Griechenland – eine Tragödie ohne Ende?

Dr. Ulrich Sommerfeld
...und ein Herkules ist nicht in Sicht

Nach dem Ende des internationalen Hilfsprogramms für Griechenland gibt es für die Bevölkerung und die Wirtschaft wenig Aussichten auf Verbesserung. Das Tafelsilber (Häfen, Autobahnen usw.,) ist verscherbelt worden, trotzdem wird sich Griechenland niemals aus der Schuldenfalle befreien können

Zur Staatsverschuldung zählen alle Schulden des Zentralstaates, der Länder, Kommunen und Gemeinden sowie der Sozialversicherungen. 2008 lag Griechenlands Staatsverschuldung bei 264,78 Mrd. €. Bis 2011 wuchs sie auf 359,29 Mrd. an. Dann erfolgte ein Schuldenschnitt, und sie sank auf 305,24 Mrd. Im vergangenen Jahr lag die geschätzte Verschuldung bei 349,9 Mrd. €. Die Griechen standen vor dem Staatsbankrott und brauchten ein „Rettungsprogramm“.

Im August 2018 wurde das Land aus dem EU-Programm entlassen, das drei „Rettungspakete“ beinhaltete:

Mit dem ersten – Laufzeit 2010 bis 2013 – wurden 73 Mrd. € an Athen „ausgezahlt“. Es handelte sich hierbei um bilaterale Kredite der Euro-Staaten und des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Aus dem zweiten (2012–2014) wurden 142,7 Mrd. € in Anspruch genommen. Es sind „Mittel“ des ESFS (European System of Financial Supervision, 130,9 Mrd. €) und des IWF (11,8 Mrd. €).

Um einen „großen“ Schuldenschnitt zu erreichen, verzichteten private Gläubiger im Jahre 2012 auf Forderungen. Als Anreiz erhielten Gläubiger im Gegenzug ESFS-Papiere in Höhe von 34,5 Mrd. €. Der Schuldenschnitt war in Wirklichkeit ein begrenztes „Umtauschprogramm“. Die verbleibenden 108,2 Mrd. dienten der Bankenrettung und sonstigen Verpflichtungen.

Bei den ESFS-Mitteln handelt es sich ebenfalls um Kredite, die auf dem Kapitalmarkt beschafft und der griechischen Regierung „überlassen“ wurden, wobei die BRD für knapp 38 Mrd. € (29 % der Gesamtsumme) Bürgschaften leistet.

Das dritte „Rettungspaket“ (2015–August 2018) stellte der ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus) bereit. Er wurde per Vertrag der Finanzminister der Eurozone-Staaten am 23. Januar 2012 neu geschaffen und löste den ESFS ab. Daraus beanspruchte Athen ca. 80 Mrd. € (August 2018).

Insgesamt erhielt Griechenland Kredite in Höhe von rund 296 Mrd. €, davon 31,9 Mrd. vom IWF. Die Kreditlaufzeiten liegen bei bis zu 32,5 Jahren. Die deutsche Bundesregierung war mit insgesamt 77,7 Mrd. € dabei.

Somit wird der griechische Staat nicht vor 2066 die vollständigen Rückzahlungen getätigt haben.

Um es deutlich zu sagen: Diese Kredite, Bürgschaften etc. waren und sind kein Geschenk und keine Gelder der Solidarität. Sie müssen mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt werden. Sie dienten und dienen ausschließlich dem Ausgleich der Zahlungsbilanz zur Vermeidung eines Staatsbankrotts. In einer Zahlungsbilanz widerspiegelt sich eine Gegenüberstellung sämtlicher Forderungen und Verbindlichkeiten eines Staates gegenüber dem Ausland für einen bestimmten Zeitraum.

Kein Euro der „Kredite“ floss je direkt in Hellas’ Volkswirtschaft. Vielmehr halfen diese „Hilfspakete“ bei der „Rettung“ ausländischer Banken und Konzerne, die im Falle eines Staatsbankrotts oder eines vollständigen Schuldenschnitts leer ausgegangen wären.

