Nicht spucken! Nicht drängeln!

Kai Strittmatter
Im Schlafanzug auf der Straße ist verboten Foto: sz.de

In China arbeitet die Kommunistische Partei seit Jahrzehnten daran, das Volk zum Besseren zu erziehen. Es geht um Schlafanzüge in der Öffentlichkeit und richtig Schlange stehen.

 

Bertolt Brecht empfahl ja den Regierungen der Welt einmal, wenn sie unzufrieden seien mit ihrem Volk, dann sollten sie sich einfach ein neues wählen. Chinas Kommunistische Partei arbeitet seit ihrer Machtübernahme 1949 an einem besseren Volk, aber weil sie es mit dem Wählen nicht so hat, verlegt sie sich stattdessen auf eine erzieherische Kampagne nach der anderen. „Die Qualität der Bürger anheben“, so ein viel zitierter Slogan, ist Volkssport unter KP-Kadern. Eine eigens dafür geschaffene Bürokratie arbeitet Tag für Tag an dem großen Ziel: an der „Zivilisierung“ des Volkes. Also zum Beispiel daran, dass die Chinesen nicht mehr auf die Straße spucken, dass sie sich nicht mehr vordrängeln beim Anstehen und dass sie um Himmels willen bei ihrer nächsten Ägyptenreise nicht noch einmal, wie 2013 geschehen, den Tempel von Luxor mit Graffiti beschmieren.

Die eine oder andere Erfolgsgeschichte gibt es: Seit den Olympischen Spielen 2008 zum Beispiel stehen die Pekinger tatsächlich höflich und geordnet Schlange, wenn sie in die U-Bahn steigen. Sie hatten das vor 2008 aber auch mit einem von der Regierung ausgerufenen „Schlangesteh-Tag“ – es war der 11. jeden Monats – jahrelang trainiert. Die meisten Kampagnen allerdings verhallen sang- und klanglos: Gespuckt wird auf Pekings Straßen nach wie vor, die Bäuche der Gassenmänner sind im Sommer noch immer nackt, und überall im Land gehen Menschen am helllichten Tag im Schlafanzug spazieren.

In den Städten ist für die Erziehung der Untertanen für gewöhnlich das lokale „Amt der Kommission für den Aufbau der geistigen Zivilisation“ zuständig. In Shanghai veröffentlichte das Amt 2017 erstmals nach 20 Jahren eine neue Liste der unerwünschten Verhaltensweisen, die auch dem Wandel der Zeiten Rechnung trug: „Verschwendet kein Essen!“ und „Stört mit euren Haustieren nicht eure Nachbarn!“ waren neu. Diese Woche schaffte es die ostchinesische Stadt Suqian in die Nachrichten. Die Stadt war im vergangenen Jahr für besondere Verdienste bei der Anhebung der Bürgerqualität von der Zentralregierung als „nationale zivilisierte Stadt“ ausgezeichnet worden. Anfang der Woche stellten Beamte dort nach drei Jahren eine neue Liste von „20 Regeln für ein zivilisiertes Suqian“ vor, nun diskutieren Internetnutzer (durchaus nicht nur spöttisch) die Änderungen. „Bitte nicht schmatzen!“ zum Beispiel – auf der alten Liste noch prominent platziert – taucht jetzt nicht mehr auf. Dafür wurde eine neue Regel eingefügt: „Hört auf, die Leute allzu sehr zum Trinken zu überreden!“ Quanjiu, „die Leute zum Trinken überreden“, ist ein beliebtes Ritual bei chinesischen Banketten. Der Abschied davon wird nicht allen leicht fallen in Suqian, die Stadt ist Heimat einer der größten Schnapsdestillerien Chinas.

Beruhigt wurde im Netz konstatiert, dass die Klassiker alle noch drauf stehen: „Steht Schlange und drängelt euch nicht vor!“ – „Spuckt nicht auf den Boden!“ – „Tragt in der Öffentlichkeit keine Schlappen und keine Schlafanzüge!“ Ach, kommentierte einer: „Denen wird die Arbeit nie ausgehen.“

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/stil/china-wie-die-kp-versucht-die-chinesen-umzuerziehen-1.4006013

Kai Strittmatter  18. Juni 2018
Rubrik: Politik/Gesellschaft/Umwelt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert