Seitdem tauchen in den Zählungen weder Türken noch Pomaken auf, sondern lediglich „Muslime“ – Griechenlands einzige offiziell anerkannte Minderheit.

Bei vielen Pomaken herrscht Verwirrung über ihre eigene ethnische Zugehörigkeit. Während sich viele eher mit Türken oder allgemein mit der „muslimischen Minderheit“ identifizieren, legen andere Wert auf ihre besondere pomakische Abstammung und Kultur. Nur wenige haben begonnen, sich mit dem griechischen Staat zu identifizieren. Die Herkunft dieser slawischsprachigen Ethnie, deren größerer Teil in Bulgarien lebt (ca. 250.000; in Griechenland leben gut 30.000), ist umstritten. V.a. aufgrund kryptochristlicher (ehem. christlicher, doch heute nicht als solche ausgeführter) Bräuche kann man davon ausgehen, dass es sich um konvertierte Nachfolger einheimischer Christen handelt. Kaum umstritten ist, dass ihre Sprache dem Bulgarischen so nah steht, dass sie als Dialekt desselben bezeichnet werden kann.

Die Siedlungen der Pomaken Griechenlands liegen in abgelegenen Regionen der Provinzen Xánthi und Rodópi. Sämtliche Pomaken, die in Griechisch-Makedonien lebten, mussten 1922 infolge des Bevölkerungsaustausches zwischen Griechenland und der Türkei das Land verlassen. Das Siedlungsgebiet der Pomaken ist somit auf Thrakien beschränkt – Griechenlands abgelegenste und wirtschaftlich schwächste Region. Die pomakischen Siedlungen lagen darüber hinaus zum Großteil bis 1996 innerhalb eines militärischen Sperrgebietes, das zu betreten sehr aufwendig war.

In Griechenland gibt es weder Radio- noch Fernsehsendungen auf Pomakisch und nur wenige Publikationen. Ein pomakisch-griechisches Lexikon, das vor fünf Jahren erstmals erschien, wurde in der für slawische Laute äußerst ungeeigneten griechischen Schrift geschrieben, ebenso einige pomakische Informationsblättchen (z.B. vom Zentrum für pomakische Studien in Komotiní). Viele Pomaken nutzen daher türkische Medien.

Da die Pomaken Griechenlands als Muslime Minderheitenstatus genießen, haben sie das Recht auf Schulen. An den „muslimischen“ Schulen wird jedoch nicht zwischen unterschiedlichen Ethnien und Sprachen unterschieden, der Unterricht erfolgt auf Türkisch und Griechisch. Pomakisch wird zur Familiensprache reduziert und kann so auf Dauer nicht bewahrt werden. Die sprachliche Situation, die durch die Pflege des Arabischen als Koransprache noch komplizierter wird, führt zu sprachlicher Inkompetenz, die ihnen ein berufliches Fortkommen außerhalb ihrer Wohngebiete sehr erschwert und die Isolation der Minderheit fördert. Vielen Pomaken sind höhere Positionen im griechischen Staat durch unzulängliches Griechisch von vornherein verwehrt. Dies führt einerseits zu einer weiteren Isolation der pomakischen Bevölkerung, andererseits zu ihrer Abwanderung (v.a. in die Türkei, aber auch nach Deutschland).

Weiterer Grund für die Abwanderung sind Benachteiligungen aufgrund einer lange Zeit restriktiven Minderheitenpolitik des griechischen Staates. Man versuchte die Muslime das Unrecht spüren zu lassen, das den in der Türkei verbliebenen und den von dort vertriebenen Griechen geschah. Seit 1977 wurde der Gebrauch türkischer geographischer Namen Thrakiens in offiziellen Dokumenten verboten. Im alltäglichen Leben waren es v.a. die Verzögerung oder Verweigerung von Baugenehmigungen und andere Dinge, die nicht nur die Pomaken, sondern alle Muslime, verbitterten. In der Türkei, wo sie sich überwiegend in Ostthrakien angesiedelt haben, leben sie in vielen Siedlungen verstreut und haben im türkischen Umfeld auf Dauer keine Chance, ihre Sprache zu bewahren. Dort gibt es ebenfalls weder pomakischen Unterricht noch Veröffentlichungen.

Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich die Minderheitenpolitik Griechenlands gegenüber den Muslimen zu ändern begonnen. Es wird offiziell wahrgenommen, dass die nicht differenzierende restriktive Politik die Gefahr von Irredentismus (Irredentismus = Unabhängigkeitsbewegung, die den Anschluss abgetrennter Gebiete an das Mutterland anstrebt; d. Red.) und Unruhe bringt und zur wirtschaftlichen Schwäche dieser am geringsten entwickelten Region Griechenlands und der gesamten EU beiträgt. Außerdem hat man begonnen, nicht nur von einer „muslimischen Minderheit“ zu sprechen, sondern zwischen den drei Gruppen der Pomaken, Türken und muslimischen Roma zu unterscheiden. Dies zeigt sich in einer Flut von griechischen Veröffentlichungen zu den Pomaken.

Die Pomaken sind jedoch weiterhin nur mangelhaft in die Wirtschaft und Gesellschaft des Landes integriert und leben in wirtschaftlich stark rückständigen Gemeinden. Für die Isolierung und den schlechten Entwicklungs- und Bildungsstand der Pomaken sind verfehlte Wirtschaftspolitik und mangelnde Infrastruktur, aber auch weitgehende Ignoranz der ethnischen Strukturen seitens vieler Politiker mitverantwortlich. Auch dadurch, dass das alltägliche Leben der Pomaken noch stark religiös bestimmt ist, wird ihre Isolierung verstärkt. So ist die Isolierung den Pomaken einerseits willkommen bei der Bewahrung ihrer Identität, Kultur und Religion, andererseits erschwert sie jegliche Integration in die griechische Gesellschaft und behindert entsprechend ihr wirtschaftliches Vorankommen.

Thede Kahl ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geographie in Münster und häufig auf Feldforschung in Südosteuropa unterwegs.
28.04.2005
https://www.gfbv.de/de/news/die-pomaken-in-griechenland-272/

Siehe auch: Sarides, Emmanuel – Ethnische Minderheit und zwischenstaatliches Streitobjekt: die Pomaken in Nordgriechenland

Thede Kahl  9. Mai 2017
Rubrik: Minderheiten/Flüchtlinge/Migration

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.