Für die Kredit- und Bürgschaftsgeber war es gleichzeitig ein gutes Geschäft. So machte das bundesdeutsche Finanzministerium mit dem ersten „Rettungspaket“ bei einer Verzinsung von satten 4,8 % und durch den Ankauf von griechischen Staatsanleihen 2,9 Mrd. € Gewinn. Der deutsche Staat „verdiente“ sozusagen kräftig am Elend eines Euro-„Freundes“.

Die doppelgesichtige Europäische Zentralbank (EZB) als Steuerungsorgan für die gemeinsame Geld- und Währungspolitik vergab und vergibt gleichzeitig Kredite durch den Ankauf zweifelhafter Wertpapiere (z. B. Staatsanleihen) für bedürftige EU-Staaten zu günstigen Bedingungen. Der Leitzins für die Geldversorgung für Geschäftsbanken liegt seit März 2016 bei 0,0 Prozent.

Die Griechen zahlen im Gegensatz dazu nicht nur hohe Zinsen, sondern einen hohen Preis für die „solidarische Hilfe“. Eine brutale „Troika“ (EU, EZB, IWF) zwang den Griechen eine Reihe von Auf lagen auf, die einen Ausverkauf des Landes darstellen. Hellas wurde erpresst, Staatsvermögen zu schlechten Bedingungen zu veräußern. Das betraf z. B. wichtige staatliche Infrastrukturfirmen wie Häfen, Wasser- und Kraftwerke. In der Regel wurden für die Verkäufe nicht die Erlöse erzielt, die sich die griechische Regierung erhoffte.

Natürlich langten auch deutsche Unternehmen zu. Die Fraport AG übernahm beispielsweise 14 profitable griechische Flughäfen für 1,234 Mrd. € mit einer Laufzeit von 40 Konzessionsjahren. Die unrentablen Flugplätze „durften“ die Griechen behalten.

Mit dem Ausbruch der Krise sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 356,14 Mrd. $ (2008) auf 192,77 Mrd. (2015) dramatisch. 2017 lag das BIP bei 200,69 Mrd. $. In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird die griechische Volkswirtschaft vielleicht das Niveau von 2008 erreichen können. Die Folgen des wirtschaftlichen Einbruchs sind verheerend: Der Wirtschaftsrückgang impliziert Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, schlechtere Bezahlung, Abwanderung etc. und senkt somit die Binnennachfrage.

Radikale Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen wälzen die Lasten für die „Hilfen“ auf das Volk ab. Beispielsweise wurde die Mehrwertsteuer von 19 auf 23 % erhöht. Gleichzeitig senkte die griechische Regierung die durchschnittlichen Renten auf 45 %. Das Rentenalter wurde auf 67 Jahre hochgesetzt. Parallel mit dem Verkauf von Staatsvermögen ging generell die Beschäftigung im öffentlichen Dienst um ein Viertel zurück.

Bildergebnis für Griechenland brain drainDie Abwanderung von Fachkräften (Ingenieure, Ärzte, Informatiker, Wissenschaftler und Betriebswirte) ist zu einem generellen Problem geworden. Das Land erlebt einen beispiellosen Brain-Drain. Mehr als eine halbe Million Griechen wanderten seit Beginn der Krise aus. Mit der Abwanderung verliert der Staat nicht nur die intellektuelle Elite. Er verliert desgleichen Investitionen in die Ausbildung. Die Ausbildung eines Arztes kostet den griechischen Staat ca. 100 000 € und die eines Ingenieurs mehr als 50 000. Von der Abwanderung von Fachkräften und Akademikern profitieren vor allem die BRD und andere große EU-Länder, aber auch wirtschaftlich starke Länder in Nordamerika, in der Golfregion und Australien. Die Hauptursachen für Abwanderung sind der Verlust von Arbeitsplätzen und die Unterbezahlung.

Die Arbeitslosigkeit beträgt offiziell 20 %. In der Gruppe der 15- bis 24jährigen liegt sie sogar bei 42 Prozent. Der Mindestlohn wurde auf 3,39 € pro Stunde herabgesetzt und das zeitlich begrenzte Arbeitslosengeld auf 322 € gesenkt. Viele arbeitsfähige junge Menschen und Familien sind auf Einkommen älterer Angehörigen angewiesen, um zu überleben.

Griechenland: In Athen: Ausgabe kostenloser Mahlzeiten für Bedürftige

Einsparungen im Gesundheitssystem haben katastrophale Auswirkungen. Viele Menschen können sich keine Medikamente und keine ausreichende ärztliche Versorgung mehr leisten. Die Säuglingssterblichkeit stieg von 2,7 Kindern auf 1000 Lebendgeburten (2008) auf 4,2 Kinder im Jahre 2016. Griechenland ist als Folgewirkung langfristig mit einem gravierenden Bevölkerungsschwund konfrontiert. Nach Schätzungen wird die Bevölkerung durch Abwanderung, Geburtenrückgang und Sterblichkeit von 10,7 Mill. Einwohnern auf 7,2 Mill. bis 2080 sinken. Im Jahre 2017 wurden 88 553 Kinder geboren, 4,7 % weniger als 2016. Gleichzeitig sind 124 501 Menschen gestorben, 4,8 % mehr als 2016. Die Abwanderung stellt eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Sozialsysteme dar. Es fehlen mehr und mehr Beitragszahler.

Aus diesen wenigen Fakten lassen sich eine Reihe von Schlussfolgerungen ziehen: Die hohe Verschuldung Griechenlands ist ein Ergebnis jahrzehntelanger Ausplünderung durch die internationale Finanzindustrie in Verbindung mit der nationalen Oligarchie. Sie und ihre Vermögen blieben bei der vermeintlichen Rettung unangetastet. EU, EZB und IWF haben in Wirklichkeit nur Banken, Versicherungen und Hedgefonds gerettet. Den Griechen wurden dabei noch mehr Bürden aufgehalst, als es bei einem Staatsbankrott der Fall gewesen wäre. Griechenland wird aus dem Schulden-Karussell nicht herauskommen, da eine hohe Staatsverschuldung zum System gehört.

Eine wirkliche Lösung der griechischen Tragödie kann nur durch die Rückgewinnung der Souveränität über die eigene wirtschaftliche Entwicklung unabhängig von EU und Euro-Raum erreicht werden.

RotFuchs, Januar 2019
http://www.rotfuchs.net/files/rotfuchs-ausgaben-pdf/2019/RF-252-01-19.pdf

Siehe auch
Griechische Tragödie ohne Ende
https://alternative-hamburg.de/griechische-tragoedie-ohne-ende/

Dr. Ulrich Sommerfeld  21. Januar 2019
Rubrik: Griechenland

9 Gedanken zu „Griechenland – eine Tragödie ohne Ende?“

  1. Soweit ich weiß, ist das die übliche Handlungsweise der EU. Mitgliedstaaten werden mit Schulden abhängig gemacht und verschulden sich noch mehr, dann werden sie mehr oder weniger ausverkauft, und die Bevölkerung verarmt. Wer profitiert, sind immer die Banken.

    1. Genau so funktioniert das: „Gebt mir die Kontrolle über die Währung einer Nation, dann ist es für mich gleichgültig, wer die Gesetze macht.“ – Meyer Amschel Rothschild

  2. Griechenland muss teilweise bis 2070 für die „rettungsmilliarden“ keine zinsen und kein cent zurück bezahlen.
    Zu behaupten das geld wäre kein geschenk an griechenland ist nicht wahr, allein durch die schuldenerleichterungen hat griechenland bis jetzt 337 milliarden euro gespart.
    Weil aus griechenland massiv die menschen ihr geld ins ausland gebracht haben mussten die banken vom ausland über 4 mal mit neuem geld aufgefüllt werden. Das griechische handelsdefizit jedes jahr viele dutzende milliarden euro groß was dadurch verursacht wird weil viel mehr konsumiert wird als produduziert und erwirtschaftet wird bezahlen die europäischen steuerzahler für griechenland durch die rettungsprogramme mit.
    Schuldenschnitte wie 2011 und 2012 als über 200 milliarden euro direkt erlassen wurden bringen griechenland aus dem einfachen grund nix weil man in griechenland einfach mit den ausgaben so weiter macht wie immer.

  3. Die Geldgeber sind schuld wenn griechenlands regierungen keine einzige reform umsetzen. In griechenland sind immer andere schuld für alles. Mag sein das für nichtgriechen diese ausreden von griechen lächerlich sind doch in griechenland glaubt man fest daran dass das ausland griechenland bei allem angeblich nicht entwickeln lässt.

    Mag sein das sich andere länder weiter entwickeln aber griechenland nicht. Schon die eltern und das umfeld aus medien prägen die kinder, jugendliche und heranwachsenden zur einstellung an allem sind die angeblich bösen geldgierigen geldgeber und kredithaie aus dem ausland schuld.

  4. Aber jeder hätte doch sehen können, dass das Bankenrettungsprogramm („Griechenhilfe“) im Wesentlichen die Fehler von Brüning 1932 wiederholt.

  5. Die schmutzige widerliche EU-Rothschild-Politik. Unsere Teufels“Regierung“ mach fleißig mit. Diese Schwerverbrecher. Hoffentlich nicht mehr lange.

  6. Zitat: „“Aus diesen wenigen Fakten lassen sich eine Reihe Schlussfolgerungen ziehen: Die hohe Verschuldung Griechenlands ist ein Ergebnis jahrzehntelanger Ausplünderung durch die internationale Finanzindustrie in Verbindung mit der Nationalen Oligarchie. Sie und ihre Vermögen bleiben bei der vermeintlichen Rettung unangetastet. EU EZB und IWF haben in Wirklichkeit nur Banken, Versicherungen und Hedgefonds gerettet. Den Griechen wurde dabei noch mehr Bürden aufgehalst, als es bei einem Staatsbankrott der Fall gewesen wäre. Griechenland wird aus den Schulden-Karussell nicht herauskommen, da eine hohe Staatsverschuldung zum System gehört. Eine wirkliche Lösung der Griechischen Tragödie kann nur durch die Rückgewinnung der Souveränität über die eigene wirtschaftliche Entwicklung unabhängig von EU und Euro-Raum erreicht werden““….

  7. Griechenland ist mittlerweile offiziell beim dritten Rettungspaket wo die Laufzeiten der kredite auf viele jahrzehnte in die zukunft gestreckt wurden, sie wissen das und ich weiß das genauso. Sie können alles nachlesen auf zb auf der seite des ESM wo es auch abgebildet ist.

    Die paar milliarden was griechenlands regierung bezahlt für die griechischen staatsanleihen das geld wird immer zurück überwiesen.
    Zum Beispiel das 30 milliarden euro große finanzpolster das griechenland nach dem ende des dritten programms bekommen hat ist auch mit milliarden finanziert aus den griechischen staatsanleihen.

    Weil griechenland die gewinne der EU parter aus griechischen staatsanleihen nicht wie früher immer üblich extra einfach so zurück überwiesen hat war man sehr empört in griechenland.

    Man wollte in griechenland dass das finanzkissen komplett von den EU steuerzahler finanziert wird.

    Das IFO Institut hat es schon vor jahren richtig ausgedrückt, mit den rettungsprogrammen werden zu 1/3 der griechische konsum finanziert, zu 1/3 wurde die griechische kapitalflucht finanziert, und zu 1/3 wurden die banken auch im ausland gerettet.

    Der griechische staat macht einfach weiter mit der geldverschwendung. Weil der griechische staat keinen einzigen cent bei seinen ausgaben kürzen will werden einfach immer mehr die steuern erhöht die zu über 90 prozent vom privaten sektor gezahlt werden müssen.

    Im Prinzip bezahlen die europäer griechenland damit es die kredite überhaupt annimmt.
    https://www.wallstreet-online.de/…/10680976…

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